Meine Berliner Aktivitäten werden mich am Samstag auch zur Krisendemo treiben: Unter dem Motto “Wir zahlen nicht für eure Krise” ruft ein breites Bündnis aber nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Stuttgart. Und das wird sogar in der Stimme berichtet, ich bin verblüfft. Dort ist es natürlich ein Aufruf des DGB – die anderen außerparlamentarischen und parteipolitischen Bündnispartner_innen sind wohl nicht der Rede wert. Ich hoffe die Sparvorschläge dieser Woche haben wenigstens ein Gutes und mobilisieren, so dass der notwendige Widerstand auf der Straße sichtbar wird.
Die schönen Seiten des Frauentages
12. März 2010 um 12:02 (Alles gender oder was?)
Tags: Alltag, Berlin, Feminismus, Film, Frauentag, Netz, Wetter
In diesem Jahr hatte ich einen Frauentag voller Sonnenschein: während einer weiten Zugfahrt hat sie mich nur selten verlassen und sich bis nach Berlin locken lassen. Im Süden lag noch Schnee: das alles hatte Potential meinen legendären Moskauer Frauentag zumindest zu imitieren. Und das abendliche Treffen mit wunderbaren Frauen in fast gleicher Besetzung ließ alle Erinnerungen wieder aufleben. So bin ich sehr gelungen angekommen.
Aber der Tag hatte schon gut angefangen: mit der Nachricht über den ersten Oscar für eine Regisseurin! Und der viel zitierte Kommentar Barbra Streisands, die ihn an Kathryn Bigelow überreicht hat, darf auch hier nicht fehlen:
Well, the time has come…
Die Zeit ist reif, und zwar nicht nur dafür. Erst heute habe ich entdeckt, dass diese Seite bei den Vorschlägen für die 100 deutschsprachigen Bloggerinnen gelandet ist. Danke an Ben dafür. Zu sehen, wie viele Kommentare mit unterschiedlichsten Leseempfehlungen bei der Mädchenmannschaft eingegangen sind, stimmt mich frohgemut. Bis ich es schaffe, mich da durchzuklicken dauert es wohl eine Weile – und hoffentlich noch ein bisschen länger, wenn die verlinkten Blogs gute blogrolls haben. Ja, an meinem kann ich dann auch mal wieder was tun. Ich freu mich drauf!
Frauen und Männer sind ja so unterschiedlich
20. Januar 2010 um 10:05 (Alles gender oder was?)
Tags: Berlin, Feminismus, gender, Netz, Sexismus, Stereotype, Technik
Ich kann diese Leier nicht mehr hören. Und vor allem will ich nicht damit konfrontiert werden, wenn ich gerade auf einer ganz anderen Baustelle bin. Ich bin auf interessante Projekte im Bereich Coworking aufmerksam geworden und höre gerade den Küchenradio-podcast zum Thema. Also eigentlich geht es um kollaborative Formen des Arbeitens – spannend. Und im Studio 70 in Berlin, wo das Küchenradio zu Besuch ist, wird außerdem gebaustelt.
Und schwupsi da haben wir den Salat. Irgendwann kommt die Sprache auf Altersdurchschnitt und Geschlecht der Aktiven. Am Tag der Aufnahme sind keine Frauen anwesend, aber Philip, der gerade interviewt wird, will die Werkstatt als offenen Raum verstanden wissen. Er spricht sich offen gegen Geschlechterstereotype aus und berichtet von einem unsäglichen Interview bei Fritz. Ich bin echt enttäuscht von der Art, wie dort Geschlechterstereotype nicht nur reproduziert, sondern auch forciert werden. Philips Kommentar dazu stimmt aber optimistisch, denn am wichtigsten ist es ja, dass die Leute, die es machen, kapieren, wo das Problem liegt:
Wer meint, es sei progressiv zu fragen „Ist das auch was für Mädchen?“, agiert aus einer konservativen Sicht, finde ich.
Konservativ finde ich ja noch milde ausgedrückt. Aber es sind genau solche Fragen, die erst die Vorstellung erwachsen lassen, Technik oder Basteln habe was mit Geschlecht zu tun. Und da komme ich dann zurück zum Küchenradio, dessen werter Vertreter nichts besseres zu tun hat, als genau die alten Stereotype hervorzuholen und noch mal hinauszuposaunen: Mädchen bzw. Frauen spielen eben nicht zwecklos rum, so wie Jungs bzw. Männer das mögen. Das sei seine Überzeugung.
Und Philip kann ihm zumindest in diesem Punkt nicht widersprechen. Ich aber schon. Und frage mich: Ist das alles so zweckfrei, was die Jungs da machen? Es ist idealistisch, Kunst und Experiment – aber Spielen stelle ich mir anders vor. Es geht ja gerade darum, dass hinten auch was raus kommt und das hat stets auch was mit dem ‘echten’ Leben der Leute zu tun.
Ich habe den podcast zu Ende gehört und bin jetzt wenigstens wieder ein bisschen versöhnt, denn aus dem Hintergrund kommt dann doch Widerspruch. Schon die Kommunikation und die sozialen Räume seien männlich geprägt und insofern eher geeignet, Frauen auszuschließen. Es geht aber eben nicht nur um Frauen, sondern insgesamt darum, offen für Menschen zu sein, die keine Technik-Freaks sind. Diesen Eindruck habe ich vom Studio 70 und wenn ich mal bausteln statt surfen oder putzen will, weiß ich jetzt, wo ich hingehe.
Überall diese Haare IV
1. Dezember 2009 um 22:34 (Überall diese ..., Haarige Häutungen)
Tags: Alltag, Berlin, Bilder, Feminismus, Haare, Museum
Die Reihe reißt nicht ab. Heute habe ich es endlich geschafft, den Bildband Haare von Herlinde Koelbl genauer anzusehen. Leider habe ich nicht nur diese Ausstellung verpasst, sondern auch die erste Überblicksausstellung über ihr Werk, die bis Anfang November im Martin-Gropius-Bau zu sehen gewesen ist.
Aber ich habe zum Glück mitdenkende Freundinnen, so dass mich wenigstens eine Postkarte mit diesem dynamischen Motiv erreicht und motiviert hat, nach der Künstlerin zu suchen. Dank des Begleitbandes zur Ausstellung Haare kann ich nun noch mehr spannende Bilder von Haut und Haaren bewundern.
Dieses Motiv mag ich besonders. Es ist so alltäglich, könnte in meiner Badewanne sein. Ein bisschen eklig und doch ästhetisch. Mit Haaren ist einfach so viel machbar. Was auch noch interessant ist: hier sind sie mal getrennt von der Haut, was sofort ihre Funktion verändert. Spannend.
Überall diese Haare I
24. November 2009 um 21:53 (Überall diese ..., Haarige Häutungen)
Tags: Berlin, Haare, Sitten und Bräuche
Eigentlich sollte ich inzwischen ja mit dem Thema abgeschlossen haben, aber sie verfolgen mich weiter, diese Haare. Heute morgen höre ich nichtsahnend Radio eins und werde Zeugin einer interessanten Unterhaltung der Moderatoren des Schönen Morgens über ihre Brustbehaarung:
Den Herren Rupp und Azone war heiß, so heiß, dass sie sich entkleidet haben (eine Kollegin hat über Nacht die Heizung hochgedreht, die sich nun nicht mehr runterregeln lässt) und nun die Brustbehaarung des anderen begutachten können. Dabei fällt auf: der eine (Azone?) hat gar keine und ist damit zufriedne. Der andere (Rupp?) hat nur ein bisschen, das auch schon ein wenig ergraut ist, und findet das gar nicht gut.
„Entweder Dschungel oder Wüste, aber nicht Klimawandel.“
lautet der Kommentar zu diesem Missstand. Der Unbehaarte beobachtet aber ein einzelnes Haar zwischen seinen Schulterblättern und plant einen Rasta, falls sich dort jemals drei Haare einfinden sollten.
Das ist ein wahnsinnig spannender Dialog, den ich leider nur aus dem Gedächtnis zitieren kann. Brustbehaarung wird mit Männlichkeit assoziiert. Die graue Haarfarbe gilt als Alterskennzeichen und nicht so wirklich schick. Körperbehaarung ist zugleich sehr intim (sie ist sonst nicht zu sehen) und Ziel von Spott. Außerdem wird sie an einen aktuellen Diskurs (Klimawandel) angeknüpft und so die Relevanz beider Themen betont. Der Klimawandel ist diskursiv allgegenwärtig und dient hier als willkommene Metapher. Die Körperbehaarung kann eben auch an einen solchen aktuellen Diskurs angeknüpft werden und erlangt so Relevanz.
Lange Tage der Frauen
10. März 2009 um 07:54 (Alles gender oder was?)
Tags: Berlin, Feminismus, Film, Frauentag, gender, Heilbronn, Moskau, Sitten und Bräuche
Gestern Abend sind meine ausgedehnten Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Frauentages zu Ende gegangen und ich bin ein wenig melancholisch. Neben interessanter Lektüre haben mir diese tollen Tage zwei Filme und einen Frauentag beschert. Schon am Donnerstag, also drei Tage zu früh, hat alles angefangen. Ich habe mit einer Freundin den Dokumentarfilm Das Burlebübele mag i net – bewegte lesben in ost und west berlin angesehen und das hat sich richtig gelohnt. Die Filmemacher_innen haben 2 Lesben interviewt und wunderbare Berlinbilder gemacht. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die die Geschichte der Lesbenbewegung in Ost- und Westberlin unterhaltsam beleuchtet und die verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Sprache bringt, ohne die Gemeinsamkeiten beider Entwicklungen zu vernachlässigen. Mein persönliches Fazit: die Repression sucht sich in beiden Stadtteilen verschiedene Mittel, die Frauen agieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten ähnlich offensiv und können so ein Vorbild für feministisches Engagement sein.
Am Sonntag ist der geplante Spaziergang rund um den Richardplatz leider ins Wasser gefallen, aber ein entspannter Frauen-Brunch und Küchengespräche sind ein adäquater Ersatz und eine wunderbare Art, den Frauentag zu feiern. Gestern Abend dann noch mal Kino: die Brigitte-Preview von Hilde am Potsdamer Platz. Ein Film über eine faszinierende Frau, deren Entscheidungen und Verhalten allein aus ihrer Perspektive dargestellt sind. Heike Makatsch sieht ihr an einigen Stellen beunruhigend ähnlich, singt selbst und ich überlege, ob nicht auch an mir eine Sängerin ohne Stimme verloren gegangen ist.
Im Anschluss haben wir in Erinnerungen an den “besten Frauentag ever” 2007 in Moskau geschwelgt: wie wir im Sonnenschein die Straßen erobert, im Dunkeln Souvenirs ergattert, nachts getanzt und am nächsten Morgen zu dritt in einem Bett erwacht sind. Am besten bleibt mir aber das opulente Frühstück in Erinnerung, dass ein Mann für uns gezaubert hat – ein würdiger Ausklang dieses einzigartigen Tages. Deshalb ist ganz klar: der Internationale Frauentag muss gesetzlicher Feiertag werden!
Die Vorzeigefrau
11. Februar 2009 um 23:08 (Alles gender oder was?)
Tags: Alltag, Berlin, Bildung, Film, gender, Ost/West, Wissenschaft
Letzten Mittwoch habe ich den letzten Film in der Reihe “Das Geschlecht der Bildung. 100 Jahre Frauenstudium” an der HU gesehen. Angekündigt war die Dokumentation “Die Vorzeigefrau” (1986) über die Philosophin Helga Hörz, ehemalige Leiterin des Bereichs Ethik an der HU, Vertreterin der DDR in der UNO-Kommission für den Rechtsstatus der Frau und Autorin von “Die Frau als Persönlichkeit” (1968).
Ich fand die Dokumentation sehr interessant und diskussionswürdig. Wie werden die Möglichkeiten von Frauen in der DDR, wissenschaftliche Karriere zu machen, dargestellt? Welche Rolle spielen Partnerschaft und Familie in diesem Kontext? In welchem Verhältnis steht diese filmische Repräsentation zu den realen Lebensverhältnissen in der DDR? Solche Fragen insbesondere unter Beachtung der Geschlechterdimension hätten mich interessiert.
Aber eine solche Diskussion ist wohl von Seiten der Veranstalterinnen nicht beabsichtigt gewesen. Durch die Einladung der Protagonistin des Films, die bereitwillig Fragen aus dem Publikum beantwortet hat, ist der Fokus von der filmischen Verarbeitung auf die Rechtfertigung und Erläuterung ihrer Aktivitäten im System der DDR verschoben worden. Die Einbettung in den historischen Kontext ist wichtig, aber anstatt den Film in seinem Kontext und mit Bezug auf das Thema der Reihe zu diskutieren, ist die historische Situation in der DDR immer mehr in den Vordergrund gerückt.
Erst beim zweiten Versuch habe ich es geschafft, meine Kritik an dieser Fokussierung vorzubringen. Meinen ersten Einwand hat Christina von Braun mit professoraler Autorität abgebrochen, auf ihre Einlassung habe ich nicht erwidern können. In ihrem Schlusswort hat sie darauf verwiesen, dass die Diskussion am Ende des Films maßgeblich durch Fragen aus dem Publikum bestimmt worden sei. Ihr und Claudia Bruns sei bewusst gewesen, dass es nach diesem Film zu kontroversen Diskussionen über die DDR kommen werde. Sie finde dies produktiv, interessant und wichtig. Dieser Kommentar zeigt deutlich, dass sie die Entwicklung der Diskussion im Anschluss an den Film vorausgesehen und vielleicht sogar intendiert hat. Im Nachhinein unredlich, einen Film über eine Wissenschaftlerin auf diese Weise zu instrumentalisieren.
Immer, wenn es um die DDR geht, gibt es heftige Diskussionen, die eine eindeutige Positionierung erfordern. Sowohl Ost- als auch Westdeutsche sind dabei stets emotional und wenig objektiv. Das wissen auch die Veranstalterinnen. Ich fand es gut, dass neben Dokumentationen aus der BRD und Spielfilmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch eine Dokumentation über eine Wissenschaftlerin aus der DDR im Programm stand. Hier wurde aber nicht über die Geschlechter-, sondern über die politischen Verhältnisse diskutiert. Ich bin leider bei keinem der Spielfilme gewesen, frage mich aber, ob bspw. bei “Unser Fräulein Doktor” (1940) auch die politischen Umstände im Vordergrund standen. Ich bezweifele es ja und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Film ins Programm genommen worden ist, ohne die Perspektive, die er ermöglicht, wirklich dabei haben zu wollen.
Außerdem bin ich bezüglich der Einladung an Helga Hörz ambivalent. Einerseits ist so einer in offiziellen Diskursen marginalisierten Stimme die Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung gewährt worden. Andererseits fordert eine solche Diskussion stets Rechtfertigungen für das Verhalten im System der DDR heraus, deren öffentliche Äußerung vielleicht doch nicht so wünschenswert sind. Insofern frage ich mich, warum sie eingeladen worden ist, nicht aber die Regisseurin des Films, mit der auch die Art der Darstellungsweise sinnvoll hätte diskutiert werden können.
Insgesamt blicke ich auf einen interessanten, aber auch ärgerlichen Abend zurück. Mir ist einmal mehr die Hierarchie innerhalb des universitären Raumes klar geworden. Sie hat nicht nur eine Geschlechter- und Altersdimension, sondern verläuft auch immer noch an der Grenze zwischen Menschen mit BRD- und DDR-Hintergrund.
