Mein Schnellschuss zum Grünen Männermanifest ist nicht unbeantwortet geblieben und ich habe gemerkt, dass ich da wohl noch mal nachdenken muss. Ich bin anderer Meinung als Ben und glaube, das hat entscheidend mit den Perspektiven zu tun, die unsere Argumentation bestimmen. Lieber Ben, ich hoffe, ich trete dir im Folgenden nicht zu nahe mit meinen Spekulationen. Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise agitieren, aber ich frage mich wirklich, wie wir uns gut bezeichnen können, so dass wir einander verstehen und Gleichgesinnten Allianzen ermöglichen.
Als Feministin sehe ich andere Menschen, die ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen wie ich, und nehme diese gemeinsamen Interessen zum Anlass, sie in ein feministisches ‘Wir’ zu integrieren. Immer wenn protestiert wird, der Begriff ‘Feminismus’ trage zu viele negative Konnotationen, wehre ich mich dagegen, ihn deshalb aus meinem Wortschatz zu streichen. Nur weil jemand bzw. eine Gruppe von Menschen, ein Wort auf eine bestimmte Weise verwendet und bestimmte Assoziationen damit verknüpft werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wort auf eben diese Bedeutung festgelegt ist und entsprechend bewertet werden muss. Das ist der Spielraum, den Sprache eröffnet: durch die eigene Verwendung der verschiedenen Mittel Bedeutungen zu schaffen und Aussagen zu treffen, die (vielleicht) die Welt verändern. Diese Macht der Sprache will ich um nichts in der Welt missen und eine andere Perspektive, die die populären Aneignungen in den Vordergrund stellt, muss sich in letzter Konsequenz wohlmöglich damit auseinander setzen, dass es reicht, wenn irgendwelche Idioten einen Begriff missbrauchen, um ihn in seiner Verwendung einzuschränken.
Deshalb habe ich mich so gefreut, dass die Grünen Männer in ihrem Manifest dazu stehen, dass sie Feministen sind (aus meiner Perspektive). Ich frage mich aber, warum diese Selbstbezeichnung dennoch nicht als Titel taugt. An diesem Punkt kommen wahrscheinlich Bens Argumente ins Spiel: eine so prominente Positionierung des ‘bösen’ Wortes hätte noch krassere Reaktionen in konservativen Medien ausgelöst, als ohnehin schon. Viele Männer, die sich dezidiert nicht als Feministen verstehen, hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Ziel eines solches Manifests ist es aber, möglichst viele anzusprechen und weitere Mitstreiter zu gewinnen. Auch wenn ich es schade finde, ist das wohl der Lauf der Dinge.
Aber Bens Kommentar geht noch weiter. Er geht davon aus, dass Feminismus vor allem etwas mit Frauen zu tun hat, wahrscheinlich wegen des Wortbestandteils ‘femin’. Diese Assoziation ist zunächst verständlich, aber die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw. von Frauen ist in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‘andere’ Geschlecht verknüpft. Wenn das bisher (vor allem von Nicht-Feminist_innen) wenig reflektiert worden ist, ist das kein Grund, zu behaupten, Feminismus habe erst in zweiter Instanz etwas mit Männern zu tun.
Auch die anderen Begriffe, die Ben vorschlägt, wollen mir nicht so recht gefallen. ‘Post’ hat immer etwas von: ‘das haben wir hinter uns’. Patriarchat und Feminismus sind höchst diskussionswürdige Begriffe und ich glaube nicht, dass wir darüber schon hinaus sind, so dass ein ‘post’ meines Erachtens nur vereinfacht und wegschiebt, ohne den Konflikten zu begegnen (vgl. post-gender in der Piratenpartei).
Dass das Grüne Männermanifest sich explizit in einen feministischen Kontext einordnet, ist für mich sehr wichtig. Aber Ben widerstrebt es als Mann (?) ‘Feminist’ genannt zu werden. Ein solches Ringen um Personenbezeichnungen kenne ich aus anderer Perspektive sehr gut. Feministische Linguistik ist eines meiner Steckenpferde. Deshalb widerstehe ich dem Impuls zu fordern, ‘die Männer’ sollten sich einfach damit abfinden, wenn es auch mal eine Bezeichnung gibt, die ihnen selbst nicht so zusagt, schließlich sind Frauen noch immer in den meisten Fällen ‘mitgemeint’, werden aber nicht explizit benannt. Ich möchte dieses Unbehagen, unpassend benannt zu werden, stattdessen ernst nehmen, und frage mich nun noch ratloser: Was tun?
- Wegen des Unbehagens auf einen machtvollen Begriff verzichten? Mir erscheint das nicht praktikabel, denn es birgt die Gefahr der Sprachlosigkeit, weil kein entsprechender Begriff vorhanden ist, der adäquat verstanden wird.
- Aus strategischen Gründen, aber ohne Überzeugung, trotz des Unbehagens an bekannte Diskurse anknüpfen? Das wiederum erscheint opportunistisch und ich frage mich, ob politisches Engagement funktionieren kann ohne Authentizität und ein Herz, das sich mit der Sache (und den Begriffen) identifiziert.
Es gibt keinen leichten Ausweg, aber mich interessiert, warum ‘Feminist’ (nicht nur von Ben) als unpassend empfunden wird. Denn ich weiß, dass die Reflexion und strategische Aneignung von Personenbezeichnungen dazu geeignet sind, das eigene Verhältnis und das der eigenen Umwelt zu beeinflussen. Als ich noch nicht wusste, was eine Feministin ist und dass ich eine bin, bin ich mal beleidigt worden, indem ich ‘Feministin’ genannt worden bin. Das war in der Schulzeit und ich habe mich ganz schnell schlau gemacht. Wer mich seitdem ‘Feministin’ nennt, will vielleicht beleidigen, aber es klappt nicht, denn ich bin stolz auf diese Positionierung. Und zwar auch wegen der Geschichte, die an dem Begriff hängt. Er löst bei den meisten Gesprächspartner_innen etwas aus, regt zur Diskussion an und kann nicht ignoriert werden. Das sind meine pro’s.