100 Jahre mittendrin statt nur dabei

Das ist nicht das Motto für neue sportlichen Ambitionen, sondern in diesem Herbst und Winter eine Veranstaltungsreihe in Berlin. Vor hundert Jahren durften Frauen sich erstmals offiziell an preußischen Universitäten immatrikulieren. Auftakt der Reihe war eine Festveranstaltung am 24. Oktober im Roten Rathaus. Bei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion ging es um die Anfänge des Frauenstudiums und die Entwicklung in den letzten hundert Jahren. Je nach Perspektive kann eine positive oder negative Bilanz gezogen werden. Frauen haben Bereiche erobert, für die das vor 150 Jahren kaum vorstellbar gewesen ist und die Wissenschaften auch inhaltlich nachhaltig verändert. Andererseits zeigen Statistiken über die Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses, dass Chancengleichheit doch irgendwie anders ist. Selbst in Fächern mit Frauenanteilen von bis zu 70 Prozent (z.B. Literaturwissenschaften) sind 70 Prozent der Professuren von Männern besetzt. Felder, in denen der Frauenanteil steigt, gelten als feminisiert, d.h. weniger prestigereich und einträglich.

Vor allem der letzte Punkt fordert meinen Protest heraus. Ich frage mich: Muss das so sein? Und: Wie können wir das verändern? Denn auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sind es stets die ‚weiblichen’ Felder, die weniger anerkannt und honoriert werden. Ist es möglich, ‚das Weibliche’ aufzuwerten ohne es zu idealisieren, und ist das ein guter Weg? Oder kann es eine Entgeschlechtlichung dieser Prozesse geben? Denn ich will nicht nur dagegen sein, sondern hoffe auf Alternativen, die uns eine Emanzipation von Stereotypen und normierten Wahrnehmungsmustern ermöglichen.

Das Thema Frauenstudium wird an der HU unter dem Titel „Das Geschlecht der Bildung“ mit einer Filmreihe und einem wissenschaftlichen Colloquium weiter verfolgt. Am 29. Oktober sind zwei Dokumentarfilme über den Zugang von Frauen zum Studium gezeigt und diskutiert worden. In Baden durften Frauen sich bereits ab 1899 offiziell immatrikulieren, während Preußen, der größte Staat des Deutschen Kaiserreiches, 1908 der vorletzte war, der Frauen zum Studium zuließ. Nur in Mecklenburg-Schwerin (Universität Rostock) mussten die Frauen noch länger warten. Im Anschluss an die Dokumentationen wurde über die historische Verortung der beiden Filme diskutiert und die Abwertung weiblich konnotierter Fächer hinterfragt.

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