Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht

Am letzten Freitag bin ich bei einem sehr interessanten Filmabend gewesen. Unter dem Titel Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht. Russische Akademikerinnen im Spannungsverhältnis zwischen Arbeit und Familie. Ein Generationenvergleich haben 15 St.-Petersburgerinnen in sechs kurzen Filmen Fragen einer Gruppe Studierender des Osteuropa-Instituts der FU Berlin beantwortet. Sie erzählen in ihren Wohnzimmern oder vor sonniger Petersburger Kulisse über das Frau-Sein, Emanzipation, privilegierte Männer, das Kinderkriegen, Selbstverwirklichung und den Vergleich der Bedingungen heute mit denen in der Sowjetunion. Es ist natürlich nur ein Ausschnitt aus möglichen Diskursen über Geschlecht, aber ein sehr spannender und menschlicher. Dass die Interviewer_innen herzlich aufgenommen und bewirtet worden sind, glaube ich auf’s Wort. Die kleinen Geschichten und Anekdoten und die jeweils persönliche Perspektive der einzelnen Frauen kommen sehr gut heraus und deshalb ist der Film mehr als eine Dokumentation der Meinungen einiger St.-Petersburgerinnen, er gibt einen Einblick in die Welt dieser Frauen.

Bei der öffentlichen Präsentation am 1. November habe ich zusammen mit  Sonja Margolina und Daria Nifontova an einer Expertinnenrunde teilgenommen, die die einzelnen Teile des Films kommentiert hat. Einige meiner Gedanken und interessante Aspekte unserer Diskussion fasse ich hier noch mal kurz zusammen. Viele Aussagen der Interviewpartnerinnen strotzen nur so vor traditionellen Geschlechterstereotypen und Biologismen, die mich an die Diskussion um das Frauenstudium in Deutschland um 1900 erinnern. Das ist mir bei der Festveranstaltung im Roten Rathaus in Berlin klar geworden. Die Geschlechterdifferenz, deren naturwissenschaftliche Begründung nicht nur damals einen Aufschwung erlebt hat, wird als gegeben hingenommen und Frauen werden in Abgrenzung zu Männern definiert. Die genaue Qualität dieser Differenz bleibt jedoch im Dunkeln, denn Männlichkeit ist in den Aussagen immer nur die unbenannte Norm, dem ganzen Film fehlt eine Perspektive auf Männlichkeit.

In den Augen der St.-Petersburgerinnen ist Reproduktionsarbeit Frauenarbeit. Dass auch sie ein Ort der Veränderung von Geschlechterrollen sein könnte, ist nicht einmal im Ansatz spürbar. Die Wahrnehmung von ‚Emanzipation‘ und Alternativen zur Mutterschaft sind stets auf das Erwerbsleben bezogen, wie auch die Diskussion über die Privilegierung von Männern. Alle sind sich einig, dass die Entlastung von der Reproduktionsarbeit ihnen größere Erfolge ermöglicht. Sie seien klüger und talentierter, sagen einige der Befragten. Diese Einhelligkeit in Bezug auf die Wahrnehmung von Privilegierung und ihre Begründung und Rechtfertigung hat mich schockiert.

Daria, eine der Interviewpartnerin und Teilnehmerin der Diskussion,  hat einen interessanten Erklärungsansatz dafür vorgeschlagen.  Weil die Männer von der Reproduktionsarbeit entlastet sind, können sie sich beruflich mehr engagieren, sind erfolgreicher und sichtbarer. Dies fördert den Eindruck, dass sie objektiv besser befähigt wären und erhöht ihre Chancen auch weiterhin erfolgreicher zu sein. Die Wirkmächtigkeit solcher sozialen Prozesse erschließt sich mir sofort, verblüfft bin ich, wenn sie mit sozio- bzw. evolitionsbiologischen Erklärungsmustern verknüpft werden. Beide Argumentationen schließen sich für mich gegenseitig aus. Wenn moderne soziale Praktiken unser geschlechtsspezifisches Verhalten prägen, haben wir eine Möglichkeit der Veränderung, die es sich lohnt zu ergreifen. Wenn es aber evolutionär in den letzten 100.000 Jahren geprägt worden ist, kann ich kaum hoffen, in wenigen Generationen Veränderungen herbeizuführen. Darias Argumentation, die beide Erklärungsmuster verknüpft, hält diese Widersprüche und Ambivalenzen aus,  vielleicht sogar ohne sie zu bemerken. Wie immer bin ich davon fasziniert, dass das geht, weil es eine Möglichkeit ist, nicht zerrissen zu werden und Anforderungen verschiedener Umgebungen gerecht zu werden.

Vor allem die jüngeren Frauen sprechen in den Interviews von ihrer Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, während einige ältere Frauen sich der Benachteiligung  bewusst sind und sie kritisieren. Ich würde sie Feministinnen nennen, sie selbst würden das aber wahrscheinlich weit von sich weisen. Die Erkenntnis der Ungerechtigkeit ist meiner Meinung nach DIE Vorbedingung für die Entwicklung eines feministischen Bewusstseins. Es gibt also noch Hoffnung, auch wenn sich die Bezeichnung ‚Feminstin‘ in Russland wohl nicht durchsetzen wird. Der Generationenunterschied ist eindeutig erfahrungsbedingt, diese Tendenz habe ich auch schon in Deutschland beobachtet. Viele glauben so lange an die verwirklichte Gleichberechtigung bis sie am eigenen Leib erfahren, dass es wohl doch noch nicht ganz geschafft ist. In den Interviews ist stets von Emanzipation die Rede, denn danach ist auch gefragt worden. Ich bevorzuge  in diesem Zusammenhang den Begriff Feminismus. Wie in der Diskussion klar wurde, sind beide für die russischsprachige Diskussion gleichbedeutend und deshalb werde ich sie im folgenden synonym verwenden.

Die Ablehnung der Emanzipation führe ich auf die sowjetische Propaganda zurück. Einerseits ist behauptet  worden, die Gleichberechtigung sei erreicht. Dabei wird Gleichberechtigung mit Teilhabe am Arbeitsmarkt gleichgesetzt, die für die Frauen aber vor allem eine Doppelbelastung zur Folge hat. Ich bezweifele, dass das Gefühl, sich selbst verwirklichen zu können, so gestärkt wird. Dennoch führt dies bei den interviewten Frauen nicht zu einer Ablehnung des sowjetische Narrativs der verwirklichten Gleichberechtigung, sondern sie verinnerlichen die Doppelbelastung bis heute. Andererseits (oder in engem Zusammenhang damit) sind die westliche ‚Emanzipation‘ und der Feminismus als dekadent und für die sowjetische Frau unnötig diffamiert worden, so dass die Interviewten sich auch heute nicht positiv zu den Forderungen des Feminismus bekennen können.

Außerdem beruht die Ablehnung der ‚Emanzipation‘ auch auf einer Diskussion innerhalb des Feminismus. Die interviewten Akademikerinnen betonen die DIFFERENZ der Geschlechter und setzen das Projekt ‚Emanzipation‘ mit GLEICHHEIT gleich. Diese Positionen sind im westlichen Feminismus vor einigen Jahrzehnten heiß diskutiert worden, aber inzwischen nicht mehr Zentrum der theoretischen Debatten.* Auch deshalb fällt es mir wohl so schwer, die Ansichten vieler Russinnen über den Feminismus zu verstehen. Unsere Positionen unterscheiden sich fundamental.  Ihr Bild von der ‚Emanzipation‘ widerspricht einer ihrer Überzeugungen und das ist vielleicht der größte Hinderungsgrund, Feminismus als wichtiges und sinnvolles Projekt wahrzunehmen.

*Mehr über diese Entwicklung, die Brigitte Rauschenberg bei der Tagung Feministische Politik|Wissenschaft an der FU am 31. Oktober nachgezeichnet hat, schreibe ich hier.

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