Die ‚Wahrheit‘ des Papstes

In den Tagen vor Weihnachten habe ich einige Bemühungen erlebt, doch auch die christliche Kirche ins Spiel zu bringen. Bei Maischberger hat eine illustre Runde um Gloria von Thurn und Taxis am 23. Dezember zum Thema Das Kreuz mit dem Glauben: Gott ja, Kirche nein? diskutiert. Dabei konnte die allseits geschätzte Fürstin noch mal so richtig ausholen: Die katholische Kirche sei im Besitz der einzigen Wahrheit. Aber überzeugt hat sie mich trotzdem ebenso wenig, wie der katholische Prälat, der sich nicht zu schade war, der einzigen anwesenden Protestantin die Ökumene anzubieten, wenn die evangelische Kirche endlich bereit sei, den Papst als Vertreter Christi anzuerkennen.  Selten so gelacht. Wenn’s weiter nichts ist, werden die sich sicher ganz schnell einig.

Aber diese Sendung war noch nichts gegen die Nachrichten des nächsten Tages. Der Papst hatte ja auch noch was zu sagen zum Jahresende. In seiner Ansprache an die Kurie beim Weihnachtsempfang 2008 fällt tatsächlich das Wort gender. Die entscheidende Passage zitiere ich wörtlich, damit nichts aus dem Zusammenhang gerissen und die Unverschämtheit der Äußerungen nicht verwässert wird:

»Weil der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist, kann und darf sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten. Sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muß diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muß dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muß auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muß so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben. Es ist nicht überholte Metaphysik, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert. Da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu mißachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde. Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint wird, läuft letztlich auf die Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer hinaus. Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet. Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen.«

Wir lernen: gender ist eine böse Ideologie und nicht etwa ein theoretisches Konzept, das kritisch diskutiert werden kann. Interessant ist aber, welch große Bedeutung der Papst dieser Sichtweise menschlicher Existenz zuweist, indem er sie in seiner Ansprache explizit benennt. Hat er etwas Angst? Die Emanzipation des Menschen von der Schöpfung  ist ganz bestimmt keine Erfindung der letzten 40 Jahre. Ist es nicht spätestens Darwin, der  damit angefangen hat, wenn nicht die Aufklärung?

Außerdem wird aber klar, dass es hier keineswegs nur gegen Homosexuelle geht. Den lauten Protest finde ich mehr als berechtigt, frage mich aber, warum nicht noch mehr Menschen aufstehen, nicht nur um sich zu solidarisieren, sondern auch, um die eigene Lebensweise zu verteidigen. Hier wird auch die Ehe als Sakrament beschworen und der Papst meint damit ganz sicher keine serielle Monogamie, sondern die jungfräulich  vor Gott geschlossene Ehe, in der lebenslag die Treue gehalten wird. Wer bitte möchte sich auf dieses Konzept festlegen lassen? Egal wie ich heute lebe, nehme ich für mich die  Freiheit in Anspruch, meine Lebensweise auch mal zu verändern und respektiere die Wahl, die andere treffen. Wie verblendet ist der Papst, in diese intimsten Entscheidungen eingreifen zu wollen?

Die Ansprache zeigt, dass der Papst weder verstanden hat, was gender ist, noch bereit ist, von seiner Doktrin und ‚Wahrheit‘ abzuweichen. Der Verweis auf die Schöpfung als ‚Mann‘ und ‚Frau‘ bezieht sich keineswegs auf biologische Tatsachen, sondern zielt auf die traditionellen Rollen ab, von denen sich viele im kleinen und großen verabschiedet haben. An Benedikt ist das wohl vorbeigegangen. Ich frage mich, wie tolerante Menschen  (was Katholiken doch auch sind?) ihn angesichts solcher intoleranter Aussagen als den Vertreter Christi anerkennen können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: