Kulturelles Großereignis in Mannheim

Auf meiner Reise habe ich die Gelegenheit genutzt, nicht nur in Mannheim umzusteigen, sondern den Bahnhof zu verlassen und zu schauen, was die Stadt so zu bieten hat. Die Sonderausstellung Homer – Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst läuft in Mannheim noch bis 18. Januar 2009. Kurz vor Toresschluss sozusagen habe ich diese interessante und gut aufbereitete Schau angesehen. Etwas substantiell neues habe ich nicht erfahren, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Es sind einige interessante Exponate zusammengestellt worden, die ein rundes Bild der Zeit, der Überlieferung und der Epen zeichnen. An manchen Stellen war mir einiges zu stark vereinfacht, vor allem in den Führungen, die nicht zu überhören waren. Ein besonderer Höhepunkt waren  für mich Auszüge aus der Ilias, die Joachim Latacz griechisch / deutsch vorträgt.

Im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen gibt es weitere Schausammlungen. Das Forum Internationale Photographie zeigt zeitgenössische und historische Fotografien, das war ein guter Kontrast zu den Exponaten der Homer-Ausstellung. Im Untergeschoss gibt es eine kleine Antikensammlung der etwas anderen Art. Sie ist wunderbar didaktisch aufbereitet und bietet ‚Antike zum Anfassen‘, aber ohne unzulässig zu vereinfachen. Die Einbeziehung von alltagsrelevanten und kulturgeschichtlichen Themen finde ich sehr erfrischend.

Der schon erwähnte Joachim Latacz ist der ‚Papst‘ der philologischen Homerforschung und ich konnte  gestern Abend seinen interessanten Vortrag in Mannheim hören. Im Rahmenprogramm zur Ausstellung bildete er den Abschluss und wurde extra in einen Raum verlegt, in den 400 Leute passen. Das reichte aber nicht aus. Statt getragener Stimmung ging es eher zu wie in der Uni: wer zu spät kam, saß auf der Treppe. Ich kam gerade noch rechtzeitig und war einfach nur baff, wie viele Menschen zu diesem Vortrag zusammengekommen sind. Und nicht nur Studenten, das hätte ich ja verstanden. In Mannheim (und  noch mehr wohl in Heidelberg)  scheint es ein viel regeres Interesse an altertumswissenschaftlichen Veranstaltungen zu geben als in Berlin. Ich war aber nicht die einzige, die der Rahmen der Veranstaltung überrascht hat. Hier kommen wohl Ort, Person und die Anbindung an die Ausstellung zusammen. Allein schon dieses Erleben eines vollen Saales, in dem sich alle wirklich für Homer interessieren, war den Zwischenstopp wert.

Latacz hat Grundlagen und aktuelle Entwicklungen der Homer- und Trojaforschung vorgestellt. Es ging um die Frage des historischen Gehalts der Epen und seiner nichtschriftlichen Überlieferung bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. Mykenische,  hethitische und ägyptische  Schriftquellen legen eine Datierung der Geschehnisse, die den Ramen der Homerischen Epen bilden, ins 14.-12. Jahrhundert v. Chr. nahe. Die mündliche Improvisationsdichtung in Hexametern habe als Medium der jahrhundertelangen Tradierung grundlegender Elemente dieser historischer Geschehnisse gedient.

Diese Thesen sind nicht wirklich neu, gewinnen jedoch durch neueste Forschungsergebnisse erheblich an Überzeugungskraft und sind  mit Wortwitz  und Charme vorgetragen worden. Der Veranstalter nannte Latacz am Ende der Veranstaltung einen „großen Gelehrten des alten Europa und der Altertumswissenschaften“. Als solcher hat er sich das Recht herausgenommen, sein Publikum mit der Dauer des Vortrags (zwei Stunden) zu belasten. Ich sehe es ihm gerne nach, denn auch zum Schluss und am Ende eines langen Tages, blieb es interessant ihm zuzuhören. Für die Auflockerung durch Anekdoten und Seitenhiebe (Schrott-These) war ich sehr empfänglich und es gelang Latacz stets, zum roten Faden zurückzukehren und ihn sichtbar zu machen. Der Vortrag war ein würdiger Abschluss für meinen ersten Ausflug nach Mannheim.

Die Frage nach dem historischen Gehalt hat mich vor allem insofern interessiert, als dass ich ein ähnliches Problem bei den Komödien habe. Sie sind Literatur und kein Abbild athenischer Realität, ebenso wie die Epen kein ‚Tatsachenbericht‘ von den Kämpfen um Troja sind. Latacz löst das Problem, indem er nicht die Vordergrundhandlung in den Fokus nimmt, die ist zweifelsohne Fiktion, sondern auf den Hintergrund abhebt, vor dem sie stattfindet. Dieses Vorgehen nannte er ‚Gegen-den-Strich-Lesen‘, dabei scheint mir aber keine Methode im Spiel zu sein, sondern vor allem die subjektive Entscheidung des Forschers, was Rahmen und was Fiktion ist. Auf Aristophanes bezogen hieße das, nicht die Handlung der Komödien zu verfolgen, sondern die mitgelieferten Bezüge zur ‚Realität‘. Diese Vorgehensweise ist weit verbreitet, vor allem zur Rekonstruktion der politischen Ereignisgeschichte des klassischen Athens. Genau das habe ich auch vor, aber mein Problem geht weiter. Wie erkenne ich auf der Mikroebene, was Fiktion / Witz ist, und was Rückschlüsse auf die außerliterarische ‚Realität‘ erlaubt? Vielleicht küsst mich ja bald die Muse, so dass ich es einfach weiß. Lieber würde ich aber methodisch vorgehen und nachvollziehbar argumentieren. Aber wie?

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