Die Vorzeigefrau

Letzten Mittwoch habe ich den letzten Film in der Reihe „Das Geschlecht der Bildung. 100 Jahre Frauenstudium“ an der HU gesehen. Angekündigt war die Dokumentation „Die Vorzeigefrau“ (1986) über die Philosophin Helga Hörz, ehemalige Leiterin des Bereichs Ethik an der HU, Vertreterin der DDR in der UNO-Kommission für den Rechtsstatus der Frau und Autorin von „Die Frau als Persönlichkeit“ (1968).

Ich fand die Dokumentation sehr interessant und diskussionswürdig. Wie werden die Möglichkeiten von Frauen in der DDR, wissenschaftliche Karriere zu machen, dargestellt? Welche Rolle spielen Partnerschaft und Familie in diesem Kontext? In welchem Verhältnis steht diese filmische Repräsentation zu den realen Lebensverhältnissen in der DDR? Solche Fragen insbesondere unter Beachtung der Geschlechterdimension hätten mich interessiert.

Aber eine solche Diskussion ist wohl von Seiten der Veranstalterinnen nicht beabsichtigt gewesen. Durch die Einladung der Protagonistin des Films, die bereitwillig Fragen aus dem Publikum beantwortet hat, ist der Fokus von der filmischen Verarbeitung auf die Rechtfertigung und Erläuterung ihrer Aktivitäten im System der DDR verschoben worden. Die Einbettung in den historischen Kontext ist wichtig, aber anstatt den Film in seinem Kontext und mit Bezug auf das Thema der Reihe zu diskutieren, ist die historische Situation in der DDR immer mehr in den Vordergrund gerückt.

Erst beim zweiten Versuch habe ich es geschafft, meine Kritik an dieser Fokussierung vorzubringen. Meinen ersten Einwand hat Christina von Braun mit professoraler Autorität abgebrochen, auf ihre Einlassung habe ich nicht erwidern können. In ihrem Schlusswort hat sie darauf verwiesen, dass die Diskussion am Ende des Films maßgeblich durch Fragen aus dem Publikum bestimmt worden sei. Ihr und Claudia Bruns sei bewusst gewesen, dass es nach diesem Film zu kontroversen Diskussionen über die DDR kommen werde. Sie finde dies produktiv, interessant und wichtig. Dieser Kommentar zeigt deutlich, dass sie die Entwicklung der Diskussion im Anschluss an den Film vorausgesehen und vielleicht sogar intendiert hat.  Im Nachhinein unredlich, einen Film über eine Wissenschaftlerin auf diese Weise zu instrumentalisieren.

Immer, wenn es um die DDR geht, gibt es heftige Diskussionen, die eine eindeutige Positionierung erfordern. Sowohl Ost- als auch Westdeutsche sind dabei stets emotional und wenig objektiv. Das wissen auch die Veranstalterinnen. Ich fand es gut, dass neben Dokumentationen aus der BRD und Spielfilmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch eine Dokumentation über eine Wissenschaftlerin aus der DDR im Programm stand. Hier wurde aber nicht über die Geschlechter-, sondern über die politischen Verhältnisse diskutiert. Ich bin leider bei keinem der Spielfilme gewesen, frage mich aber, ob bspw. bei „Unser Fräulein Doktor“ (1940) auch die politischen Umstände im Vordergrund standen. Ich bezweifele es ja und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Film ins Programm genommen worden ist, ohne die Perspektive, die er ermöglicht, wirklich dabei haben zu wollen.

Außerdem bin ich bezüglich der Einladung an Helga Hörz ambivalent. Einerseits ist so einer in offiziellen Diskursen marginalisierten Stimme die Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung gewährt worden. Andererseits fordert eine solche Diskussion stets Rechtfertigungen für das Verhalten im System der DDR heraus, deren öffentliche Äußerung vielleicht doch nicht so wünschenswert sind. Insofern frage ich mich, warum sie eingeladen worden ist, nicht aber die Regisseurin des Films, mit der auch die Art der Darstellungsweise sinnvoll  hätte diskutiert werden können.

Insgesamt blicke ich auf einen interessanten, aber auch ärgerlichen Abend zurück. Mir ist einmal mehr die Hierarchie innerhalb des universitären Raumes klar geworden. Sie hat nicht nur eine Geschlechter- und Altersdimension, sondern verläuft auch immer noch an der Grenze zwischen Menschen mit BRD- und DDR-Hintergrund.

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