Die Krise ist da!

Hier in der schönen Stadt mit einer Fachhochschule und drei Fakultäten – Technik, Wirtschaft, Technik & Wirtschaft – höre ich schon länger, dass und wie die Krise um sich greift. Nicht nur von Kurzarbeit ist die Rede, ich habe in der Lokalzeitung auch schon von etlichen Insolvenzen gelesen. Da fühlt sich die Krise viel näher an, als wenn ich in Berlin bin. Bisher. Ein taz-Artikel aus der letzten Woche meint, dass die Krise auch dort spürbar sei. Aber was ich lesen konnte, ist dann doch das übliche, bei dem ich mich frage: Angst davor, dass die Krise ankommt? Die ist andererorts der konkreten Angst um den eigenen Arbeitsplatz und die Situation in der ganzen Region gewichen.

Die Unterschiede in der Betroffenheit sind sowohl quantitativer und qualitativer Natur. Da war auch zu lesen, Industriebetriebe seien besonders betroffen. Aber im Gegensatz zu Baden-Württemberg sind die in Berlin ja eher spärlich gesäht, und sie sind auch selten besonders groß. Eben da liegt der Hase im Pfeffer. Als wir vor einem halben Jahr hergezogen sind, hat sich das zartrosa Baden-Württemberg bei der graphischen Darstellung der Arbeitslosenquote enorm vom pinken Berlin unterschieden. Diese Differenz hat strukturelle Ursachen, die sich nun auch in der Betroffenheit von der Wirtschaftskrise zeigen und noch in Zukunft zeigen werden.  Berlin wird wohl nicht ewig auf ihre Ankunft warten müssen und wer weiß, wie dann reagiert wird.

Mir fehlt eine stärker differenzierende Darstellung, die die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands und auch weltweit darstellt. Stattdessen wird plakativ und eindimensional davon berichtet, was gerade am nächsten liegt. Es sind aber nicht alle gleich betroffen. Dabei geht es nicht nur um regionale Differenzen, sondern auch um soziale.  Wer kein Auto zu verschrotten hat und auch keins kaufen will,  wer nicht bei einem Autohersteller, -zulieferer oder -verkäufer arbeitet, was hilft denen die Abwrackprämie? Rein gar nichts. Denn auch sie wird die Krise nicht aufhalten. Daran, wie schnell die Autoindustrie mit der passenden Werbung aufwartet, zeigt sich, wes Kind diese Idee ist: von der Autolobby für die Autohersteller.

Und die Politik nickt es ab, ohne größere Diskussionen um Sinn und Unsinn der ganzen Sache. Statt dessen gibt sie dem Kind auch noch einen wohlklingenderen Namen, und (fast) alle schreiben ihn ab und prägen so die Wahrnehmung der Maßnahme. Nicht ums Verschrotten und dafür neu kaufen geht es angeblich (abwracken), sondern um die ‚Umwelt‘. Dann ist die Aktion des VCD jedoch viel zielorientierter: Umweltprämie für alte  Fahrräder oder Autos, die  für den Kauf neuer Fahrräder und von Fahrkarten  für den öffentlichen Verkehr verwendet wird. Ein paar gesponserte Bahntickets wären ja auch ganz nett und ein altes Fahrrad haben wir sogar, aber natürlich ist das nicht im Sinne der Erfinder_innen.

Ich frage mich, was hilft die Ankurbelung einer nachweislich klimaschädlichen Industrie der Umwelt? Nichts. Darum geht es aber auch gar nicht, sondern um die Unterstützung einer niedergehenden Industrie, aber anstatt das auch im Namen anklingen zu lassen, erfreuen uns Politik und Medien mit einem Euphemismus, der alle Herzen höher schlagen lässt. Ich sehe vor allem eine Krise kritischen Denkens und Handelns. Unter dem Deckmantel der ‚Krise‘ und so tollen Worthülsen wie ‚in Zeiten wie diesen‘ werden Projekte durchgedrückt, deren langfristige Auswirkungen zumindest mal hinterfragt werden sollten, bevor sie einfach durchgewinkt werden. An einfache Lösungen für komplexe Probleme glaube ich schon lange nicht mehr.

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