Das Horrorwort: Fruchtbarkeit

Hier in Süddeutschland ist was los:  in einer schwäbischen Höhle ist die älteste Menschenfigur gefunden worden. Brust und Hinterteil sind besonders hervorgehoben, während der Kopf fehlt. Nicholas Conard von der Universität Tübingen interpretiert diese „female figurine“ in der taz als  „Ausdruck von Fruchtbarkeit“. Dieser Schluss illustriert gängige Prinzipien bei der Deutung archäologischer Funde. Wenn die Funktion eines Artefakts unklar ist, bezieht es sich entweder auf Fruchtbarkeit oder dient astronomischen Zwecken.

Die Freundin, die mich mit dieser ‚Weisheit‘ vertraut gemacht hat, kenne ich seit einem Seminar über ‚Frauenkulte im antiken Rom‘, in dem eigentlich jeder der Kulte letztlich auf Fruchtbarkeit bezogen worden ist. Nach einer Weile hat das ziemlich genervt und ich habe mich gefragt, warum es so viele verschiedene Riten gibt, wenn sie doch alle das gleiche Ziel verfolgen. Deshalb bin ich auch bei diesem Fund skeptisch. Die zunächst objektive und zurückhaltende Beschreibung spiegelt sich im Titel des Aufsatzes A female figurine from the basal Aurignacian of Hohle Fels Cave in southwestern Germany, der letzte Woche in Nature erschienen ist, wird jedoch bei der Interpretation aufgegeben, so dass die taz Die schwäbische Venus titelt und Nature ein Video-Interview mit den Forschenden Prehistoric pin-up nennt.

Anstatt die Bedeutung als älteste Selbstdarstellung zu betonen, werden bestimmte Aspekte betont und so sexistische Vorurteile bedient. Jede nackte Darstellung erscheint den männlichen Forschern als Pornographie, Fruchtbarkeitsgöttinnen werden mit Sexualität gleichgesetzt. Diese eindimensionale Perspektive auf lang vergangene Kulturen ist hochproblematisch, weil die Anzahl der Hinterlassenschaften begrenzt ist und die Aussagen der Forscher_innen als Wahrheit präsentiert werden. Dabei geht die Vielschichtigkeit menschlicher Kulturen verloren und die Beschaffenheit der Geschlechterverhältnisse wird ahistorisch vereinfachend dargestellt. Diese (populäre) Aufbereitung von Forschungsergebnissen kann mit den eigentlichen Erkenntnissen nicht Schritt halten, sondern reduziert sie stattdessen auf einfache Bilder, die modernen Vorstellungen von historischen Geschlechterverhältnissen entsprechen. Sex sells.

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