Der Feminismus ist tot – jetzt aber wirklich

Dieses Gefühl habe ich dieser Tage, da der Internationale Frauentag kurz bevor steht und offenbar aller Orten heiß herbeigesehnt wird. Denn die Aufmerksamkeit wird nicht nur genutzt, um die bekannten Missstände noch mal zu benennen, sie fordert offensichtlich lauten Widerspruch hervor. Allen voran natürlich von unserer werten Frauenministerin. Was für ein Armutszeugnis, wie anders sieht das doch in Österreich aus, das ich letztens schon beneidet habe. Aber unsere Ministerin macht in ihrer Bundestagsrede, wie die taz berichtet, deutlich, wo für sie der Schwerpunkt ihres Ministeriums liegt: bei der Familie. Und auch wenn es dann mal konkret um Frauen und Gleichstellung gehen soll, ist das natürlich (schon wieder!) ausschließlich ein Familienthema, als ob es dabei um nichts anderes gehen könnte. Ich habe langsam den Eindruck, die gute Frau weiß nicht, welchen Kämpfen sie ihre heutige Position (auch) zu verdanken hat. Und sie ahnt wohl noch nicht mal, welche Hindernisse sich ihr noch in den Weg stellen werden.

Aber nicht nur aus dieser Ecke kommt Gegenwind. Auch in der aktuellen Zeit-Campus wird unter der Überschrift Wir gleichberechtigt sind wir? heiß diskutiert. Es wird aber gar nicht diese Frage gestellt, sondern lieber gerätselt, was Frauen und Männer ‚wollen‘. Justus Bender meint, wer ‚gleich‘ sein wolle (wer will das bitte?), müsse sich auch entsprechend verhalten. Frauen seien selbst schuld, dass sie keine Karriere machen, sie studieren eben die falschen Fächer. Weil wir ja auch alle – mal ganz unabhängig vom Geschlecht – Karriere machen wollen. Aber was sind diese ‚falschen‘ Fächer? Neben den üblichen Verdächtigen (MINT und so), die  nebenbei bemerkt auch keine Garantie für makellose Karrieren sind, nennt er auch die Wirtschaftswissenschaften. Soweit ich mich erinnere ein Fach, das etwa gleich viele Männer und Frauen studieren. Hhm, da fällt mir nichts mehr zu ein.

Und im gleichen Tenor geht es weiter: in den Parteien seien zu wenige weibliche Mitglieder, woher solle der Nachwuchs denn kommen? Und in unseren Partnerschaften seien wir nicht gleichberechtigt, weil wir uns in der Mehrzahl ‚überlegenere‘ Partner‘ suchten. Also ganz klar: selber schuld, dass wir nicht ‚gleich‘ sind. Aber was ich mich wirklich frage, woher wissen wir von den nur 9% Ehen, in denen die Frau einen höheren Bildungsabschluss hat als der Mann? Ich vermute mal aus den Angaben bei der Eheschließung. Wenn das so ist, habe ich auch ’nach oben‘ geheiratet. Dumm, dass ich jünger bin als mein Mann und das kommt laut Statistik nun wahrlich häufig genug vor, ist aber kein ’nach oben‘ in diesem Sinne. Da ich bei der Hochzeit noch nicht fertig war mit dem Studium, bleibt das wohl so, denn bisher hat sich noch niemand gemeldet, um die Daten nach meinem Studienabschluss zu aktualisieren. Und mal rein hypothetisch: wenn die ehemalige Studentin irgendwann promoviert ist, haben sich die Verhältnisse zwar umgedreht, aber wer sollte diese Statistik schon erheben? Aber klar: die mangelnde Gleichstellung ist allein einem Fehlverhalten von weiblicher Seite anzulasten. Ich dachte wirklich, wir seien darüber hinaus.

Die Angriffe auf Frauenräume kommen selbst hier im Ländle an. Die Veranstaltungen zum Frauentag werden in den örtlichen Medien ordentlich beworben. Ich freue mich schon auf die Ausstellung Frauen_leben in Heilbronn, die pünktlich nächsten Montag eröffnet wird. Aber für ein anderes Blättchen, dessen Inhalte nicht online sind, war es wohl ganz entscheidend diesen Satz am Ende der Ankündigungen einzufügen:

Übrigens: Auch interessierte Männer sind zu den Veranstaltungen herzlich willkommen.

Nicht, dass ich Männer ausschließen wollte. Denn keine einzige der Veranstaltungen klingt, als sei sie auf Frauen als Publikum beschränkt. Bis auf die Filmvorführung von „Die Frauen von der Alb“ ist keiner der Veranstaltungsräume als Frauenraum erkennbar (Stadt, Rathaus, Gewerkschaftshaus, Museen usw.). Ich frage mich also: wieso bedarf es dieser direkten Aufforderung an die Männer? Sie erweckt den Eindruck, als seien sie ausgeschlossen, nur weil es sich einmal nicht um sie dreht und sie (vielleicht) nicht die Hauptzielgruppe eines Angebots sind. Ich finde es besonders schade, weil der Frauentag eine so schöne Gelegenheit ist, Frauen zu feiern. Wir sollten an diesem Tag im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche (wahrscheinlich nur eingebildete) verletzte Egos. Und auch wenn das vielleicht nur nett gemeint ist und ermuntern soll, frage ich mich: warum ausgerechnet zu diesem Anlass?

Wie immer kurz vor diesem Tag muss ich an meinen wunderbaren März in Moskau denken. Der 8. März war nicht nur Feiertag, es war auch der erste Tag mit Sonne und endlich fingen der Frühling und das Leben an. Ich habe diesen Tag mit wunderbaren Frauen verbracht und abends mit ihnen gefeiert. Für die Blumen und die Party haben die Männer gesorgt. Nicht, dass das immer so sein muss, aber ich wünsche mir auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für diesen Tag – von Frauen und Männern.

Solange ich an meine beliebigen Beispiele aus der aktuellen Presse denke, ist das Fazit klar: der Feminismus ist tot und so nützlich wie ein Kropf. Aber dann höre ich in mich hinein und es erschallt zur Antwort: es lebe der Feminismus!

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1 Kommentar

  1. 6. März 2010 um 11:54

    […] hälften konstatiert die Autorin: Der Feminismus ist tot! Anhand von verschiedenen Beispielen zählt sie auf, warum der Feminismus dennoch dringend gebraucht […]


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