Feministen – geht das überhaupt?

Mein Schnellschuss zum Grünen Männermanifest ist nicht unbeantwortet geblieben und ich habe gemerkt, dass ich da wohl noch mal nachdenken muss. Ich bin anderer Meinung als Ben und glaube, das hat entscheidend mit den Perspektiven zu tun, die unsere Argumentation bestimmen. Lieber Ben, ich hoffe, ich trete dir im Folgenden nicht zu nahe mit meinen Spekulationen. Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise agitieren, aber ich frage mich wirklich, wie wir uns gut bezeichnen können, so dass wir einander verstehen und Gleichgesinnten Allianzen ermöglichen.

Als Feministin sehe ich andere Menschen, die ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen wie ich, und nehme diese gemeinsamen Interessen zum Anlass, sie in ein feministisches ‚Wir‘ zu integrieren. Immer wenn protestiert wird, der Begriff ‚Feminismus‘ trage zu viele negative Konnotationen, wehre ich mich dagegen, ihn deshalb aus meinem Wortschatz zu streichen. Nur weil jemand bzw. eine Gruppe von Menschen, ein Wort auf eine bestimmte Weise verwendet und bestimmte Assoziationen damit verknüpft werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wort auf eben diese Bedeutung festgelegt ist und entsprechend bewertet werden muss. Das ist der Spielraum, den Sprache eröffnet: durch die eigene Verwendung der verschiedenen Mittel Bedeutungen zu schaffen und  Aussagen zu treffen, die (vielleicht) die Welt verändern. Diese Macht der Sprache will ich um nichts in der Welt missen und eine andere Perspektive, die die populären Aneignungen in den Vordergrund stellt, muss sich in letzter Konsequenz wohlmöglich damit auseinander setzen, dass es reicht, wenn irgendwelche Idioten einen Begriff missbrauchen, um ihn in seiner Verwendung einzuschränken.

Deshalb habe ich mich so gefreut, dass die Grünen Männer in ihrem Manifest dazu stehen, dass sie Feministen sind (aus meiner Perspektive). Ich frage mich aber, warum diese Selbstbezeichnung dennoch nicht als Titel taugt. An diesem Punkt kommen wahrscheinlich Bens Argumente ins Spiel: eine so prominente Positionierung des ‚bösen‘ Wortes hätte noch krassere Reaktionen in konservativen Medien ausgelöst, als ohnehin schon. Viele Männer, die sich dezidiert nicht als Feministen verstehen, hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Ziel eines solches Manifests ist es aber, möglichst viele anzusprechen und weitere Mitstreiter zu gewinnen. Auch wenn ich es schade finde, ist das wohl der Lauf der Dinge.

Aber Bens Kommentar geht noch weiter. Er geht davon aus, dass Feminismus vor allem etwas mit Frauen zu tun hat, wahrscheinlich wegen des Wortbestandteils ‚femin‘. Diese Assoziation ist zunächst verständlich, aber die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw.  von Frauen ist in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‚andere‘ Geschlecht verknüpft. Wenn das bisher (vor allem von Nicht-Feminist_innen) wenig reflektiert worden ist, ist das kein Grund, zu behaupten, Feminismus habe erst in zweiter Instanz etwas mit Männern zu tun.

Auch die anderen Begriffe, die Ben vorschlägt, wollen mir nicht so recht gefallen. ‚Post‘ hat immer etwas von: ‚das haben wir hinter uns‘. Patriarchat und Feminismus sind höchst diskussionswürdige Begriffe und ich glaube nicht, dass wir darüber schon hinaus sind, so dass ein ‚post‘ meines Erachtens nur vereinfacht und wegschiebt, ohne den Konflikten zu begegnen (vgl. post-gender in der Piratenpartei).

Dass das Grüne Männermanifest sich explizit in einen feministischen Kontext einordnet, ist für mich sehr wichtig. Aber Ben widerstrebt es als Mann (?) ‚Feminist‘ genannt zu werden. Ein solches Ringen um Personenbezeichnungen kenne ich aus anderer Perspektive sehr gut. Feministische Linguistik ist eines meiner Steckenpferde. Deshalb widerstehe ich dem Impuls zu fordern, ‚die Männer‘ sollten sich einfach damit abfinden, wenn es auch mal eine Bezeichnung gibt, die ihnen selbst nicht so zusagt, schließlich sind Frauen noch immer in den meisten Fällen ‚mitgemeint‘, werden aber nicht explizit benannt. Ich möchte dieses Unbehagen, unpassend benannt zu werden, stattdessen ernst nehmen, und frage mich nun noch ratloser: Was tun?

  • Wegen des Unbehagens auf einen machtvollen Begriff verzichten? Mir erscheint das nicht praktikabel, denn es birgt die Gefahr der Sprachlosigkeit, weil kein entsprechender Begriff vorhanden ist, der adäquat verstanden wird.
  • Aus strategischen Gründen, aber ohne Überzeugung, trotz des Unbehagens an bekannte Diskurse anknüpfen? Das wiederum erscheint opportunistisch und ich frage mich, ob politisches Engagement funktionieren kann ohne Authentizität und ein Herz, das sich mit der Sache (und den Begriffen) identifiziert.

Es gibt keinen leichten Ausweg, aber mich interessiert, warum ‚Feminist‘ (nicht nur von Ben) als unpassend empfunden wird. Denn ich weiß, dass die Reflexion und strategische Aneignung von Personenbezeichnungen dazu geeignet sind, das eigene Verhältnis und das der eigenen Umwelt zu beeinflussen. Als ich noch nicht wusste, was eine Feministin ist und dass ich eine bin, bin ich mal beleidigt worden, indem ich ‚Feministin‘ genannt worden bin. Das war in der Schulzeit und ich habe mich ganz schnell schlau gemacht. Wer mich seitdem ‚Feministin‘ nennt, will vielleicht beleidigen, aber es klappt nicht, denn ich bin stolz auf diese Positionierung. Und zwar auch wegen der Geschichte, die an dem Begriff hängt. Er löst bei den meisten Gesprächspartner_innen etwas aus, regt zur Diskussion an und kann nicht ignoriert werden. Das sind meine pro’s.

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19 Kommentare

  1. 3. Mai 2010 um 18:55

    […] “Feministen” ist kein neutraler Begriff Auf “Drei Hälften” überlegt die Autorin, warum andere es problematisch finden, wenn Männer sich als Feministen bezeichnen bzw. ein Männermanifest als feministisch. […]

  2. drei Hälften said,

    3. Mai 2010 um 21:54

    Die Argumentation bei Alles Evolution ist interessant, geht aber mE von einer falschen Prämisse aus: Männer vs. Frauen. Als sei eine Verbesserung der Situation der einen nur auf Kosten der anderen möglich, wie dies für Staatsanwalt und Strafverteidiger gilt. Es geht darum, strategische Allianzen zu bilden, Koalitionen zu schmieden, und nicht sich gegenseitig fertig zu machen. Und es geht um die Gleichberechtigung aller Geschlechter.
    So langsam finde ich doch eine Parallele in der feministischen Linguistik: es erscheint immer besonders schwer, wenn Begriffe, die bisher Frauen bezeichnet haben, auch auf Männer bezogen werden sollen. Resultat ist regelmäßig, dass neue Bezeichnungen gefunden werden, die eine männliche Grundform haben, von der mit -in eine weibliche Form abgeleitet wird. Meine Lieblingsbeispiele: Hebamme vs. Geburtshelfer, Krankenschwester vs. Krankenpfleger.

  3. 3. Mai 2010 um 22:28

    Es muss nicht unbedingt Männer gegen Frauen sein. Aber eine Darstellung beider Seiten kann erst das Problem hervorbringen. Und damit muss eben auch die Seite der Männer ihre Probleme darstellen können und dabei auch Meinungen vorbringen können, die definitiv nicht feministisch sind.

    Wer eine solche Diskussion fair führen will, der muss auch der anderen Seite erlauben ihre Extrempositionen zu entwickeln wie radikaler Feminismus oder Differenzfeminismus nur eben auf Männerseite um so in Betrachtung der Extreme den Kompromiss zu finden. Warum eigentlich soll eine solche Meinung unter der Begriffsbezeichnung Feminismus laufen?

    Außerdem ist auch Gleichberechtigung Ansichtssache. Der Feminismus sagt Pay Gape und Glasdecke, Männerrechtler eher falsche Berufswahl und weniger Überstunden bzw weniger Interesse an Status und mehr Bereitschaft wegen Kinderbetreuung auszusetzen. Oder das Sorgerecht für nicht verheiratete Väter. Sind da alle Frauen bereit abzugeben? Dann müssen sie sich mit den Männern auseinandersetzen, haben also Interesse ihre gute Position zu halten.
    Die Interessen können sich überschneiden, wenn Männer und Frauen ein Paar sind. Aber das ist keineswegs immer der Fall. Männer können sich entschließen Single zu bleiben oder schwul sein und sich fragen, warum sie bestimmte Vorteile bei den Frauen belassen sollen, etwa die langjährige frühere Rente oder lange Mutterschutzzeiten oder Unterhaltsregelungen oder Frauenquoten etc.

  4. drei Hälften said,

    4. Mai 2010 um 11:39

    Es geht mir nicht um Maskulisten oder darum ‚alle‘ unter den einen Hut Feminismus zu bringen. Aber ich frage mich, warum Menschen, die für Geschlechtergerechtigkeit eintreten und dabei die komplexe Verschränkung verschiedener Interessen im Blick haben, keine ‚Feministen‘ sein wollen (obwohl sie das mE sind). Der Feminismus ist keine Interessenvertretung ‚der Frauen‘, deshalb gibt es auch Frauen, die keine Feministinnen sind (dem Selbstbild vieler zu folgen, sogar eine ganze Menge). Wer Feministin innerlich mit ‚Frauenrechtlerin‘ übersetzt, fragt sich natürlich ‚what about the menz?‘. Aber weder Männer- noch Frauenrechtler_innen bringen uns hier entschieden weiter. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung und wer die wirklich auf sich nehmen will, kann dem Kind entweder neue Namen geben oder an etablierte Diskurse anknüpfen. Ich habe aber immer mehr den Eindruck, dass die Abwehr gegen ‚Feminismus‘ als Begriff aus einer bockigen ‚Ich bin doch kein Mädchen‘-Stimmung resultiert. Und das wäre ziemlich Banane und wohl kaum feministisch. Wenn dem so ist, bin ich hiermit überzeugt und freue mich auf nette neue Begriffe, von denen ich mich abgrenzen kann.

  5. __V__ said,

    4. Mai 2010 um 12:08

    Wie wär’s mit dem Begriff „Humanismus“?
    Den gibt es bereits, er muss nicht neu erschaffen und definiert werden, und bezieht beide Geschlechter mit ein.

    Feminismus ist Sexismus.

    Und Maskulisten sind Menschen, die Feministen in ihre Grenzen weisen – keine weitere Ideologie oder Definition nötig.

    Feminsimus ist Rosinenpickerei von faulen, schlechten Menschen, die sich nur um sich selbst drehen.

  6. 4. Mai 2010 um 14:47

    Du meinst also man kann nur dann für Geschlechtergerechtigkeit eintreten und „die komplexen Verschränkungen verschiedener Interessen im Blick haben“, wenn man feministische Positionen vertritt?

    Natürlich ist der Feminismus überwiegend eine Interessenvertretung der Frau, auch wenn sich die Interessen der Frauen mit denen der Männer überschneiden können.
    Aus der Wikipedia:
    „Feminismus (abgeleitet aus dem frz. féminisme, vom lat. Wortstamm femina = Frau) ist eine Sammelbezeichnung für heterogene Konzepte, die die Rechte und Interessen von Frauen thematisieren. Von der gesellschaftlichen Ungleichheit zwischen Mann und Frau ausgehend, zielt der Feminismus auf eine verbesserte Lage der Frau und ihre faktische Gleichstellung in der Gesellschaft. “

    Es mag sein, dass deine Definition davon abweicht. Aber wenn man eine allgemeine Diskussion führt, dann kann man eben nicht bestehende Begriffe durch eigene ersetzen.

    Die Abwehr gegen den Begriff „Feminist“ für Männer folgt meiner Meinung nach daraus, dass man damit wie der Name schon sagt für die Interessen der Frau eintritt. Wer aber die Interessen des Mannes dabei nicht zu kurz kommen lassen möchte kann trotzdem für Gerechtigkeit sein aber sich nicht als Feminist bezeichnen lassen wollen.

  7. drei Hälften said,

    4. Mai 2010 um 18:42

    @ allesevolution
    Nein, „wer für Geschlechtergerechtigkeit eintritt und ‚die komplexen Verschränkungen verschiedener Interessen im Blick'“ hat, ist mE Feminist_in. Die Wikipedia-Definition ist hübsch, ich halte es aber eher mit der Definition der Encyclopedia Britannica, die bei der Mädchenmannschaft so zusammengefasst wird: „Glauben an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter“. Und das ist der Punkt: ich als Feministin will eigentlich nicht über Fremddefinitionen streiten müssen, sondern selbst an der Bedeutung der Begriffe basteln. Eine kritische Aneignung und Auseinandersetzung ist dabei unerlässlich.

    Mein Blogeintrag ist kein hegemoniales Sprechen, sondern Ergebnis eines echten Interesses daran, was so schlimm ist, Feminist zu sein. Wie ich auch in Deinem Blog schrieb, halte ich eine konstruktive Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis für unerlässlich, wenn es um den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit geht. Und da sind Feminist_innen mE Vorreiter_innen.

  8. drei Hälften said,

    4. Mai 2010 um 18:55

    @_V_
    Interessanter Sprachgebrauch. Die Feministen, die bei den Frauenrechten Rosinen picken, will ich aber mal sehen. Und über Maskulisten habe ich gar nichts gesagt, die interessieren mich nämlich nicht.

    Aber immerhin ein Vorschlag. Von außen gucke ich mir also auch den Wikipedia-Eintrag an: „Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern.“ Das sind hübsche Ziele, aber Geschlecht kommt da irgendwie gar nicht vor. Und auch andere soziale Differenzen scheinen nicht so im Mittelpunkt zu stehen, dass sie es in den ersten Absatz schaffen. Und immer wenn vom ‚Menschen‘ die Rede ist, fühle ich mich zwar angesprochen, frage mich aber dennoch, ob ich auch tatsächlich gemeint bin.

    Was dazu beiträgt, das Dasein zu verbessern, ist auch mal Ansichtssache. Feminist_innen geben darauf zumindest eine konkrete Antwort: Geschlechtergerechtigkeit. Ist sicher nicht das Allheilmittel, aber an humanistisch klemmt irgendwie noch mehr:
    – Humanistische Bildung ist ein hehres Ideal – mich stören die toten Sprachen nicht, aber es gibt sicher etliche Leute, die politische Aktivität nicht mit solchen Idealen verknüpft sehen wollen.
    – Und der Humanistische Verband versteht sich als religionsfrei – wieder: mich stört’s nicht, aber nur weil eine religiös ist, kann sie doch zugleich auch Feminist_in sein.

    Nur so zwei spontane Ideen, warum Humanismus sicher nichts schlechtes ist, es aber einer krassen Begriffsumdefinition bedarf, um ihn für das Projekt der Geschlechtergerechtigkeit tauglich zu machen. Hm, dann versuche ich das doch lieber weiter mit ‚meinem‘ Feminismus.

  9. 4. Mai 2010 um 19:43

    @dreihälften

    Bei der Encyclopedia Britannica Definition haben die Mädchenmannschaft und du den Nachsatz weggelassen:
    „Although largely originating in the West, feminism is manifested worldwide and is represented by various institutions committed to activity on behalf of women’s rights and interests.“

    Hervorzuheben wäre hier „women´s rights and interests“.

    Aber wenn wir mal die von dir genannte Definition zugrundlegen:

    Also wenn ich vertrete, dass Chancengleichheit dadurch hergestellt wird, dass unverheiratete Männer ein gemeinsames Sorgerecht von der Geburt an auch gegen den Willen der Mutter bekommen, dann bin ich Feminist?

    Wenn ich die Ursache für den geringeren Lohn auch darin sehe, dass Männer für Status mehr belohnt und sich daher Karriere für sie mehr lohnt, darin, dass Männer berufe nach Status und Verdienst aussuchen und Frauen nach Neigung, darin, dass Frauen weniger Überstunden machen und sich weniger Partner suchen, die sie von der Kindererziehung freistellen und hier eine Umstellung von den Frauen fordere, wenn sie im Schnitt genauso viel verdienen will, dann vertrete ich eine feministische Position?

    Meine Intention ist dabei Geschlechtergerechtigkeit. Aber ich vermute, dass mich die meisten Feministinnen dennoch nicht in ihre Reihen aufnehmen würden. Oder muss die Geschlechtergerechtigkeit eine feministisch genehmigte sein, was wieder auf eine Deutungshoheit des Feminismus (nach meiner Definition) hinauslaufen würde?

    Humanismus hatte ich auch schon erwogen. Es hat allerdings den Nachteil, dass man daraus nicht erkennt, dass es um das Verhältnis zwischen Mann und Frau geht.

  10. drei Hälften said,

    5. Mai 2010 um 12:36

    @ allesevolution
    Da steht aber nicht, dass Frauenrechte das zentrale Thema sind (ich will nicht abstreiten, dass sie das zu einem bestimmten Zeitpunkt waren), sondern es wird darauf hingewiesen, dass der Feminismus von Organisationen repräsentiert wird, die sich dafür einsetzen. Das könnte auch ein Anstoß sein, etwas daran zu ändern.

    Zu deiner maskulistischen Argumentation: es bleibt natürlich die Frage, was gerecht ist. Es muss ein Interessensausgleich stattfinden, bei dem Rücksicht auf beide Seiten genommen wird und am Ende wahrscheinlich mal der eine und mal die andere die Nase vorn hat. Deshalb auch Geschlechtergerechtigkeit und nicht ‚Gleichheit‘. Was du vorschlägst endet in Gleichmacherei und entbehrt jeglicher Reflexion der eigenen Position. Vielleicht wäre es ja ganz nett, wenn die Gehaltserhöhung nicht von Anwesenheit und ständiger Verfügbarkeit abhinge, sondern von der tatsächlich erbrachten Leistung?

    Die Orientierung an sogenannten männlichen Lebensmustern ist für die wenigsten Menschen ideal. An diesem Punkt wünsche ich mir gesellschaftliche Veränderungen, was Anerkennung und Praktikabilität anderer Lebensmodelle angeht. Das verstehe ich unter Geschlechtergerechtigkeit, die weiter denkt als nur Frauen vs. Männer.

    Und zur Diskurshoheit: Frauen versuchen seit Generationen, die Etablierten zu kritisieren und sich ihre Position anzueignen. Mit Gegenkulturen funktioniert das vielleicht auf einem individuellen Niveau, aber eine Massenwirksamkeit wird damit nicht erreicht. Bspe: Wissenschaft und Politik. Der Versuch der Wissenschaft eine feministische Betrachtungsweise entgegenzustellen ist gescheitert, nur indem Feminist_innen versuchen, selbst mit anerkannten Methoden und innerhalb des Diskurses, der von anderen bestimmt wird, Themen zu setzen, können sie Erfolg haben. Das gleiche gilt für Frauen, die als Wissenschaftlerin erfolgreich sein wollen, sie müssen sich den Spielregeln der Etablierten (Männer) anpassen.
    Andere Formen der Politik, die z.B. basisdemokratisch und lokal agieren, spielen in der ‚großen‘ Politik kaum eine Rolle, auch wenn Frauen und feministische Initiativen in diesem Kontext extrem wichtig sind. Vor allem die erste und zweite Generation von Politikerinnen, die es nach oben geschafft haben, kopieren männliche Verhaltensweisen um anzukommen.

    Diese Beispiele zeigen, wo mE ein großes Problem bei der Etablierung neuer und anderer Sichtweisen, Praktiken und Politiken besteht. Nur weil diese Mechanismen im Feminismus erkannt worden sind, heißt das nicht, dass er als Diskurs nicht nach ähnlichen Regeln funktioniert. Wer also von außen kommt und ähnliche Themen besetzen will, muss sich mit ‚uns‘ auseinandersetzen und damit leben, dass ‚wir‘, die nun mal zuerst da waren, daraus einen gewissen Anspruch ableiten. Das kannst du kritisieren und auf diese Weise zur Selbstreflexion von Feministinnen beitragen, aber du wirst nicht umhinkommen, dich mit ihnen auseinander zu setzen.

    Nachdem ich heute morgen diesen hervorragenden Erlebnisbericht von Frank A. Schneider gehört habe, bin ich mir sicher: Feminist wird man (sic!) durch die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen (der eigenen und den fremden). Zu bemerken, wie Privilegien verteilt sind und dass und wie eineR selbst davon profitiert, gehört zu einem schmerzhaften Prozess. Es ist einfacher auf die Privilegien anderer hinzuweisen und diese für sich einzufordern. Eben das fehlt auch zur Geschlechtergerechtigkeit: einander zuhören, die jeweiligen Positionen und Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen und einen Interessenausgleich schaffen.

  11. Ben said,

    5. Mai 2010 um 21:31

    Zuerst einmal zur Beruhigung: ich kann mit Widerspruch leben. Ich finde es aber zugegebenermaßen interessant, dass eine Weigerung, mich als Mann als Feminist zu bezeichnen auf ebenso heftigen Widerspruch stößt, wie vor einigen Wochen ebendiese Bezeichnung. Vielleicht sollte ich meine damalige Gesprächspartnerin mit in die Diskussion bringen. 🙂

    Zur Sache: Ich denke wir sind uns alle einig darüber, dass die Anfänge des Feminismus in der Frauenbewegung liegen. Mittlerweile mag ein beachtlicher Teil der Feministinnen sich von der Beschränkung auf Frauen gelöst haben und Feminismus unter dem allgemeinen Geschlechterproblem betrachten, doch liegt der Fokus eben immernoch auf den Frauen. Das macht auch das Blog der mädchenmannschaft deutlich, wo es vornehmlich um Frauen geht.

    Ich persönlich habe keinerlei Problem damit, als Feminist bezeichnet zu werden, ich wähle es nur nicht als Selbstbezeichnung. Der Schwerpunkt meines Interesses liegt nämlich ganz allgemein bei der Geschlechterfrage und so betrachtet erst in zweiter Linie bei der Gleichberechtigung der Frau.

    Spannend finde ich die Vorbehalte gegen „post“-Begriffe. Ich denke aber, hier liegt ein Missverständnis vor. Wenn ich mich als postpatriarchalischen Denker bezeichne, will ich darauf hinweisen, dass der Patriarchalismus und seine Methoden der Herrschaftsausübung durch geschlechtliche Rollenzuweisung für mein Denken keine Rolle mehr spielen (oder zumindest keine Rolle mehr spielen sollen). In diesem Sinne muss ich aber (m)eine Vorstellung von Postpatriarchalismus als postfeministisch denken. Was damit nicht ausgesagt ist – und was ich nie behaupten würde – ist, dass wir in einer postpatriarchalischen Gesellschaft leben. Ich denke, der Postpatriarchalismus als Denkmethode ist eine Möglichkeit, den Feminismus weiter zu entwickeln und Begrifflich, wenn auch nur bedingt in der Sache, abzulösen. (Ich habe übrigens in gewisser Weise durchaus Verständnis für die Vorbehalte vieler Piraten gegen die Geschlechterdebatte und die Art wie sie initiiert wurde.)

    Ich widerspreche übrigens der Behauptung, „die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw. von Frauen… [sei] in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‚andere‘ Geschlecht verknüpft“. Die Veränderungen bestanden bisher doch nur in einem Verlust von Privilegien. Eine ernsthafte, gesellschaftlich breit vertretene Infragestellung klassischer Vorstellungen von Männlichkeit vermag ich selbst mit viel Mühe kaum zu erkennen.

    Und nur eine Anmerkung noch zur Anpassung von Frauen an männliche Verhaltensmuster in Politik und Wirtschaft: wer sagt denn, dass es _männliche_ Verhaltensmuster sind? Vielleicht ist es einfach die einzige erfolgversprechende Art, sich zu verhalten. Vielleicht sollten wir deshalb auch nicht darüber diskutieren, ob Frauen sich jetzt wie Männer verhalten oder ob man für Frauen, die sich nicht so verhalten unterstützende Maßnahmen ergeifen muss, sondern darüber, ob wir wirklich in einer Gesellschaft leben wollen, die diese Form von Verhalten belohnt.

  12. drei Hälften said,

    6. Mai 2010 um 09:32

    @ Ben
    Die Fokussierung des Feminismus auf Frauen ist dabei aufzubrechen, aber ohne die Beteiligung aller Geschlechter wird daraus nichts. Deshalb ist es ein Problem, wenn potentielle Mitstreiter sich nicht solidarisieren, sondern darauf pochen, dass die Konzentration auf die Belange von Frauen noch immer nicht überwunden ist und sie deshalb kein ‚Feminist‘ sein können oder wollen.

    Ausgangspunkt dieses Artikels war dein Kommentar zu den Grünen Feministen, dass du andere Begriffe bevorzugst. Mir war es einerseits wichtig zu zeigen, warum ich es toll finde, dass sie sich genau so positionieren. Ich hatte den Eindruck, dass du feministisch denkst und handelst, außerdem habe ich schon an anderer Stelle immer mal wieder gelesen, dass einige Männer, die sich durchaus konstruktiv in feministischen Diskursen bewegen, enorme Probleme mit dem Begriff haben. Und da frage ich mich einfach wieso, eben weil er mir so natürlich und schön erscheint.

    Zum ‚post’schreibst du: „dass der Patriarchalismus und seine Methoden der Herrschaftsausübung durch geschlechtliche Rollenzuweisung für mein Denken keine Rolle mehr spielen (oder zumindest keine Rolle mehr spielen sollen)“

    Und genau da liegt mE das Problem. Ich glaube nicht nur nicht, dass wir nicht in einer postpatriarchalen und postfeministischen Welt leben, ich bin auch sehr skeptisch, was die Behauptung einer Selbstbefreiung von gesellschaftsprägenden Strukturen angeht und sei es nur für das eigene Denken. Selbst wenn ich mir jetzt einen postpatriarchalen Denker vorstelle, frage ich mich, wie so das echte Leben aussieht, das jenseits des Denkens stattfindet.

    Feminismus ist Theorie und Praxis. Die Verbindung beider ist kein leichtes Unterfangen, aber als Anspruch stets präsent, dieses Element fehlt mir, wenn behauptet wird, für sich selbst habe jemand das alles überwunden. Denn wir agieren in einer Welt, die heteronormativ ist und auf Geschlechterhierarchien basiert. Es ist wichtig, das theoretisch zu hinterfragen. Aber das reicht mE nicht aus, um eine Veränderung der Gesellschaft zu erreichen. Dafür müssen wir aktiv werden und uns mit den sexistischen, rassistischen etc. pp. Strukturen auseinandersetzen, um sie aufzuweichen.

    Zu den Veränderungen, die die Frauenbewegung bewirkt hat. Ich habe nicht behauptet, dass das für alle Seiten positiv ausgeht. Deshalb ‚Interessensausgleich‘. Der Verlust von Privilegien ist eine Veränderung, auf die bisher nicht reagiert worden ist, aber das ist kaum dem Feminismus anzulasten. Klassische Vorstellungen von Männlichkeit werden nicht hinterfragt, da hast du recht, aber auch für die Weiblichkeit sieht es nicht rosig aus. Zu klassischen Idealen sind weitere Muster hinzugekommen, so dass junge Frauen heute versuchen, alle in ihren Lebensentwurf zu integrieren. Solange auf der einen Seite solche Verschiebungen bei gleichzeitiger Persistenz traditioneller Normen herrschen, und auf der anderen Seite (fast) gar nichts passiert, sind wir nur auf halbem Wege.

    Deshalb die Einladung an Männer, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie ebenso wie ich an Geschlechtergerechtigkeit interessiert sind, über die Selbstbezeichnung als ‚Feminist‘ nachzudenken. Frank A. Schneider (schon wieder) hat beschrieben, wie er diese Selbstbezeichnung aus einer Punkhaltung heraus zunächst vor allem zur Provokation eingesetzt hat. Schon als Frau kann die Verortung als Feministin so wirken, aber Feministen haben da noch viel mehr Potential. Das ist natürlich auch anstrengend, aber das sollte es alle mal wert sein. Ich trag es ja auch nicht auf die Stirn tätowiert. Ich bin neugierig: warum und wie wurde dagegen protestiert, du seist Feminist?

    Huupsi, da hab ich wohl was wichtiges vergessen: es geht um Verhaltensweisen, die als ‚männlich‘ angesehen werden. Und dann bin ich ganz bei dir, denn in einer solchen Gesellschaft will ich eigentlich nicht leben. Es war aber mehr als Beispiel gedacht, dass diejenigen, die ein Feld von außen betreten, zumindest in einem ersten Schritt die dort üblichen Verhaltensweisen übernehmen müssen, um Einlass zu finden und gehört zu werden. Ansonsten bleiben sie ausgeschlossen. Erst dann ist es möglich, sozusagen von innen heraus zu versuchen, das System zu verändern.

  13. 6. Mai 2010 um 10:40

    […] vollkommen ausblendet, die Grundlage für jede Diskussion über Geschlechterfragen sein soll, die dreihäften dann in ihrem Blog deutlich macht: Wie ich auch in Deinem Blog schrieb, halte ich eine konstruktive Auseinandersetzung […]

  14. Ben said,

    8. Mai 2010 um 00:38

    Da es recht spät ist, beschränke ich mich darauf, die Argumentation nachzuvollziehen, warum ich kein Feminist bin (oder besser: als Mann keiner sein kann) und beantworte den Rest Deines Postings im Laufe des Wochenendes.

    Die Diskussion fand mit einer Freundin statt, ihres Zeichens Feministin. Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung. 🙂

    Ich hoffe ich habe die damalige Diskussion einigermaßen richtig und verständlich wiedergegeben. Zum Rest nehme ich, wie gesagt, in den nächsten Tagen Stellung.

  15. Ben said,

    8. Mai 2010 um 19:48

    So, jetzt (mit Tee, Schokolade und Katze) zu Deinem letzten Posting. Nur zur besseren Übersicht – ich werde mich Absatz für Absatz an Deiner Argumentation entlang hangeln.

    Wenn die Fokussierung auf Frauen dabei ist, aufzubrechen ist das durchaus positiv, aber Du siehst doch durchaus ein, dass diese Fokussierung existiert?! Warum Du aus der Ablehnung des Begriffs „Feminist“ auf einen Mangel an Solidarität schließt, erschließt sich mir nicht. Man(n) kann doch mit einem anderen theoretischen Hintergrund die gleichen Ziele vertreten wie der Feminismus, ohne sich deshalb gleich anbiedern zu müssen und durch Teile der Szene Ablehnung und damit Frustration zu riskieren. Warum nicht als „Postpatriarchaler Denker“, „Queer-Theoretiker“, „Genderdemokrat“ oder sonstwas „firmieren“? Die andere Frage ist dabei, wer eigentlich zur Initiative verpflichtet ist. Wenn der Feminismus sich als Sammelbewegung verstehen will, müssen dann die Feministinnen ihre Fokussierung auf Frauen aufgeben oder müssen alle anderen Strömungen sich dem Feminismus unterwerfen und darauf hoffen, innerhalb des Feminismus irgendwann gleichberechtigt wahrgenommen zu werden? (Ich weiß, das ist harsch formuliert.)

    Die Frage, warum es Männer (und auch Frauen) gibt, die den Begriff „Feminismus“ ablehnen kann im Zweifelsfall nur jeder einzelne für sich beantworten, aber ich versuche mich mal an Erklärungsmodellen: Zum einen mag es daran liegen, dass der Begriff in der Öffentlichkeit negativ besetzt ist. „Feminismus“ klingt vielleicht für manchen zu sehr nach lila Latzhose und „Kampfemanze“, als dass er sich mit diesem Begriff identifizieren möchte. Gerade aus taktischen Gründen wird hier vielleicht ein Begriff bevorzugt, der nicht sofort auf Widerstand stößt. Ein anderer Grund mag in der Fokussierung auf Frauen liegen, die man als Mann vielleicht nicht mittragen will. Im Feminismus gibt es – ich denke darüber sind wir uns einig – durchaus Exklusionsmechanismen, an denen bei aller Übereinstimmung auf sachpolitischer Ebene eben nicht jeder teilhaben will. Hinzu kommt, dass mancher Mann sich mit seinen Belangen im Feminismus vielleicht nicht wiederfindet. Wenn ich als Mann die gesellschaftlichen Anforderungen, die aufgrund meines Geschlechts an mich gestellt werden hinterfrage, hat diese Frage für mich Priorität. Im Feminismus dagegen scheinen mir diese Fragen erst an zweiter oder dritter Stelle zu kommen, nach pay gap, Abtreibungsrecht und sonstiger Diskriminierung von Frauen. Ein dritter Grund mag darin liegen, dass manch einer in seinem persönlichen Umfeld bereits die Erfahrung macht, dass das Geschlecht in der Tat keine Rolle mehr spielt und deshalb – auch wenn er gegen Diskriminierung einsetzt – nicht mit einer Bewegung assoziiert werden will, deren einzige Kategorie eben das Geschlecht ist.

    Postpatriarchales Denken versus postpatriarchales Leben – guter Punkt. Ich behaupte, dass postpatriarchales Handeln darin besteht, Geschlecht (im weitesten Sinne) nicht mehr als gesellschaftiche Kategorie zu betrachten, keinen Unterschied zu machen zwischen Männern, Frauen, Transgendern und was es sonst noch geben mag. In einer sehr extremen (oder konsequenten?) Form mag das sogar bedeuten, bewusst auf sexuelle Kategorien zu verzichten und pansexuell und polyamourös zu leben.

    Dass eine Veränderung der Gesellschaft nur erreicht werden kann durch aktives Engagement will ich gar nicht abstreiten. Und ich sehe wir sind uns einig, dass allein eine Änderung der sozialen Realität der Frauen im Endeffekt zu kurz greift. Aber an genau diesem Punkt beginne ich eben wieder, mich am Begriff „Feminismus“ zu reiben. Auch wenn aus der feministischen Theorie heraus eine Erweiterung des Diskurses stattfindet, so geht es doch schwerpunktmäßig im Feminismus um Frauen. Vielleicht also sollten im Zuge der Erweiterung der Diskussion und der gesteigerten Sensibilität die Feministinnen dem Feminismus den verdienten Ehrenplatz auf dem Regalboden der Geistesgeschichte einräumen und sich der Entwicklung entsprechend in Gender-irgendwas oder Queer-irgendwas umbenennen – das löst dann auch das Exklusionsproblem.

  16. 10. Mai 2010 um 12:19

    […] Tags: Feminismus, gender, Politik, Sprache, Theorie, Wissenschaft Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer […]

  17. drei Hälften said,

    10. Mai 2010 um 12:21

    Lieber Ben, vielen Dank für deine inspirierenden Kommentare. Den Post vom Samstag werde ich in einem eigenen Artikel beantworten, denn da wird es noch mal grundsätzlich: Was ist eigentlich Feminismus? Für diesen Kommentar brauchst du aber auch noch einen Tee oder zwei, der ist ein bisschen ausgeartet…

    Zur Solidarisierung: Beim Beantworten der Kommentare von anderen in diesem Thread, habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Ablehnung des Begriffs ‚Feminist’ mit einer Entsolidarisierung einhergeht. Kein Feminist sein wollen bedeutet in dieser Lesart auch, die Anliegen des Feminismus insgesamt nicht ernst zu nehmen und infrage zu stellen. Zum Teil klangen die Kommentare nach beleidigtem: ‚ich bin doch kein Mädchen’, so dass die Geschlechterhierarchie auch auf dieser Ebene reproduziert wird.
    Die Außenwahrnehmung des Feminismus ist sicher ein Problem, aber gerade da erhoffe ich mir von stolzen Feministen ein bisschen Schützenhilfe, denn ihre Existenz zeigt am radikalsten, dass Feminismus mehr ist als A.S. und lila Latzhose. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, warum ich mich über die grünen Feministen so gefreut habe und der Ablehnung des Begriffs so stark widerspreche. Das meine ich auch mit Solidarisierung: sich als Feminist bezeichnen, um ein Zeichen zu setzen, ganz selbstlos für den Feminismus, um sichtbar zu machen, dass es wichtige Anliegen sind, die noch immer nicht erreicht sind.
    Deine eindeutige Positionierung als Sympathisant geht schon sehr in diese Richtung. Eine solche Markierung der eigenen Position, die sich dennoch in Differenz zum Feminismus sieht (wegen anderer Kernthemen), kann ich viel besser ertragen.

    Bleibt die Frage nach dem anderen Begriff. Ich bleibe bei meiner Skepsis gegenüber ‚post’-patriarchal, weil ich selbst nicht fähig bin, die Geschlechterdifferenz im Alltag zu abstrahieren. Es ist extrem relevant für mein Verhalten, welchen Geschlechts die Personen sind, denen ich begegne, und ich bin immer wieder erstaunt über meine Verunsicherung, wenn ich eine Person nicht eindeutig als Frau oder Mann zuordnen kann. Ich empfinde solche nicht-normalen Situationen generell als spannend, wie z.B. auch sich als monogame Hete in der Minderheit fühlen, denn sie helfen das sonst unsichtbare ‚Normale’ als gemacht und konventionell sichtbar werden zu lassen. Diese Beispiele zeigen jedoch auch, wie wichtig diese Zuordnungen im Alltag sind und ich kann mir (für mich) nicht vorstellen, aus diesem System rauszukommen. Deshalb stehe ich der Behauptung einiger, Geschlecht spiele in ihrem Alltag keine Rolle, extrem skeptisch gegenüber und frage mich, ob sie diese Bedeutungen vielleicht einfach nur nicht wahrnehmen, so wie junge Frauen, die strukturelle Benachteiligung abstreiten, bis sie selbst oder Menschen in ihrem Umfeld betroffen sind. Gleichzeitig glaube ich an die Pluralität des menschlichen Seins, insofern kann und will ich dir nicht absprechen, dass das für dich funktioniert.

    Queer und gender spielen jedoch in einer anderen Liga. Es sind hochkomplexe Begriffe aus der feministischen Theorie (vgl. Was ist eigentlich Feminismus?) und als solche mE nicht massentauglich. Sie setzen extreme Prämissen, denen viele nicht so einfach zustimmen können (und wollen). Es kann ein Ziel feministischen Engagements sein, die Abwehr gegen diese Begriffe abzubauen, aber sie als Grundlage zu setzen erscheint mir wenig realistisch. Wenn du dich statt Feminist ‚Genderdemokrat’ oder ‚Queertheoretiker’ nennst, schließe ich (als Feministin) daraus eine feministische Grundhaltung und denke, du seiest Feminist. Ist vielleicht eine Möglichkeit, Diskussionen aus dem Weg zu gehen, Männer könnten keine Feministen sein, und sich dennoch im Diskurs zu verorten. Die Begriffe sind aber zugleich auch konkreter als Feminist, denn du ordnest dich klar einer bestimmten Richtung zu. Das hat zumindest strategisch den Vorteil, sich klar von anderen Feminismen (Differenz, Radikal, was weiß ich) abzugrenzen. Bleibt nur die Frage, ob du tatsächlich mit gender oder queer als Label rumrennen willst. Ist mindestens genauso anstrengend wie ‚Feminist’. Vielleicht hast du Ruhe vor einigen, die nicht wissen, was das ist, und zugleich zu feige sind, nachzufragen. Aber mit allen anderen kannst du lustige Diskussionen über ihre Penisse oder Vaginen und die biologische Evidenz der Geschlechterdifferenz führen.

    Sich dem Feminismus auf diese Weise quasi bei- aber nicht unterzuordnen erscheint mir gerade sehr clever und ist ein Schritt in die Richtung, die Fokussierung auf Frauen zu unterwandern. Denn solange vor allem Frauen Feminist_innen sind, werden wohl ihre Interessen im Vordergrund stehen. Genauso wie die Interessen weißer mittelständischer Frauen im Vordergrund stehen, wenn sie feministische Diskurse dominieren. Es reicht aber nicht aus, Migrant_innen oder Arbeiter_innen aufzufordern, jetzt doch auch endlich mitzumachen, genauso wenig ist es zielführend, für diese Gruppen zu sprechen. Deshalb ist es schon eigenes weites Feld, wie vielfältige Perspektiven (von Frauen) in feministische Diskurse Eingang finden können. Jetzt ‚auch noch’ die Männer mit viel Kraftaufwand dazuzuholen, ist vielleicht tatsächlich kein zentrales Anliegen vieler Feminist_innen. Ähnlich wie in der Piratenpartei sind alle herzlich eingeladen sich zu beteiligen, aber das reicht manchmal eben nicht aus. Ich sehe jedoch einen eklatanten Unterschied zu diesen Analogien: männliche Interessen sind im feministischen Diskurs nicht zentral, aber anders als Migrant_innen, Arbeiter_innen und Pirat_innen, verfügen potentielle Feministen (wenn sie weiß und gebildet sind) außerhalb dieses Diskurses häufig über eine größere Diskursmacht. Es ist nicht die Frage, ob sie sich überhaupt äußern können und mit ihren Anliegen gehört werden. Das heißt nicht, dass die Interessen, die Feministen oder Genderdemokraten vertreten wollen, in den hegemonialen Diskursen ausreichend vertreten sind, wohl aber, dass ihre Chancen dort gehört zu werden, größer sind als die der anderen benannten Gruppen. Vielleicht halte ich es deshalb für vertretbar, ihnen ihre Integration selbst zu überlassen, aus einem wunderbar stereotypen Vertrauen darauf, dass ‚die Männer’ sich schon äußern und einbringen werden, wenn sie was beizutragen haben. Sicher ist da noch mehr Sensibilität gefragt: von beiden Seiten. Nicht alle potentiellen Feministen haben tatsächlich diese Voraussetzungen (Schüchternheit), aber zu einer feministischen Reflexion der eigenen Position gehört es auch, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und das eigene Verhalten entsprechend anzupassen.

  18. drei Hälften said,

    31. Mai 2010 um 09:39

    Eigentlich sind wir ja durch damit, aber gerade ist mir dieser Text von Ulrike Prattes über den Weg geschneit: Männlicher Feminismus?. Nach dem ersten Überfliegen denke ich, dass es eine ganz interessante und ausgewogene Analyse zu unserer Frage ist.

    via Reader Dafür haben wir jetzt aber keine Zeit

  19. 29. August 2010 um 18:10

    […] Diskussion geraten, ob sich ein Mann berechtigterweise als Feminist bezeichnen könne (online hier und hier). Meine bisherige Haltung dazu war – in aller Kürze wiedergegeben – dass diese […]


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