Lise war schon immer meine Favoritin

Der heutige Comic von xkcd ist einfach zu wahr und wunderbar motivierend. Neben Lise Meitner, Emmi Noether und Marie Curie gibt es zum Glück noch ein paar mehr Vorbilder, an die eine junge Wissenschaftlerin sich halten kann… Und nie vergessen: es zählt leider nicht nur die Leistung, die eine erbracht hat.

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Danke Missy!

Diese Woche habe ich die dradio Wissen Redaktionskonferenz vom 24.9.2010 mit Chris Köver von Missy als podcast gehört. Da hat sie viel erzählt, was für mich als treue Leserin wenig überraschend oder neu war. Aber geschenkt, denn ein Leseerlebnis der letzten Tage hat mir wieder deutlich vor Augen geführt, wie nötig ein solches Magazin noch immer ist und wie froh ich sein kann, solchen Schund einfach links liegen lassen zu können. Bezahlt habe ich für die zwei Ausgaben von life&style weekly nicht, die ich in der letzten Woche gelesen habe, denn sie waren in so Umsonst-Tütchen drin, die zum Semesterstart gern in Mensen verteilt werden. Neben Red Bull und Kopiergutscheinen also auch bisschen leichte Lektüre für die schlauen Köpfe. Sehr clever. Ich habe sie also mitgenommen, um mich mal so richtig schön aufzuregen. Habe ich auch getan und will jetzt nicht groß analysieren, sondern nur notieren, was mir als rosa Elefanten ins Auge gesprungen ist.

Das Heft besteht zum Großteil aus privaten Berichten über ‚unsere‘ Stars (meist Weiße aus den USA), auf einer unangenehm persönlichen und vertrauten Ebene. Für mich sind das Fremde, so viel wollte ich gar nicht wissen. Aber am schärfsten: sie enthalten etliche  gruselige Botschaften und Erwartungen, wie die Leserinnen (diese Zielgruppe wird spätestens im Horoskop ganz deutlich) und damit Frauen sind bzw. sein sollten:

  • Schlanksein als Lebensziel.
  • Deshalb ist Sport ein Muss, aber die Klamotten, die eine dabei trägt, sind hässlich.
  • Drogen machen kaputt, Mütter, die rauchen gehören an den Pranger.
    Da ist schon was dran, aber hier werden Drogen als Probleme der Frauen dargestellt und Väter, die rauchen, nicht denunziert. Außerdem wird pauschal behauptet, dass die Mütter es auf eine Weise tun, die ihre Kinder schädigt.
  • Gepflegt sein, sonst rennt der Partner davon.
  • ‚Irgendwie merken sie (die Partnerin und die Kinder), dass etwas nicht stimmt‘, wenn der Partner Krebs hat.
    Krasser könnten Frau und Kinder nicht infantilisiert werden. Keine_r von ihnen wird es nur ‚irgendwie‘ merken, dass der Vater und Ehemann eine wirklich gefährliche Krankheit hat. (Es wird darauf verwiesen, dass er stark geraucht hat. Aber eine Gefahr stellt das wohl nur für ihn selbst dar…).
  • Stets witzig, natürlich und eine aufopfernde Mutter sein, sonst ist der Ehemann enttäuscht.
  • Das größte Problem ist aber wohl Sex. Welch ein Skandal, wenn sie ihren Partner mit einer Frau betrügt oder auf SM steht oder er sie bei der Selbstbefriedigung erwischt.

Willkommen in einer wunderbar heteronormativen Welt, in der alles seinen Platz hat, oder ihn zugewiesen bekommt. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Eines leistet mein Ausflug in die untersten Etagen der Unterhaltung hervorragend: einmal alle potentiellen Defizite, die ich oder die Menschen in meiner Umgebung haben könnten, aufreihen und so richtig schön den Tag versauen.

Diese Blättchen fliegen in hohem Bogen in den Müll und ich freue mich wie wild auf die neue Missy (kommt am 15. November raus). Denn sie liefert schon auf der ersten Seite mehr Input und ich werde sie ganz bestimmt mit dem guten Gefühl schließen, wie toll ich doch bin. Außerdem werde ich von fantastische andere Menschen erfahren haben, die ich noch gar nicht kannte, und mich im Zug bei der Lektüre unglaublich wohl fühlen. Deshalb Danke Missy!

Was Väter wollen

Antje Schrupp analysiert das Problem, das sich aus weiblicher Perspektive angesichts der Forderung nach automatischem Sorgerecht lediger Väter stellt, sehr treffend und umfassend. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass der Umgang mit den Rechten und Pflichten von Vätern inzwischen reziprok zu sein scheint:

  • Sind sie gefragt, Verantwortung zu übernehmen, werden Regelungen, die vormals für uneheliche Kinder gegolten haben, auf eheliche übertragen (Unterhaltsrecht).
  • Wollen sie Rechte über das Kind erlangen, sollen Regelungen, die vormals nur für eheliche Kinder gegolten haben, auch auf uneheliche übertragen werden (Sorgerecht).

Auf diese Weise werden zwar die rechtlichen Bedingungen angeglichen, aber ist das wirklich im Interesse der Kinder? Und wo bleiben die Interessen der Mütter? Die sollten zumindest ebenso hoch eingeschätzt werden, wie die der Väter.

Brosamen für die Hebammen

Die Online-Petition war ein voller Erfolg, nach Ende der Zeichnungsfrist gibt es über 100.000 elektronische und mehr als 80.000 schriftliche Mitzeichnungen. Laut wikipedia ist sie damit die bisher erfolgreichste E-Petition beim Deutschen Bundestag. Doch was hilft es, wenn im Petitionsausschuss dann zwar alle Fraktionen die hohe Bedeutung der Arbeit der Hebammen betonen, das Gesundheitsministerium jedoch dennoch keinen Handlungsbedarf sieht. Was dabei rauskommt kann heute als freudige Botschaft in den Nachrichten bewundert werden: eine Schiedsstelle entscheidet über völlig unzureichende Erhöhungen der Vergütung einzelner Dienstleistungen. Das ist weder eine Lösung, die direkt auf das eigentliche Problem – die hohe Berufshaftpflichtversicherung – gerichtet ist, noch sind die Mittel auch nur annähernd ausreichend, um wenigstens die Symptome zu behandeln. Der Hebammenverband beklagt dieses Ergebnis offen. Aber wen interessiert das schon im Fußballtaumel, der sogar eine kritische Perspektive auf die Gesundheits-Re-reform verstellt?

Schaut mal … fromme Wünsche

Unter diesem Motto und mit einigen kritischen Kommentaren postet die denkwerkstatt einen leider sehr treffenden Comic zur Chancengleichheit von Männern und Frauen. Auch wenn das ganze zweigeschlechtlich aufgemacht ist, funktioniert der sicher auch mit allen anderen Abweichungen vom weißen, gesunden Mittelschichtsmann.

Elterngeld und Bildungsferne

Wie schnell die Kürzungen bei Hartz IV auch die ’normale‘ Bevölkerung treffen können, zeigt eine schon etwas ältere Meldung bei Zeit online. Die FDP schlussfolgert richtig: wenn Arbeitslose kein Elterngeld bekommen, wieso sollten es dann andere nicht Erwerbstätige, wie z.B. Hausfrauen oder -männer, Studierende usw., dann bekommen? Für dieses Statusgruppen geht es nicht um x Prozent von irgendwas, sondern um den mickrigen Sockelbetrag von 300 €. Rein ökonomisch und logisch mag das Argument stimmen, denn der Denkfehler ist bereits die Kürzung bei den Hartz IV-Empfänger_innen.

Ich frage mich aber, wie auf diese Weise das Ziel erreicht werden soll, mehr Akademiker_innen zum Gebären zu motivieren. Auch wenn darüber gestritten werden kann, ob das Studium die beste Zeit oder komplett ungeeignet ist, um Kinder zu bekommen, wirkt eine solche Reduzierung der Mittel, die studentischen Familien zur Verfügung stehen, sicherlich nicht förderlich auf die Gebärfreude der späteren Akademiker_innen. Und das bringt mich zu dem Punkt, der mich an der Elterngelddiskussion regelmäßig zur Weißglut treibt. Wieso sollen ‚wir Deutschen‘ und insbesondere Akademiker_innen eigentlich mehr Kinder bekommen?

  • Ist die Menschheit kurz davor auszusterben? Nein, sie belastet den gesamten Planeten allein durch ihre Masse, mal ganz abgesehen von all dem, was wir hier so tagtäglich anstellen.
  • Sind die Deutschen kurz davor auszusterben? Nein, schon gar nicht wenn die krude Blut-und-Boden-Ideologie mal aufgegeben wird.
  • Brauchen wir Kinder von Akademiker_innen, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können?

Das scheinen einige ja  zu glauben, aber auch da kommt von mir ein klares ‚Nein.‘ Wir brauchen diese Kinder nur so dringend, wenn davon ausgegangen wird, dass das Bildungssystem nicht zu ändern ist. Solange sie vielfach höhere Chancen haben, auf’s Gymnasium zu kommen, Abitur zu machen und zu studieren, stellt sich natürlich die brennende Frage, was wäre, wenn dieser Nachschub ausbliebe. Dann hieße es vielleicht tatsächlich mal: Butter bei die Fische und die Bildungschancen für alle verbessern.  Denn all jene, die aus den Statistiken schließen, Kinder von Akademiker_innen seien nun mal ‚genetisch bedingt‘ (oder warum auch immer) intelligenter, sollten einmal ihr Umfeld ansehen. Ich kann eine solche Korrelation in keinster Weise feststellen und frage mich auch, wer da Trugbildern über sich selbst aufsitzt.

Der Ausdruck ‚bildungsfern‘ ist mir zwar suspekt, aber ich nehme mehr und mehr wahr, dass und wie sich die persönliche Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen auf ihre Vorstellungen vom Leben und davon, was realistische und erstrebenswerte berufliche und private Perspektiven sind, auswirkt. Bildung heißt für mich umfassende menschliche, praktische und intellektuelle Bildung, die zu mündigem staatsbürgerlichen Handeln befähigt. Unsere Herkunft und persönliche Begabungen prägen uns. Aber sollte es nicht Aufgabe von Bildungsinstitutionen sein, diese Talente einerseits zu fördern und uns andererseits weitere Impulse zu geben, so dass unser Potential sich voll entfalten kann? Das heißt nicht nur Förderung für Leistungsschwächere oder Benachteiligte, sondern auch eine realistische  Perspektive auf Wert und Bedeutung verschiedenster Tätigkeiten. Und es heißt auch, Vorannahmen über Fähigkeiten von Kindern aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder anderer Merkmale zurückzustellen. Keine leichte Aufgabe, aber es lohnt sich sie zu bewältigen, denn es geht um die Zukunft einer neuen Generation.

Das ist natürlich ein utopisches Bild von Bildung und davon, wie mit der heranwachsenden Generation umgangen wird. Aber wo bliebe die Hoffnung ohne Utopien? Und mir wird immer klarer, dass so gut wie alle politischen Entscheidungen oder Blockaden, die mich ankotzen, letztlich eng zusammenhängen und eine Gesellschaft prägen, in der ich so nicht leben will.

Schaut mal … Neues von den Hebammen

… berichtet die Mädchenmannschaft.

Was ist Glück?

Leider kommt jetzt kein hochphilosophischer Beitrag, der versucht eine annähernd differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Wäre vielleicht wirklich mal nötig, da in den Kommentaren zum letzten Post klar geworden ist, dass Glück eine sehr individuelle Sache ist, die nicht mit einfachen Parametern gemessen werden kann. Aber ist es Glück, nicht vergewaltigt zu werden, wenn eine in letzter Minute einen Rückzieher macht? Diese Frage stellt Leonie sich im Mädchenblog zu Recht.

Im ersten Moment habe auch ich genau das gedacht: wow, das hätte schief gehen können. Und das zeigt, ich bin mitten drin in einer rape culture. Solche Situationen können sehr gewaltsam ausgehen – aber ‚Glück gehabt‘ impliziert, dass es nicht normal ist, dass ein solcher Rückzieher akzeptiert wird, sondern eher eine Ausnahme. Eine solche Reaktion, ob gedacht oder gesagt, lässt auf kein schönes Männerbild schließen. Als sei es ein Wunder, wenn eine Frau in ihrem Leben von  sexuellen Übergriffen verschont geblieben ist.

Aber das sollte es nicht sein. Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung sollten die default-Positionen sein, nicht die beständige Bedrohung. Genau das ist der Punkt: wann erfahren wir von einem solchen ‚Normalfall‘? Sehr selten. Welche Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, ruft schon jeden Morgen ihre Familie und Freund_innen an und meldet: „Alles gut, ich habe wieder eine Nacht ohne Vergewaltigung überstanden.“ Wohl kaum eine und das ist auch gut so. Denn diese Unversehrtheit ist die Normalität, die wir alle verdienen.

Ein ‚Glück gehabt‘ setzt jedoch die Vergewaltigung als (relativ) normale Folge einer unerwarteten Verweigerung. Wir dürfen das nicht als normal denken, weil es Männern pauschal eine Menge Mist unterstellt und die eigene Entscheidungsfähigkeit mindert. Ich stelle mir gerade junge Frauen vor, die es ’normal‘ fänden, wenn er in einer solchen Situation zur Gewalt greift, und deshalb keine Grenze ziehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr wollen. Rape culture ist insofern etwas, das nicht nur real passiert (siehe die Reaktionen auf Verhaftungen von Polanski und Kachelmann), sondern auch in unseren Köpfen herumspukt und einem gleichberechtigtes Miteinander entgegensteht.

Überraschung!

Tolle Agenturmeldung: Ehen sind glücklicher, wenn der Mann sich an der Hausarbeit beteiligt. Ich bin wirklich überrascht, auf die Idee wäre ich von allein nie gekommen. Ok. Ironie aus. Ein Blick in die Kommentare bei diestandard zeigt aber, dass es wohl doch nötig ist, so was durch Studien zu belegen. Schlimm genug, dass bisher nur die Aktivitäten von Frauen im Zentrum standen, wenn Ursachen von Ehe(un)glück untersucht worden sind. Das Schöne ist doch, dass es nicht auf eine allein ankommt, sondern  wir unser Glück gemeinsam schaffen.

Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky

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