Überall diese Haare V

Letztens der Titanic-Startcartoon über einen Herrn Walser. Sachdienliche Hinweise, die den Witz dabei erklären, muss ich leider schuldig bleiben. Aber darum geht es auch nicht. Spannend ist eher, wie hier Augenbrauen als identitätsstiftendes Merkmal gesetzt werden. An den Haaren hängt doch letztlich alles. Und ich frage mich auch, inwieweit Geschlecht hier eine Rolle spielt. Sieht die Frau wirklich am komischsten aus? Oder ist sie eher raus, weil das so ja gar nicht geht und die wuchernden Männer die Krone unter sich ausmachen?

Überall diese Haare IV

Die Reihe reißt nicht ab. Heute habe ich es endlich geschafft, den Bildband Haare von Herlinde Koelbl genauer anzusehen. Leider habe ich nicht nur diese Ausstellung verpasst, sondern auch die erste Überblicksausstellung über ihr Werk, die bis Anfang November im Martin-Gropius-Bau zu sehen gewesen ist.

Aber ich habe zum Glück mitdenkende Freundinnen, so dass mich wenigstens eine Postkarte mit diesem dynamischen Motiv erreicht und motiviert hat, nach der Künstlerin zu suchen. Dank des Begleitbandes zur Ausstellung Haare kann ich nun noch mehr spannende Bilder von Haut und Haaren bewundern.

Dieses Motiv mag ich besonders. Es ist so alltäglich, könnte in meiner Badewanne sein. Ein bisschen eklig und doch ästhetisch. Mit Haaren ist einfach so viel machbar. Was auch noch interessant ist: hier sind sie mal getrennt von der Haut, was sofort ihre Funktion verändert. Spannend.

Überall diese Haare III

Der Donnerstag war ‚haarfrei‘, aber am Freitag bei der Tagung Antike Geschichte, Archäologie, Öffentlichkeit ging es nicht mehr ohne. Patricia Rahemipour hat in ihrem Vortrag über Prähistorie im Film auf populäre Darstellungen von Neanderthalern verwiesen, die sich durch starke Behaarung auszeichnen und so dem Bild des ‚Wilden Mannes‘ angenähert sind, das als unzivilisiert und tiernah gilt. Ich frage mich nun, inwieweit besondere Behaarung auch in antiken Diskursen für einen Mangel an Zivilisation steht, und ob damit auch der  Status als Mensch infragegestellt wird.

Überall diese Haare II

Auch heute war ich vor Haaren nicht sicher. Bei der Arbeitgeberkontaktmesse für Geisteswissenschaftler_innen an der HU war auch ein Stand eines Marktforschungsdienstleisters. Im Gespräch ging es unter anderem um kulturelle Differenzen und auf welches Beispiel verwies der nette Vertreter des Unternehmens: auf ‚Haargesundheit‘. Beim Blickkontakt mit meiner Begleitung konnten wir uns beide ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Überall diese Haare I

Eigentlich sollte ich inzwischen ja mit dem Thema abgeschlossen haben, aber sie verfolgen mich weiter, diese Haare. Heute morgen höre ich nichtsahnend Radio eins und werde Zeugin einer interessanten Unterhaltung der Moderatoren des Schönen Morgens über ihre Brustbehaarung:

Den Herren Rupp und Azone war heiß, so heiß, dass sie sich entkleidet haben (eine Kollegin hat über Nacht die Heizung hochgedreht, die sich nun nicht mehr runterregeln lässt) und nun die Brustbehaarung des anderen begutachten können. Dabei fällt auf: der eine (Azone?) hat gar keine und ist damit zufriedne. Der andere (Rupp?) hat nur ein bisschen, das auch schon ein wenig ergraut ist, und findet das gar nicht gut.

„Entweder Dschungel oder Wüste, aber nicht Klimawandel.“

lautet der Kommentar zu diesem Missstand. Der Unbehaarte beobachtet aber ein einzelnes Haar zwischen seinen Schulterblättern und plant einen Rasta, falls sich dort jemals drei Haare einfinden sollten.

Das ist ein wahnsinnig spannender Dialog, den ich leider nur aus dem Gedächtnis zitieren kann. Brustbehaarung wird mit Männlichkeit assoziiert. Die graue Haarfarbe gilt als Alterskennzeichen und nicht so wirklich schick. Körperbehaarung ist zugleich sehr intim (sie ist sonst nicht zu sehen) und Ziel von Spott. Außerdem wird sie an einen aktuellen Diskurs (Klimawandel) angeknüpft und so die Relevanz beider Themen betont. Der Klimawandel ist diskursiv allgegenwärtig und dient hier als willkommene Metapher. Die Körperbehaarung kann eben auch an einen solchen aktuellen Diskurs angeknüpft werden und erlangt so Relevanz.