Elterngeld und Bildungsferne

Wie schnell die Kürzungen bei Hartz IV auch die ’normale‘ Bevölkerung treffen können, zeigt eine schon etwas ältere Meldung bei Zeit online. Die FDP schlussfolgert richtig: wenn Arbeitslose kein Elterngeld bekommen, wieso sollten es dann andere nicht Erwerbstätige, wie z.B. Hausfrauen oder -männer, Studierende usw., dann bekommen? Für dieses Statusgruppen geht es nicht um x Prozent von irgendwas, sondern um den mickrigen Sockelbetrag von 300 €. Rein ökonomisch und logisch mag das Argument stimmen, denn der Denkfehler ist bereits die Kürzung bei den Hartz IV-Empfänger_innen.

Ich frage mich aber, wie auf diese Weise das Ziel erreicht werden soll, mehr Akademiker_innen zum Gebären zu motivieren. Auch wenn darüber gestritten werden kann, ob das Studium die beste Zeit oder komplett ungeeignet ist, um Kinder zu bekommen, wirkt eine solche Reduzierung der Mittel, die studentischen Familien zur Verfügung stehen, sicherlich nicht förderlich auf die Gebärfreude der späteren Akademiker_innen. Und das bringt mich zu dem Punkt, der mich an der Elterngelddiskussion regelmäßig zur Weißglut treibt. Wieso sollen ‚wir Deutschen‘ und insbesondere Akademiker_innen eigentlich mehr Kinder bekommen?

  • Ist die Menschheit kurz davor auszusterben? Nein, sie belastet den gesamten Planeten allein durch ihre Masse, mal ganz abgesehen von all dem, was wir hier so tagtäglich anstellen.
  • Sind die Deutschen kurz davor auszusterben? Nein, schon gar nicht wenn die krude Blut-und-Boden-Ideologie mal aufgegeben wird.
  • Brauchen wir Kinder von Akademiker_innen, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können?

Das scheinen einige ja  zu glauben, aber auch da kommt von mir ein klares ‚Nein.‘ Wir brauchen diese Kinder nur so dringend, wenn davon ausgegangen wird, dass das Bildungssystem nicht zu ändern ist. Solange sie vielfach höhere Chancen haben, auf’s Gymnasium zu kommen, Abitur zu machen und zu studieren, stellt sich natürlich die brennende Frage, was wäre, wenn dieser Nachschub ausbliebe. Dann hieße es vielleicht tatsächlich mal: Butter bei die Fische und die Bildungschancen für alle verbessern.  Denn all jene, die aus den Statistiken schließen, Kinder von Akademiker_innen seien nun mal ‚genetisch bedingt‘ (oder warum auch immer) intelligenter, sollten einmal ihr Umfeld ansehen. Ich kann eine solche Korrelation in keinster Weise feststellen und frage mich auch, wer da Trugbildern über sich selbst aufsitzt.

Der Ausdruck ‚bildungsfern‘ ist mir zwar suspekt, aber ich nehme mehr und mehr wahr, dass und wie sich die persönliche Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen auf ihre Vorstellungen vom Leben und davon, was realistische und erstrebenswerte berufliche und private Perspektiven sind, auswirkt. Bildung heißt für mich umfassende menschliche, praktische und intellektuelle Bildung, die zu mündigem staatsbürgerlichen Handeln befähigt. Unsere Herkunft und persönliche Begabungen prägen uns. Aber sollte es nicht Aufgabe von Bildungsinstitutionen sein, diese Talente einerseits zu fördern und uns andererseits weitere Impulse zu geben, so dass unser Potential sich voll entfalten kann? Das heißt nicht nur Förderung für Leistungsschwächere oder Benachteiligte, sondern auch eine realistische  Perspektive auf Wert und Bedeutung verschiedenster Tätigkeiten. Und es heißt auch, Vorannahmen über Fähigkeiten von Kindern aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder anderer Merkmale zurückzustellen. Keine leichte Aufgabe, aber es lohnt sich sie zu bewältigen, denn es geht um die Zukunft einer neuen Generation.

Das ist natürlich ein utopisches Bild von Bildung und davon, wie mit der heranwachsenden Generation umgangen wird. Aber wo bliebe die Hoffnung ohne Utopien? Und mir wird immer klarer, dass so gut wie alle politischen Entscheidungen oder Blockaden, die mich ankotzen, letztlich eng zusammenhängen und eine Gesellschaft prägen, in der ich so nicht leben will.

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Schaut mal … Krisendemos

Meine Berliner Aktivitäten werden mich am Samstag auch zur Krisendemo treiben: Unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ ruft ein breites Bündnis aber nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Stuttgart. Und das wird sogar in der Stimme berichtet, ich bin verblüfft. Dort ist es natürlich ein Aufruf des DGB – die anderen außerparlamentarischen und parteipolitischen Bündnispartner_innen sind wohl nicht der Rede wert. Ich hoffe die Sparvorschläge dieser Woche haben wenigstens ein Gutes und mobilisieren, so dass der notwendige Widerstand auf der Straße sichtbar wird.

Schaut mal … Neues von den Hebammen

… berichtet die Mädchenmannschaft.

Seit Donnerstag sind wir alle Potsdamerinnen

Ich mag zwar keinen Fußball, aber durch Kulturkontakte komme ich doch immer wieder mit dem Thema in Berührung. So auch letzten Donnerstag, als Turbine Potsdam die Champions Leage gewonnen hat. Das hat mich nicht weiter berührt, während des Elfmeterschießens bin ich seelig eingeschlafen. Aber heute muss ich doch was darüber schreiben, inspiriert durch den gestrigen BILD-Titel. Tja, so einfach werde ich keine Bayerin, aber Potsdamerin bin ich schon lange. 😀

Schaut mal … er hat tatsächlich mal eine Gute Idee

Gestern habe ich mir ein rotes Kreuz im Kalender gemacht. Es ist etwas passiert, das so schnell sicher nicht wieder kommt. Ich habe den Eindruck, dass Wolfgang Schäuble tatsächlich mal eine gute Idee hatte. So kommt es zumindest in der taz rüber. Ob er sie auch umsetzen kann, wird abzuwarten bleiben. Im Verteidigungshaushalt soll mit Abstand am meisten gespart werden, der Verkehr ist das zweitgrößte ‚Opfer‘ seiner Vorschläge. Ich befürchte ja, hier werden hohe Forderungen aufgestellt, um überhaupt etwas zu erreichen, denn die entsprechenden Lobbys werden schon gute Arbeit leisten. Aber allein für die Idee bin ich gerade sehr dankbar. Denn das zeigt, dass es andere Bereiche als Bildung und Soziales gibt, in denen gespart werden kann.

Ich weiß auch, dass er beim Elterngeld Sparpotential sieht, aber die „Verlängerung der Vätermonate“, die Schröder momentan plant, ist für mich keine heilige Kuh, sondern eher ein reaktionärer Versuch, bestimmte Schichten noch mehr zu fördern und andere ganz auf der Strecke zu lassen. Ich versuche gerade, mir den ‚Sparzwang‘ schön zu reden, aber das klappt nicht wirklich so recht – gut so, denn was wäre ich ohne kritische Haltung.

Was ist Glück?

Leider kommt jetzt kein hochphilosophischer Beitrag, der versucht eine annähernd differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Wäre vielleicht wirklich mal nötig, da in den Kommentaren zum letzten Post klar geworden ist, dass Glück eine sehr individuelle Sache ist, die nicht mit einfachen Parametern gemessen werden kann. Aber ist es Glück, nicht vergewaltigt zu werden, wenn eine in letzter Minute einen Rückzieher macht? Diese Frage stellt Leonie sich im Mädchenblog zu Recht.

Im ersten Moment habe auch ich genau das gedacht: wow, das hätte schief gehen können. Und das zeigt, ich bin mitten drin in einer rape culture. Solche Situationen können sehr gewaltsam ausgehen – aber ‚Glück gehabt‘ impliziert, dass es nicht normal ist, dass ein solcher Rückzieher akzeptiert wird, sondern eher eine Ausnahme. Eine solche Reaktion, ob gedacht oder gesagt, lässt auf kein schönes Männerbild schließen. Als sei es ein Wunder, wenn eine Frau in ihrem Leben von  sexuellen Übergriffen verschont geblieben ist.

Aber das sollte es nicht sein. Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung sollten die default-Positionen sein, nicht die beständige Bedrohung. Genau das ist der Punkt: wann erfahren wir von einem solchen ‚Normalfall‘? Sehr selten. Welche Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, ruft schon jeden Morgen ihre Familie und Freund_innen an und meldet: „Alles gut, ich habe wieder eine Nacht ohne Vergewaltigung überstanden.“ Wohl kaum eine und das ist auch gut so. Denn diese Unversehrtheit ist die Normalität, die wir alle verdienen.

Ein ‚Glück gehabt‘ setzt jedoch die Vergewaltigung als (relativ) normale Folge einer unerwarteten Verweigerung. Wir dürfen das nicht als normal denken, weil es Männern pauschal eine Menge Mist unterstellt und die eigene Entscheidungsfähigkeit mindert. Ich stelle mir gerade junge Frauen vor, die es ’normal‘ fänden, wenn er in einer solchen Situation zur Gewalt greift, und deshalb keine Grenze ziehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr wollen. Rape culture ist insofern etwas, das nicht nur real passiert (siehe die Reaktionen auf Verhaftungen von Polanski und Kachelmann), sondern auch in unseren Köpfen herumspukt und einem gleichberechtigtes Miteinander entgegensteht.

Überraschung!

Tolle Agenturmeldung: Ehen sind glücklicher, wenn der Mann sich an der Hausarbeit beteiligt. Ich bin wirklich überrascht, auf die Idee wäre ich von allein nie gekommen. Ok. Ironie aus. Ein Blick in die Kommentare bei diestandard zeigt aber, dass es wohl doch nötig ist, so was durch Studien zu belegen. Schlimm genug, dass bisher nur die Aktivitäten von Frauen im Zentrum standen, wenn Ursachen von Ehe(un)glück untersucht worden sind. Das Schöne ist doch, dass es nicht auf eine allein ankommt, sondern  wir unser Glück gemeinsam schaffen.

Provinz-Aufruhr

Wenn ich länger am Stück hier in der Provinz bin, sammeln sich Kuriositäten und Mist an, die ich irgendwie loswerden muss. Ganz aufregend war ein Plakat von Kirchengegnern, das in der letzten Woche auch in unserem schönen Städtchen gesichtet worden ist. Das ist schon einen kleinen Bericht wert, schließlich kann das nicht so einfach stehen gelassen werden. Und siehe da: schon am Tag nach der Meldung war das Plakat überklebt: mit Werbung für die Diakonie. Eine Schelmin, die dabei böses denkt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich skandalöser finde: eine Sekte (wenn es denn stimmt), die die aktuelle Debatte, die nicht nur die katholische Kirche betrifft, so für die eigenen Interessen missbraucht, oder eine Öffentlichkeit, die eine solche Aufforderung nicht ertragen kann.

Ein Aufreger – aber mehr für mich- war das Echo-Lot in der Wochenzeitung Echo am letzten Mittwoch. Da wird in einer Stadt, die fussballerisch nüscht zu bieten hat, nach dem Abstieg von Hertha BSC ein neuer Spruch für die Hauptstadtvermarktung vorgeschlagen:

Wir können alles. Außer sparen und Fußball spielen.

Das mit dem Fußball kratzt mich weniger, aber in Berlin gibt es immerhin auch einen Aufsteiger – Union -, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Aber das mit dem Sparen wird hier im Ländle auf sehr merkwürdige Weise verstanden. Ich lebe in einer Stadt,

  • deren öffentliche Stadtbibliothek bestenfalls doppelt so groß ist wie Stadtteilbibliotheken in Potsdam, das größenmäßig durchaus vergleichbar ist.
  • in der überlegt wird, die Außenstellen in den Stadtteilen über den Sommer zu schließen, da das Geld für den einen Öffnungstag, den es sonst in der Woche gibt, eingespart werden muss. Zum Vergleich: In Potsdam sind sie an 5 Tagen in der Woche geöffnet.
  • in der das nur abgewendet werden kann, indem die Hauptstelle samstags früher schließen wird.
  • in der die Bibliothek der Hochschule Heilbronn Technik – Wirtschaft – Informatik bei der Literaturbeschaffung und -pflege neben dem Erwerbungsprofil, das auf die vertretenen Fachbereiche begrenzt ist, folgende Regeln zu beachten hat
    • es sollen keine Archive angelegt werden (nur Literatur für die aktuelle Lehre),
    • die Literatur muss aktuell sein, veraltete Sachen werden weggeworfen.

Diese drei beliebigen Beispiele aus dem gleichen Sektor – Bildung und Literatur – zeigen, was hier sparen heißt: Schmalspur reicht. Nicht nur in der öffentlichen Bibliothek, die eine breite Bildung vor allem auch für jene bietet, die gerade keine Hochschule von innen sehen. Sondern auch bei der Ausbildung des Wirtschafts- und Techniknachwuchses: es erscheint wichtig, die Scheuklappen früh anzulegen, damit nichts die Ausrichtung auf Verwertbarkeit bedroht.

Eine Stadt wie Heilbronn ist nicht mit Berlin zu vergleichen, aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung statt solcher unsachlicher und billiger Ausbrüche mehr als angebracht. Vor allem auch, weil gern verkannt wird, wo auch in Berlin gespart wird und wer diese Last letztlich schultert: die Berliner_innen, allen voran die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die ja auch Teil der Bevölkerung sind. Von weitem mit Dreck auf die Hauptstadt zu werfen, fühlt sich vielleicht am provinziellen Stammtisch gut an, aber in einer Zeitung hat  das nichts zu suchen.

Und dann noch ein ganz komisches Erlebnis: aus der provinziellen Perspektive erscheint die Hauptstadt manchmal auch wie ein Ideal, das sie lange nicht ist. Ich war mal über die frühen Schließzeiten des Weihnachtsmarktes hier schockiert, etwas ähnliches ist mir im April in Berlin passiert. Am Donnerstag nach der Zeitumstellung beim Bummeln auf dem Kuhdamm: es war gerade noch hell, das Zeitgefühl spielt noch nicht so recht mit und auf einmal ist es acht. Und wer jetzt glaubt, die Geschäfte hätten dort doch sicher länger auf, täuscht sich gewaltig. Ich fühlte mich wie in der Provinz und konnte es kaum fassen. Es ist interessant, wie unsere Wünsche über die Entfernung stärker projiziert werden, und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen mit der ‚Realität‘ abzugleichen.

Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky

Was ist eigentlich Feminismus?

Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer könnten keine Feministen sein:

Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung.

Eine interessante Argumentation, der ich dennoch widersprechen möchte. Feminismus ist historisch zunächst eine Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung, die das Ziel der Emanzipation der Frauen verfolgt. So weit, so richtig. Ich würde mich auch nicht an irgendwelchen Etymologien aufhalten. Der Schluss ist mE dennoch falsch bzw. nicht zwingend.

Ein Mann kann sich in dieser Terminologie nicht von der Frauenrolle emanzipieren. Richtig. Es könnte aber emanzipierte Männer geben, die sich von der traditionellen Männerrolle emanzipieren. Eine Emanzipation der Männer ist also durchaus vorstellbar. Das führt direkt zu der Frage, über die wir die ganze Zeit diskutieren: ist der Feminismus in der Lage, den theoretischen Überbau für diese Bewegung zu liefern?

Bevor ich darauf antworte, noch mal zurück zur Argumentation gegen ‚Feministen’. Ich halte es für vermessen, die Erweiterung der Frauen- auf die Geschlechterforschung allein Judith Butler zuzuschreiben und sie zugleich von der feministischen Theorie abzukoppeln. Butler ist mE zentraler Bestandteil feministischer Theorie: die soziale und biologische Konstruktion von Geschlecht ist Basis eines differenzierten und interdependenten gender-Begriffs, der es ermöglicht auch Differenzen jenseits der Geschlechtergrenzen einzubeziehen. Ich habe das Gefühl auf ein neues Wespennest gestoßen zu sein, wenn ich versuche, das Verhältnis von Feminismus, gender und queer zu definieren. Ich möchte an dieser Stelle keine Hierarchien aufmachen. Beide Begriffe basieren auf der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und für mich war bisher immer klar, dass sie dazu gehören. Aber es ist vielleicht auch möglich, dass anders zu sehen.

Wenn, so wie ich es voraussetze, gender Teil feministischer Theorie ist und einen geeigneten Zugang darstellt, um traditionelle Konzepte von Geschlecht zu hinterfragen und zu durchbrechen, dann sind feministische Theorie und Feminismus ein sehr geeigneter Überbau für eine ‚Emanzipation des Mannes’. Ich bin mir bewusst, dass ich für diesen Schluss eine Menge Vorannahmen treffe, aber ich bin froh, sie einmal ausformuliert zu haben, denn für mich gehört das alles letztlich zusammen. Mein Feminismus ist durch die gender-Theorie geprägt und insofern ist mir nun klarer, warum ich nicht verstehen konnte, wieso einige es ablehnen, sich Feminist zu nennen, obwohl sie es für mich offensichtlich sind.

Letztlich gehe ich also von einer Weiterentwicklung des Feminismus aus, der mal als Theorie der Emanzipation ‚der Frau‘ begonnen hat, inzwischen aber sehr viel mehr umfasst. Als Historikerin finde ich eher solche Entwicklungen spannend, als Vergangenes zu benennen und zu katalogisieren, um es vom Heute zu unterscheiden. Begriffe und Theorien entwickeln sich weiter, ohne dass sie beständig umfirmieren müssen. Das hat auch strategische Vorteile, denn Feminismus ist als Begriff wunderbar politisiert, so dass die Bezeichnung als Feminist_in eine politische Praxis und ein kulturell verständliches Zeichen ist.

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