Von Ekel und Eros

Auch kürzere Fahrten können mich zu interessanten Ausstellungen führen.  So geschehen am letzten Freitag, da habe ich in Tübingen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Ausstellung KörperWissen – Erkenntnis zwischen Eros und Ekel im MUT besucht und den wirklich sehenswerten Weihnachtsmarkt erkundet.

Die archäologischen Sammlungen des Museums der Universität Tübingen befinden sich im Schloss Hohentübingen. Vor den geistigen Höhen habe ich also im Dauernieselregen zunächst einen ganz irdischen Berg erklommen und mir dann die Fundstücke der prähistorischen und klassischen Archäologie zu Gemüte geführt.

Erst in der Abgusssammlung geht es dann wirklich um Körper. Neben den Abgüssen berühmter Kunstwerke der griechisch-römischen Antike, die sich auch sonst in diesem Saal finden, stehen noch bis Ende Januar Exponate aus anderen Zeiten und Räumen, die sich mit dem Wissen über den Körper beschäftigen.

Ich finde, dies ist eine sehr gelungene Kombination, die die Körperzentriertheit verschiedener Kulturen aufzeigt und so auf die Vielfalt möglicher Körperverhältnisse verweist. Es ist keine große Schau und im Vergleich mit dem Hygiene-Museum in Dresden gibt es auch wenige ’neue‘ Erkenntnisse für mich.

Aber gerade in der Kürze und Überschaubarkeit liegt eine Stärke der Präsentation. Den einzelnen Gruppen von Exponaten ist eine kleine Tafel beigesellt, in der die einzelnen Aspekte kurz vorgestellt werden. Trotz der Kürze und des populären Umfeldes sind sie (fast) alle extrem gut gelungen und reflektieren wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher und prägnanter Sprache. Eine Ausstellung, in der ich mich nicht ärgern musste und einige mythische Inspirationen entdecken konnte.

Im Anschluss bin ich noch kurz in die völkerkundliche Abteilung rübergehuscht. Auch sie ist klein, aber fein. Die Konzentration auf nicht-europäische Kulturen ist mir weniger negativ aufgestoßen als im Ethnologischen Museum in Dahlem, das mehr Platz hat und so den verschiedensten Kulturen breiten Raum bietet. Die ständige Ausstellung in Tübingen präsentiert nur einige sehr begrenzte Schlaglichter und keine umfassende ‚Weltreise‘. Besonders interessant fand ich den Raum zu den Shipibo, die Frauen sind wahre Künstlerinnen und die Lebensweise sehr interessant.

Ein wahrlich Großer

Meine letzte lange Zugfahrt habe ich nachmittags in Mannheim unterbrochen, um mir die Alexander-der-Große-Ausstellung im REM zu Gemüte zu führen. Weil ich bei Homer an einem Gewinnspiel teilgenommen habe, bin ich postalisch über diese neue Ausstellung informiert worden und hatte es mir entsprechend schon länger vorgenommen, mal wieder in Mannheim ein Päuschen einzulegen.

Und sie hat mir richtig gut gefallen. Eine gelungene Mischung von Bildzeugnissen, Texten und anderen Formen der Illustration – Multimedia im Wortsinne. Immer wieder gibt es Animationen, die den Verlauf des Eroberungszuges oder die Gestalt Babylons oder das Aussehen eines Tempels rekonstruieren und durch die bewegten Bilder eine klarere Vorstellung davon schaffen, worum es eigentlich geht, als das Statuen und Vasen allein vermögen. Aber auch solch echte Objekte und einige Nachbildungen zum Anfassen fehlen nicht, so dass eine gewisse Authentizität erreicht wird.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie weit Alexanders Heer tatsächlich gekommen ist und wie die traditionellen Kulturen damit umgegangen sind. Es ist wichtig, die zeitgenössischen, griechischen Vorstellungen, was ein Perser ist, zu reflektieren.

Und schließlich ist es faszinierend, das auch bei dieser Figur die Haare eine entscheidende Rolle spielen: die Löwenmähne wird heute wie damals als Zeichen von Mut und Männlichkeit interpretiert und mit dem bartlosen Kinn kontrastiert, dass die Jugend des Feldherrn unterstreiche.

Überall diese Haare III

Der Donnerstag war ‚haarfrei‘, aber am Freitag bei der Tagung Antike Geschichte, Archäologie, Öffentlichkeit ging es nicht mehr ohne. Patricia Rahemipour hat in ihrem Vortrag über Prähistorie im Film auf populäre Darstellungen von Neanderthalern verwiesen, die sich durch starke Behaarung auszeichnen und so dem Bild des ‚Wilden Mannes‘ angenähert sind, das als unzivilisiert und tiernah gilt. Ich frage mich nun, inwieweit besondere Behaarung auch in antiken Diskursen für einen Mangel an Zivilisation steht, und ob damit auch der  Status als Mensch infragegestellt wird.

Ausstellung, die zweite

In der Zeit zwischen Abgabe der Magistraarbeit und den Prüfungen bin ich noch ein zweites Mal ganz kulturell gewesen: kurz bevor die Wanderausstellung 100000 Jahre Sex Heilbronn verlassen hat, habe ich sie mir an einem Freitag im Juni angesehen. Sie ist größer als Bunte Götter, aber da ich bei diesem Thema besser bewandert bin, habe ich diesmal inhaltliche Kritik.

Der Rundgang beginnt mit einer rekonstruierten Darstellung von nackten ‚Urzeitmenschen‘ oder ‚Neandertalern‘ (wie kann ich die eigentlich korrekt benennen?) in Lebensgröße. Daneben ein kurzer erklärender Text, mit diesen bahnbrechenden Informationen: „Kleidung spielt in der Sexualität nämlich eine viel größere Rolle, als oft vermutet wird. Das Bedecken der Geschlechtsteile ist ein Ausdruck von Schamgefühlen vor dem anderen Geschlecht.“ Die Möglichkeit, dass Kleidung vor allem dem Schutz vor widrigen Umweltbedingungen gedient haben könnte, wird zwar davor benannt, aber auf diese Weise deutlich an den Rand gedrängt. Es geht schließlich immer um Sex, genauer gesagt um Sex zwischen Männern und Frauen. Er erscheint nicht nur hier als Triebfeder aller menschlichen Entwicklung, diese Art der Darstellung wird durch die gesamte Ausstellung hindurch aufrecht erhalten. Wären nicht Griechenland (ganz kurz) und Rom, in denen homoerotische Praktiken Bestandteil vieler Diskurse sind, könnten Abweichungen von der normalisierten Heterosexualität komplett ausgeblendet werden.

Ein weiteres Lieblingsthema kann auch hier nicht ausgelassen werden: Fruchtbarkeit.  Ich muss leider nochmal auf eine Archäologenbinsenweisheit hinweisen: Wenn die Funktion eines Artefakts unklar ist, bezieht es sich entweder auf Fruchtbarkeit oder dient astronomischen Zwecken. Denn im nächsten Raum der Ausstellung folgen ‚Venusfiguren’, die zum Glück „Frauenfiguren“ genannt worden sind. Aber bei einigen ist da für die ‚Frau’ schon ziemlich viel interpretiert worden. Die sahen so ähnlich aus wie diese – vielleicht sind es sogar die selben, denn sie waren auch aus Nebra. Am besten hat mir aber der „prähistorische Minirock“ gefallen, der von den Archäologen als Bekleidung einer Tänzerin bei einem Fruchtbarkeitskult interpretiert wird. In der Medienecke gab es ein Video mit Rekonstruktionen, u.a. tanzt eine junge Frau in einer Nachbildung dieses Kleidungsstücks. Das „Röckchen von Egtved“ ist ein kurzer, durchscheinender Rock und steht wohlmöglich in kultischem Zusammenhang. Ok. Aber warum Fruchtbarkeit und woher kommt die Assoziation des Tanzens? Eine solche Interpretation ist möglich, sollte aber als das dargestellt werden, was sie ist, und nicht als wissenschaftliche Wahrheit daherkommen, wie die Formulierungen in der Ausstellung suggerieren.

Bei dieser prallen Weiblichkeit kann es natürlich nicht bleiben, schon einige zehntausend Jahre später treten Phalloi auf den Plan. In allen Formen dominieren sie die Ausstellung ab diesem Punkt bis hinein ins antike Rom. Einige sind als Anhänger gefasst und erinnern mich stark an ein Posthorn. Die Verschiebung der Konzentration auf den Phallos spiegelt sich auch in der Darstellung der Sexualität in Rom: „In der Familie stellten dazu nicht selten Sklavinnen Überdruckventile für sexuelle Triebe dar.“ Wieder heteronormativ gedacht und allein auf Männer als sexuell Aktive ausgerichtet, reproduziert diese Formulierung vor allem moderne Vorstellungen von Sexualität. Männer wollen und können immer, dadurch entsteht ihnen Druck, der abgelassen werden muss. Da schaudert’s mich nur noch.

Der Übergang zum Mittelalter ist echt gut gemacht. In einem leeren Raum befindet sich ein auf den Boden geklebtes Spiel: in 30 Fragen zum Sex nach den Regeln der frühmittelalterlichen Bußbücher. Ich habe eine ähnliche Aufstellung* bei den Recherchen für eine Hausarbeit gefunden. Da bin ich (gerade) noch nicht verheiratet gewesen und bin deshalb schon nach der ersten Frage ausgeschieden: Sind Sie verheiratet? – Nein.  → Stopp, Sünde! Und so geht es lustig weiter: Sex nur mit der eigenen Ehefrau oder dem eigenen Ehemann, nicht während der Fastenzeit, nicht an bestimmten Wochentagen usw. usw. Aber das wichtigste kommt zum Schluss: natürlich nur zum Zweck der Fortpflanzung und möglichst ohne Spaß dabei zu haben. Diese Bußbücher, die christliche Mönche ab dem 5. Jahrhundert n.Chr. verfasst haben, sind wirklich eine Fundgrube. Wer sich an diese Regeln hält, hat eine der besten Verhütungsmethoden überhaupt zur Hand: Enthaltsamkeit. Soll ja in den USA bestens funktionieren.

In der Ausstellung wird im Anschluss leider der Eindruck erweckt, diese normativen Texte seien direkte Zeugnisse über sexuelles Verhalten ‚im Mittelalter’. Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Im Anschluss ist die Rede von einer Lockerung der Sitten, bis im 19. Jahrhundert mit Bürgertum, Biedermeier und Queen Victoria die Unterdrückung der Sexualität Einzug halte, die seit den 1960ern und 1970ern aufgehoben sei. Da hatte ich den Eindruck, Foucault, seine französischen Kollegen und alle, die ihm in ihren Forschungen folgen, wären an den Macher_innen der Ausstellung spurlos vorüber gegangen. Schade.

Den Rest der Ausstellung habe ich als lustiges Potpourri wahrgenommen, aber inwieweit da alles so wirklich hinkommt, wage ich zu bezweifeln. Gut gefallen hat mir die Aufnahme von Sheela-na-gigs, Darstellungen von geöffneten Vaginen, die in mittelalterlichen irischen und schottischen Kirchenportalen zu finden sind. Sie sind, entgegen früherer Vermutungen, keine Überreste heidnischer Kulte, die unbeabsichtigt oder als subversive Unterwanderung des Christentums eingebaut worden sind, sondern extra für die neu erbauten Kirchen und ihre Portale angefertigt worden.

Ein Ärgernis bleibt aber die Fotoausstellung, die als Beitrag von 2008 angekündigt gewesen ist. Es handelt sich um weibliche Akte, sie sind zum Teil gefesselt und / oder in eine undurchsichtige Flüssigkeit getaucht. Die Fotos sind meiner Ansicht nach hochwertig und für sich betrachtet sicherlich Kunst, aber zur Illustration von Sex im Jahre 2008 doch irgendwie ungeeignet. Auf diese Weise wird Sexualität als auf Frauen gerichtet dargestellt. Die Körper der Frauen sind nackt, während der Betrachter im Museum angezogen bleibt. Diese nackten Körper werden von den Macher_innen der Ausstellung wohl mit Sexualität assoziiert. Im Kaleidoskop der verschiedenen dargestellten Umgangsweisen mit Sexualität erscheint das ‚heute’ auf diese Weise merkwürdig eindimensional, heteronormativ und sexistisch.

*hier: Brundage, James A.: Law, Sex, and Christian Society in Medieval Europe, Chicago – London 1987, S. 162

Sheela-na-gigs

Bunte Götter in Kassel

Es ist zwar schon eine ganze Weile her und die Ausstellung hat ihre Pforten schon lange endgültig geschlossen, aber ich möchte nun doch noch einer Fahrt von Berlin nach Heilbronn berichten, bei der ich in Kassel ausgestiegen bin, um die Ausstellung Bunte Götter anzusehen, die von März bis Anfang Juni im Kasseler Schloss Wilhelmshöh zu sehen gewesen ist. Eigentlich hatte ich das Ende bereits verpasst und mich damit abgefunden, erst mal keinen Anlass zu haben, in Kassel auszusteigen und mir die Stadt einmal anzusehen. Zugleich hat es mich aber gewurmt, denn es sollte eine Belohnung für die Abgabe der Magistraarbeit sein (ja, damals!). Also habe ich noch mal ins Netz geschaut und siehe da, die Ausstellung war um ein paar Tage verlängert worden, so dass ich doch noch die Chance hatte.

Also bin ich Freitag früh losgefahren und in Kassel aus dem ICE ausgestiegen. Wie der Bahnhof schon versprach, keine besonders anheimelnde Stadt. Ich fühlte ich ein wenig an Heilbronn erinnert – eine alte Kirche und ansonsten mehr oder weniger hübsche Neubauten. In der Information am Bahnhof war mir das auch so angekündigt worden, so dass ich mich ganz auf den Aufstieg zur Wilhelmshöh und den Museumsbesuch konzentriert habe.

Steil bergan geht es zum Schloss und noch weiter durch einen wunderbaren Park bis zur Herkulesstatue auf einem Oktagon. Bis zum Herkules habe ich es nicht geschafft, aber einer der Säle des Museums ist der Gestaltung des Parks und seiner Geschichte gewidmet. Ansonsten hänge da noch die Alten Meister. Der Rembrandt-Saal hat mir wider Erwarten gut gefallen und ein Stillleben hat mich so fasziniert, dass ich einen Ausschnitt als Postkarte erworben habe.

Ich schreibe so viel über das Rundherum, weil die Ausstellung Bunte Götter zwar interessant, aber alles in allem doch weniger ausführlich und spektakulär war, als ich erwartet hatte. Die antiken Statuen, die wir vor allem als Gipsabgüsse kennen und deshalb mit weißer Farbe assoziieren, sind bunt bemalt gewesen. Hautfarbe, Haare, Kleidung sind aufwendig dargestellt worden. Die Gegenüberstellung von weißem Gipsabguss und bunter Rekonstruktion einzelner Statuen hat mir den großen Einfluss, den Farbigkeit auf die Wahrnehmung der Skulpturen hat, deutlich vor Augen geführt. Die Rekonstruktionen basieren auf physikalischen Untersuchungen der Originale, die Farben und Muster erkennen helfen. Jede stellt aber dennoch eine Interpretation dar, wie sich auch in der Reihung verschiedener möglicher Rekonstruktionen der gleichen Statue zeigt. Eine wissenschaftlich exakte und eindeutige Rekonstruktion ist wohl nicht möglich, es erscheint mir aber für die Lai_in weniger relevant, wie die Skulpturen genau aussahen. Die Tatsache ihrer Farbigkeit und die Musterung sind belegt, der Rest liegt und lag im Ermessen der Künstler_innen.

Schaut mal … Lysistrate lebt!

In Kenia haben die Frauen sich offensichtlich von Aristophanes‘ Plot inspirieren lassen und  sind Ende April für eine Woche in den Sexstreik getreten, um die Männer dazu zu bewegen,  die Querelen innerhalb des Landes beizulegen. Athener und Spartaner haben sich in der Komödie relativ leicht beeindrucken lassen und schnell Frieden geschlossen, um wieder Zugang zu ihren Frauen zu erhalten. In Kenia ist das Prozessieren wohl noch beliebter als in Athen, denn dort hat nun ein Mann auf Schadenersatz für den erlittenen Stress und  Schlafmangel geklagt, wie dieStandard.at berichtet. Wenn Aristophanes doch auf diese Idee gekommen wäre… was für ein feiner Stoff für eine weitere Komödie!

Das Horrorwort: Fruchtbarkeit

Hier in Süddeutschland ist was los:  in einer schwäbischen Höhle ist die älteste Menschenfigur gefunden worden. Brust und Hinterteil sind besonders hervorgehoben, während der Kopf fehlt. Nicholas Conard von der Universität Tübingen interpretiert diese „female figurine“ in der taz als  „Ausdruck von Fruchtbarkeit“. Dieser Schluss illustriert gängige Prinzipien bei der Deutung archäologischer Funde. Wenn die Funktion eines Artefakts unklar ist, bezieht es sich entweder auf Fruchtbarkeit oder dient astronomischen Zwecken.

Die Freundin, die mich mit dieser ‚Weisheit‘ vertraut gemacht hat, kenne ich seit einem Seminar über ‚Frauenkulte im antiken Rom‘, in dem eigentlich jeder der Kulte letztlich auf Fruchtbarkeit bezogen worden ist. Nach einer Weile hat das ziemlich genervt und ich habe mich gefragt, warum es so viele verschiedene Riten gibt, wenn sie doch alle das gleiche Ziel verfolgen. Deshalb bin ich auch bei diesem Fund skeptisch. Die zunächst objektive und zurückhaltende Beschreibung spiegelt sich im Titel des Aufsatzes A female figurine from the basal Aurignacian of Hohle Fels Cave in southwestern Germany, der letzte Woche in Nature erschienen ist, wird jedoch bei der Interpretation aufgegeben, so dass die taz Die schwäbische Venus titelt und Nature ein Video-Interview mit den Forschenden Prehistoric pin-up nennt.

Anstatt die Bedeutung als älteste Selbstdarstellung zu betonen, werden bestimmte Aspekte betont und so sexistische Vorurteile bedient. Jede nackte Darstellung erscheint den männlichen Forschern als Pornographie, Fruchtbarkeitsgöttinnen werden mit Sexualität gleichgesetzt. Diese eindimensionale Perspektive auf lang vergangene Kulturen ist hochproblematisch, weil die Anzahl der Hinterlassenschaften begrenzt ist und die Aussagen der Forscher_innen als Wahrheit präsentiert werden. Dabei geht die Vielschichtigkeit menschlicher Kulturen verloren und die Beschaffenheit der Geschlechterverhältnisse wird ahistorisch vereinfachend dargestellt. Diese (populäre) Aufbereitung von Forschungsergebnissen kann mit den eigentlichen Erkenntnissen nicht Schritt halten, sondern reduziert sie stattdessen auf einfache Bilder, die modernen Vorstellungen von historischen Geschlechterverhältnissen entsprechen. Sex sells.

Jeder das ihre

Die taz berichtet heute vom etwas merkwürdigen Umgang mit Zitaten in Werbekampagnen. Konkret geht es um den Ausspruch ‚Jedem das Seine‘, der am Eingang des KZ Buchenwald zu lesen ist. Seine Verwendung in einer Kaffeewerbung wird zurecht kritisiert, denn die zynische Verwendung durch die Nazis hat es aus der Menge von Zitaten antiker Autoren, die zum humanistischen Bildungsgut gehören, herausgehoben. Es ist nicht ‚unschuldig‘ und sollte deshalb nicht unbedacht verwendet werden.

Die Aufzählung am Ende des taz-Artikels macht deutlich, dass genau dies vor allem in der Werbung immer wieder geschieht. Werbung arbeitet mit Assoziationen und solange Menschen der NS-Greuel gedenken (was hoffentlich noch lange der Fall sein wird), sollte die Mottos der KZs für kommerzielle Nutzung Tabu sein. Und zwar schon aus Eigeninteresse der Werbenden. Wer will schon ein Produkt mit den KZs in Zusammenhang bringen?

Entgegen den Vorwürfen in den Kommentaren zum taz-Artikel kann es meiner Meinung nach nicht um eine Sprachregelung für alle und jeden Kontext gehen, sondern um die unreflektierte Verwendung bekannter Floskeln, die einen Wiedererkennungswert haben und so geeignet sind, Gewinn zu erzielen. Und mit etwas Geld zu machen, das Menschen hat leiden lassen, ist einfach nur pervers. Dass der Ausspruch auf die Antike zurückgeht (Cicero und Platon) und ein klassischer Rechtsgrundsatz ist, befreit ihn nicht vom Erbe des 20. Jahrhunderts.

Ich bin gegen absolute Tabus. Die deutsche Sprache zu beschneiden, nur weil die Nazis Worte benutzt haben, finde ich übertrieben. Autobahn und Kindergeld dürfen wir nicht nur sagen, sondern auch befahren und erhalten. Dennoch ist es wichtig, an geeigneter Stelle zu reflektieren, woher etwas kommt und welche zusätzlichen Bedeutungen bei bestimmten Wörtern mitschwingen. Ein bewusster Umgang mit Sprache bedeutet einerseits, Leid nicht kommerziell auszuschlachten, egal wie gut es klingen mag. Andererseits kann ein freier Umgang mit den Möglichkeiten, die die Sprache bietet, nicht verwehrt werden, wenn diese Gesellschaft offen und frei sein soll. Ohne Wortspiele wie der Titel dieses Beitrags wären Texte öd und leer. Sie regen zum Nach-Denken an. Und das haben wir alle dringend nötig.

* Die Infos über den Spruch habe ich von wikipedia und der dort verlinkten  Kurzdokumentation zur Formel »Jedem das Seine«.

Kulturelles Großereignis in Mannheim

Auf meiner Reise habe ich die Gelegenheit genutzt, nicht nur in Mannheim umzusteigen, sondern den Bahnhof zu verlassen und zu schauen, was die Stadt so zu bieten hat. Die Sonderausstellung Homer – Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst läuft in Mannheim noch bis 18. Januar 2009. Kurz vor Toresschluss sozusagen habe ich diese interessante und gut aufbereitete Schau angesehen. Etwas substantiell neues habe ich nicht erfahren, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Es sind einige interessante Exponate zusammengestellt worden, die ein rundes Bild der Zeit, der Überlieferung und der Epen zeichnen. An manchen Stellen war mir einiges zu stark vereinfacht, vor allem in den Führungen, die nicht zu überhören waren. Ein besonderer Höhepunkt waren  für mich Auszüge aus der Ilias, die Joachim Latacz griechisch / deutsch vorträgt.

Im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen gibt es weitere Schausammlungen. Das Forum Internationale Photographie zeigt zeitgenössische und historische Fotografien, das war ein guter Kontrast zu den Exponaten der Homer-Ausstellung. Im Untergeschoss gibt es eine kleine Antikensammlung der etwas anderen Art. Sie ist wunderbar didaktisch aufbereitet und bietet ‚Antike zum Anfassen‘, aber ohne unzulässig zu vereinfachen. Die Einbeziehung von alltagsrelevanten und kulturgeschichtlichen Themen finde ich sehr erfrischend.

Der schon erwähnte Joachim Latacz ist der ‚Papst‘ der philologischen Homerforschung und ich konnte  gestern Abend seinen interessanten Vortrag in Mannheim hören. Im Rahmenprogramm zur Ausstellung bildete er den Abschluss und wurde extra in einen Raum verlegt, in den 400 Leute passen. Das reichte aber nicht aus. Statt getragener Stimmung ging es eher zu wie in der Uni: wer zu spät kam, saß auf der Treppe. Ich kam gerade noch rechtzeitig und war einfach nur baff, wie viele Menschen zu diesem Vortrag zusammengekommen sind. Und nicht nur Studenten, das hätte ich ja verstanden. In Mannheim (und  noch mehr wohl in Heidelberg)  scheint es ein viel regeres Interesse an altertumswissenschaftlichen Veranstaltungen zu geben als in Berlin. Ich war aber nicht die einzige, die der Rahmen der Veranstaltung überrascht hat. Hier kommen wohl Ort, Person und die Anbindung an die Ausstellung zusammen. Allein schon dieses Erleben eines vollen Saales, in dem sich alle wirklich für Homer interessieren, war den Zwischenstopp wert.

Latacz hat Grundlagen und aktuelle Entwicklungen der Homer- und Trojaforschung vorgestellt. Es ging um die Frage des historischen Gehalts der Epen und seiner nichtschriftlichen Überlieferung bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. Mykenische,  hethitische und ägyptische  Schriftquellen legen eine Datierung der Geschehnisse, die den Ramen der Homerischen Epen bilden, ins 14.-12. Jahrhundert v. Chr. nahe. Die mündliche Improvisationsdichtung in Hexametern habe als Medium der jahrhundertelangen Tradierung grundlegender Elemente dieser historischer Geschehnisse gedient.

Diese Thesen sind nicht wirklich neu, gewinnen jedoch durch neueste Forschungsergebnisse erheblich an Überzeugungskraft und sind  mit Wortwitz  und Charme vorgetragen worden. Der Veranstalter nannte Latacz am Ende der Veranstaltung einen „großen Gelehrten des alten Europa und der Altertumswissenschaften“. Als solcher hat er sich das Recht herausgenommen, sein Publikum mit der Dauer des Vortrags (zwei Stunden) zu belasten. Ich sehe es ihm gerne nach, denn auch zum Schluss und am Ende eines langen Tages, blieb es interessant ihm zuzuhören. Für die Auflockerung durch Anekdoten und Seitenhiebe (Schrott-These) war ich sehr empfänglich und es gelang Latacz stets, zum roten Faden zurückzukehren und ihn sichtbar zu machen. Der Vortrag war ein würdiger Abschluss für meinen ersten Ausflug nach Mannheim.

Die Frage nach dem historischen Gehalt hat mich vor allem insofern interessiert, als dass ich ein ähnliches Problem bei den Komödien habe. Sie sind Literatur und kein Abbild athenischer Realität, ebenso wie die Epen kein ‚Tatsachenbericht‘ von den Kämpfen um Troja sind. Latacz löst das Problem, indem er nicht die Vordergrundhandlung in den Fokus nimmt, die ist zweifelsohne Fiktion, sondern auf den Hintergrund abhebt, vor dem sie stattfindet. Dieses Vorgehen nannte er ‚Gegen-den-Strich-Lesen‘, dabei scheint mir aber keine Methode im Spiel zu sein, sondern vor allem die subjektive Entscheidung des Forschers, was Rahmen und was Fiktion ist. Auf Aristophanes bezogen hieße das, nicht die Handlung der Komödien zu verfolgen, sondern die mitgelieferten Bezüge zur ‚Realität‘. Diese Vorgehensweise ist weit verbreitet, vor allem zur Rekonstruktion der politischen Ereignisgeschichte des klassischen Athens. Genau das habe ich auch vor, aber mein Problem geht weiter. Wie erkenne ich auf der Mikroebene, was Fiktion / Witz ist, und was Rückschlüsse auf die außerliterarische ‚Realität‘ erlaubt? Vielleicht küsst mich ja bald die Muse, so dass ich es einfach weiß. Lieber würde ich aber methodisch vorgehen und nachvollziehbar argumentieren. Aber wie?