Was wundere ich mich eigentlich noch?

Nachdem ich letztens noch verzweifelt war ob der politischen Kultur im Ländle, kann ich mich heute nur bestätigt fühlen: Die spinnen die Schwaben. Allen voran Thomas Strobl, der nicht nur Generalsekretär der baden-würrtembergischen CDU, sondern auch das direkt gewählte Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Heilbronn ist. Ich hätte ihn also wählen können. Warum nur bin ich jetzt sehr froh, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, mein Kreuzchen bei seinem Namen zu machen? NS-Vergleiche sind ja immer schick. Wenn eine Partei in einer Diskussion (z.B. über ein Bauprojekt, das eine ganze Innenstadt verändern soll) keine Argumente mehr hat, kommt diese Keule oder eben ein Wasserwerfer.

Dumm nur, wenn der Herr Ministerpräsident wohl doch davon wusste. Und ein Rausreden à la ‚Das ist Sache der P0lizei.‘ ist nicht nur billig, sondern den Einsatzkräften gegenüber extrem illoyal. Ich gehe nicht davon aus, dass alle aus Lust am Prügeln dabei waren.

Über das unsägliche T-Shirt und die peinlichen Verwicklungen würde ich am liebsten gar kein Wort mehr fallen lassen. Aber auch diese Episode illustriert, wie hier Politik gemacht wird: auf dem Rücken der Schwächeren und mit unglaublicher Arroganz.

Aber das war’s noch nicht. Hier in Heilbronn gibt es nämlich auch ein (S-)Bahnprojekt. Das ist jetzt durchgewunken worden, trotz Vorbehalten gegen die Streckenführung. Denn wenn jetzt nicht schnell Entscheidungen treffen, dann sind die Nachbargemeinden wohlmöglich beleidigt und noch viel schlimmer: Fördermittel würden mit dem Jahresende flöten gehen. Diese Aspekte sollten schon Beachtung finden, aber wenn die Entscheidung ansonsten sachlich nicht zu vertreten ist, mangelt es mir auch hier an der Verhältnismäßigkeit.

Also wieder mal: Politische Kultur – 6 – Setzen! Von wegen ‚Wir können alles.‘ Auf das Hochdeutsch kann ich gern verzichten, wenn andere Sachen wenigstens halbwegs funktionieren würden.

Danke extra3!

Stuttgart – das größte Dorf Deutschlands

Diese Charakterisierung trifft wohl offensichtlich zu. Wie in einem Dorf, das noch nie eine Demo gesehen hat, ist im letzten Monat auf den Protest gegen Stuttgart 21 reagiert worden. Zunächst von den Medien: Live-Berichterstattung vom Stau. Ok, er wurde nicht gezeigt, aber in den Landesnachrichten ausführlich thematisiert. Da fragt sich die Demo-erprobte Berlinerin mit Potsdam-Hintergrund, wann es in Stuttgart wohl die letzte große Demonstration gegeben hat, wenn so unbekannt ist, welche Folgen das für den Straßenverkehr hat. Aber gegen die Ereignisse der vorletzten Woche, in der die Polizei mit voller Gewalt durchgegriffen hat, ist das harmlos. Ich bin zutiefst schockiert, in was für einem Bundesland ich seit zwei Jahren lebe und deshalb kommt dieser Beitrag vielleicht ein bisschen verspätet, aber besser spät als nie.

  • Da ist zunächst die Ignoranz, mit der auf Proteste aus der Bevölkerung reagiert wird. Wir haben das beschlossen, ihr habt uns doch eure Stimme gegeben, ihr könnt sie gar nicht mehr erheben. So viel Arroganz hat sich in Deutschland zuletzt die vorletzte DDR-Regierung geleistet. Und das betrifft leider nicht nur Stuttgart 21, sondern auch die Entscheidungen auf Bundesebene: Atomeinstieg, Gesundheitsreform usw.
  • Und dann kommt noch die Gewalt dazu, die ich sonst von Berichten über Demonstrationen der Opposition und / oder Homosexueller in Russland, Belarus, Iran etc. kenne. Solche Gewaltausübung wird regelmäßig auch von der deutschen Politik verurteilt und als Zeichen mangelnder Demokratie gewertet. Ich höre schon Lukaschenko, wie er demnächst eigene gewalttätige Aktionen gegen Demonstrant_innen rechtfertigt, indem er auf Protestierende in Deutschland verweist, die ebenso behandelt worden seien. Das ist im übrigen der Punkt, an dem bei den Montags-Demonstrationen in der DDR etwas anderes passiert ist. Unfähigkeit und Unentschlossenheit der Staatsgewalt haben eine Eskalation der Gewalt in Leipzig Anfang Oktober 1989 verhindert. Hat die baden-württembergische Landesregierung wohlmöglich Angst, ein ähnliches Verhalten könne sie am Ende die Macht kosten? Aber glauben die Herren im Umkehrschluss ernsthaft, eine Eskalation der Gewalt hätte die DDR länger am Leben gehalten?
  • Und wieder ist es die Legitimierung und Rechtfertigung des brutalen Vorgehens der Polizei, die mich so richtig schockiert. Wer eigene Fehler nicht anerkennt und die eigene Position als einzig wahre wahrnimmt ist m.E. politikunfähig. Also unfähig zu einer Politik, die danach strebt, das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verbessern, nicht von einer, die auf kurzfristige eigene Vorteile bedacht ist.

Sind das also die Sitten und Bräuche meiner neuen Heimat?

Schaut mal … Krisendemos

Meine Berliner Aktivitäten werden mich am Samstag auch zur Krisendemo treiben: Unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ ruft ein breites Bündnis aber nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Stuttgart. Und das wird sogar in der Stimme berichtet, ich bin verblüfft. Dort ist es natürlich ein Aufruf des DGB – die anderen außerparlamentarischen und parteipolitischen Bündnispartner_innen sind wohl nicht der Rede wert. Ich hoffe die Sparvorschläge dieser Woche haben wenigstens ein Gutes und mobilisieren, so dass der notwendige Widerstand auf der Straße sichtbar wird.

Wo wir da hingeraten sind…

… zeigt diese Meldung in der Stimme. Wirklich schlimm, wenn ausgerechnet im oberen Preissegment soviel Schotter einfach liegen bleibt. Aber ich frage mich ernsthaft, ob es wirklich so schick wäre, diese Summen im schicken provinziellen Ländle zu lassen, anstatt in einer echten Metropole zu verschleudern.

Von Ekel und Eros

Auch kürzere Fahrten können mich zu interessanten Ausstellungen führen.  So geschehen am letzten Freitag, da habe ich in Tübingen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Ausstellung KörperWissen – Erkenntnis zwischen Eros und Ekel im MUT besucht und den wirklich sehenswerten Weihnachtsmarkt erkundet.

Die archäologischen Sammlungen des Museums der Universität Tübingen befinden sich im Schloss Hohentübingen. Vor den geistigen Höhen habe ich also im Dauernieselregen zunächst einen ganz irdischen Berg erklommen und mir dann die Fundstücke der prähistorischen und klassischen Archäologie zu Gemüte geführt.

Erst in der Abgusssammlung geht es dann wirklich um Körper. Neben den Abgüssen berühmter Kunstwerke der griechisch-römischen Antike, die sich auch sonst in diesem Saal finden, stehen noch bis Ende Januar Exponate aus anderen Zeiten und Räumen, die sich mit dem Wissen über den Körper beschäftigen.

Ich finde, dies ist eine sehr gelungene Kombination, die die Körperzentriertheit verschiedener Kulturen aufzeigt und so auf die Vielfalt möglicher Körperverhältnisse verweist. Es ist keine große Schau und im Vergleich mit dem Hygiene-Museum in Dresden gibt es auch wenige ’neue‘ Erkenntnisse für mich.

Aber gerade in der Kürze und Überschaubarkeit liegt eine Stärke der Präsentation. Den einzelnen Gruppen von Exponaten ist eine kleine Tafel beigesellt, in der die einzelnen Aspekte kurz vorgestellt werden. Trotz der Kürze und des populären Umfeldes sind sie (fast) alle extrem gut gelungen und reflektieren wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher und prägnanter Sprache. Eine Ausstellung, in der ich mich nicht ärgern musste und einige mythische Inspirationen entdecken konnte.

Im Anschluss bin ich noch kurz in die völkerkundliche Abteilung rübergehuscht. Auch sie ist klein, aber fein. Die Konzentration auf nicht-europäische Kulturen ist mir weniger negativ aufgestoßen als im Ethnologischen Museum in Dahlem, das mehr Platz hat und so den verschiedensten Kulturen breiten Raum bietet. Die ständige Ausstellung in Tübingen präsentiert nur einige sehr begrenzte Schlaglichter und keine umfassende ‚Weltreise‘. Besonders interessant fand ich den Raum zu den Shipibo, die Frauen sind wahre Künstlerinnen und die Lebensweise sehr interessant.

Ein wahrlich Großer

Meine letzte lange Zugfahrt habe ich nachmittags in Mannheim unterbrochen, um mir die Alexander-der-Große-Ausstellung im REM zu Gemüte zu führen. Weil ich bei Homer an einem Gewinnspiel teilgenommen habe, bin ich postalisch über diese neue Ausstellung informiert worden und hatte es mir entsprechend schon länger vorgenommen, mal wieder in Mannheim ein Päuschen einzulegen.

Und sie hat mir richtig gut gefallen. Eine gelungene Mischung von Bildzeugnissen, Texten und anderen Formen der Illustration – Multimedia im Wortsinne. Immer wieder gibt es Animationen, die den Verlauf des Eroberungszuges oder die Gestalt Babylons oder das Aussehen eines Tempels rekonstruieren und durch die bewegten Bilder eine klarere Vorstellung davon schaffen, worum es eigentlich geht, als das Statuen und Vasen allein vermögen. Aber auch solch echte Objekte und einige Nachbildungen zum Anfassen fehlen nicht, so dass eine gewisse Authentizität erreicht wird.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie weit Alexanders Heer tatsächlich gekommen ist und wie die traditionellen Kulturen damit umgegangen sind. Es ist wichtig, die zeitgenössischen, griechischen Vorstellungen, was ein Perser ist, zu reflektieren.

Und schließlich ist es faszinierend, das auch bei dieser Figur die Haare eine entscheidende Rolle spielen: die Löwenmähne wird heute wie damals als Zeichen von Mut und Männlichkeit interpretiert und mit dem bartlosen Kinn kontrastiert, dass die Jugend des Feldherrn unterstreiche.

Gastbeitrag: Grüße aus dem Schwarzwald

Heute schreibt mein Liebster exklusiv für drei Hälften über eine schöne Hälfte unseres Lebens: die zurückliegenden Feiertage.

Wie jedes Jahr haben wir aus auch heuer gefragt, was wir bloß am langen Fronleichnam-Brückentag-Wochenende machen sollen. Und so entschieden wir uns, die Gelegenheit zu nutzen, mal den Schwarzwald zu sondieren. Wie letztes Jahr in der Provence habe ich mich auch hier wieder todesmutig an bzw. auf die wildesten Tiere getraut. Wie man auf dem Bild unten sieht, hatte ich noch gute Erinnerungen an ähnlich wagemutige Aktionen, so dass ich das zu zähmende Getier mit einer Maulschraube bissunfähig machte, was allerdings auch sehr gefährlich war.

Krokodil

Angesichts dieser Heldentaten schaute mein Schwarzwald-Mädle voller Bewunderung zu mir herauf:

SchwarzwaldmaedleDes Abends bot mir die romantische Sonnenuntergangsstimmung die beste Gelegenheit für amouröse Avancen.

Sonnenuntergang

Nicht vergessen zu erwähnen darf ich, dass ich ein Croute au fromage gegessen habe, das wird mit Kirschwasser zubereitet. War ja klar, haha was haben wir gelacht. Und als kleines Souvenir für nächsten Samstag gab es ein Fläschle „Schwarzwald-Hochzeit“, das ist Sahnelikör mit Vanille und Kirschwasser. Ist es Zufall? Und neben dem Brand im Glas gab’s auf dem Feldberg noch schöne Sonnenbrände.

Soweit die Kommentare meines Liebsten, ein paar Eichhörnchengeschichten gibt es demnächst.

Wir hatten die Wahl!

Die Kommunalwahlen in Heilbronn waren schon ein lustiges Spektakel. Drei Wochen vor der Wahl haben wir Post bekommen: die Stimmzettel zur Vorabansicht, damit wir in Ruhe zu Hause überlegen können, wie wir abstimmen wollen. Bei 40 Stimmen kann eine solche Vorbereitung nicht schaden und nicht jede hat die Möglichkeit, die Demowahl im Internet zu nutzen. Aber es waren wirklich die Original-Stimmzettel, die wir dann hinterher auch in der Wahlkabine benutzt haben. Da komme ich dann doch kurz ins Grübeln und denke an so hehre Werte wie geheime Wahl…

Im alten Stadtrat saßen 9 Frauen, Anlass genug auf der Liste meiner Wahl Stimmen nur an Frauen zu vergeben. Aber eine allein kann es nun mal nicht richten: jetzt gibt es nur noch 8 Stadträtinnen. Das sind gerade mal 20 Prozent Frauenanteil. Ganz schön mager. Aber immerhin habe ich kumuliert und so die Möglichkeiten genutzt, die dieses etwas abstruse Wahlverfahren mit 40 Stimmen bietet.

Die Heilbronner Stimme hat mich nicht nur über die Ergebnisse informiert, sondern auch in mehreren Beiträgen die komplizierten Regeln der Wahl erklärt. Aber auch die Parteien  haben in ihren Wahlwerbepublikationen Platz verschwendet, um den Ablauf der Wahl zu erklären, der sonst gut und gerne für politische Inhalte hätte genutzt werden können. Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn hinter diesem Verfahren: mehr Zeilen, weniger Inhalt.

Die CDU hat mich besonders beeindruckt. Der Diplom-Volkswirt Dirk Reinecker (leider nicht gewählt) schreibt: „Als Vater von 2 Kindern bin ich stolz darauf, dass unsere Stadt als erste und bisher einzige Großstadt in ganz Deutschland die Kindergartengebühren auf Antrag der CDU abgeschafft hat.“ Jetzt frage ich mich, ist Heilbronn die einzige Großstadt ohne Kindergartengebühren? Oder doch nur die einzige, in der dieser Umstand auf einen CDU-Antrag zurückgeht?

Außerdem erfahre ich im Heilbronner Rathausbeobachter (Informationen der CDU-Stadtratsfraktion), dass Heilbronn die sicherste Großstadt in Baden-Würrtemberg ist. Der alte und neue Stadtrat Karl-Heinz Kübler (Kriminalhauptkommisar) ruft das Wahlvolk auf: „Um auch das Gefühl der sicheren Stadt zu erhöhen, müssen Erscheinungen wie mangelnde Sauberkeit, Konzentration von Problemgruppen, wilde Müllablagerungen oder Pöbeleien in der Stadtbahn vermieden werden.“ Ich bin sauber, kein Müll und Pöbeleien habe ich in Berlin genug. Bleibt nur die Frage, ob ich vielleicht zu einer der ominösen Problemgruppen gehöre?

All diese netten Aufklärungsmaßnahmen haben meine Wahlentscheidung ebenso beeinflusst wie die hässlichen FDP-Plakate, die die Wilhelmstraße seit Monaten ’schmücken‘. Zum Glück ist der Spuk jetzt erst mal vorbei, in fünf Jahren kumulieren und panaschieren wir dann wie die Profis. Profis werden hier auch für die Auszählung herangezogen. Am Montag waren deshalb diverse Ämter geschlossen, wie vorab in der Stimme angekündigt worden ist.

Schaut mal … Studiengebühren

Beide von mir konsumierten Online-Zeitungen haben über die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg für die Rechtmäßigkeit von Studiengebühren berichtet. Die Heilbronner Stimme verweist nach einem kurzen Satz über den Ausgang des Verfahrens erst mal auf Mindereinnahmen der Fachhochschule, die sich aus neuen Regeln für das Sommersemester ergeben: Studierende aus Familien mit drei und mehr Kindern müssen keine Gebühren mehr zahlen. Anstatt die Verbesserung für die Familien zu kommentieren, geht es nur um die finanzielle Ausstattung der Hochschule.

Das Verwaltungsgericht findet die 500 Euro Studiengebühr sozialverträglich, schließlich gebe es Darlehen und Ausnahmeregelungen. Die taz berichtet differenzierter und lässt auch die Kläger_innen zu Wort kommen. Bei der Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht in Erfurt gehe es vor allem darum, ob Studiengebühren tatsächlich Kinder ärmerer Familien vom Studium abhalten.

Ich finde es unverantwortlich nicht anzuerkennen, dass finanzielle Erwägungen bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium eine riesige Rolle spielen. Die taz verweist zwar auf eine Studie des Bundesbildungsministeriums, deren Ergebnisse im Oktober bekannt geworden sind, impliziert aber, sie reiche nicht aus, um den Zusammenhang von Studiengebühren und Berufswahl zu belegen. Mir erscheint es auch als Umkehr der Beweislast. Nicht diejenigen, die Studiengebühren einführen, müssen nachweisen, dass sie keine soziale Benachteiligung zur Folge haben, sondern erst jetzt, da Studiengebühren existieren, kann gezeigt werden, dass sie die Lebensentscheidungen junger Menschen maßgeblich beeinflussen. Die Politik versäumt eine wichtige Aufgabe und ausbaden dürfen es ohnehin Benachteiligte – vielleicht ihr Leben lang.

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