Schaut mal … Krisendemos

Meine Berliner Aktivitäten werden mich am Samstag auch zur Krisendemo treiben: Unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ ruft ein breites Bündnis aber nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Stuttgart. Und das wird sogar in der Stimme berichtet, ich bin verblüfft. Dort ist es natürlich ein Aufruf des DGB – die anderen außerparlamentarischen und parteipolitischen Bündnispartner_innen sind wohl nicht der Rede wert. Ich hoffe die Sparvorschläge dieser Woche haben wenigstens ein Gutes und mobilisieren, so dass der notwendige Widerstand auf der Straße sichtbar wird.

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Provinz-Aufruhr

Wenn ich länger am Stück hier in der Provinz bin, sammeln sich Kuriositäten und Mist an, die ich irgendwie loswerden muss. Ganz aufregend war ein Plakat von Kirchengegnern, das in der letzten Woche auch in unserem schönen Städtchen gesichtet worden ist. Das ist schon einen kleinen Bericht wert, schließlich kann das nicht so einfach stehen gelassen werden. Und siehe da: schon am Tag nach der Meldung war das Plakat überklebt: mit Werbung für die Diakonie. Eine Schelmin, die dabei böses denkt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich skandalöser finde: eine Sekte (wenn es denn stimmt), die die aktuelle Debatte, die nicht nur die katholische Kirche betrifft, so für die eigenen Interessen missbraucht, oder eine Öffentlichkeit, die eine solche Aufforderung nicht ertragen kann.

Ein Aufreger – aber mehr für mich- war das Echo-Lot in der Wochenzeitung Echo am letzten Mittwoch. Da wird in einer Stadt, die fussballerisch nüscht zu bieten hat, nach dem Abstieg von Hertha BSC ein neuer Spruch für die Hauptstadtvermarktung vorgeschlagen:

Wir können alles. Außer sparen und Fußball spielen.

Das mit dem Fußball kratzt mich weniger, aber in Berlin gibt es immerhin auch einen Aufsteiger – Union -, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Aber das mit dem Sparen wird hier im Ländle auf sehr merkwürdige Weise verstanden. Ich lebe in einer Stadt,

  • deren öffentliche Stadtbibliothek bestenfalls doppelt so groß ist wie Stadtteilbibliotheken in Potsdam, das größenmäßig durchaus vergleichbar ist.
  • in der überlegt wird, die Außenstellen in den Stadtteilen über den Sommer zu schließen, da das Geld für den einen Öffnungstag, den es sonst in der Woche gibt, eingespart werden muss. Zum Vergleich: In Potsdam sind sie an 5 Tagen in der Woche geöffnet.
  • in der das nur abgewendet werden kann, indem die Hauptstelle samstags früher schließen wird.
  • in der die Bibliothek der Hochschule Heilbronn Technik – Wirtschaft – Informatik bei der Literaturbeschaffung und -pflege neben dem Erwerbungsprofil, das auf die vertretenen Fachbereiche begrenzt ist, folgende Regeln zu beachten hat
    • es sollen keine Archive angelegt werden (nur Literatur für die aktuelle Lehre),
    • die Literatur muss aktuell sein, veraltete Sachen werden weggeworfen.

Diese drei beliebigen Beispiele aus dem gleichen Sektor – Bildung und Literatur – zeigen, was hier sparen heißt: Schmalspur reicht. Nicht nur in der öffentlichen Bibliothek, die eine breite Bildung vor allem auch für jene bietet, die gerade keine Hochschule von innen sehen. Sondern auch bei der Ausbildung des Wirtschafts- und Techniknachwuchses: es erscheint wichtig, die Scheuklappen früh anzulegen, damit nichts die Ausrichtung auf Verwertbarkeit bedroht.

Eine Stadt wie Heilbronn ist nicht mit Berlin zu vergleichen, aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung statt solcher unsachlicher und billiger Ausbrüche mehr als angebracht. Vor allem auch, weil gern verkannt wird, wo auch in Berlin gespart wird und wer diese Last letztlich schultert: die Berliner_innen, allen voran die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die ja auch Teil der Bevölkerung sind. Von weitem mit Dreck auf die Hauptstadt zu werfen, fühlt sich vielleicht am provinziellen Stammtisch gut an, aber in einer Zeitung hat  das nichts zu suchen.

Und dann noch ein ganz komisches Erlebnis: aus der provinziellen Perspektive erscheint die Hauptstadt manchmal auch wie ein Ideal, das sie lange nicht ist. Ich war mal über die frühen Schließzeiten des Weihnachtsmarktes hier schockiert, etwas ähnliches ist mir im April in Berlin passiert. Am Donnerstag nach der Zeitumstellung beim Bummeln auf dem Kuhdamm: es war gerade noch hell, das Zeitgefühl spielt noch nicht so recht mit und auf einmal ist es acht. Und wer jetzt glaubt, die Geschäfte hätten dort doch sicher länger auf, täuscht sich gewaltig. Ich fühlte mich wie in der Provinz und konnte es kaum fassen. Es ist interessant, wie unsere Wünsche über die Entfernung stärker projiziert werden, und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen mit der ‚Realität‘ abzugleichen.

Die schönen Seiten des Frauentages

In diesem Jahr hatte ich einen Frauentag voller Sonnenschein: während einer weiten Zugfahrt hat sie mich nur selten verlassen und sich bis nach Berlin locken lassen. Im Süden lag noch Schnee: das alles hatte Potential meinen legendären Moskauer Frauentag zumindest zu imitieren. Und das abendliche Treffen mit wunderbaren Frauen in fast gleicher Besetzung ließ alle Erinnerungen wieder aufleben. So bin ich sehr gelungen angekommen.

Aber der Tag hatte schon gut angefangen: mit der Nachricht über den ersten Oscar für eine Regisseurin! Und der viel zitierte Kommentar Barbra Streisands, die ihn an Kathryn Bigelow überreicht hat, darf auch hier nicht fehlen:

Well, the time has come…

Die Zeit ist reif, und zwar nicht nur dafür. Erst heute habe ich entdeckt, dass diese Seite bei den Vorschlägen für die 100 deutschsprachigen Bloggerinnen gelandet ist. Danke an Ben dafür. Zu sehen, wie viele Kommentare mit unterschiedlichsten Leseempfehlungen bei der Mädchenmannschaft eingegangen sind, stimmt mich frohgemut. Bis ich es schaffe, mich da durchzuklicken dauert es wohl eine Weile – und hoffentlich noch ein bisschen länger, wenn die verlinkten Blogs gute blogrolls haben. Ja, an meinem kann ich dann auch mal wieder was tun. Ich freu mich drauf!

Frauen und Männer sind ja so unterschiedlich

Ich kann diese Leier nicht mehr hören. Und vor allem will ich nicht damit konfrontiert werden, wenn ich gerade auf einer ganz anderen Baustelle bin. Ich bin auf interessante Projekte im Bereich Coworking aufmerksam geworden und höre gerade den Küchenradio-podcast zum Thema. Also eigentlich geht es um kollaborative Formen des Arbeitens – spannend. Und  im Studio 70 in Berlin, wo das Küchenradio zu Besuch ist, wird außerdem gebaustelt.

Und schwupsi da haben wir den Salat. Irgendwann kommt die Sprache auf Altersdurchschnitt und Geschlecht der Aktiven. Am Tag der Aufnahme sind keine Frauen anwesend, aber Philip, der gerade interviewt wird, will die Werkstatt als offenen Raum verstanden wissen. Er spricht sich offen gegen Geschlechterstereotype aus und berichtet von einem unsäglichen Interview bei Fritz. Ich bin echt enttäuscht von der Art, wie dort Geschlechterstereotype nicht nur reproduziert, sondern auch forciert werden. Philips Kommentar dazu stimmt aber optimistisch, denn am wichtigsten ist es ja, dass die Leute, die es machen, kapieren, wo das Problem liegt:

Wer meint, es sei progressiv zu fragen „Ist das auch was für Mädchen?“, agiert aus einer konservativen Sicht, finde ich.

Konservativ finde ich ja noch milde ausgedrückt. Aber es sind genau solche Fragen, die erst die Vorstellung erwachsen lassen, Technik oder Basteln habe was mit Geschlecht zu tun. Und da komme ich dann zurück zum Küchenradio, dessen werter Vertreter nichts besseres zu tun hat, als genau die alten Stereotype hervorzuholen und noch mal hinauszuposaunen: Mädchen bzw. Frauen spielen eben nicht zwecklos rum, so wie Jungs bzw. Männer das mögen. Das sei seine Überzeugung.

Und Philip kann ihm zumindest in diesem Punkt nicht widersprechen. Ich aber schon. Und frage mich: Ist das alles so zweckfrei, was die Jungs da machen? Es ist idealistisch, Kunst und Experiment – aber Spielen stelle ich mir anders vor. Es geht ja gerade darum, dass hinten auch was raus kommt und das hat stets auch was mit dem ‚echten‘ Leben der Leute zu tun.

Ich habe den podcast zu Ende gehört und bin jetzt wenigstens wieder ein bisschen versöhnt, denn aus dem Hintergrund kommt dann doch Widerspruch. Schon die Kommunikation und die sozialen Räume seien männlich geprägt und insofern eher geeignet, Frauen auszuschließen. Es geht aber eben nicht nur um Frauen, sondern insgesamt darum, offen für Menschen zu sein, die keine Technik-Freaks sind. Diesen Eindruck habe ich vom Studio 70 und  wenn ich mal bausteln statt surfen oder putzen will, weiß ich jetzt, wo ich hingehe.

Überall diese Haare IV

Die Reihe reißt nicht ab. Heute habe ich es endlich geschafft, den Bildband Haare von Herlinde Koelbl genauer anzusehen. Leider habe ich nicht nur diese Ausstellung verpasst, sondern auch die erste Überblicksausstellung über ihr Werk, die bis Anfang November im Martin-Gropius-Bau zu sehen gewesen ist.

Aber ich habe zum Glück mitdenkende Freundinnen, so dass mich wenigstens eine Postkarte mit diesem dynamischen Motiv erreicht und motiviert hat, nach der Künstlerin zu suchen. Dank des Begleitbandes zur Ausstellung Haare kann ich nun noch mehr spannende Bilder von Haut und Haaren bewundern.

Dieses Motiv mag ich besonders. Es ist so alltäglich, könnte in meiner Badewanne sein. Ein bisschen eklig und doch ästhetisch. Mit Haaren ist einfach so viel machbar. Was auch noch interessant ist: hier sind sie mal getrennt von der Haut, was sofort ihre Funktion verändert. Spannend.

Überall diese Haare I

Eigentlich sollte ich inzwischen ja mit dem Thema abgeschlossen haben, aber sie verfolgen mich weiter, diese Haare. Heute morgen höre ich nichtsahnend Radio eins und werde Zeugin einer interessanten Unterhaltung der Moderatoren des Schönen Morgens über ihre Brustbehaarung:

Den Herren Rupp und Azone war heiß, so heiß, dass sie sich entkleidet haben (eine Kollegin hat über Nacht die Heizung hochgedreht, die sich nun nicht mehr runterregeln lässt) und nun die Brustbehaarung des anderen begutachten können. Dabei fällt auf: der eine (Azone?) hat gar keine und ist damit zufriedne. Der andere (Rupp?) hat nur ein bisschen, das auch schon ein wenig ergraut ist, und findet das gar nicht gut.

„Entweder Dschungel oder Wüste, aber nicht Klimawandel.“

lautet der Kommentar zu diesem Missstand. Der Unbehaarte beobachtet aber ein einzelnes Haar zwischen seinen Schulterblättern und plant einen Rasta, falls sich dort jemals drei Haare einfinden sollten.

Das ist ein wahnsinnig spannender Dialog, den ich leider nur aus dem Gedächtnis zitieren kann. Brustbehaarung wird mit Männlichkeit assoziiert. Die graue Haarfarbe gilt als Alterskennzeichen und nicht so wirklich schick. Körperbehaarung ist zugleich sehr intim (sie ist sonst nicht zu sehen) und Ziel von Spott. Außerdem wird sie an einen aktuellen Diskurs (Klimawandel) angeknüpft und so die Relevanz beider Themen betont. Der Klimawandel ist diskursiv allgegenwärtig und dient hier als willkommene Metapher. Die Körperbehaarung kann eben auch an einen solchen aktuellen Diskurs angeknüpft werden und erlangt so Relevanz.

Lange Tage der Frauen

Gestern Abend sind meine ausgedehnten Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Frauentages zu Ende gegangen und ich bin ein wenig melancholisch. Neben interessanter Lektüre haben mir diese tollen Tage zwei Filme und einen Frauentag beschert. Schon am Donnerstag, also drei Tage zu früh, hat alles angefangen. Ich habe mit einer Freundin den Dokumentarfilm Das Burlebübele mag i net – bewegte lesben in ost und west berlin angesehen und das hat sich richtig gelohnt. Die Filmemacher_innen haben 2 Lesben interviewt und wunderbare Berlinbilder gemacht. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die die Geschichte der Lesbenbewegung in Ost- und Westberlin unterhaltsam beleuchtet und die verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Sprache bringt, ohne die Gemeinsamkeiten beider Entwicklungen zu vernachlässigen. Mein persönliches Fazit: die Repression sucht sich in beiden Stadtteilen verschiedene Mittel, die Frauen agieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten ähnlich offensiv und können so ein Vorbild für feministisches Engagement sein.

Am Sonntag ist der geplante Spaziergang rund um den Richardplatz leider ins Wasser gefallen, aber ein entspannter Frauen-Brunch und Küchengespräche sind ein adäquater Ersatz und eine wunderbare Art, den Frauentag zu feiern. Gestern Abend dann noch mal Kino: die Brigitte-Preview von Hilde am Potsdamer Platz. Ein Film über eine faszinierende Frau, deren Entscheidungen und Verhalten allein aus ihrer Perspektive dargestellt sind. Heike Makatsch sieht ihr an einigen Stellen beunruhigend ähnlich, singt selbst und ich überlege, ob nicht auch an mir eine Sängerin ohne Stimme verloren gegangen ist.

Im Anschluss haben wir in Erinnerungen an den „besten Frauentag ever“ 2007 in Moskau geschwelgt: wie wir im Sonnenschein die Straßen erobert, im Dunkeln Souvenirs ergattert, nachts getanzt und am nächsten Morgen zu dritt in einem Bett erwacht sind. Am besten bleibt mir aber das opulente Frühstück in Erinnerung, dass ein Mann für uns gezaubert hat – ein würdiger Ausklang dieses einzigartigen Tages. Deshalb ist ganz klar: der Internationale Frauentag muss gesetzlicher Feiertag werden!

Die Krise ist da!

Hier in der schönen Stadt mit einer Fachhochschule und drei Fakultäten – Technik, Wirtschaft, Technik & Wirtschaft – höre ich schon länger, dass und wie die Krise um sich greift. Nicht nur von Kurzarbeit ist die Rede, ich habe in der Lokalzeitung auch schon von etlichen Insolvenzen gelesen. Da fühlt sich die Krise viel näher an, als wenn ich in Berlin bin. Bisher. Ein taz-Artikel aus der letzten Woche meint, dass die Krise auch dort spürbar sei. Aber was ich lesen konnte, ist dann doch das übliche, bei dem ich mich frage: Angst davor, dass die Krise ankommt? Die ist andererorts der konkreten Angst um den eigenen Arbeitsplatz und die Situation in der ganzen Region gewichen.

Die Unterschiede in der Betroffenheit sind sowohl quantitativer und qualitativer Natur. Da war auch zu lesen, Industriebetriebe seien besonders betroffen. Aber im Gegensatz zu Baden-Württemberg sind die in Berlin ja eher spärlich gesäht, und sie sind auch selten besonders groß. Eben da liegt der Hase im Pfeffer. Als wir vor einem halben Jahr hergezogen sind, hat sich das zartrosa Baden-Württemberg bei der graphischen Darstellung der Arbeitslosenquote enorm vom pinken Berlin unterschieden. Diese Differenz hat strukturelle Ursachen, die sich nun auch in der Betroffenheit von der Wirtschaftskrise zeigen und noch in Zukunft zeigen werden.  Berlin wird wohl nicht ewig auf ihre Ankunft warten müssen und wer weiß, wie dann reagiert wird.

Mir fehlt eine stärker differenzierende Darstellung, die die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands und auch weltweit darstellt. Stattdessen wird plakativ und eindimensional davon berichtet, was gerade am nächsten liegt. Es sind aber nicht alle gleich betroffen. Dabei geht es nicht nur um regionale Differenzen, sondern auch um soziale.  Wer kein Auto zu verschrotten hat und auch keins kaufen will,  wer nicht bei einem Autohersteller, -zulieferer oder -verkäufer arbeitet, was hilft denen die Abwrackprämie? Rein gar nichts. Denn auch sie wird die Krise nicht aufhalten. Daran, wie schnell die Autoindustrie mit der passenden Werbung aufwartet, zeigt sich, wes Kind diese Idee ist: von der Autolobby für die Autohersteller.

Und die Politik nickt es ab, ohne größere Diskussionen um Sinn und Unsinn der ganzen Sache. Statt dessen gibt sie dem Kind auch noch einen wohlklingenderen Namen, und (fast) alle schreiben ihn ab und prägen so die Wahrnehmung der Maßnahme. Nicht ums Verschrotten und dafür neu kaufen geht es angeblich (abwracken), sondern um die ‚Umwelt‘. Dann ist die Aktion des VCD jedoch viel zielorientierter: Umweltprämie für alte  Fahrräder oder Autos, die  für den Kauf neuer Fahrräder und von Fahrkarten  für den öffentlichen Verkehr verwendet wird. Ein paar gesponserte Bahntickets wären ja auch ganz nett und ein altes Fahrrad haben wir sogar, aber natürlich ist das nicht im Sinne der Erfinder_innen.

Ich frage mich, was hilft die Ankurbelung einer nachweislich klimaschädlichen Industrie der Umwelt? Nichts. Darum geht es aber auch gar nicht, sondern um die Unterstützung einer niedergehenden Industrie, aber anstatt das auch im Namen anklingen zu lassen, erfreuen uns Politik und Medien mit einem Euphemismus, der alle Herzen höher schlagen lässt. Ich sehe vor allem eine Krise kritischen Denkens und Handelns. Unter dem Deckmantel der ‚Krise‘ und so tollen Worthülsen wie ‚in Zeiten wie diesen‘ werden Projekte durchgedrückt, deren langfristige Auswirkungen zumindest mal hinterfragt werden sollten, bevor sie einfach durchgewinkt werden. An einfache Lösungen für komplexe Probleme glaube ich schon lange nicht mehr.

Nur Mord und Totschlag

Wo immer wir leben, Mord und Totschlag sind schon da. Die Probleme mit den Junkies am Kottbusser Tor haben es jetzt bis in die taz geschafft, zum Glück liegt deren Gebiet jenseits unserer wichtigen Wege. Den Ansatz ihnen Raum zu schaffen, damit U-Bahn, Anwohner und Geschäfte entlastet werden, finde ich ja mal echt produktiv. Gerade frage ich mich aber, ob es um die Verkehrsinsel geht, auf der seit einiger Zeit der Fahrstuhl und seit neuestem die Treppe zum Laufen rauskommen. Das wäre dann eher kontraproduktiv, denn Muttis mit Kinderwagen werden sich über Fixergesellschaft beim Warten auf den Fahrstuhl freuen. Und die neue Möglichkeit, schnell aus der U1 raus zu sein, ohne durch den Untergrund zu müssen, würde doch sehr an Attraktivität einbüßen. Wollen wir mal hoffen, dass eine gute Lösung für alle Seiten gefunden wird.

Aber auch Heilbronn ist nicht ohne. Nachdem die Belohnung für die Ergreifung des ‚Phantoms‘ vor einiger Zeit erhöht worden ist, sind nun die Zuständigkeiten verändert worden. Seit vorgestern hat sich das LKA Stuttgart des Falls angenommen. Der Stimme-Artikel fasst den Fall noch mal kurz zusammen und ein Interview mit dem Heilbronner Polizeichef rundet die Berichterstattung ab. Interessant sind auch die Kommentare zu den Artikeln und die Chronik der Berichterstattung.

Ende Januar hat ein Tübinger Humangenetiker eine ausführlichere Analyse des Genmaterials gefordert, die Rückschlüsse auf das Äußere  des ‚Phantoms‘ ermögliche. In diesem Artikel wird auch endlich mal darauf verwiesen, dass das ‚Phantom‘ trotz zweier X-Chromosomen als Mann wahrgenommen werden könnte, entweder aufgrund einer genetischen Anomalie, deren Überprüfung verboten sei, oder nach einer Geschlechtsumwandlung. Während die genetische Abweichung selten sei, komme die Geschlechtsumwandlung häufiger vor als gedacht. Ich dachte bisher, dass diese Möglichkeit zumindest öffentlich nicht in Betracht gezogen wird. Gut, dass es anders ist. Aber auch hier werden soziale Rolle und ‚genetische Bestimmung‘ gegen einander ausgespielt. Wo das eine geht, ist natürlich auch das andere möglich.

Die Vorzeigefrau

Letzten Mittwoch habe ich den letzten Film in der Reihe „Das Geschlecht der Bildung. 100 Jahre Frauenstudium“ an der HU gesehen. Angekündigt war die Dokumentation „Die Vorzeigefrau“ (1986) über die Philosophin Helga Hörz, ehemalige Leiterin des Bereichs Ethik an der HU, Vertreterin der DDR in der UNO-Kommission für den Rechtsstatus der Frau und Autorin von „Die Frau als Persönlichkeit“ (1968).

Ich fand die Dokumentation sehr interessant und diskussionswürdig. Wie werden die Möglichkeiten von Frauen in der DDR, wissenschaftliche Karriere zu machen, dargestellt? Welche Rolle spielen Partnerschaft und Familie in diesem Kontext? In welchem Verhältnis steht diese filmische Repräsentation zu den realen Lebensverhältnissen in der DDR? Solche Fragen insbesondere unter Beachtung der Geschlechterdimension hätten mich interessiert.

Aber eine solche Diskussion ist wohl von Seiten der Veranstalterinnen nicht beabsichtigt gewesen. Durch die Einladung der Protagonistin des Films, die bereitwillig Fragen aus dem Publikum beantwortet hat, ist der Fokus von der filmischen Verarbeitung auf die Rechtfertigung und Erläuterung ihrer Aktivitäten im System der DDR verschoben worden. Die Einbettung in den historischen Kontext ist wichtig, aber anstatt den Film in seinem Kontext und mit Bezug auf das Thema der Reihe zu diskutieren, ist die historische Situation in der DDR immer mehr in den Vordergrund gerückt.

Erst beim zweiten Versuch habe ich es geschafft, meine Kritik an dieser Fokussierung vorzubringen. Meinen ersten Einwand hat Christina von Braun mit professoraler Autorität abgebrochen, auf ihre Einlassung habe ich nicht erwidern können. In ihrem Schlusswort hat sie darauf verwiesen, dass die Diskussion am Ende des Films maßgeblich durch Fragen aus dem Publikum bestimmt worden sei. Ihr und Claudia Bruns sei bewusst gewesen, dass es nach diesem Film zu kontroversen Diskussionen über die DDR kommen werde. Sie finde dies produktiv, interessant und wichtig. Dieser Kommentar zeigt deutlich, dass sie die Entwicklung der Diskussion im Anschluss an den Film vorausgesehen und vielleicht sogar intendiert hat.  Im Nachhinein unredlich, einen Film über eine Wissenschaftlerin auf diese Weise zu instrumentalisieren.

Immer, wenn es um die DDR geht, gibt es heftige Diskussionen, die eine eindeutige Positionierung erfordern. Sowohl Ost- als auch Westdeutsche sind dabei stets emotional und wenig objektiv. Das wissen auch die Veranstalterinnen. Ich fand es gut, dass neben Dokumentationen aus der BRD und Spielfilmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch eine Dokumentation über eine Wissenschaftlerin aus der DDR im Programm stand. Hier wurde aber nicht über die Geschlechter-, sondern über die politischen Verhältnisse diskutiert. Ich bin leider bei keinem der Spielfilme gewesen, frage mich aber, ob bspw. bei „Unser Fräulein Doktor“ (1940) auch die politischen Umstände im Vordergrund standen. Ich bezweifele es ja und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Film ins Programm genommen worden ist, ohne die Perspektive, die er ermöglicht, wirklich dabei haben zu wollen.

Außerdem bin ich bezüglich der Einladung an Helga Hörz ambivalent. Einerseits ist so einer in offiziellen Diskursen marginalisierten Stimme die Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung gewährt worden. Andererseits fordert eine solche Diskussion stets Rechtfertigungen für das Verhalten im System der DDR heraus, deren öffentliche Äußerung vielleicht doch nicht so wünschenswert sind. Insofern frage ich mich, warum sie eingeladen worden ist, nicht aber die Regisseurin des Films, mit der auch die Art der Darstellungsweise sinnvoll  hätte diskutiert werden können.

Insgesamt blicke ich auf einen interessanten, aber auch ärgerlichen Abend zurück. Mir ist einmal mehr die Hierarchie innerhalb des universitären Raumes klar geworden. Sie hat nicht nur eine Geschlechter- und Altersdimension, sondern verläuft auch immer noch an der Grenze zwischen Menschen mit BRD- und DDR-Hintergrund.

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