Danke Missy!

Diese Woche habe ich die dradio Wissen Redaktionskonferenz vom 24.9.2010 mit Chris Köver von Missy als podcast gehört. Da hat sie viel erzählt, was für mich als treue Leserin wenig überraschend oder neu war. Aber geschenkt, denn ein Leseerlebnis der letzten Tage hat mir wieder deutlich vor Augen geführt, wie nötig ein solches Magazin noch immer ist und wie froh ich sein kann, solchen Schund einfach links liegen lassen zu können. Bezahlt habe ich für die zwei Ausgaben von life&style weekly nicht, die ich in der letzten Woche gelesen habe, denn sie waren in so Umsonst-Tütchen drin, die zum Semesterstart gern in Mensen verteilt werden. Neben Red Bull und Kopiergutscheinen also auch bisschen leichte Lektüre für die schlauen Köpfe. Sehr clever. Ich habe sie also mitgenommen, um mich mal so richtig schön aufzuregen. Habe ich auch getan und will jetzt nicht groß analysieren, sondern nur notieren, was mir als rosa Elefanten ins Auge gesprungen ist.

Das Heft besteht zum Großteil aus privaten Berichten über ‚unsere‘ Stars (meist Weiße aus den USA), auf einer unangenehm persönlichen und vertrauten Ebene. Für mich sind das Fremde, so viel wollte ich gar nicht wissen. Aber am schärfsten: sie enthalten etliche  gruselige Botschaften und Erwartungen, wie die Leserinnen (diese Zielgruppe wird spätestens im Horoskop ganz deutlich) und damit Frauen sind bzw. sein sollten:

  • Schlanksein als Lebensziel.
  • Deshalb ist Sport ein Muss, aber die Klamotten, die eine dabei trägt, sind hässlich.
  • Drogen machen kaputt, Mütter, die rauchen gehören an den Pranger.
    Da ist schon was dran, aber hier werden Drogen als Probleme der Frauen dargestellt und Väter, die rauchen, nicht denunziert. Außerdem wird pauschal behauptet, dass die Mütter es auf eine Weise tun, die ihre Kinder schädigt.
  • Gepflegt sein, sonst rennt der Partner davon.
  • ‚Irgendwie merken sie (die Partnerin und die Kinder), dass etwas nicht stimmt‘, wenn der Partner Krebs hat.
    Krasser könnten Frau und Kinder nicht infantilisiert werden. Keine_r von ihnen wird es nur ‚irgendwie‘ merken, dass der Vater und Ehemann eine wirklich gefährliche Krankheit hat. (Es wird darauf verwiesen, dass er stark geraucht hat. Aber eine Gefahr stellt das wohl nur für ihn selbst dar…).
  • Stets witzig, natürlich und eine aufopfernde Mutter sein, sonst ist der Ehemann enttäuscht.
  • Das größte Problem ist aber wohl Sex. Welch ein Skandal, wenn sie ihren Partner mit einer Frau betrügt oder auf SM steht oder er sie bei der Selbstbefriedigung erwischt.

Willkommen in einer wunderbar heteronormativen Welt, in der alles seinen Platz hat, oder ihn zugewiesen bekommt. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Eines leistet mein Ausflug in die untersten Etagen der Unterhaltung hervorragend: einmal alle potentiellen Defizite, die ich oder die Menschen in meiner Umgebung haben könnten, aufreihen und so richtig schön den Tag versauen.

Diese Blättchen fliegen in hohem Bogen in den Müll und ich freue mich wie wild auf die neue Missy (kommt am 15. November raus). Denn sie liefert schon auf der ersten Seite mehr Input und ich werde sie ganz bestimmt mit dem guten Gefühl schließen, wie toll ich doch bin. Außerdem werde ich von fantastische andere Menschen erfahren haben, die ich noch gar nicht kannte, und mich im Zug bei der Lektüre unglaublich wohl fühlen. Deshalb Danke Missy!

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Was Väter wollen

Antje Schrupp analysiert das Problem, das sich aus weiblicher Perspektive angesichts der Forderung nach automatischem Sorgerecht lediger Väter stellt, sehr treffend und umfassend. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass der Umgang mit den Rechten und Pflichten von Vätern inzwischen reziprok zu sein scheint:

  • Sind sie gefragt, Verantwortung zu übernehmen, werden Regelungen, die vormals für uneheliche Kinder gegolten haben, auf eheliche übertragen (Unterhaltsrecht).
  • Wollen sie Rechte über das Kind erlangen, sollen Regelungen, die vormals nur für eheliche Kinder gegolten haben, auch auf uneheliche übertragen werden (Sorgerecht).

Auf diese Weise werden zwar die rechtlichen Bedingungen angeglichen, aber ist das wirklich im Interesse der Kinder? Und wo bleiben die Interessen der Mütter? Die sollten zumindest ebenso hoch eingeschätzt werden, wie die der Väter.

Brosamen für die Hebammen

Die Online-Petition war ein voller Erfolg, nach Ende der Zeichnungsfrist gibt es über 100.000 elektronische und mehr als 80.000 schriftliche Mitzeichnungen. Laut wikipedia ist sie damit die bisher erfolgreichste E-Petition beim Deutschen Bundestag. Doch was hilft es, wenn im Petitionsausschuss dann zwar alle Fraktionen die hohe Bedeutung der Arbeit der Hebammen betonen, das Gesundheitsministerium jedoch dennoch keinen Handlungsbedarf sieht. Was dabei rauskommt kann heute als freudige Botschaft in den Nachrichten bewundert werden: eine Schiedsstelle entscheidet über völlig unzureichende Erhöhungen der Vergütung einzelner Dienstleistungen. Das ist weder eine Lösung, die direkt auf das eigentliche Problem – die hohe Berufshaftpflichtversicherung – gerichtet ist, noch sind die Mittel auch nur annähernd ausreichend, um wenigstens die Symptome zu behandeln. Der Hebammenverband beklagt dieses Ergebnis offen. Aber wen interessiert das schon im Fußballtaumel, der sogar eine kritische Perspektive auf die Gesundheits-Re-reform verstellt?

Schaut mal … fromme Wünsche

Unter diesem Motto und mit einigen kritischen Kommentaren postet die denkwerkstatt einen leider sehr treffenden Comic zur Chancengleichheit von Männern und Frauen. Auch wenn das ganze zweigeschlechtlich aufgemacht ist, funktioniert der sicher auch mit allen anderen Abweichungen vom weißen, gesunden Mittelschichtsmann.

Was ist Glück?

Leider kommt jetzt kein hochphilosophischer Beitrag, der versucht eine annähernd differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Wäre vielleicht wirklich mal nötig, da in den Kommentaren zum letzten Post klar geworden ist, dass Glück eine sehr individuelle Sache ist, die nicht mit einfachen Parametern gemessen werden kann. Aber ist es Glück, nicht vergewaltigt zu werden, wenn eine in letzter Minute einen Rückzieher macht? Diese Frage stellt Leonie sich im Mädchenblog zu Recht.

Im ersten Moment habe auch ich genau das gedacht: wow, das hätte schief gehen können. Und das zeigt, ich bin mitten drin in einer rape culture. Solche Situationen können sehr gewaltsam ausgehen – aber ‚Glück gehabt‘ impliziert, dass es nicht normal ist, dass ein solcher Rückzieher akzeptiert wird, sondern eher eine Ausnahme. Eine solche Reaktion, ob gedacht oder gesagt, lässt auf kein schönes Männerbild schließen. Als sei es ein Wunder, wenn eine Frau in ihrem Leben von  sexuellen Übergriffen verschont geblieben ist.

Aber das sollte es nicht sein. Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung sollten die default-Positionen sein, nicht die beständige Bedrohung. Genau das ist der Punkt: wann erfahren wir von einem solchen ‚Normalfall‘? Sehr selten. Welche Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, ruft schon jeden Morgen ihre Familie und Freund_innen an und meldet: „Alles gut, ich habe wieder eine Nacht ohne Vergewaltigung überstanden.“ Wohl kaum eine und das ist auch gut so. Denn diese Unversehrtheit ist die Normalität, die wir alle verdienen.

Ein ‚Glück gehabt‘ setzt jedoch die Vergewaltigung als (relativ) normale Folge einer unerwarteten Verweigerung. Wir dürfen das nicht als normal denken, weil es Männern pauschal eine Menge Mist unterstellt und die eigene Entscheidungsfähigkeit mindert. Ich stelle mir gerade junge Frauen vor, die es ’normal‘ fänden, wenn er in einer solchen Situation zur Gewalt greift, und deshalb keine Grenze ziehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr wollen. Rape culture ist insofern etwas, das nicht nur real passiert (siehe die Reaktionen auf Verhaftungen von Polanski und Kachelmann), sondern auch in unseren Köpfen herumspukt und einem gleichberechtigtes Miteinander entgegensteht.

Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky

Was ist eigentlich Feminismus?

Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer könnten keine Feministen sein:

Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung.

Eine interessante Argumentation, der ich dennoch widersprechen möchte. Feminismus ist historisch zunächst eine Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung, die das Ziel der Emanzipation der Frauen verfolgt. So weit, so richtig. Ich würde mich auch nicht an irgendwelchen Etymologien aufhalten. Der Schluss ist mE dennoch falsch bzw. nicht zwingend.

Ein Mann kann sich in dieser Terminologie nicht von der Frauenrolle emanzipieren. Richtig. Es könnte aber emanzipierte Männer geben, die sich von der traditionellen Männerrolle emanzipieren. Eine Emanzipation der Männer ist also durchaus vorstellbar. Das führt direkt zu der Frage, über die wir die ganze Zeit diskutieren: ist der Feminismus in der Lage, den theoretischen Überbau für diese Bewegung zu liefern?

Bevor ich darauf antworte, noch mal zurück zur Argumentation gegen ‚Feministen’. Ich halte es für vermessen, die Erweiterung der Frauen- auf die Geschlechterforschung allein Judith Butler zuzuschreiben und sie zugleich von der feministischen Theorie abzukoppeln. Butler ist mE zentraler Bestandteil feministischer Theorie: die soziale und biologische Konstruktion von Geschlecht ist Basis eines differenzierten und interdependenten gender-Begriffs, der es ermöglicht auch Differenzen jenseits der Geschlechtergrenzen einzubeziehen. Ich habe das Gefühl auf ein neues Wespennest gestoßen zu sein, wenn ich versuche, das Verhältnis von Feminismus, gender und queer zu definieren. Ich möchte an dieser Stelle keine Hierarchien aufmachen. Beide Begriffe basieren auf der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und für mich war bisher immer klar, dass sie dazu gehören. Aber es ist vielleicht auch möglich, dass anders zu sehen.

Wenn, so wie ich es voraussetze, gender Teil feministischer Theorie ist und einen geeigneten Zugang darstellt, um traditionelle Konzepte von Geschlecht zu hinterfragen und zu durchbrechen, dann sind feministische Theorie und Feminismus ein sehr geeigneter Überbau für eine ‚Emanzipation des Mannes’. Ich bin mir bewusst, dass ich für diesen Schluss eine Menge Vorannahmen treffe, aber ich bin froh, sie einmal ausformuliert zu haben, denn für mich gehört das alles letztlich zusammen. Mein Feminismus ist durch die gender-Theorie geprägt und insofern ist mir nun klarer, warum ich nicht verstehen konnte, wieso einige es ablehnen, sich Feminist zu nennen, obwohl sie es für mich offensichtlich sind.

Letztlich gehe ich also von einer Weiterentwicklung des Feminismus aus, der mal als Theorie der Emanzipation ‚der Frau‘ begonnen hat, inzwischen aber sehr viel mehr umfasst. Als Historikerin finde ich eher solche Entwicklungen spannend, als Vergangenes zu benennen und zu katalogisieren, um es vom Heute zu unterscheiden. Begriffe und Theorien entwickeln sich weiter, ohne dass sie beständig umfirmieren müssen. Das hat auch strategische Vorteile, denn Feminismus ist als Begriff wunderbar politisiert, so dass die Bezeichnung als Feminist_in eine politische Praxis und ein kulturell verständliches Zeichen ist.

Mit wem will ich hier eigentlich diskutieren?

Das frage ich mich schon länger, immer dann, wenn hier komische Kommentare eintrudeln, die ich nicht so richtig einordnen kann, weil sie rumpöbeln, nicht konstruktiv sind oder darauf angelegt, andere Bloggerinnen zu diffamieren. Auch wenn hier nicht so viel Verkehr ist und ich deshalb froh bin, wenn jemand antwortet, will ich mich nicht mit jedem Erguss auseinandersetzen müssen. Das ist mein Blog – mein Wohnzimmer und da lasse ich niemanden rein, der mir auf die Couch kackt. Auch bei Hunden bin ich da gnadenlos. (Nur falls jemand fälschlicherweise glaubt, ich könnte Tierfreundin sein und deshalb mit zweierlei Maß messen.)

Aber manche Argumentationen beschäftigen mich dann doch, weil sie einfach zu hohl sind. Es ist spannend, dass aus maskulistischer Ecke letztlich immer die ewig gleichen ‚Argumente‘ kommen:

  • Zwangsdienste
    Ich bin Pazifistin, Zwangsdienste find ich echt blöd, aber dagegen sollte kämpfen, wer davon betroffen ist.
  • Tod: früh, im Krieg, beim Unfall, durch die eigene Hand
    Das hat was mit der Lebensweise zu tun (Klosterstudie!), ich habe nichts dagegen, wenn die geändert wird und strukturelle Ursachen bekämpft werden. Aber ein ‚Frauen jetzt sterbt doch auch endlich früher!‘ wird wohl kaum die Lösung sein. Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?
  • Sorgerecht und Unterhaltsregelungen nach einer Scheidung oder bei unverheirateten Eltern
    Sind ein echtes Problem, weil leider viel zu oft nicht das Kindeswohl im Zentrum steht, weder vor Gericht noch bei der individuellen Positionierung der Eltern. Weniger Klischee und mehr Einzelfallbetrachtung helfen hoffentlich.
  • Bildungsmisere: die armen Jungen
    Es läuft grundsätzlich was schief im Bildungssystem. Das sehen wir auch daran, dass Jungs dort z.T. benachteiligt werden. Aber es läuft auch grundsätzlich was schief in der Berufswelt, dass sehen wir daran, dass Mädchen trotz besserer Leistungen in der Schule danach nicht aufholen. Das Verhältnis von Schule, Beruf und Gesellschaft ist ganz und gar nicht in Ordnung. Darunter leiden alle, nicht nur Jungs.

Heute hab ich mal was neues gelesen:

  • kein aktives und passives Wahlrecht bei der Wahl von Gleichstellungsbeauftragten
    In Berlin heißen die ja Frauenbeauftragte. Wenn das mal kein Grund ist. Aber wo ist da jetzt der Skandal? Das ist vor allem zusätzliche Arbeit und aus meiner Erfahrung hält sich die Macht auf dieser Position auch in Grenzen.
  • Ausschluss von den Fördermillionen in Frauentöpfen
    Da kann ich nur polemisch werden: solange die ‚allgemeinen‘ Töpfe immer noch als Ressource behandelt werden, die hauptsächlich unter Männern aufgeteilt wird, bleibt da wohl nichts anderes übrig. Das habe ich an der Uni einfach zu oft gesehen: ’normale‘ Stellen werden mit Männern besetzt, und die eine Frau, die es über die begrenzten (!) Mittel der Frauenförderung schafft, wird dann auch noch als Quotenfrau abgestempelt. Nein, danke.
    Ich glaube kaum, dass das Institut, an dem ich studiert habe, eine Ausnahme ist. Vor 6 Jahren gab es bei 14 Professuren eine einzige Juniorprofessorin. Seitdem sind 7 Professuren neu besetzt worden. Sage und schreibe zwei Frauen sind unter den Berufenen. Zwei von drei dieser Stellen sind durch Mittel der Frauenförderung finanziert. Und das bei einem Studentinnenanteil von 50 Prozent. Diese Übermacht an Vorbildern motiviert ungemein. Das ist für angehende Wissenschaftler unten den Studenten natürlich toll.

Also, liebe Herren, wie ich schon in einem Kommentar schrieb: den Blick auf eigene Privilegien zu lenken und einzugestehen, dass sie anderen Nachteile bereiten, tut weh. Fasst euch ruhig mal an der eigenen Nase, bevor ihr auf andere einprügelt. Denn ich werfe das nicht den Männern vor, die die Stellen bekommen haben. Die sind hochqualifiziert und haben es alle verdient, aber ich frage mich doch, ob tatsächlich keine Frau genauso oder besser für den Job geeignet gewesen wäre. Und wer das entscheidet, also welche Maßstäbe an Exzellenz angelegt werden. Jetzt bin ich gleich drin in der Bildungsdebatte, das hat hier aber nix zu suchen.

Es ist wichtig, diskriminierende Strukturen und Praktiken aufzudecken, die dazu führen, dass ich mich immer wieder frage: in welcher Welt möchte ich eigentlich leben? Interessenpolitik für einzelne Gruppen ist unerlässlich, aber am Ende bleibt nur ein Aufeinanderzugehen, um einen gerechten Interessensausgleich zu schaffen. Dabei maße ich mir nicht an, für andere und ihre Interessen zu sprechen, denn das entmüdigt diejenigen, denen ich unterstelle, dass ihre Situation verändert werden müsse.

PS: Eh jemand auf die Idee kommt, die

  • ‚ungerechte‘ Geschlechterverteilung auf dem Arbeitsmarkt (à la Männer schuften, Frauen wollen Rosinen picken) anzubringen:
    Nee, meine Lieben. Was Krankenschwestern den ganzen Tag und nachts heben und bewegen, dass ist ein echter Knochenjob, deshalb sind Krankenpfleger auch so gern gesehen. Bei der Müllabfuhr ist es sicher nicht weniger anstrengend und es stinkt auch, aber die Entschädigung (sprich: Bezahlung) ist deutlich höher.

PPS: Das wollte ich schon lange mal loswerden. Sich gegenseitig mit Vorwürfen zu bewerfen und mit ‚Argumenten‘ zu bombardieren ist keine Kommunikation. Und das ist es, was ich mir vorstelle: Kommunikation, respektvoll und mit Interesse für den Standpunkt der anderen Seite. Für alles andere stehe ich nicht zur Verfügung, da bleibe ich lieber alleine in meinem Wohnzimmer und mache es mir bei Tee und Kerzenschein gemütlich, in meiner Ecke des Internetzes.

Schaut mal … wider den farblichen Einheitsbrei

Auch wenn es nicht so recht zum aktuellen Theme passen will, binde ich gerne diesen Button ein. Eine wichtige Petition. Die Gründe zu unterschreiben hat die Mädchenmannschaft gut auf den Punkt gebracht.

Und auch wenn ich es gerne unkommentiert ließe. Nein, hier setze ich mich nicht für die Partikularinteressen von Frauen ein. Auch wenn es um ein weiblich dominiertes Berufsfeld geht und die Sorge um weibliche Körper ein zentraler Punkt ist, werden auch Jungs geboren und (werdenden) Vätern unterstelle ich jetzt mal das Beste, nämlich, dass ihnen extrem am körperlichen Wohl von Mutter und Kind gelegen ist. Außerdem profitieren sie auch selbst davon, wenn es allen Beteiligten gut geht, weil sie vernünftig und entsprechend den eigenen Bedürfnissen betreut werden. Was nicht heißen soll, dass nur (potentielle) Eltern als Mitzeichnende in Frage kommen. Es soll ja tatsächlich möglich sein, eine gute Sache zu erkennen und zu unterstützen, ohne selbst direkt betroffen zu sein.

Feministen – geht das überhaupt?

Mein Schnellschuss zum Grünen Männermanifest ist nicht unbeantwortet geblieben und ich habe gemerkt, dass ich da wohl noch mal nachdenken muss. Ich bin anderer Meinung als Ben und glaube, das hat entscheidend mit den Perspektiven zu tun, die unsere Argumentation bestimmen. Lieber Ben, ich hoffe, ich trete dir im Folgenden nicht zu nahe mit meinen Spekulationen. Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise agitieren, aber ich frage mich wirklich, wie wir uns gut bezeichnen können, so dass wir einander verstehen und Gleichgesinnten Allianzen ermöglichen.

Als Feministin sehe ich andere Menschen, die ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen wie ich, und nehme diese gemeinsamen Interessen zum Anlass, sie in ein feministisches ‚Wir‘ zu integrieren. Immer wenn protestiert wird, der Begriff ‚Feminismus‘ trage zu viele negative Konnotationen, wehre ich mich dagegen, ihn deshalb aus meinem Wortschatz zu streichen. Nur weil jemand bzw. eine Gruppe von Menschen, ein Wort auf eine bestimmte Weise verwendet und bestimmte Assoziationen damit verknüpft werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wort auf eben diese Bedeutung festgelegt ist und entsprechend bewertet werden muss. Das ist der Spielraum, den Sprache eröffnet: durch die eigene Verwendung der verschiedenen Mittel Bedeutungen zu schaffen und  Aussagen zu treffen, die (vielleicht) die Welt verändern. Diese Macht der Sprache will ich um nichts in der Welt missen und eine andere Perspektive, die die populären Aneignungen in den Vordergrund stellt, muss sich in letzter Konsequenz wohlmöglich damit auseinander setzen, dass es reicht, wenn irgendwelche Idioten einen Begriff missbrauchen, um ihn in seiner Verwendung einzuschränken.

Deshalb habe ich mich so gefreut, dass die Grünen Männer in ihrem Manifest dazu stehen, dass sie Feministen sind (aus meiner Perspektive). Ich frage mich aber, warum diese Selbstbezeichnung dennoch nicht als Titel taugt. An diesem Punkt kommen wahrscheinlich Bens Argumente ins Spiel: eine so prominente Positionierung des ‚bösen‘ Wortes hätte noch krassere Reaktionen in konservativen Medien ausgelöst, als ohnehin schon. Viele Männer, die sich dezidiert nicht als Feministen verstehen, hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Ziel eines solches Manifests ist es aber, möglichst viele anzusprechen und weitere Mitstreiter zu gewinnen. Auch wenn ich es schade finde, ist das wohl der Lauf der Dinge.

Aber Bens Kommentar geht noch weiter. Er geht davon aus, dass Feminismus vor allem etwas mit Frauen zu tun hat, wahrscheinlich wegen des Wortbestandteils ‚femin‘. Diese Assoziation ist zunächst verständlich, aber die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw.  von Frauen ist in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‚andere‘ Geschlecht verknüpft. Wenn das bisher (vor allem von Nicht-Feminist_innen) wenig reflektiert worden ist, ist das kein Grund, zu behaupten, Feminismus habe erst in zweiter Instanz etwas mit Männern zu tun.

Auch die anderen Begriffe, die Ben vorschlägt, wollen mir nicht so recht gefallen. ‚Post‘ hat immer etwas von: ‚das haben wir hinter uns‘. Patriarchat und Feminismus sind höchst diskussionswürdige Begriffe und ich glaube nicht, dass wir darüber schon hinaus sind, so dass ein ‚post‘ meines Erachtens nur vereinfacht und wegschiebt, ohne den Konflikten zu begegnen (vgl. post-gender in der Piratenpartei).

Dass das Grüne Männermanifest sich explizit in einen feministischen Kontext einordnet, ist für mich sehr wichtig. Aber Ben widerstrebt es als Mann (?) ‚Feminist‘ genannt zu werden. Ein solches Ringen um Personenbezeichnungen kenne ich aus anderer Perspektive sehr gut. Feministische Linguistik ist eines meiner Steckenpferde. Deshalb widerstehe ich dem Impuls zu fordern, ‚die Männer‘ sollten sich einfach damit abfinden, wenn es auch mal eine Bezeichnung gibt, die ihnen selbst nicht so zusagt, schließlich sind Frauen noch immer in den meisten Fällen ‚mitgemeint‘, werden aber nicht explizit benannt. Ich möchte dieses Unbehagen, unpassend benannt zu werden, stattdessen ernst nehmen, und frage mich nun noch ratloser: Was tun?

  • Wegen des Unbehagens auf einen machtvollen Begriff verzichten? Mir erscheint das nicht praktikabel, denn es birgt die Gefahr der Sprachlosigkeit, weil kein entsprechender Begriff vorhanden ist, der adäquat verstanden wird.
  • Aus strategischen Gründen, aber ohne Überzeugung, trotz des Unbehagens an bekannte Diskurse anknüpfen? Das wiederum erscheint opportunistisch und ich frage mich, ob politisches Engagement funktionieren kann ohne Authentizität und ein Herz, das sich mit der Sache (und den Begriffen) identifiziert.

Es gibt keinen leichten Ausweg, aber mich interessiert, warum ‚Feminist‘ (nicht nur von Ben) als unpassend empfunden wird. Denn ich weiß, dass die Reflexion und strategische Aneignung von Personenbezeichnungen dazu geeignet sind, das eigene Verhältnis und das der eigenen Umwelt zu beeinflussen. Als ich noch nicht wusste, was eine Feministin ist und dass ich eine bin, bin ich mal beleidigt worden, indem ich ‚Feministin‘ genannt worden bin. Das war in der Schulzeit und ich habe mich ganz schnell schlau gemacht. Wer mich seitdem ‚Feministin‘ nennt, will vielleicht beleidigen, aber es klappt nicht, denn ich bin stolz auf diese Positionierung. Und zwar auch wegen der Geschichte, die an dem Begriff hängt. Er löst bei den meisten Gesprächspartner_innen etwas aus, regt zur Diskussion an und kann nicht ignoriert werden. Das sind meine pro’s.

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