Die schönen Seiten des Frauentages

In diesem Jahr hatte ich einen Frauentag voller Sonnenschein: während einer weiten Zugfahrt hat sie mich nur selten verlassen und sich bis nach Berlin locken lassen. Im Süden lag noch Schnee: das alles hatte Potential meinen legendären Moskauer Frauentag zumindest zu imitieren. Und das abendliche Treffen mit wunderbaren Frauen in fast gleicher Besetzung ließ alle Erinnerungen wieder aufleben. So bin ich sehr gelungen angekommen.

Aber der Tag hatte schon gut angefangen: mit der Nachricht über den ersten Oscar für eine Regisseurin! Und der viel zitierte Kommentar Barbra Streisands, die ihn an Kathryn Bigelow überreicht hat, darf auch hier nicht fehlen:

Well, the time has come…

Die Zeit ist reif, und zwar nicht nur dafür. Erst heute habe ich entdeckt, dass diese Seite bei den Vorschlägen für die 100 deutschsprachigen Bloggerinnen gelandet ist. Danke an Ben dafür. Zu sehen, wie viele Kommentare mit unterschiedlichsten Leseempfehlungen bei der Mädchenmannschaft eingegangen sind, stimmt mich frohgemut. Bis ich es schaffe, mich da durchzuklicken dauert es wohl eine Weile – und hoffentlich noch ein bisschen länger, wenn die verlinkten Blogs gute blogrolls haben. Ja, an meinem kann ich dann auch mal wieder was tun. Ich freu mich drauf!

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Ich bin ja mal gespannt, wie sie das schaffen will

Hach, die Alice. Sie kann es einfach nicht lassen und sie weiß: sie muss nur genug provozieren, dann ist ihr Aufmerksamkeit sicher. Aber was sie da vorschlägt, halte ich doch für sehr verwegen. Sie will den 8. März abschaffen. Demnächst geht es dann also in diesem einen Monat direkt vom 7. zum 9. weiter. Das finden Geburtstagskinder und andere, denen der Tag was bedeutet, dann bestimmt total Spitze. Sie können dann nicht wie die, die den 29. Februar getroffen haben, wenigstens alle vier Jahre feiern, sondern sind einfach ganz taglos.

Ok, das reicht mit der Ironie. Aber Schwarzer ist sich in ihrer Polemik zu schade, den Tag auch nur einmal zu benennen.  Aber wenn sie schriebe, sie wolle den Internationalen Frauentag abschaffen, dann würde noch deutlicher, dass sie dazu einfach nicht die Macht hat und dafür eine einsame Entscheidung  nicht ausreicht. Aber diese Nicht-Benennung bzw. Umbenennung findet sich auch in anderen Beiträgen, wie Carsten in einem Kommentar bei der Mädchenmannschaft angemerkt hat:

Da in der westlichen Welt Internationaler Frauentag offensichtlich immernoch schwer über die Zunge geht, spricht man auch vom Weltfrauentag.

Ich ärgere mich schon eine ganze Weile: erst über die Ankündigungen von Veranstaltungen zum ‚Weltfrauentag‘, dann Berichte über die Feierlichkeiten und nun über Bestrebungen ihn abzuschaffen. Ich kann mich mit diesem Begriff einfach nicht anfreunden. ‚Welt‘ hat etwas von: wird überall gefeiert, aber alle schön für sich. ‚International‘ verweist für mich darauf, dass es der Vernetzung und Solidarität bedarf. Und wem das zu lang ist: ich kenne ihn schnöde als ‚Frauentag‘, da wissen auch alle, was gemeint ist.

Aber noch mal zur Argumentation Schwarzers: ihrer Behauptung, der Frauentag sei ein verkappter Muttertag gewesen, kann ich nur widersprechen. Ich finde den im Mai immer noch suspekt und kenne ihn nun schon 20 Jahre. Das ist ja gerade das tolle am Frauentag: er ist für alle Frauen da, ob sie ihre ‚reproduktive Funktion‘ schon erfüllt haben oder noch nicht. Das ist in meinem Denken so gesetzt, dass ich es als Kind nicht fassen konnte, dass Männer an diesem Tag Geburtstag haben können.

Am armseeligsten an der ganzen Nummer finde ich aber die Forderung, auf eine Sache zu verzichten, weil sie (angeblich) von der ‚falschen Seite‘ instrumentalisiert worden ist. Wenn wir das zulassen, fehlen uns bald die Worte und Mittel, irgendetwas zu kritisieren oder zu verändern. Es ist wichtig, die Herkunft und Tradition bestimmter Begriffe und Praktiken zu reflektieren, aber das Handlungspotential, dass sie und mögliche Umdeutungen schaffen, will ich mir nicht nehmen lassen.

Einfach mal ein Beispiel: Ich feiere Weihnachten, obwohl ich nicht christlich bin: es hat in meiner Familie Tradition, die christliche Tradition lässt sich auf ältere Praktiken zurückführen, ich mag einen besinnlichen Jahresausgang. Ich weiß, was ich tue und ich verfolge damit ein eigenes Ziel. Und ich glaube nicht, dass ich damit  ungewollt den Katholizismus in Deutschland stärke.

Blumengruß zum Internationalen Frauentag 2010

Blumengruß

Und ein paar Links für den heutigen Tag:

Bei ‚Schulwissen‘ sind maskulistische Positionen überholt, aber im Bereich ‚Wissenschaft‘ hoffähig. Da bleibt mir ein ungutes Gefühl im Magen. Aber nicht heute! Da werden taz und Missy gekauft, das ist die angemessene Lektüre für eine lange Zugfahrt.

… oder vielleicht doch nicht? II

Da die Situation in Deutschland nun mal ist, wie sie ist, muss Kritik wohl von außen kommen. Zum Glück haben wir die EU und in Viviane Reding eine Kommissarin, die mal sagt, was Sache ist. Ihr Bereich – die Grundrechte – sind in diesem Fall nämlich tatsächlich betroffen. Auch wenn die Lohnungleichheit wiedermal als Hauptinteresse herhalten muss, ist mir das allemal lieber als die Familienidylle der Kristina Schröder. Nicht nur rechtliche, sondern tatsächliche Gleichstellung ist ein Grundrecht, das es zu erarbeiten gilt.

Aber der Blick zu diestandard.at zeigt auch, dass ich mir meinen Österreich-Neid getrost wieder abschminken kann. Das die Lohnschere dort noch größer ist, wusste ich auch schon vorher, aber das zeigt eben auch deutlich: auch wenn die entsprechenden Ministerinnen präsent sind und das Aufgabenfeld ‚Frauen‘ nicht als Anhängsel zur ‚Familie‘ verstehen, entsteht ein Gleichstellungsparadies noch lange nicht von selbst. Es bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, damit Denken und vor allem Handeln verändert werden. Und da haben wir in Österreich wie in Deutschland noch einiges vor uns.

Der Feminismus ist tot – jetzt aber wirklich

Dieses Gefühl habe ich dieser Tage, da der Internationale Frauentag kurz bevor steht und offenbar aller Orten heiß herbeigesehnt wird. Denn die Aufmerksamkeit wird nicht nur genutzt, um die bekannten Missstände noch mal zu benennen, sie fordert offensichtlich lauten Widerspruch hervor. Allen voran natürlich von unserer werten Frauenministerin. Was für ein Armutszeugnis, wie anders sieht das doch in Österreich aus, das ich letztens schon beneidet habe. Aber unsere Ministerin macht in ihrer Bundestagsrede, wie die taz berichtet, deutlich, wo für sie der Schwerpunkt ihres Ministeriums liegt: bei der Familie. Und auch wenn es dann mal konkret um Frauen und Gleichstellung gehen soll, ist das natürlich (schon wieder!) ausschließlich ein Familienthema, als ob es dabei um nichts anderes gehen könnte. Ich habe langsam den Eindruck, die gute Frau weiß nicht, welchen Kämpfen sie ihre heutige Position (auch) zu verdanken hat. Und sie ahnt wohl noch nicht mal, welche Hindernisse sich ihr noch in den Weg stellen werden.

Aber nicht nur aus dieser Ecke kommt Gegenwind. Auch in der aktuellen Zeit-Campus wird unter der Überschrift Wir gleichberechtigt sind wir? heiß diskutiert. Es wird aber gar nicht diese Frage gestellt, sondern lieber gerätselt, was Frauen und Männer ‚wollen‘. Justus Bender meint, wer ‚gleich‘ sein wolle (wer will das bitte?), müsse sich auch entsprechend verhalten. Frauen seien selbst schuld, dass sie keine Karriere machen, sie studieren eben die falschen Fächer. Weil wir ja auch alle – mal ganz unabhängig vom Geschlecht – Karriere machen wollen. Aber was sind diese ‚falschen‘ Fächer? Neben den üblichen Verdächtigen (MINT und so), die  nebenbei bemerkt auch keine Garantie für makellose Karrieren sind, nennt er auch die Wirtschaftswissenschaften. Soweit ich mich erinnere ein Fach, das etwa gleich viele Männer und Frauen studieren. Hhm, da fällt mir nichts mehr zu ein.

Und im gleichen Tenor geht es weiter: in den Parteien seien zu wenige weibliche Mitglieder, woher solle der Nachwuchs denn kommen? Und in unseren Partnerschaften seien wir nicht gleichberechtigt, weil wir uns in der Mehrzahl ‚überlegenere‘ Partner‘ suchten. Also ganz klar: selber schuld, dass wir nicht ‚gleich‘ sind. Aber was ich mich wirklich frage, woher wissen wir von den nur 9% Ehen, in denen die Frau einen höheren Bildungsabschluss hat als der Mann? Ich vermute mal aus den Angaben bei der Eheschließung. Wenn das so ist, habe ich auch ’nach oben‘ geheiratet. Dumm, dass ich jünger bin als mein Mann und das kommt laut Statistik nun wahrlich häufig genug vor, ist aber kein ’nach oben‘ in diesem Sinne. Da ich bei der Hochzeit noch nicht fertig war mit dem Studium, bleibt das wohl so, denn bisher hat sich noch niemand gemeldet, um die Daten nach meinem Studienabschluss zu aktualisieren. Und mal rein hypothetisch: wenn die ehemalige Studentin irgendwann promoviert ist, haben sich die Verhältnisse zwar umgedreht, aber wer sollte diese Statistik schon erheben? Aber klar: die mangelnde Gleichstellung ist allein einem Fehlverhalten von weiblicher Seite anzulasten. Ich dachte wirklich, wir seien darüber hinaus.

Die Angriffe auf Frauenräume kommen selbst hier im Ländle an. Die Veranstaltungen zum Frauentag werden in den örtlichen Medien ordentlich beworben. Ich freue mich schon auf die Ausstellung Frauen_leben in Heilbronn, die pünktlich nächsten Montag eröffnet wird. Aber für ein anderes Blättchen, dessen Inhalte nicht online sind, war es wohl ganz entscheidend diesen Satz am Ende der Ankündigungen einzufügen:

Übrigens: Auch interessierte Männer sind zu den Veranstaltungen herzlich willkommen.

Nicht, dass ich Männer ausschließen wollte. Denn keine einzige der Veranstaltungen klingt, als sei sie auf Frauen als Publikum beschränkt. Bis auf die Filmvorführung von „Die Frauen von der Alb“ ist keiner der Veranstaltungsräume als Frauenraum erkennbar (Stadt, Rathaus, Gewerkschaftshaus, Museen usw.). Ich frage mich also: wieso bedarf es dieser direkten Aufforderung an die Männer? Sie erweckt den Eindruck, als seien sie ausgeschlossen, nur weil es sich einmal nicht um sie dreht und sie (vielleicht) nicht die Hauptzielgruppe eines Angebots sind. Ich finde es besonders schade, weil der Frauentag eine so schöne Gelegenheit ist, Frauen zu feiern. Wir sollten an diesem Tag im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche (wahrscheinlich nur eingebildete) verletzte Egos. Und auch wenn das vielleicht nur nett gemeint ist und ermuntern soll, frage ich mich: warum ausgerechnet zu diesem Anlass?

Wie immer kurz vor diesem Tag muss ich an meinen wunderbaren März in Moskau denken. Der 8. März war nicht nur Feiertag, es war auch der erste Tag mit Sonne und endlich fingen der Frühling und das Leben an. Ich habe diesen Tag mit wunderbaren Frauen verbracht und abends mit ihnen gefeiert. Für die Blumen und die Party haben die Männer gesorgt. Nicht, dass das immer so sein muss, aber ich wünsche mir auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für diesen Tag – von Frauen und Männern.

Solange ich an meine beliebigen Beispiele aus der aktuellen Presse denke, ist das Fazit klar: der Feminismus ist tot und so nützlich wie ein Kropf. Aber dann höre ich in mich hinein und es erschallt zur Antwort: es lebe der Feminismus!

Lange Tage der Frauen

Gestern Abend sind meine ausgedehnten Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Frauentages zu Ende gegangen und ich bin ein wenig melancholisch. Neben interessanter Lektüre haben mir diese tollen Tage zwei Filme und einen Frauentag beschert. Schon am Donnerstag, also drei Tage zu früh, hat alles angefangen. Ich habe mit einer Freundin den Dokumentarfilm Das Burlebübele mag i net – bewegte lesben in ost und west berlin angesehen und das hat sich richtig gelohnt. Die Filmemacher_innen haben 2 Lesben interviewt und wunderbare Berlinbilder gemacht. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die die Geschichte der Lesbenbewegung in Ost- und Westberlin unterhaltsam beleuchtet und die verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Sprache bringt, ohne die Gemeinsamkeiten beider Entwicklungen zu vernachlässigen. Mein persönliches Fazit: die Repression sucht sich in beiden Stadtteilen verschiedene Mittel, die Frauen agieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten ähnlich offensiv und können so ein Vorbild für feministisches Engagement sein.

Am Sonntag ist der geplante Spaziergang rund um den Richardplatz leider ins Wasser gefallen, aber ein entspannter Frauen-Brunch und Küchengespräche sind ein adäquater Ersatz und eine wunderbare Art, den Frauentag zu feiern. Gestern Abend dann noch mal Kino: die Brigitte-Preview von Hilde am Potsdamer Platz. Ein Film über eine faszinierende Frau, deren Entscheidungen und Verhalten allein aus ihrer Perspektive dargestellt sind. Heike Makatsch sieht ihr an einigen Stellen beunruhigend ähnlich, singt selbst und ich überlege, ob nicht auch an mir eine Sängerin ohne Stimme verloren gegangen ist.

Im Anschluss haben wir in Erinnerungen an den „besten Frauentag ever“ 2007 in Moskau geschwelgt: wie wir im Sonnenschein die Straßen erobert, im Dunkeln Souvenirs ergattert, nachts getanzt und am nächsten Morgen zu dritt in einem Bett erwacht sind. Am besten bleibt mir aber das opulente Frühstück in Erinnerung, dass ein Mann für uns gezaubert hat – ein würdiger Ausklang dieses einzigartigen Tages. Deshalb ist ganz klar: der Internationale Frauentag muss gesetzlicher Feiertag werden!