Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky
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Was ist eigentlich Feminismus?

Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer könnten keine Feministen sein:

Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung.

Eine interessante Argumentation, der ich dennoch widersprechen möchte. Feminismus ist historisch zunächst eine Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung, die das Ziel der Emanzipation der Frauen verfolgt. So weit, so richtig. Ich würde mich auch nicht an irgendwelchen Etymologien aufhalten. Der Schluss ist mE dennoch falsch bzw. nicht zwingend.

Ein Mann kann sich in dieser Terminologie nicht von der Frauenrolle emanzipieren. Richtig. Es könnte aber emanzipierte Männer geben, die sich von der traditionellen Männerrolle emanzipieren. Eine Emanzipation der Männer ist also durchaus vorstellbar. Das führt direkt zu der Frage, über die wir die ganze Zeit diskutieren: ist der Feminismus in der Lage, den theoretischen Überbau für diese Bewegung zu liefern?

Bevor ich darauf antworte, noch mal zurück zur Argumentation gegen ‚Feministen’. Ich halte es für vermessen, die Erweiterung der Frauen- auf die Geschlechterforschung allein Judith Butler zuzuschreiben und sie zugleich von der feministischen Theorie abzukoppeln. Butler ist mE zentraler Bestandteil feministischer Theorie: die soziale und biologische Konstruktion von Geschlecht ist Basis eines differenzierten und interdependenten gender-Begriffs, der es ermöglicht auch Differenzen jenseits der Geschlechtergrenzen einzubeziehen. Ich habe das Gefühl auf ein neues Wespennest gestoßen zu sein, wenn ich versuche, das Verhältnis von Feminismus, gender und queer zu definieren. Ich möchte an dieser Stelle keine Hierarchien aufmachen. Beide Begriffe basieren auf der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und für mich war bisher immer klar, dass sie dazu gehören. Aber es ist vielleicht auch möglich, dass anders zu sehen.

Wenn, so wie ich es voraussetze, gender Teil feministischer Theorie ist und einen geeigneten Zugang darstellt, um traditionelle Konzepte von Geschlecht zu hinterfragen und zu durchbrechen, dann sind feministische Theorie und Feminismus ein sehr geeigneter Überbau für eine ‚Emanzipation des Mannes’. Ich bin mir bewusst, dass ich für diesen Schluss eine Menge Vorannahmen treffe, aber ich bin froh, sie einmal ausformuliert zu haben, denn für mich gehört das alles letztlich zusammen. Mein Feminismus ist durch die gender-Theorie geprägt und insofern ist mir nun klarer, warum ich nicht verstehen konnte, wieso einige es ablehnen, sich Feminist zu nennen, obwohl sie es für mich offensichtlich sind.

Letztlich gehe ich also von einer Weiterentwicklung des Feminismus aus, der mal als Theorie der Emanzipation ‚der Frau‘ begonnen hat, inzwischen aber sehr viel mehr umfasst. Als Historikerin finde ich eher solche Entwicklungen spannend, als Vergangenes zu benennen und zu katalogisieren, um es vom Heute zu unterscheiden. Begriffe und Theorien entwickeln sich weiter, ohne dass sie beständig umfirmieren müssen. Das hat auch strategische Vorteile, denn Feminismus ist als Begriff wunderbar politisiert, so dass die Bezeichnung als Feminist_in eine politische Praxis und ein kulturell verständliches Zeichen ist.

Mit wem will ich hier eigentlich diskutieren?

Das frage ich mich schon länger, immer dann, wenn hier komische Kommentare eintrudeln, die ich nicht so richtig einordnen kann, weil sie rumpöbeln, nicht konstruktiv sind oder darauf angelegt, andere Bloggerinnen zu diffamieren. Auch wenn hier nicht so viel Verkehr ist und ich deshalb froh bin, wenn jemand antwortet, will ich mich nicht mit jedem Erguss auseinandersetzen müssen. Das ist mein Blog – mein Wohnzimmer und da lasse ich niemanden rein, der mir auf die Couch kackt. Auch bei Hunden bin ich da gnadenlos. (Nur falls jemand fälschlicherweise glaubt, ich könnte Tierfreundin sein und deshalb mit zweierlei Maß messen.)

Aber manche Argumentationen beschäftigen mich dann doch, weil sie einfach zu hohl sind. Es ist spannend, dass aus maskulistischer Ecke letztlich immer die ewig gleichen ‚Argumente‘ kommen:

  • Zwangsdienste
    Ich bin Pazifistin, Zwangsdienste find ich echt blöd, aber dagegen sollte kämpfen, wer davon betroffen ist.
  • Tod: früh, im Krieg, beim Unfall, durch die eigene Hand
    Das hat was mit der Lebensweise zu tun (Klosterstudie!), ich habe nichts dagegen, wenn die geändert wird und strukturelle Ursachen bekämpft werden. Aber ein ‚Frauen jetzt sterbt doch auch endlich früher!‘ wird wohl kaum die Lösung sein. Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?
  • Sorgerecht und Unterhaltsregelungen nach einer Scheidung oder bei unverheirateten Eltern
    Sind ein echtes Problem, weil leider viel zu oft nicht das Kindeswohl im Zentrum steht, weder vor Gericht noch bei der individuellen Positionierung der Eltern. Weniger Klischee und mehr Einzelfallbetrachtung helfen hoffentlich.
  • Bildungsmisere: die armen Jungen
    Es läuft grundsätzlich was schief im Bildungssystem. Das sehen wir auch daran, dass Jungs dort z.T. benachteiligt werden. Aber es läuft auch grundsätzlich was schief in der Berufswelt, dass sehen wir daran, dass Mädchen trotz besserer Leistungen in der Schule danach nicht aufholen. Das Verhältnis von Schule, Beruf und Gesellschaft ist ganz und gar nicht in Ordnung. Darunter leiden alle, nicht nur Jungs.

Heute hab ich mal was neues gelesen:

  • kein aktives und passives Wahlrecht bei der Wahl von Gleichstellungsbeauftragten
    In Berlin heißen die ja Frauenbeauftragte. Wenn das mal kein Grund ist. Aber wo ist da jetzt der Skandal? Das ist vor allem zusätzliche Arbeit und aus meiner Erfahrung hält sich die Macht auf dieser Position auch in Grenzen.
  • Ausschluss von den Fördermillionen in Frauentöpfen
    Da kann ich nur polemisch werden: solange die ‚allgemeinen‘ Töpfe immer noch als Ressource behandelt werden, die hauptsächlich unter Männern aufgeteilt wird, bleibt da wohl nichts anderes übrig. Das habe ich an der Uni einfach zu oft gesehen: ’normale‘ Stellen werden mit Männern besetzt, und die eine Frau, die es über die begrenzten (!) Mittel der Frauenförderung schafft, wird dann auch noch als Quotenfrau abgestempelt. Nein, danke.
    Ich glaube kaum, dass das Institut, an dem ich studiert habe, eine Ausnahme ist. Vor 6 Jahren gab es bei 14 Professuren eine einzige Juniorprofessorin. Seitdem sind 7 Professuren neu besetzt worden. Sage und schreibe zwei Frauen sind unter den Berufenen. Zwei von drei dieser Stellen sind durch Mittel der Frauenförderung finanziert. Und das bei einem Studentinnenanteil von 50 Prozent. Diese Übermacht an Vorbildern motiviert ungemein. Das ist für angehende Wissenschaftler unten den Studenten natürlich toll.

Also, liebe Herren, wie ich schon in einem Kommentar schrieb: den Blick auf eigene Privilegien zu lenken und einzugestehen, dass sie anderen Nachteile bereiten, tut weh. Fasst euch ruhig mal an der eigenen Nase, bevor ihr auf andere einprügelt. Denn ich werfe das nicht den Männern vor, die die Stellen bekommen haben. Die sind hochqualifiziert und haben es alle verdient, aber ich frage mich doch, ob tatsächlich keine Frau genauso oder besser für den Job geeignet gewesen wäre. Und wer das entscheidet, also welche Maßstäbe an Exzellenz angelegt werden. Jetzt bin ich gleich drin in der Bildungsdebatte, das hat hier aber nix zu suchen.

Es ist wichtig, diskriminierende Strukturen und Praktiken aufzudecken, die dazu führen, dass ich mich immer wieder frage: in welcher Welt möchte ich eigentlich leben? Interessenpolitik für einzelne Gruppen ist unerlässlich, aber am Ende bleibt nur ein Aufeinanderzugehen, um einen gerechten Interessensausgleich zu schaffen. Dabei maße ich mir nicht an, für andere und ihre Interessen zu sprechen, denn das entmüdigt diejenigen, denen ich unterstelle, dass ihre Situation verändert werden müsse.

PS: Eh jemand auf die Idee kommt, die

  • ‚ungerechte‘ Geschlechterverteilung auf dem Arbeitsmarkt (à la Männer schuften, Frauen wollen Rosinen picken) anzubringen:
    Nee, meine Lieben. Was Krankenschwestern den ganzen Tag und nachts heben und bewegen, dass ist ein echter Knochenjob, deshalb sind Krankenpfleger auch so gern gesehen. Bei der Müllabfuhr ist es sicher nicht weniger anstrengend und es stinkt auch, aber die Entschädigung (sprich: Bezahlung) ist deutlich höher.

PPS: Das wollte ich schon lange mal loswerden. Sich gegenseitig mit Vorwürfen zu bewerfen und mit ‚Argumenten‘ zu bombardieren ist keine Kommunikation. Und das ist es, was ich mir vorstelle: Kommunikation, respektvoll und mit Interesse für den Standpunkt der anderen Seite. Für alles andere stehe ich nicht zur Verfügung, da bleibe ich lieber alleine in meinem Wohnzimmer und mache es mir bei Tee und Kerzenschein gemütlich, in meiner Ecke des Internetzes.

Feministen – geht das überhaupt?

Mein Schnellschuss zum Grünen Männermanifest ist nicht unbeantwortet geblieben und ich habe gemerkt, dass ich da wohl noch mal nachdenken muss. Ich bin anderer Meinung als Ben und glaube, das hat entscheidend mit den Perspektiven zu tun, die unsere Argumentation bestimmen. Lieber Ben, ich hoffe, ich trete dir im Folgenden nicht zu nahe mit meinen Spekulationen. Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise agitieren, aber ich frage mich wirklich, wie wir uns gut bezeichnen können, so dass wir einander verstehen und Gleichgesinnten Allianzen ermöglichen.

Als Feministin sehe ich andere Menschen, die ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen wie ich, und nehme diese gemeinsamen Interessen zum Anlass, sie in ein feministisches ‚Wir‘ zu integrieren. Immer wenn protestiert wird, der Begriff ‚Feminismus‘ trage zu viele negative Konnotationen, wehre ich mich dagegen, ihn deshalb aus meinem Wortschatz zu streichen. Nur weil jemand bzw. eine Gruppe von Menschen, ein Wort auf eine bestimmte Weise verwendet und bestimmte Assoziationen damit verknüpft werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wort auf eben diese Bedeutung festgelegt ist und entsprechend bewertet werden muss. Das ist der Spielraum, den Sprache eröffnet: durch die eigene Verwendung der verschiedenen Mittel Bedeutungen zu schaffen und  Aussagen zu treffen, die (vielleicht) die Welt verändern. Diese Macht der Sprache will ich um nichts in der Welt missen und eine andere Perspektive, die die populären Aneignungen in den Vordergrund stellt, muss sich in letzter Konsequenz wohlmöglich damit auseinander setzen, dass es reicht, wenn irgendwelche Idioten einen Begriff missbrauchen, um ihn in seiner Verwendung einzuschränken.

Deshalb habe ich mich so gefreut, dass die Grünen Männer in ihrem Manifest dazu stehen, dass sie Feministen sind (aus meiner Perspektive). Ich frage mich aber, warum diese Selbstbezeichnung dennoch nicht als Titel taugt. An diesem Punkt kommen wahrscheinlich Bens Argumente ins Spiel: eine so prominente Positionierung des ‚bösen‘ Wortes hätte noch krassere Reaktionen in konservativen Medien ausgelöst, als ohnehin schon. Viele Männer, die sich dezidiert nicht als Feministen verstehen, hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Ziel eines solches Manifests ist es aber, möglichst viele anzusprechen und weitere Mitstreiter zu gewinnen. Auch wenn ich es schade finde, ist das wohl der Lauf der Dinge.

Aber Bens Kommentar geht noch weiter. Er geht davon aus, dass Feminismus vor allem etwas mit Frauen zu tun hat, wahrscheinlich wegen des Wortbestandteils ‚femin‘. Diese Assoziation ist zunächst verständlich, aber die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw.  von Frauen ist in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‚andere‘ Geschlecht verknüpft. Wenn das bisher (vor allem von Nicht-Feminist_innen) wenig reflektiert worden ist, ist das kein Grund, zu behaupten, Feminismus habe erst in zweiter Instanz etwas mit Männern zu tun.

Auch die anderen Begriffe, die Ben vorschlägt, wollen mir nicht so recht gefallen. ‚Post‘ hat immer etwas von: ‚das haben wir hinter uns‘. Patriarchat und Feminismus sind höchst diskussionswürdige Begriffe und ich glaube nicht, dass wir darüber schon hinaus sind, so dass ein ‚post‘ meines Erachtens nur vereinfacht und wegschiebt, ohne den Konflikten zu begegnen (vgl. post-gender in der Piratenpartei).

Dass das Grüne Männermanifest sich explizit in einen feministischen Kontext einordnet, ist für mich sehr wichtig. Aber Ben widerstrebt es als Mann (?) ‚Feminist‘ genannt zu werden. Ein solches Ringen um Personenbezeichnungen kenne ich aus anderer Perspektive sehr gut. Feministische Linguistik ist eines meiner Steckenpferde. Deshalb widerstehe ich dem Impuls zu fordern, ‚die Männer‘ sollten sich einfach damit abfinden, wenn es auch mal eine Bezeichnung gibt, die ihnen selbst nicht so zusagt, schließlich sind Frauen noch immer in den meisten Fällen ‚mitgemeint‘, werden aber nicht explizit benannt. Ich möchte dieses Unbehagen, unpassend benannt zu werden, stattdessen ernst nehmen, und frage mich nun noch ratloser: Was tun?

  • Wegen des Unbehagens auf einen machtvollen Begriff verzichten? Mir erscheint das nicht praktikabel, denn es birgt die Gefahr der Sprachlosigkeit, weil kein entsprechender Begriff vorhanden ist, der adäquat verstanden wird.
  • Aus strategischen Gründen, aber ohne Überzeugung, trotz des Unbehagens an bekannte Diskurse anknüpfen? Das wiederum erscheint opportunistisch und ich frage mich, ob politisches Engagement funktionieren kann ohne Authentizität und ein Herz, das sich mit der Sache (und den Begriffen) identifiziert.

Es gibt keinen leichten Ausweg, aber mich interessiert, warum ‚Feminist‘ (nicht nur von Ben) als unpassend empfunden wird. Denn ich weiß, dass die Reflexion und strategische Aneignung von Personenbezeichnungen dazu geeignet sind, das eigene Verhältnis und das der eigenen Umwelt zu beeinflussen. Als ich noch nicht wusste, was eine Feministin ist und dass ich eine bin, bin ich mal beleidigt worden, indem ich ‚Feministin‘ genannt worden bin. Das war in der Schulzeit und ich habe mich ganz schnell schlau gemacht. Wer mich seitdem ‚Feministin‘ nennt, will vielleicht beleidigen, aber es klappt nicht, denn ich bin stolz auf diese Positionierung. Und zwar auch wegen der Geschichte, die an dem Begriff hängt. Er löst bei den meisten Gesprächspartner_innen etwas aus, regt zur Diskussion an und kann nicht ignoriert werden. Das sind meine pro’s.

Ich bin ja mal gespannt, wie sie das schaffen will

Hach, die Alice. Sie kann es einfach nicht lassen und sie weiß: sie muss nur genug provozieren, dann ist ihr Aufmerksamkeit sicher. Aber was sie da vorschlägt, halte ich doch für sehr verwegen. Sie will den 8. März abschaffen. Demnächst geht es dann also in diesem einen Monat direkt vom 7. zum 9. weiter. Das finden Geburtstagskinder und andere, denen der Tag was bedeutet, dann bestimmt total Spitze. Sie können dann nicht wie die, die den 29. Februar getroffen haben, wenigstens alle vier Jahre feiern, sondern sind einfach ganz taglos.

Ok, das reicht mit der Ironie. Aber Schwarzer ist sich in ihrer Polemik zu schade, den Tag auch nur einmal zu benennen.  Aber wenn sie schriebe, sie wolle den Internationalen Frauentag abschaffen, dann würde noch deutlicher, dass sie dazu einfach nicht die Macht hat und dafür eine einsame Entscheidung  nicht ausreicht. Aber diese Nicht-Benennung bzw. Umbenennung findet sich auch in anderen Beiträgen, wie Carsten in einem Kommentar bei der Mädchenmannschaft angemerkt hat:

Da in der westlichen Welt Internationaler Frauentag offensichtlich immernoch schwer über die Zunge geht, spricht man auch vom Weltfrauentag.

Ich ärgere mich schon eine ganze Weile: erst über die Ankündigungen von Veranstaltungen zum ‚Weltfrauentag‘, dann Berichte über die Feierlichkeiten und nun über Bestrebungen ihn abzuschaffen. Ich kann mich mit diesem Begriff einfach nicht anfreunden. ‚Welt‘ hat etwas von: wird überall gefeiert, aber alle schön für sich. ‚International‘ verweist für mich darauf, dass es der Vernetzung und Solidarität bedarf. Und wem das zu lang ist: ich kenne ihn schnöde als ‚Frauentag‘, da wissen auch alle, was gemeint ist.

Aber noch mal zur Argumentation Schwarzers: ihrer Behauptung, der Frauentag sei ein verkappter Muttertag gewesen, kann ich nur widersprechen. Ich finde den im Mai immer noch suspekt und kenne ihn nun schon 20 Jahre. Das ist ja gerade das tolle am Frauentag: er ist für alle Frauen da, ob sie ihre ‚reproduktive Funktion‘ schon erfüllt haben oder noch nicht. Das ist in meinem Denken so gesetzt, dass ich es als Kind nicht fassen konnte, dass Männer an diesem Tag Geburtstag haben können.

Am armseeligsten an der ganzen Nummer finde ich aber die Forderung, auf eine Sache zu verzichten, weil sie (angeblich) von der ‚falschen Seite‘ instrumentalisiert worden ist. Wenn wir das zulassen, fehlen uns bald die Worte und Mittel, irgendetwas zu kritisieren oder zu verändern. Es ist wichtig, die Herkunft und Tradition bestimmter Begriffe und Praktiken zu reflektieren, aber das Handlungspotential, dass sie und mögliche Umdeutungen schaffen, will ich mir nicht nehmen lassen.

Einfach mal ein Beispiel: Ich feiere Weihnachten, obwohl ich nicht christlich bin: es hat in meiner Familie Tradition, die christliche Tradition lässt sich auf ältere Praktiken zurückführen, ich mag einen besinnlichen Jahresausgang. Ich weiß, was ich tue und ich verfolge damit ein eigenes Ziel. Und ich glaube nicht, dass ich damit  ungewollt den Katholizismus in Deutschland stärke.

Blumengruß zum Internationalen Frauentag 2010

Blumengruß

Und ein paar Links für den heutigen Tag:

Bei ‚Schulwissen‘ sind maskulistische Positionen überholt, aber im Bereich ‚Wissenschaft‘ hoffähig. Da bleibt mir ein ungutes Gefühl im Magen. Aber nicht heute! Da werden taz und Missy gekauft, das ist die angemessene Lektüre für eine lange Zugfahrt.

… oder vielleicht doch nicht? II

Da die Situation in Deutschland nun mal ist, wie sie ist, muss Kritik wohl von außen kommen. Zum Glück haben wir die EU und in Viviane Reding eine Kommissarin, die mal sagt, was Sache ist. Ihr Bereich – die Grundrechte – sind in diesem Fall nämlich tatsächlich betroffen. Auch wenn die Lohnungleichheit wiedermal als Hauptinteresse herhalten muss, ist mir das allemal lieber als die Familienidylle der Kristina Schröder. Nicht nur rechtliche, sondern tatsächliche Gleichstellung ist ein Grundrecht, das es zu erarbeiten gilt.

Aber der Blick zu diestandard.at zeigt auch, dass ich mir meinen Österreich-Neid getrost wieder abschminken kann. Das die Lohnschere dort noch größer ist, wusste ich auch schon vorher, aber das zeigt eben auch deutlich: auch wenn die entsprechenden Ministerinnen präsent sind und das Aufgabenfeld ‚Frauen‘ nicht als Anhängsel zur ‚Familie‘ verstehen, entsteht ein Gleichstellungsparadies noch lange nicht von selbst. Es bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, damit Denken und vor allem Handeln verändert werden. Und da haben wir in Österreich wie in Deutschland noch einiges vor uns.

… oder vielleicht doch nicht? I

In den letzten Tagen hatte ich viel Spaß mit der Liste der größten feministischen TV-Momente vom Missy-Magazin. Die Golden Girls und Ellens Coming out waren echte Hingucker. Aber ein bisschen weiter unten wird ein Interview mit Dagmar Reim verlinkt, die 2003 als erste Frau an die Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders in Deutschland kam. Und dann dachte ich mir: interessante Seite, dieses branchenblog für medienmacher. Aber beim Überfliegen der Auflistung der anderen Videointerviews wurde mir klar: MedienmachER. Ich fürchte, das liegt nicht an der Ausrichtung der Seite, sondern an den Verhältnissen der Branche. In einer wirklich langen Reihe finden sich gerademal sechs weitere Frauen und weil die Liste so kurz ist, zähle ich sie einfach mal auf: Susanne Matthiessen, Bascha Mika, Mercedes Riederer, Domenika Ahlrichs, Silke Springensguth, Mercedes Bunz.

Solange ich solche Beispiele nicht mit der Lupe suchen muss, sondern ständig unbeabsichtigt über sie stolpere, kann mir niemand weißmachen, der Feminismus sei überholt oder es gäbe nicht genügend qualifizierte Frauen. Sie kommen nicht an und sind unsichtbar, aber das heißt nicht, dass es sie nicht gibt!

Frauen sind ja so sozial

Die Regierungskommission für gute Unternehmensführung hat einen Bericht und Forderungen zum Frauenanteil in Aufsichträten vorgelegt. Der Kommissionsvorsitzende Klaus-Peter Müller hat der Financial Times Deutschland ein Interview gegeben, indem schön neoliberal erklärt wird, warum Frauen in diese Gremien reingehören. Es geht dabei natürlich um den Unternehmenserfolg und dafür bedarf es der ’speziellen Kompetenzen‘ von Frauen, die (einigen) Männern grundweg abgesprochen werden:

Müller: Abgesehen davon, dass wir grundsätzlich Wissensressourcen nicht richtig nutzen, was nicht gute Unternehmensführung ist, haben Frauen eine andere soziale Kompetenz, die Männer in Teilen nicht haben. Sie haben eine andere Art, Dinge zu betrachten. Außerdem will ich im Aufsichtsrat ja nicht nur Leute haben, die 20 bis 30 Jahre Erfahrung in Führungsgremien der Wirtschaft haben. Wir brauchen auch andere Impulse und Kreativität.

Angesichts solcher Vorstellungen über Männlichkeit und Weiblichkeit kann ich nur den Kopf schütteln. Wie wahrscheinlich ist es denn unter heutigen Bedingungen, dass eine diesem weiblichen Stereotyp entsprechende Frau es bis in einen Aufsichtsrat schafft? Viel wahrscheinlicher ist es, dass da Menschen hinkommen, die denen, die schon da sind, ähneln. Geschlecht ist in dieser Hinsicht ein wichtiges Unterscheidungskriterium und deshalb ist die Situation eben auch, wie sie ist, auch wenn Müller meint:

Meine Erfahrung ist, dass die Mehrheit der deutschen Aufsichtsräte heute das alte Old-Boys-Netzwerk nicht mehr verteidigen würde.

Es geht aber gar nicht darum, ob jemand diese Prozesse verteidigt, sondern darum wie sie wirken. Und inzwischen funktionieren Ausschlussmechanismen für Frauen vor allem unbewusst, aber das ändert nichts daran, dass sie funktionieren. Also auch wenn Frauen es reinschaffen, ähneln sie den anderen Mitgliedern dann wahrscheinlich mehr als die ’sozial kompetente Durchschnittsfrau‘.

Dieses Interview zeigt, wie stereotyp hochgebildete Menschen denken und dass das Ziel solcher Bemühungen nicht Gleichstellung sondern Gewinnmaximierung ist. Und ich frage mich immer mehr, ob ich mich vor diesen Karren spannen lassen will. Es ist für mich keine Frage, dass die Postenverteilung in Aufsichtsräten geschlechtergerechter gestaltet werden muss, aber ich frage mich, ob es das wichtigste Ziel von Frauenpolitik oder gar Feminist_innen sein sollte, in diesem Bereich Einfluss zu nehmen. Das ist zumindest der Eindruck, den die andauernde Medienpräsenz dieses Themas bei mir erweckt. Und dann fallen mir doch so ein – zwei dringendere Probleme ein:

– die sinkende staatliche Unterstützung von Frauenräumen und -initiativen
– Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität
– sexualisierte Gewalt
– das Recht auf Abtreibung

…. und viele viele mehr, die ich hier nicht auflisten kann. Aber diese Themen schaffen es nicht im gleichen Maße auf die Agenda. Wie viel Aufmerksamkeit können solche Themen generieren und ist es sinnvoll, sie quasi nacheinander abzuarbeiten, um sich nicht gegenseitig das Wasser abzugraben? Aber wer organisiert die Reihenfolge? Und ist es dann wirklich ein Zufall, dass es ganz oben in der Hierarchie losgeht? Sind als nächstes wirklich die von mir genannten Themen dran (oder andere, die in die Liste passen), oder besteht nicht eher eine große Wahrscheinlichkeit, dass wenn an der Spitze alles im Lot ist, unten nicht mehr gemeckert werden soll?

Es erscheint mir deshalb wenig sinnvoll, aus Loyalität abzuwarten und keine Aufmerksamkeit abzuziehen. Dieses Thema hat schon Aufmerksamkeit und kann nur gewinnen, wenn andere Gleichstellungsfragen mit auf den Tisch kommen, damit deutlich wird, dass es um ein großes Ganzes geht, bei dem wir erst am Anfang stehen. Es gilt, ein Bewusstsein zu schaffen, dass all diese Fragen wichtig sind und Lösungen gefunden werden müssen. Eine solche Atmosphäre ist ein wichtiger Schritt zu gerechteren Geschlechterverhältnissen.

Holla die Waldfee

Männlichkeit war ja nie so mein Ding. Jedenfalls nicht als Selbstzweck. Deshalb war ich mir lange nicht sicher, was ich von diesem Walter Hollstein halten soll. Bei der Mädchenmannschaft wird in Kommentaren und manchmal auch in Beiträgen gern auf ihn verwiesen, wenn es mal wieder um die ‚Krise der Männlichkeit‘ geht. Katrin von der Mädchenmannschaft hat ihn in ihrer Rezension seines Buches so charakterisiert:

In Männerfragen ist er eine Koryphäe, vor allem, wenn es zur Abwechslung mal wissenschaftlich unterlegt und differenziert sein soll.

Das habe ich ihr erstmal geglaubt und auch nicht weiter nachgeforscht – ist eben nicht mein Thema. Aber jetzt muss ich dann doch mal meinen Senf dazugeben. Wie auch immer reflektiert das Buch ist, auf einer m.E. ganz grausigen Seite habe ich die schriftliche Version eines Vortrags, den er im Juni 2009 gehalten hat, entdeckt. Einiges ist sicher nicht falsch, aber Einschübe wie

ohne das dies jetzt mit Schuldzuweisungen verbunden sein soll

bringen mich irgendwie erst auf  die Idee, Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Beispiele sind schlau gewählt, so dass die Benachteiligung von Jungs und jungen Männern mehr als evident erscheint. An einigen Stellen wird jedoch deutlich, wie selektiv die Darstellung ist. Ich frage mich z.B. was in den anderen Strophen des zitierten Gedichts so passiert. Da es sich um die Arbeit einer Studentin handelt, ist das aber praktischerweise nicht rauszubekommen. Außerdem ist er an einer Stelle transphob – ich zitier das jetzt nicht. Will Männlichkeitsforscher sein und ist zu einem respektvollen Umgang mit anderen Lebenskonzepten nicht in der Lage? Da war es für mich dann echt vorbei.

Mal ganz abgesehen davon, dass die ‚Krise der Männlichkeit‘ auch schon um 1900 weit um sich griff und ich diesen Kampfbegriff deshalb sehr zweifelhaft finde. Außerdem reproduziert er ganz fein traditionelle Geschlechterstereotype und Vorstellungen von ‚Männerbünden‘, die sind mir aus einem gar nicht so tollen Seminar noch gut in Erinnerung. Damit kann ich gar nicht um.

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