Was wundere ich mich eigentlich noch?

Nachdem ich letztens noch verzweifelt war ob der politischen Kultur im Ländle, kann ich mich heute nur bestätigt fühlen: Die spinnen die Schwaben. Allen voran Thomas Strobl, der nicht nur Generalsekretär der baden-würrtembergischen CDU, sondern auch das direkt gewählte Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Heilbronn ist. Ich hätte ihn also wählen können. Warum nur bin ich jetzt sehr froh, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, mein Kreuzchen bei seinem Namen zu machen? NS-Vergleiche sind ja immer schick. Wenn eine Partei in einer Diskussion (z.B. über ein Bauprojekt, das eine ganze Innenstadt verändern soll) keine Argumente mehr hat, kommt diese Keule oder eben ein Wasserwerfer.

Dumm nur, wenn der Herr Ministerpräsident wohl doch davon wusste. Und ein Rausreden à la ‚Das ist Sache der P0lizei.‘ ist nicht nur billig, sondern den Einsatzkräften gegenüber extrem illoyal. Ich gehe nicht davon aus, dass alle aus Lust am Prügeln dabei waren.

Über das unsägliche T-Shirt und die peinlichen Verwicklungen würde ich am liebsten gar kein Wort mehr fallen lassen. Aber auch diese Episode illustriert, wie hier Politik gemacht wird: auf dem Rücken der Schwächeren und mit unglaublicher Arroganz.

Aber das war’s noch nicht. Hier in Heilbronn gibt es nämlich auch ein (S-)Bahnprojekt. Das ist jetzt durchgewunken worden, trotz Vorbehalten gegen die Streckenführung. Denn wenn jetzt nicht schnell Entscheidungen treffen, dann sind die Nachbargemeinden wohlmöglich beleidigt und noch viel schlimmer: Fördermittel würden mit dem Jahresende flöten gehen. Diese Aspekte sollten schon Beachtung finden, aber wenn die Entscheidung ansonsten sachlich nicht zu vertreten ist, mangelt es mir auch hier an der Verhältnismäßigkeit.

Also wieder mal: Politische Kultur – 6 – Setzen! Von wegen ‚Wir können alles.‘ Auf das Hochdeutsch kann ich gern verzichten, wenn andere Sachen wenigstens halbwegs funktionieren würden.

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Provinz-Aufruhr

Wenn ich länger am Stück hier in der Provinz bin, sammeln sich Kuriositäten und Mist an, die ich irgendwie loswerden muss. Ganz aufregend war ein Plakat von Kirchengegnern, das in der letzten Woche auch in unserem schönen Städtchen gesichtet worden ist. Das ist schon einen kleinen Bericht wert, schließlich kann das nicht so einfach stehen gelassen werden. Und siehe da: schon am Tag nach der Meldung war das Plakat überklebt: mit Werbung für die Diakonie. Eine Schelmin, die dabei böses denkt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich skandalöser finde: eine Sekte (wenn es denn stimmt), die die aktuelle Debatte, die nicht nur die katholische Kirche betrifft, so für die eigenen Interessen missbraucht, oder eine Öffentlichkeit, die eine solche Aufforderung nicht ertragen kann.

Ein Aufreger – aber mehr für mich- war das Echo-Lot in der Wochenzeitung Echo am letzten Mittwoch. Da wird in einer Stadt, die fussballerisch nüscht zu bieten hat, nach dem Abstieg von Hertha BSC ein neuer Spruch für die Hauptstadtvermarktung vorgeschlagen:

Wir können alles. Außer sparen und Fußball spielen.

Das mit dem Fußball kratzt mich weniger, aber in Berlin gibt es immerhin auch einen Aufsteiger – Union -, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Aber das mit dem Sparen wird hier im Ländle auf sehr merkwürdige Weise verstanden. Ich lebe in einer Stadt,

  • deren öffentliche Stadtbibliothek bestenfalls doppelt so groß ist wie Stadtteilbibliotheken in Potsdam, das größenmäßig durchaus vergleichbar ist.
  • in der überlegt wird, die Außenstellen in den Stadtteilen über den Sommer zu schließen, da das Geld für den einen Öffnungstag, den es sonst in der Woche gibt, eingespart werden muss. Zum Vergleich: In Potsdam sind sie an 5 Tagen in der Woche geöffnet.
  • in der das nur abgewendet werden kann, indem die Hauptstelle samstags früher schließen wird.
  • in der die Bibliothek der Hochschule Heilbronn Technik – Wirtschaft – Informatik bei der Literaturbeschaffung und -pflege neben dem Erwerbungsprofil, das auf die vertretenen Fachbereiche begrenzt ist, folgende Regeln zu beachten hat
    • es sollen keine Archive angelegt werden (nur Literatur für die aktuelle Lehre),
    • die Literatur muss aktuell sein, veraltete Sachen werden weggeworfen.

Diese drei beliebigen Beispiele aus dem gleichen Sektor – Bildung und Literatur – zeigen, was hier sparen heißt: Schmalspur reicht. Nicht nur in der öffentlichen Bibliothek, die eine breite Bildung vor allem auch für jene bietet, die gerade keine Hochschule von innen sehen. Sondern auch bei der Ausbildung des Wirtschafts- und Techniknachwuchses: es erscheint wichtig, die Scheuklappen früh anzulegen, damit nichts die Ausrichtung auf Verwertbarkeit bedroht.

Eine Stadt wie Heilbronn ist nicht mit Berlin zu vergleichen, aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung statt solcher unsachlicher und billiger Ausbrüche mehr als angebracht. Vor allem auch, weil gern verkannt wird, wo auch in Berlin gespart wird und wer diese Last letztlich schultert: die Berliner_innen, allen voran die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die ja auch Teil der Bevölkerung sind. Von weitem mit Dreck auf die Hauptstadt zu werfen, fühlt sich vielleicht am provinziellen Stammtisch gut an, aber in einer Zeitung hat  das nichts zu suchen.

Und dann noch ein ganz komisches Erlebnis: aus der provinziellen Perspektive erscheint die Hauptstadt manchmal auch wie ein Ideal, das sie lange nicht ist. Ich war mal über die frühen Schließzeiten des Weihnachtsmarktes hier schockiert, etwas ähnliches ist mir im April in Berlin passiert. Am Donnerstag nach der Zeitumstellung beim Bummeln auf dem Kuhdamm: es war gerade noch hell, das Zeitgefühl spielt noch nicht so recht mit und auf einmal ist es acht. Und wer jetzt glaubt, die Geschäfte hätten dort doch sicher länger auf, täuscht sich gewaltig. Ich fühlte mich wie in der Provinz und konnte es kaum fassen. Es ist interessant, wie unsere Wünsche über die Entfernung stärker projiziert werden, und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen mit der ‚Realität‘ abzugleichen.

Der Feminismus ist tot – jetzt aber wirklich

Dieses Gefühl habe ich dieser Tage, da der Internationale Frauentag kurz bevor steht und offenbar aller Orten heiß herbeigesehnt wird. Denn die Aufmerksamkeit wird nicht nur genutzt, um die bekannten Missstände noch mal zu benennen, sie fordert offensichtlich lauten Widerspruch hervor. Allen voran natürlich von unserer werten Frauenministerin. Was für ein Armutszeugnis, wie anders sieht das doch in Österreich aus, das ich letztens schon beneidet habe. Aber unsere Ministerin macht in ihrer Bundestagsrede, wie die taz berichtet, deutlich, wo für sie der Schwerpunkt ihres Ministeriums liegt: bei der Familie. Und auch wenn es dann mal konkret um Frauen und Gleichstellung gehen soll, ist das natürlich (schon wieder!) ausschließlich ein Familienthema, als ob es dabei um nichts anderes gehen könnte. Ich habe langsam den Eindruck, die gute Frau weiß nicht, welchen Kämpfen sie ihre heutige Position (auch) zu verdanken hat. Und sie ahnt wohl noch nicht mal, welche Hindernisse sich ihr noch in den Weg stellen werden.

Aber nicht nur aus dieser Ecke kommt Gegenwind. Auch in der aktuellen Zeit-Campus wird unter der Überschrift Wir gleichberechtigt sind wir? heiß diskutiert. Es wird aber gar nicht diese Frage gestellt, sondern lieber gerätselt, was Frauen und Männer ‚wollen‘. Justus Bender meint, wer ‚gleich‘ sein wolle (wer will das bitte?), müsse sich auch entsprechend verhalten. Frauen seien selbst schuld, dass sie keine Karriere machen, sie studieren eben die falschen Fächer. Weil wir ja auch alle – mal ganz unabhängig vom Geschlecht – Karriere machen wollen. Aber was sind diese ‚falschen‘ Fächer? Neben den üblichen Verdächtigen (MINT und so), die  nebenbei bemerkt auch keine Garantie für makellose Karrieren sind, nennt er auch die Wirtschaftswissenschaften. Soweit ich mich erinnere ein Fach, das etwa gleich viele Männer und Frauen studieren. Hhm, da fällt mir nichts mehr zu ein.

Und im gleichen Tenor geht es weiter: in den Parteien seien zu wenige weibliche Mitglieder, woher solle der Nachwuchs denn kommen? Und in unseren Partnerschaften seien wir nicht gleichberechtigt, weil wir uns in der Mehrzahl ‚überlegenere‘ Partner‘ suchten. Also ganz klar: selber schuld, dass wir nicht ‚gleich‘ sind. Aber was ich mich wirklich frage, woher wissen wir von den nur 9% Ehen, in denen die Frau einen höheren Bildungsabschluss hat als der Mann? Ich vermute mal aus den Angaben bei der Eheschließung. Wenn das so ist, habe ich auch ’nach oben‘ geheiratet. Dumm, dass ich jünger bin als mein Mann und das kommt laut Statistik nun wahrlich häufig genug vor, ist aber kein ’nach oben‘ in diesem Sinne. Da ich bei der Hochzeit noch nicht fertig war mit dem Studium, bleibt das wohl so, denn bisher hat sich noch niemand gemeldet, um die Daten nach meinem Studienabschluss zu aktualisieren. Und mal rein hypothetisch: wenn die ehemalige Studentin irgendwann promoviert ist, haben sich die Verhältnisse zwar umgedreht, aber wer sollte diese Statistik schon erheben? Aber klar: die mangelnde Gleichstellung ist allein einem Fehlverhalten von weiblicher Seite anzulasten. Ich dachte wirklich, wir seien darüber hinaus.

Die Angriffe auf Frauenräume kommen selbst hier im Ländle an. Die Veranstaltungen zum Frauentag werden in den örtlichen Medien ordentlich beworben. Ich freue mich schon auf die Ausstellung Frauen_leben in Heilbronn, die pünktlich nächsten Montag eröffnet wird. Aber für ein anderes Blättchen, dessen Inhalte nicht online sind, war es wohl ganz entscheidend diesen Satz am Ende der Ankündigungen einzufügen:

Übrigens: Auch interessierte Männer sind zu den Veranstaltungen herzlich willkommen.

Nicht, dass ich Männer ausschließen wollte. Denn keine einzige der Veranstaltungen klingt, als sei sie auf Frauen als Publikum beschränkt. Bis auf die Filmvorführung von „Die Frauen von der Alb“ ist keiner der Veranstaltungsräume als Frauenraum erkennbar (Stadt, Rathaus, Gewerkschaftshaus, Museen usw.). Ich frage mich also: wieso bedarf es dieser direkten Aufforderung an die Männer? Sie erweckt den Eindruck, als seien sie ausgeschlossen, nur weil es sich einmal nicht um sie dreht und sie (vielleicht) nicht die Hauptzielgruppe eines Angebots sind. Ich finde es besonders schade, weil der Frauentag eine so schöne Gelegenheit ist, Frauen zu feiern. Wir sollten an diesem Tag im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche (wahrscheinlich nur eingebildete) verletzte Egos. Und auch wenn das vielleicht nur nett gemeint ist und ermuntern soll, frage ich mich: warum ausgerechnet zu diesem Anlass?

Wie immer kurz vor diesem Tag muss ich an meinen wunderbaren März in Moskau denken. Der 8. März war nicht nur Feiertag, es war auch der erste Tag mit Sonne und endlich fingen der Frühling und das Leben an. Ich habe diesen Tag mit wunderbaren Frauen verbracht und abends mit ihnen gefeiert. Für die Blumen und die Party haben die Männer gesorgt. Nicht, dass das immer so sein muss, aber ich wünsche mir auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für diesen Tag – von Frauen und Männern.

Solange ich an meine beliebigen Beispiele aus der aktuellen Presse denke, ist das Fazit klar: der Feminismus ist tot und so nützlich wie ein Kropf. Aber dann höre ich in mich hinein und es erschallt zur Antwort: es lebe der Feminismus!

Und hier sitze ich die ganze Zeit

Heute gibt es endlich den längst überfälligen Blick auf meinen Arbeitsplatz. Bis letzte Woche sah der so aus:

Kartonschreibtisch

Kartonschreibtisch

Sehr improvisiert, aber zielführend, denn statt in einer dunklen Ecke auf eine kahle weiße Wand zu blicken, habe ich hier echten Ausblick. Gerade z.B. so:

Regenbogenland

Regenbogenland

Ein Besuch in der Fundgrube des berühmten schwedischen Möbelhauses hat sich gelohnt, denn dank des fast schon Methusalem-ähnlichen Alters meines Liebsten gab es zusätzlich ordentlich Rabatt auf dieses Schmuckstück:

Roter Schatz

Roter Schatz

Hier sitze ich jetzt bequem und mit ausreichendem Arbeitsplatz versorgt und genieße die abwechslungsreiche Aussicht. Mal Sonne, mal Nebel, mal strömender Regen (wie im Moment), mal ein wunderbarer Regenbogen. Da lohnt es sich immer wieder, auch mal den Kopf vom Bildschirm zu wenden und die ‚echte‘ Welt da draußen hineinzulassen. Während der letzten Monate war das fast mein einziger Kontakt mit dem Leben, deshalb: lieber improvisiert als deprimiert.

Puschelchen gesucht!

Die versprochene Eichhörnchengeschichte hat, wie alles andere auch, auf sich warten lassen.  Das Bildmaterial zu digitalisieren, ist nicht wirklich ein Problem, aber die Konzentration auf andere, furchtbare und wichtigere Dinge hat mich auch davon abgehalten.

Hörnchen sind neben vielen anderen Lieblingstiere meines Liebsten, also habe ich bei meinem Besuch in Kassel nicht widerstehen können und diesen Ausschnitt eines Stilllebens als Postkarte mitgenommen, die jetzt am Kühlschrank hängt und täglich freudig begrüßt wird.

Puschelchen im Stillleben

Puschelchen im Stillleben

Aber das ist nur der Anfang unserer Hörnchenabenteuer. In Triberg im Schwarzwald gibt es unzählige Kuckucksuhrengeschäfte, die zum Glück schon alle zu waren, den höchsten Wasserfall Deutschlands, der zur Touri-Abzocke missbraucht wird, und im angrenzenden Park angeblich super-viele Eichhörnchen. Der Wasserfall war ganz interessant, aber die an der Kasse versprochenen Eichhörnchen (wir hatten also dafür bezahlt!), haben sich nicht sehen lassen. Da war die Enttäuschung groß!

Aber zum Glück gibt es ja den täglichen Arbeitsweg. Und eine knappe Woche nach unserem Ausflug in den Schwarzwald kam mein Liebster aufgeregt nach Hause, denn er hat auf dem Heimweg gleich zwei Eichhörnchen gesehen. Endlich ist es ihm auch geglückt, denn ich habe sowohl in Berlin nachts auf der Straße als auch hier in Heilbronn auf unserem hauseigenen Tannenbaum und im Park kleine Puschelchen gesehen.

So, da bin ich wieder

Ich fange jetzt einfach mal wieder an. Mitten rein ins Leben, in dem ich so langsam wieder angekommen bin. Zuerst ein paar Fotos von gestern:

Warten auf den Sonnenaufgang I

Warten auf den Sonnenaufgang I

Warten auf den Sonnenaufgang II

Warten auf den Sonnenaufgang II

Warten auf den Sonnenaufgang III

Warten auf den Sonnenaufgang III

Der erste Sonnenstrahl

Der erste Sonnenstrahl

Da ist sie, die liebe Sonne

Da ist sie, die liebe Sonne

Eine solche Serie plane ich jetzt schon seit über einem Jahr. Gestern früh kam endlich alles zusammen: wolkenloser Himmel, ich bin wach und habe Zeit zu fotografieren. Das ist der Blick aus unserem Schlafzimmer. Die Tanne im Vordergrund hat uns im Sommer vor allzu starker Sonnenbestrahlung geschützt, im Hintergrund sind die bewaldeten Kuppen der Weinberge zu sehen. Ein wenig weiter oben, wären vielleicht sogar die Reben zu sehen, die gerade voll hängen.

Bei solchem Wetter musste ich natürlich raus und habe eine wunderbare Radtour über Felder und Weinberge gemacht, die mich bei hochsommerlichen 28°C gehörig ins Schwitzen gebracht hat. Das ist das Leben, wie es sein soll!

Wir hatten die Wahl!

Die Kommunalwahlen in Heilbronn waren schon ein lustiges Spektakel. Drei Wochen vor der Wahl haben wir Post bekommen: die Stimmzettel zur Vorabansicht, damit wir in Ruhe zu Hause überlegen können, wie wir abstimmen wollen. Bei 40 Stimmen kann eine solche Vorbereitung nicht schaden und nicht jede hat die Möglichkeit, die Demowahl im Internet zu nutzen. Aber es waren wirklich die Original-Stimmzettel, die wir dann hinterher auch in der Wahlkabine benutzt haben. Da komme ich dann doch kurz ins Grübeln und denke an so hehre Werte wie geheime Wahl…

Im alten Stadtrat saßen 9 Frauen, Anlass genug auf der Liste meiner Wahl Stimmen nur an Frauen zu vergeben. Aber eine allein kann es nun mal nicht richten: jetzt gibt es nur noch 8 Stadträtinnen. Das sind gerade mal 20 Prozent Frauenanteil. Ganz schön mager. Aber immerhin habe ich kumuliert und so die Möglichkeiten genutzt, die dieses etwas abstruse Wahlverfahren mit 40 Stimmen bietet.

Die Heilbronner Stimme hat mich nicht nur über die Ergebnisse informiert, sondern auch in mehreren Beiträgen die komplizierten Regeln der Wahl erklärt. Aber auch die Parteien  haben in ihren Wahlwerbepublikationen Platz verschwendet, um den Ablauf der Wahl zu erklären, der sonst gut und gerne für politische Inhalte hätte genutzt werden können. Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn hinter diesem Verfahren: mehr Zeilen, weniger Inhalt.

Die CDU hat mich besonders beeindruckt. Der Diplom-Volkswirt Dirk Reinecker (leider nicht gewählt) schreibt: „Als Vater von 2 Kindern bin ich stolz darauf, dass unsere Stadt als erste und bisher einzige Großstadt in ganz Deutschland die Kindergartengebühren auf Antrag der CDU abgeschafft hat.“ Jetzt frage ich mich, ist Heilbronn die einzige Großstadt ohne Kindergartengebühren? Oder doch nur die einzige, in der dieser Umstand auf einen CDU-Antrag zurückgeht?

Außerdem erfahre ich im Heilbronner Rathausbeobachter (Informationen der CDU-Stadtratsfraktion), dass Heilbronn die sicherste Großstadt in Baden-Würrtemberg ist. Der alte und neue Stadtrat Karl-Heinz Kübler (Kriminalhauptkommisar) ruft das Wahlvolk auf: „Um auch das Gefühl der sicheren Stadt zu erhöhen, müssen Erscheinungen wie mangelnde Sauberkeit, Konzentration von Problemgruppen, wilde Müllablagerungen oder Pöbeleien in der Stadtbahn vermieden werden.“ Ich bin sauber, kein Müll und Pöbeleien habe ich in Berlin genug. Bleibt nur die Frage, ob ich vielleicht zu einer der ominösen Problemgruppen gehöre?

All diese netten Aufklärungsmaßnahmen haben meine Wahlentscheidung ebenso beeinflusst wie die hässlichen FDP-Plakate, die die Wilhelmstraße seit Monaten ’schmücken‘. Zum Glück ist der Spuk jetzt erst mal vorbei, in fünf Jahren kumulieren und panaschieren wir dann wie die Profis. Profis werden hier auch für die Auszählung herangezogen. Am Montag waren deshalb diverse Ämter geschlossen, wie vorab in der Stimme angekündigt worden ist.

Wählen für Anfänger_innen

Andere (Bundes-)Länder, andere Sitten. Für die Kommunalwahl in Baden-Würrtemberg brauchen nicht nur Jungwähler_innen eine Anleitung und Demowahl im Internet, auch Zugezogene tun gut daran, sich vorab zu schulen. Zum Glück gibt es eine Extraseite, die nicht nur Kummulieren und Panaschieren erklärt – das ist noch ganz logisch, sondern auch das etwas merkwürdige Wahlprozedere mit 40 Stimmen und Listenwahl verstehen lässt, weil die Möglichkeit besteht, probeweise abzustimmen.

In jeder Gemeinde haben die Wähler_innen eine von der Bevölkerungszahl abhängige Anzahl von Stimmen, die auf die aufgestellten Kandidat_innen verteilt werden können. In Heilbronn sind es vierzig Stimmen, also stellt jede Partei, die antritt, vierzig Kandidat_innen auf. Jede der Listen wird auf einen einzelnen Zettel gedruckt, bei der Wahl kann ich eine der Listen auswählen und unmarkiert einwerfen, dann erhält jede_r der Kandidat_innen dieser Liste / Partei eine Stimme. Ich kann aber auch bis zu drei Stimmen auf eine Person verteilen und am Ende der Liste in freie Zeilen selbst Namen eintragen und so meinen ‚Wunsch-Stadtrat‘ zusammenstellen. Dabei darf ich aber nicht mehr als vierzig Kreuze machen, denn dann wäre mein Wahlzettel ungültig.

Alles in allem klingt es recht kompliziert und ich bin mal gespannt, wie ich mit dem Zettelwust in der Wahlkabine zurecht komme. Im Ländle ticken die Uhren eben ein bisschen anders, aber das werden wir schon schaffen!

Lange Tage der Frauen

Gestern Abend sind meine ausgedehnten Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Frauentages zu Ende gegangen und ich bin ein wenig melancholisch. Neben interessanter Lektüre haben mir diese tollen Tage zwei Filme und einen Frauentag beschert. Schon am Donnerstag, also drei Tage zu früh, hat alles angefangen. Ich habe mit einer Freundin den Dokumentarfilm Das Burlebübele mag i net – bewegte lesben in ost und west berlin angesehen und das hat sich richtig gelohnt. Die Filmemacher_innen haben 2 Lesben interviewt und wunderbare Berlinbilder gemacht. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die die Geschichte der Lesbenbewegung in Ost- und Westberlin unterhaltsam beleuchtet und die verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Sprache bringt, ohne die Gemeinsamkeiten beider Entwicklungen zu vernachlässigen. Mein persönliches Fazit: die Repression sucht sich in beiden Stadtteilen verschiedene Mittel, die Frauen agieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten ähnlich offensiv und können so ein Vorbild für feministisches Engagement sein.

Am Sonntag ist der geplante Spaziergang rund um den Richardplatz leider ins Wasser gefallen, aber ein entspannter Frauen-Brunch und Küchengespräche sind ein adäquater Ersatz und eine wunderbare Art, den Frauentag zu feiern. Gestern Abend dann noch mal Kino: die Brigitte-Preview von Hilde am Potsdamer Platz. Ein Film über eine faszinierende Frau, deren Entscheidungen und Verhalten allein aus ihrer Perspektive dargestellt sind. Heike Makatsch sieht ihr an einigen Stellen beunruhigend ähnlich, singt selbst und ich überlege, ob nicht auch an mir eine Sängerin ohne Stimme verloren gegangen ist.

Im Anschluss haben wir in Erinnerungen an den „besten Frauentag ever“ 2007 in Moskau geschwelgt: wie wir im Sonnenschein die Straßen erobert, im Dunkeln Souvenirs ergattert, nachts getanzt und am nächsten Morgen zu dritt in einem Bett erwacht sind. Am besten bleibt mir aber das opulente Frühstück in Erinnerung, dass ein Mann für uns gezaubert hat – ein würdiger Ausklang dieses einzigartigen Tages. Deshalb ist ganz klar: der Internationale Frauentag muss gesetzlicher Feiertag werden!

Frühlingsluft

… haben wir gestern tatsächlich zum ersten Mal schnuppern können. Über 10 Grad und Sonnenschein, da haben wir uns nachmittags noch mal auf den Weg in die Umgebung gemacht, ich bin auf meinem dunkelgrünen Frosch ein paar kleine Berge hoch – und wieder runter. Und es hat geduftet! Nach Erde und Frühling. Wir sind noch immer ganz im Rausch und auch heute kann es wohl so weiter gehen. Sonne wir kommen! Inzwischen sind die Fahrradtouren immer mehr Alltag, aber in den Weinbergen fühle mich trotzdem ein bisschen wie im Urlaub.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, eine schon etwas ältere Errungenschaft vorzustellen. Wie das bei drei Hälften so ist, auf einem Bein steht, oder besser, auf einem Rad fährt es sich nicht gut. Deshalb habe ich in Berlin habe ich einen quietschgrünen Mifa-Frosch zur körperertüchtigenden Fortbewegung und hier einen dunkelgrünen aus dem Hause Diamant. Zum Glück hat er im Gegensatz zu dem guten alten Stück von meiner Mama eine Gangschaltung für die Berge und statt Kamikaze-Vorderbremse eine Backenbremse. Dafür fehlt noch das Körbchen. Hier noch ein Bild mit Dynamik, das zeigt, warum Frosch eine so treffende Bezeichnung ist.

Fahrradfrosch ganz forsch

Fahrradfrosch ganz forsch

Und das beste ist: die roten Schuhe hatte ich gestern auch schon wieder an, zu schön!

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