Provinz-Aufruhr

Wenn ich länger am Stück hier in der Provinz bin, sammeln sich Kuriositäten und Mist an, die ich irgendwie loswerden muss. Ganz aufregend war ein Plakat von Kirchengegnern, das in der letzten Woche auch in unserem schönen Städtchen gesichtet worden ist. Das ist schon einen kleinen Bericht wert, schließlich kann das nicht so einfach stehen gelassen werden. Und siehe da: schon am Tag nach der Meldung war das Plakat überklebt: mit Werbung für die Diakonie. Eine Schelmin, die dabei böses denkt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich skandalöser finde: eine Sekte (wenn es denn stimmt), die die aktuelle Debatte, die nicht nur die katholische Kirche betrifft, so für die eigenen Interessen missbraucht, oder eine Öffentlichkeit, die eine solche Aufforderung nicht ertragen kann.

Ein Aufreger – aber mehr für mich- war das Echo-Lot in der Wochenzeitung Echo am letzten Mittwoch. Da wird in einer Stadt, die fussballerisch nüscht zu bieten hat, nach dem Abstieg von Hertha BSC ein neuer Spruch für die Hauptstadtvermarktung vorgeschlagen:

Wir können alles. Außer sparen und Fußball spielen.

Das mit dem Fußball kratzt mich weniger, aber in Berlin gibt es immerhin auch einen Aufsteiger – Union -, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Aber das mit dem Sparen wird hier im Ländle auf sehr merkwürdige Weise verstanden. Ich lebe in einer Stadt,

  • deren öffentliche Stadtbibliothek bestenfalls doppelt so groß ist wie Stadtteilbibliotheken in Potsdam, das größenmäßig durchaus vergleichbar ist.
  • in der überlegt wird, die Außenstellen in den Stadtteilen über den Sommer zu schließen, da das Geld für den einen Öffnungstag, den es sonst in der Woche gibt, eingespart werden muss. Zum Vergleich: In Potsdam sind sie an 5 Tagen in der Woche geöffnet.
  • in der das nur abgewendet werden kann, indem die Hauptstelle samstags früher schließen wird.
  • in der die Bibliothek der Hochschule Heilbronn Technik – Wirtschaft – Informatik bei der Literaturbeschaffung und -pflege neben dem Erwerbungsprofil, das auf die vertretenen Fachbereiche begrenzt ist, folgende Regeln zu beachten hat
    • es sollen keine Archive angelegt werden (nur Literatur für die aktuelle Lehre),
    • die Literatur muss aktuell sein, veraltete Sachen werden weggeworfen.

Diese drei beliebigen Beispiele aus dem gleichen Sektor – Bildung und Literatur – zeigen, was hier sparen heißt: Schmalspur reicht. Nicht nur in der öffentlichen Bibliothek, die eine breite Bildung vor allem auch für jene bietet, die gerade keine Hochschule von innen sehen. Sondern auch bei der Ausbildung des Wirtschafts- und Techniknachwuchses: es erscheint wichtig, die Scheuklappen früh anzulegen, damit nichts die Ausrichtung auf Verwertbarkeit bedroht.

Eine Stadt wie Heilbronn ist nicht mit Berlin zu vergleichen, aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung statt solcher unsachlicher und billiger Ausbrüche mehr als angebracht. Vor allem auch, weil gern verkannt wird, wo auch in Berlin gespart wird und wer diese Last letztlich schultert: die Berliner_innen, allen voran die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die ja auch Teil der Bevölkerung sind. Von weitem mit Dreck auf die Hauptstadt zu werfen, fühlt sich vielleicht am provinziellen Stammtisch gut an, aber in einer Zeitung hat  das nichts zu suchen.

Und dann noch ein ganz komisches Erlebnis: aus der provinziellen Perspektive erscheint die Hauptstadt manchmal auch wie ein Ideal, das sie lange nicht ist. Ich war mal über die frühen Schließzeiten des Weihnachtsmarktes hier schockiert, etwas ähnliches ist mir im April in Berlin passiert. Am Donnerstag nach der Zeitumstellung beim Bummeln auf dem Kuhdamm: es war gerade noch hell, das Zeitgefühl spielt noch nicht so recht mit und auf einmal ist es acht. Und wer jetzt glaubt, die Geschäfte hätten dort doch sicher länger auf, täuscht sich gewaltig. Ich fühlte mich wie in der Provinz und konnte es kaum fassen. Es ist interessant, wie unsere Wünsche über die Entfernung stärker projiziert werden, und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen mit der ‚Realität‘ abzugleichen.

Studis mit kirchlichem Segen

Ich bin immer wieder fasziniert, dass es in Russland für wirklich fast jede Berufsgruppe einen Feiertag gibt. Am letzten Wochenende sind die Studierenden dran gewesen. Am 25. Januar ist traditionell Татьянин день – der Tag der Schutzheiligen der Studierenden und PädagogInnen Tatjana. Ich bin sehr beruhigt, dass wir unsere eigene Heilige haben. Vor 254 Jahren hat Ekaterina II. an diesem Tag das Dekret über die Gründung der Moskauer Universität unterschrieben. In diesem Jahr ist er wegen der Überschneidung mit einem Kirchentermin einen Tag vorverlegt worden, so dass die Studierenden sowohl am Samstag als auch am Sonntag gefeiert haben: einmal offiziell und einmal der Tradition entsprechend. Bei svobodanews.ru gibt es eine interessante Reportage, in der nicht nur die Feierlichkeiten, sondern auch die wirtschaftliche Lage der Studierenden diskutiert wird. Die Wirtschaftskrise hat Russland besonders im Griff und auch in Moskau ist das wohl auch zu spüren: viele Studierde müssen arbeiten und es wird immer schwerer, Stellen zu finden, die sich mit einem Studium vereinbaren lassen. Das erinnert mich an die vielen Studentinnen, die in der ‚Nachmittags-Schicht‘ studieren und tagsüber einen normalen Job haben. Liebe Grüße an Katja!

Schaut mal … der SWR als Sittenwächter

Im Südwesten herrscht noch Moral und damit auch der Rest des Landes was davon hat, gibt es den SWR-Rundfunkrat. Die taz berichtet von den entrüsteten Reaktionen auf Olli Pochers Stauffenberg-Auftritt und fasst einmal kurz zusammen unter welch hochwertigem Programm wir hier leiden. Ein altbackenes Drittes ist schon schlimm genug, aber wenn die katholische Kirche eine eigene Vertreterin in diesen Rundfunkrat  entsendet, wundert mich nichts mehr. Bleibt nur zu hoffen, dass die Südwestlobby in der ARD keine Mitstreiterinnen findet. Dabei geht es weniger um eine Verteidigung Olli Pochers, als vielmehr um die Entblödung des SWR, die einfach nur zum Lachen ist. Danke, taz!

Die ‚Wahrheit‘ des Papstes

In den Tagen vor Weihnachten habe ich einige Bemühungen erlebt, doch auch die christliche Kirche ins Spiel zu bringen. Bei Maischberger hat eine illustre Runde um Gloria von Thurn und Taxis am 23. Dezember zum Thema Das Kreuz mit dem Glauben: Gott ja, Kirche nein? diskutiert. Dabei konnte die allseits geschätzte Fürstin noch mal so richtig ausholen: Die katholische Kirche sei im Besitz der einzigen Wahrheit. Aber überzeugt hat sie mich trotzdem ebenso wenig, wie der katholische Prälat, der sich nicht zu schade war, der einzigen anwesenden Protestantin die Ökumene anzubieten, wenn die evangelische Kirche endlich bereit sei, den Papst als Vertreter Christi anzuerkennen.  Selten so gelacht. Wenn’s weiter nichts ist, werden die sich sicher ganz schnell einig.

Aber diese Sendung war noch nichts gegen die Nachrichten des nächsten Tages. Der Papst hatte ja auch noch was zu sagen zum Jahresende. In seiner Ansprache an die Kurie beim Weihnachtsempfang 2008 fällt tatsächlich das Wort gender. Die entscheidende Passage zitiere ich wörtlich, damit nichts aus dem Zusammenhang gerissen und die Unverschämtheit der Äußerungen nicht verwässert wird:

»Weil der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist, kann und darf sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten. Sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muß diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muß dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muß auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muß so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben. Es ist nicht überholte Metaphysik, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert. Da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu mißachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde. Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint wird, läuft letztlich auf die Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer hinaus. Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet. Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen.«

Wir lernen: gender ist eine böse Ideologie und nicht etwa ein theoretisches Konzept, das kritisch diskutiert werden kann. Interessant ist aber, welch große Bedeutung der Papst dieser Sichtweise menschlicher Existenz zuweist, indem er sie in seiner Ansprache explizit benennt. Hat er etwas Angst? Die Emanzipation des Menschen von der Schöpfung  ist ganz bestimmt keine Erfindung der letzten 40 Jahre. Ist es nicht spätestens Darwin, der  damit angefangen hat, wenn nicht die Aufklärung?

Außerdem wird aber klar, dass es hier keineswegs nur gegen Homosexuelle geht. Den lauten Protest finde ich mehr als berechtigt, frage mich aber, warum nicht noch mehr Menschen aufstehen, nicht nur um sich zu solidarisieren, sondern auch, um die eigene Lebensweise zu verteidigen. Hier wird auch die Ehe als Sakrament beschworen und der Papst meint damit ganz sicher keine serielle Monogamie, sondern die jungfräulich  vor Gott geschlossene Ehe, in der lebenslag die Treue gehalten wird. Wer bitte möchte sich auf dieses Konzept festlegen lassen? Egal wie ich heute lebe, nehme ich für mich die  Freiheit in Anspruch, meine Lebensweise auch mal zu verändern und respektiere die Wahl, die andere treffen. Wie verblendet ist der Papst, in diese intimsten Entscheidungen eingreifen zu wollen?

Die Ansprache zeigt, dass der Papst weder verstanden hat, was gender ist, noch bereit ist, von seiner Doktrin und ‚Wahrheit‘ abzuweichen. Der Verweis auf die Schöpfung als ‚Mann‘ und ‚Frau‘ bezieht sich keineswegs auf biologische Tatsachen, sondern zielt auf die traditionellen Rollen ab, von denen sich viele im kleinen und großen verabschiedet haben. An Benedikt ist das wohl vorbeigegangen. Ich frage mich, wie tolerante Menschen  (was Katholiken doch auch sind?) ihn angesichts solcher intoleranter Aussagen als den Vertreter Christi anerkennen können.