Schaut mal .. Frauentags-NachLese

Passend zum großen Feiertag habe ich in den letzten zwei Wochen ein bisschen gelesen. Die zweite Missy liegt ausgelesen in Berlin und ich kann nur sagen: endlich eine ‚Frauenzeitschrift‘, die mich anspricht und ermuntert. Weiter so ihr Lieben! Sonja Eismann, Mitherausgeberin dieser fantastischen neuen Zeitschrift schreibt in der taz über den ‚freien Zwang zur Sexyness’ und natürlich kommen da auch die Haare zur Sprache – also darf ich ihn ganz offiziell lesen, gehört ja zum Thema! Er ist Teil der taz-Sonderausgabe Der neue Sexismus zum Internationalen Frauentag, die ich natürlich käuflich erworben habe, wie jedes Jahr. Einfach mal 12 Seiten am Stück, die Fragen behandeln, die mir wirklich wichtig sind. Immer wieder schön und ich merke, das könnte ich öfter gebrauchen.

Letzten Montag bei Hilde gab es nicht nur einen tollen Film, sondern auch eine Brigitte umsonst. Die habe ich mir natürlich auch ein bisschen zu Gemüte geführt – sie liegt halb gelesen in Berlin. Neben einigen interessanten Beiträgen sind gruselige Werbung und Schrott versammelt, z.B. ein Dossier über ’schöne‘ Männer, in dem die Redaktion ‚Schönheit‘ als objektive Kategorie setzt. Ich will mich gar nicht länger auslassen, und vielleicht ist es sogar eine der besseren Zeitschriften in ihrem Segment – aber ehrlich: nein danke! Ich bin so froh, dass es die Missy gibt, denn sie zeigt, dass es auch anders geht.

Zuletzt noch ein paar Links zu diestandard.at, ein österreichisches Projekt, dass wir eigentlich selbst brauchen. Sie berichten von einer interessanten Spielwiese in Wien, so ein Klappbuch macht bestimmt viel Spaß! In letzter Zeit problematisieren sie in mehreren Artikeln die Einkommensschere und konzentrieren sich dabei weniger auf die ‚Schuld’ der Frauen (wie Mona Lisa) und mehr auf Handlungsspielräume und strukturelle Verbesserungspotentiale – in Österreich natürlich, nicht bei uns.  Die österreichische Frauenministerin spricht sich für transparente Gehälter aus, Prammer erwartet „politische Kraftanstrengung“, Frauen fallen weiter zurück.

Passend zu meinen Frauentagserinnerungen an Moskau gibt es einen Beitrag zum Frauentag in Russland, der es ziemlich genau trifft und die Probleme aufzeigt. Aber bei аеродром.ная hat es mir dann doch einen Schlag versetzt. Die Bilder vom Fotowettbewerb Miss Atom in Russland finde ich richtig schlimm. Auch die taz berichtet darüber unter dem bezeichnenden Titel Störfall Frau.

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Schaut mal … Medvedev unterstützt Studierende

Die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Studierender in Russland ist jetzt auch dem Präsidenten zu Ohren gekommen. Am Anfang seiner Videobotschaft bedankt er sich für die Kommentare auf seinem blog und erweckt so den Eindruck, er sei dort auf die Misere der Studierenden aufmerksam geworden. Zur Lösung der finanziellen Schwierigkeiten bietet er  zinsgünstige Kredite und die Möglichkeit von kostenpflichtigen auf vom Staat zur Verfügung gestellte Studienplätze zu wechseln. Diese Maßnahmen sind an einen ’normalen‘ Studienerfolg gebunden, also leistungsorientiert. Außerdem schlägt er vor, die Höhe der Studiengebühren zu Beginn der Ausbildungsperiode in Rubel zu fixieren, so dass sie sich  während dieser Zeit nicht durch Kursschwankungen verändern. Medvedev will die Kontrolle der Qualität der höheren Bildungsanstalten verstärken und die Hochschulen bei der Beseitigung etwaiger Unzulänglichkeiten unterstützen.

Ich finde es sehr interessant, dass ausgerechnet dieses Thema so schnell in den Videobotschaften thematisiert wird. Einerseits entspricht das sicherlich dem Interesse des Publikums – viele Studierende sind sicher auch internetaffin. Andererseits macht mir diese Zuwendung auch ein wenig Sorgen. Denn, wenn der Präsident diese Frage so ins Zentrum stellt, frage ich mich, wie schlecht es vielen Studierenden wohlmöglich tatsächlich geht. Medvedev erwartet sicherlich positive Reakionen auf seine Vorschläge. Also lenkt er entweder von den wirklich großen Problemen ab oder er hat die drängenden Schwierigkeiten seines Internetpublikums erkannt und will diese Zielgruppe zufriedenstellen. In jedem Fall sieht es weder für die russische Wirtschaft noch für die Studienden in Russland rosig aus.

Studis mit kirchlichem Segen

Ich bin immer wieder fasziniert, dass es in Russland für wirklich fast jede Berufsgruppe einen Feiertag gibt. Am letzten Wochenende sind die Studierenden dran gewesen. Am 25. Januar ist traditionell Татьянин день – der Tag der Schutzheiligen der Studierenden und PädagogInnen Tatjana. Ich bin sehr beruhigt, dass wir unsere eigene Heilige haben. Vor 254 Jahren hat Ekaterina II. an diesem Tag das Dekret über die Gründung der Moskauer Universität unterschrieben. In diesem Jahr ist er wegen der Überschneidung mit einem Kirchentermin einen Tag vorverlegt worden, so dass die Studierenden sowohl am Samstag als auch am Sonntag gefeiert haben: einmal offiziell und einmal der Tradition entsprechend. Bei svobodanews.ru gibt es eine interessante Reportage, in der nicht nur die Feierlichkeiten, sondern auch die wirtschaftliche Lage der Studierenden diskutiert wird. Die Wirtschaftskrise hat Russland besonders im Griff und auch in Moskau ist das wohl auch zu spüren: viele Studierde müssen arbeiten und es wird immer schwerer, Stellen zu finden, die sich mit einem Studium vereinbaren lassen. Das erinnert mich an die vielen Studentinnen, die in der ‚Nachmittags-Schicht‘ studieren und tagsüber einen normalen Job haben. Liebe Grüße an Katja!

Schaut mal … Medvedevs Videoblog

Bei svobodanews bin ich auf ein interessante Möglichkeit gestoßen, das Hörverstehen zu trainieren: den Videoblog des Präsidenten der Russischen Förderation. In seinem neuesten Beitrag spricht Medvedev über seinen Skiurlaub und fordert dazu auf, mehr Sport zu treiben und sich so zu erholen. Von 2:20 bis 3:20 min sind ein paar Bilder vom Skifahren und  von ‚Fans‘ zu sehen, denen der Präsident Autogramme gibt. Danach erklärt er, dass seit Jahresbeginn Kommentare hinterlassen werden können und er sie interessiert lesen wird.

Schaut mal … Akunin und Chodorkovskij

Schon etwas länger ist es her, dass ich bei аеродром.ная ein Spiegel-Interview mit Boris Akunin über seinen Briefwechsel mit Michail Chodorkovskij gefunden habe. Der Spiegel hat außerdem schon Anfang Oktober über die verschärften Haftbedingungen Chodorkovskijs nach der Veröffentlichung des Briefwechsels berichtet. Da es kein Problem ist, ihn im Netz zu finden, habe ich mir diesen interessanten Dialog einmal angesehen. Akunin lässt Chodorkovskij zunächst seine Geschichte erzählen, im zweiten Teil diskutieren die beiden die aktuelle politische Lage. Sehr lesenswert! Vielleicht fasst der Spiegel sich ein Herz und veröffentlicht auch das, worüber die ganze Zeit geredet wird?

Schaut mal … Moskau

Peter Voßwinkel hat in seinem Moskaublog immer mal wieder interessante Alltagsbeobachtungen, diesmal: Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, der lange Weg zum Flughafen und der unbefangene Umgang mit Sicherheitsvorkehrungen: in Domodedevo stehen die berüchtigten Nacktscanner schon längst – und verkürzen die Wartezeit. Wenn ich so was lese, fühlt es sich wieder ganz nah an, ich kann mich in den Moskauer Alltag hineinversetzen und weiß auch gleich wieder, was ich nicht vermisse. Und die wichtigste Info überhaupt: noch liegt kein Schnee.

Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht

Am letzten Freitag bin ich bei einem sehr interessanten Filmabend gewesen. Unter dem Titel Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht. Russische Akademikerinnen im Spannungsverhältnis zwischen Arbeit und Familie. Ein Generationenvergleich haben 15 St.-Petersburgerinnen in sechs kurzen Filmen Fragen einer Gruppe Studierender des Osteuropa-Instituts der FU Berlin beantwortet. Sie erzählen in ihren Wohnzimmern oder vor sonniger Petersburger Kulisse über das Frau-Sein, Emanzipation, privilegierte Männer, das Kinderkriegen, Selbstverwirklichung und den Vergleich der Bedingungen heute mit denen in der Sowjetunion. Es ist natürlich nur ein Ausschnitt aus möglichen Diskursen über Geschlecht, aber ein sehr spannender und menschlicher. Dass die Interviewer_innen herzlich aufgenommen und bewirtet worden sind, glaube ich auf’s Wort. Die kleinen Geschichten und Anekdoten und die jeweils persönliche Perspektive der einzelnen Frauen kommen sehr gut heraus und deshalb ist der Film mehr als eine Dokumentation der Meinungen einiger St.-Petersburgerinnen, er gibt einen Einblick in die Welt dieser Frauen.

Bei der öffentlichen Präsentation am 1. November habe ich zusammen mit  Sonja Margolina und Daria Nifontova an einer Expertinnenrunde teilgenommen, die die einzelnen Teile des Films kommentiert hat. Einige meiner Gedanken und interessante Aspekte unserer Diskussion fasse ich hier noch mal kurz zusammen. Viele Aussagen der Interviewpartnerinnen strotzen nur so vor traditionellen Geschlechterstereotypen und Biologismen, die mich an die Diskussion um das Frauenstudium in Deutschland um 1900 erinnern. Das ist mir bei der Festveranstaltung im Roten Rathaus in Berlin klar geworden. Die Geschlechterdifferenz, deren naturwissenschaftliche Begründung nicht nur damals einen Aufschwung erlebt hat, wird als gegeben hingenommen und Frauen werden in Abgrenzung zu Männern definiert. Die genaue Qualität dieser Differenz bleibt jedoch im Dunkeln, denn Männlichkeit ist in den Aussagen immer nur die unbenannte Norm, dem ganzen Film fehlt eine Perspektive auf Männlichkeit.

In den Augen der St.-Petersburgerinnen ist Reproduktionsarbeit Frauenarbeit. Dass auch sie ein Ort der Veränderung von Geschlechterrollen sein könnte, ist nicht einmal im Ansatz spürbar. Die Wahrnehmung von ‚Emanzipation‘ und Alternativen zur Mutterschaft sind stets auf das Erwerbsleben bezogen, wie auch die Diskussion über die Privilegierung von Männern. Alle sind sich einig, dass die Entlastung von der Reproduktionsarbeit ihnen größere Erfolge ermöglicht. Sie seien klüger und talentierter, sagen einige der Befragten. Diese Einhelligkeit in Bezug auf die Wahrnehmung von Privilegierung und ihre Begründung und Rechtfertigung hat mich schockiert.

Daria, eine der Interviewpartnerin und Teilnehmerin der Diskussion,  hat einen interessanten Erklärungsansatz dafür vorgeschlagen.  Weil die Männer von der Reproduktionsarbeit entlastet sind, können sie sich beruflich mehr engagieren, sind erfolgreicher und sichtbarer. Dies fördert den Eindruck, dass sie objektiv besser befähigt wären und erhöht ihre Chancen auch weiterhin erfolgreicher zu sein. Die Wirkmächtigkeit solcher sozialen Prozesse erschließt sich mir sofort, verblüfft bin ich, wenn sie mit sozio- bzw. evolitionsbiologischen Erklärungsmustern verknüpft werden. Beide Argumentationen schließen sich für mich gegenseitig aus. Wenn moderne soziale Praktiken unser geschlechtsspezifisches Verhalten prägen, haben wir eine Möglichkeit der Veränderung, die es sich lohnt zu ergreifen. Wenn es aber evolutionär in den letzten 100.000 Jahren geprägt worden ist, kann ich kaum hoffen, in wenigen Generationen Veränderungen herbeizuführen. Darias Argumentation, die beide Erklärungsmuster verknüpft, hält diese Widersprüche und Ambivalenzen aus,  vielleicht sogar ohne sie zu bemerken. Wie immer bin ich davon fasziniert, dass das geht, weil es eine Möglichkeit ist, nicht zerrissen zu werden und Anforderungen verschiedener Umgebungen gerecht zu werden.

Vor allem die jüngeren Frauen sprechen in den Interviews von ihrer Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, während einige ältere Frauen sich der Benachteiligung  bewusst sind und sie kritisieren. Ich würde sie Feministinnen nennen, sie selbst würden das aber wahrscheinlich weit von sich weisen. Die Erkenntnis der Ungerechtigkeit ist meiner Meinung nach DIE Vorbedingung für die Entwicklung eines feministischen Bewusstseins. Es gibt also noch Hoffnung, auch wenn sich die Bezeichnung ‚Feminstin‘ in Russland wohl nicht durchsetzen wird. Der Generationenunterschied ist eindeutig erfahrungsbedingt, diese Tendenz habe ich auch schon in Deutschland beobachtet. Viele glauben so lange an die verwirklichte Gleichberechtigung bis sie am eigenen Leib erfahren, dass es wohl doch noch nicht ganz geschafft ist. In den Interviews ist stets von Emanzipation die Rede, denn danach ist auch gefragt worden. Ich bevorzuge  in diesem Zusammenhang den Begriff Feminismus. Wie in der Diskussion klar wurde, sind beide für die russischsprachige Diskussion gleichbedeutend und deshalb werde ich sie im folgenden synonym verwenden.

Die Ablehnung der Emanzipation führe ich auf die sowjetische Propaganda zurück. Einerseits ist behauptet  worden, die Gleichberechtigung sei erreicht. Dabei wird Gleichberechtigung mit Teilhabe am Arbeitsmarkt gleichgesetzt, die für die Frauen aber vor allem eine Doppelbelastung zur Folge hat. Ich bezweifele, dass das Gefühl, sich selbst verwirklichen zu können, so gestärkt wird. Dennoch führt dies bei den interviewten Frauen nicht zu einer Ablehnung des sowjetische Narrativs der verwirklichten Gleichberechtigung, sondern sie verinnerlichen die Doppelbelastung bis heute. Andererseits (oder in engem Zusammenhang damit) sind die westliche ‚Emanzipation‘ und der Feminismus als dekadent und für die sowjetische Frau unnötig diffamiert worden, so dass die Interviewten sich auch heute nicht positiv zu den Forderungen des Feminismus bekennen können.

Außerdem beruht die Ablehnung der ‚Emanzipation‘ auch auf einer Diskussion innerhalb des Feminismus. Die interviewten Akademikerinnen betonen die DIFFERENZ der Geschlechter und setzen das Projekt ‚Emanzipation‘ mit GLEICHHEIT gleich. Diese Positionen sind im westlichen Feminismus vor einigen Jahrzehnten heiß diskutiert worden, aber inzwischen nicht mehr Zentrum der theoretischen Debatten.* Auch deshalb fällt es mir wohl so schwer, die Ansichten vieler Russinnen über den Feminismus zu verstehen. Unsere Positionen unterscheiden sich fundamental.  Ihr Bild von der ‚Emanzipation‘ widerspricht einer ihrer Überzeugungen und das ist vielleicht der größte Hinderungsgrund, Feminismus als wichtiges und sinnvolles Projekt wahrzunehmen.

*Mehr über diese Entwicklung, die Brigitte Rauschenberg bei der Tagung Feministische Politik|Wissenschaft an der FU am 31. Oktober nachgezeichnet hat, schreibe ich hier.