Was wundere ich mich eigentlich noch?

Nachdem ich letztens noch verzweifelt war ob der politischen Kultur im Ländle, kann ich mich heute nur bestätigt fühlen: Die spinnen die Schwaben. Allen voran Thomas Strobl, der nicht nur Generalsekretär der baden-würrtembergischen CDU, sondern auch das direkt gewählte Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Heilbronn ist. Ich hätte ihn also wählen können. Warum nur bin ich jetzt sehr froh, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, mein Kreuzchen bei seinem Namen zu machen? NS-Vergleiche sind ja immer schick. Wenn eine Partei in einer Diskussion (z.B. über ein Bauprojekt, das eine ganze Innenstadt verändern soll) keine Argumente mehr hat, kommt diese Keule oder eben ein Wasserwerfer.

Dumm nur, wenn der Herr Ministerpräsident wohl doch davon wusste. Und ein Rausreden à la ‚Das ist Sache der P0lizei.‘ ist nicht nur billig, sondern den Einsatzkräften gegenüber extrem illoyal. Ich gehe nicht davon aus, dass alle aus Lust am Prügeln dabei waren.

Über das unsägliche T-Shirt und die peinlichen Verwicklungen würde ich am liebsten gar kein Wort mehr fallen lassen. Aber auch diese Episode illustriert, wie hier Politik gemacht wird: auf dem Rücken der Schwächeren und mit unglaublicher Arroganz.

Aber das war’s noch nicht. Hier in Heilbronn gibt es nämlich auch ein (S-)Bahnprojekt. Das ist jetzt durchgewunken worden, trotz Vorbehalten gegen die Streckenführung. Denn wenn jetzt nicht schnell Entscheidungen treffen, dann sind die Nachbargemeinden wohlmöglich beleidigt und noch viel schlimmer: Fördermittel würden mit dem Jahresende flöten gehen. Diese Aspekte sollten schon Beachtung finden, aber wenn die Entscheidung ansonsten sachlich nicht zu vertreten ist, mangelt es mir auch hier an der Verhältnismäßigkeit.

Also wieder mal: Politische Kultur – 6 – Setzen! Von wegen ‚Wir können alles.‘ Auf das Hochdeutsch kann ich gern verzichten, wenn andere Sachen wenigstens halbwegs funktionieren würden.

Schaut mal … fromme Wünsche

Unter diesem Motto und mit einigen kritischen Kommentaren postet die denkwerkstatt einen leider sehr treffenden Comic zur Chancengleichheit von Männern und Frauen. Auch wenn das ganze zweigeschlechtlich aufgemacht ist, funktioniert der sicher auch mit allen anderen Abweichungen vom weißen, gesunden Mittelschichtsmann.

Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky

Mit wem will ich hier eigentlich diskutieren?

Das frage ich mich schon länger, immer dann, wenn hier komische Kommentare eintrudeln, die ich nicht so richtig einordnen kann, weil sie rumpöbeln, nicht konstruktiv sind oder darauf angelegt, andere Bloggerinnen zu diffamieren. Auch wenn hier nicht so viel Verkehr ist und ich deshalb froh bin, wenn jemand antwortet, will ich mich nicht mit jedem Erguss auseinandersetzen müssen. Das ist mein Blog – mein Wohnzimmer und da lasse ich niemanden rein, der mir auf die Couch kackt. Auch bei Hunden bin ich da gnadenlos. (Nur falls jemand fälschlicherweise glaubt, ich könnte Tierfreundin sein und deshalb mit zweierlei Maß messen.)

Aber manche Argumentationen beschäftigen mich dann doch, weil sie einfach zu hohl sind. Es ist spannend, dass aus maskulistischer Ecke letztlich immer die ewig gleichen ‚Argumente‘ kommen:

  • Zwangsdienste
    Ich bin Pazifistin, Zwangsdienste find ich echt blöd, aber dagegen sollte kämpfen, wer davon betroffen ist.
  • Tod: früh, im Krieg, beim Unfall, durch die eigene Hand
    Das hat was mit der Lebensweise zu tun (Klosterstudie!), ich habe nichts dagegen, wenn die geändert wird und strukturelle Ursachen bekämpft werden. Aber ein ‚Frauen jetzt sterbt doch auch endlich früher!‘ wird wohl kaum die Lösung sein. Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?
  • Sorgerecht und Unterhaltsregelungen nach einer Scheidung oder bei unverheirateten Eltern
    Sind ein echtes Problem, weil leider viel zu oft nicht das Kindeswohl im Zentrum steht, weder vor Gericht noch bei der individuellen Positionierung der Eltern. Weniger Klischee und mehr Einzelfallbetrachtung helfen hoffentlich.
  • Bildungsmisere: die armen Jungen
    Es läuft grundsätzlich was schief im Bildungssystem. Das sehen wir auch daran, dass Jungs dort z.T. benachteiligt werden. Aber es läuft auch grundsätzlich was schief in der Berufswelt, dass sehen wir daran, dass Mädchen trotz besserer Leistungen in der Schule danach nicht aufholen. Das Verhältnis von Schule, Beruf und Gesellschaft ist ganz und gar nicht in Ordnung. Darunter leiden alle, nicht nur Jungs.

Heute hab ich mal was neues gelesen:

  • kein aktives und passives Wahlrecht bei der Wahl von Gleichstellungsbeauftragten
    In Berlin heißen die ja Frauenbeauftragte. Wenn das mal kein Grund ist. Aber wo ist da jetzt der Skandal? Das ist vor allem zusätzliche Arbeit und aus meiner Erfahrung hält sich die Macht auf dieser Position auch in Grenzen.
  • Ausschluss von den Fördermillionen in Frauentöpfen
    Da kann ich nur polemisch werden: solange die ‚allgemeinen‘ Töpfe immer noch als Ressource behandelt werden, die hauptsächlich unter Männern aufgeteilt wird, bleibt da wohl nichts anderes übrig. Das habe ich an der Uni einfach zu oft gesehen: ’normale‘ Stellen werden mit Männern besetzt, und die eine Frau, die es über die begrenzten (!) Mittel der Frauenförderung schafft, wird dann auch noch als Quotenfrau abgestempelt. Nein, danke.
    Ich glaube kaum, dass das Institut, an dem ich studiert habe, eine Ausnahme ist. Vor 6 Jahren gab es bei 14 Professuren eine einzige Juniorprofessorin. Seitdem sind 7 Professuren neu besetzt worden. Sage und schreibe zwei Frauen sind unter den Berufenen. Zwei von drei dieser Stellen sind durch Mittel der Frauenförderung finanziert. Und das bei einem Studentinnenanteil von 50 Prozent. Diese Übermacht an Vorbildern motiviert ungemein. Das ist für angehende Wissenschaftler unten den Studenten natürlich toll.

Also, liebe Herren, wie ich schon in einem Kommentar schrieb: den Blick auf eigene Privilegien zu lenken und einzugestehen, dass sie anderen Nachteile bereiten, tut weh. Fasst euch ruhig mal an der eigenen Nase, bevor ihr auf andere einprügelt. Denn ich werfe das nicht den Männern vor, die die Stellen bekommen haben. Die sind hochqualifiziert und haben es alle verdient, aber ich frage mich doch, ob tatsächlich keine Frau genauso oder besser für den Job geeignet gewesen wäre. Und wer das entscheidet, also welche Maßstäbe an Exzellenz angelegt werden. Jetzt bin ich gleich drin in der Bildungsdebatte, das hat hier aber nix zu suchen.

Es ist wichtig, diskriminierende Strukturen und Praktiken aufzudecken, die dazu führen, dass ich mich immer wieder frage: in welcher Welt möchte ich eigentlich leben? Interessenpolitik für einzelne Gruppen ist unerlässlich, aber am Ende bleibt nur ein Aufeinanderzugehen, um einen gerechten Interessensausgleich zu schaffen. Dabei maße ich mir nicht an, für andere und ihre Interessen zu sprechen, denn das entmüdigt diejenigen, denen ich unterstelle, dass ihre Situation verändert werden müsse.

PS: Eh jemand auf die Idee kommt, die

  • ‚ungerechte‘ Geschlechterverteilung auf dem Arbeitsmarkt (à la Männer schuften, Frauen wollen Rosinen picken) anzubringen:
    Nee, meine Lieben. Was Krankenschwestern den ganzen Tag und nachts heben und bewegen, dass ist ein echter Knochenjob, deshalb sind Krankenpfleger auch so gern gesehen. Bei der Müllabfuhr ist es sicher nicht weniger anstrengend und es stinkt auch, aber die Entschädigung (sprich: Bezahlung) ist deutlich höher.

PPS: Das wollte ich schon lange mal loswerden. Sich gegenseitig mit Vorwürfen zu bewerfen und mit ‚Argumenten‘ zu bombardieren ist keine Kommunikation. Und das ist es, was ich mir vorstelle: Kommunikation, respektvoll und mit Interesse für den Standpunkt der anderen Seite. Für alles andere stehe ich nicht zur Verfügung, da bleibe ich lieber alleine in meinem Wohnzimmer und mache es mir bei Tee und Kerzenschein gemütlich, in meiner Ecke des Internetzes.

Der Feminismus ist tot – jetzt aber wirklich

Dieses Gefühl habe ich dieser Tage, da der Internationale Frauentag kurz bevor steht und offenbar aller Orten heiß herbeigesehnt wird. Denn die Aufmerksamkeit wird nicht nur genutzt, um die bekannten Missstände noch mal zu benennen, sie fordert offensichtlich lauten Widerspruch hervor. Allen voran natürlich von unserer werten Frauenministerin. Was für ein Armutszeugnis, wie anders sieht das doch in Österreich aus, das ich letztens schon beneidet habe. Aber unsere Ministerin macht in ihrer Bundestagsrede, wie die taz berichtet, deutlich, wo für sie der Schwerpunkt ihres Ministeriums liegt: bei der Familie. Und auch wenn es dann mal konkret um Frauen und Gleichstellung gehen soll, ist das natürlich (schon wieder!) ausschließlich ein Familienthema, als ob es dabei um nichts anderes gehen könnte. Ich habe langsam den Eindruck, die gute Frau weiß nicht, welchen Kämpfen sie ihre heutige Position (auch) zu verdanken hat. Und sie ahnt wohl noch nicht mal, welche Hindernisse sich ihr noch in den Weg stellen werden.

Aber nicht nur aus dieser Ecke kommt Gegenwind. Auch in der aktuellen Zeit-Campus wird unter der Überschrift Wir gleichberechtigt sind wir? heiß diskutiert. Es wird aber gar nicht diese Frage gestellt, sondern lieber gerätselt, was Frauen und Männer ‚wollen‘. Justus Bender meint, wer ‚gleich‘ sein wolle (wer will das bitte?), müsse sich auch entsprechend verhalten. Frauen seien selbst schuld, dass sie keine Karriere machen, sie studieren eben die falschen Fächer. Weil wir ja auch alle – mal ganz unabhängig vom Geschlecht – Karriere machen wollen. Aber was sind diese ‚falschen‘ Fächer? Neben den üblichen Verdächtigen (MINT und so), die  nebenbei bemerkt auch keine Garantie für makellose Karrieren sind, nennt er auch die Wirtschaftswissenschaften. Soweit ich mich erinnere ein Fach, das etwa gleich viele Männer und Frauen studieren. Hhm, da fällt mir nichts mehr zu ein.

Und im gleichen Tenor geht es weiter: in den Parteien seien zu wenige weibliche Mitglieder, woher solle der Nachwuchs denn kommen? Und in unseren Partnerschaften seien wir nicht gleichberechtigt, weil wir uns in der Mehrzahl ‚überlegenere‘ Partner‘ suchten. Also ganz klar: selber schuld, dass wir nicht ‚gleich‘ sind. Aber was ich mich wirklich frage, woher wissen wir von den nur 9% Ehen, in denen die Frau einen höheren Bildungsabschluss hat als der Mann? Ich vermute mal aus den Angaben bei der Eheschließung. Wenn das so ist, habe ich auch ’nach oben‘ geheiratet. Dumm, dass ich jünger bin als mein Mann und das kommt laut Statistik nun wahrlich häufig genug vor, ist aber kein ’nach oben‘ in diesem Sinne. Da ich bei der Hochzeit noch nicht fertig war mit dem Studium, bleibt das wohl so, denn bisher hat sich noch niemand gemeldet, um die Daten nach meinem Studienabschluss zu aktualisieren. Und mal rein hypothetisch: wenn die ehemalige Studentin irgendwann promoviert ist, haben sich die Verhältnisse zwar umgedreht, aber wer sollte diese Statistik schon erheben? Aber klar: die mangelnde Gleichstellung ist allein einem Fehlverhalten von weiblicher Seite anzulasten. Ich dachte wirklich, wir seien darüber hinaus.

Die Angriffe auf Frauenräume kommen selbst hier im Ländle an. Die Veranstaltungen zum Frauentag werden in den örtlichen Medien ordentlich beworben. Ich freue mich schon auf die Ausstellung Frauen_leben in Heilbronn, die pünktlich nächsten Montag eröffnet wird. Aber für ein anderes Blättchen, dessen Inhalte nicht online sind, war es wohl ganz entscheidend diesen Satz am Ende der Ankündigungen einzufügen:

Übrigens: Auch interessierte Männer sind zu den Veranstaltungen herzlich willkommen.

Nicht, dass ich Männer ausschließen wollte. Denn keine einzige der Veranstaltungen klingt, als sei sie auf Frauen als Publikum beschränkt. Bis auf die Filmvorführung von „Die Frauen von der Alb“ ist keiner der Veranstaltungsräume als Frauenraum erkennbar (Stadt, Rathaus, Gewerkschaftshaus, Museen usw.). Ich frage mich also: wieso bedarf es dieser direkten Aufforderung an die Männer? Sie erweckt den Eindruck, als seien sie ausgeschlossen, nur weil es sich einmal nicht um sie dreht und sie (vielleicht) nicht die Hauptzielgruppe eines Angebots sind. Ich finde es besonders schade, weil der Frauentag eine so schöne Gelegenheit ist, Frauen zu feiern. Wir sollten an diesem Tag im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche (wahrscheinlich nur eingebildete) verletzte Egos. Und auch wenn das vielleicht nur nett gemeint ist und ermuntern soll, frage ich mich: warum ausgerechnet zu diesem Anlass?

Wie immer kurz vor diesem Tag muss ich an meinen wunderbaren März in Moskau denken. Der 8. März war nicht nur Feiertag, es war auch der erste Tag mit Sonne und endlich fingen der Frühling und das Leben an. Ich habe diesen Tag mit wunderbaren Frauen verbracht und abends mit ihnen gefeiert. Für die Blumen und die Party haben die Männer gesorgt. Nicht, dass das immer so sein muss, aber ich wünsche mir auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für diesen Tag – von Frauen und Männern.

Solange ich an meine beliebigen Beispiele aus der aktuellen Presse denke, ist das Fazit klar: der Feminismus ist tot und so nützlich wie ein Kropf. Aber dann höre ich in mich hinein und es erschallt zur Antwort: es lebe der Feminismus!

Schaut mal … nur gemeinsam sind wir stark

Das denkt auch Jessica Valenti und spricht sich deutlich gegen eine entweder-oder-Mentalität aus. Indem an einer Stelle feministische Erfolge erzielt werden, werden entsprechende Ansprüche an vielen anderen Stellen legitimiert und die Chancen für ihre Erfüllung erhöhen sich. Lassen wir uns nicht länger gegeneinander ausspielen!

Holla die Waldfee

Männlichkeit war ja nie so mein Ding. Jedenfalls nicht als Selbstzweck. Deshalb war ich mir lange nicht sicher, was ich von diesem Walter Hollstein halten soll. Bei der Mädchenmannschaft wird in Kommentaren und manchmal auch in Beiträgen gern auf ihn verwiesen, wenn es mal wieder um die ‚Krise der Männlichkeit‘ geht. Katrin von der Mädchenmannschaft hat ihn in ihrer Rezension seines Buches so charakterisiert:

In Männerfragen ist er eine Koryphäe, vor allem, wenn es zur Abwechslung mal wissenschaftlich unterlegt und differenziert sein soll.

Das habe ich ihr erstmal geglaubt und auch nicht weiter nachgeforscht – ist eben nicht mein Thema. Aber jetzt muss ich dann doch mal meinen Senf dazugeben. Wie auch immer reflektiert das Buch ist, auf einer m.E. ganz grausigen Seite habe ich die schriftliche Version eines Vortrags, den er im Juni 2009 gehalten hat, entdeckt. Einiges ist sicher nicht falsch, aber Einschübe wie

ohne das dies jetzt mit Schuldzuweisungen verbunden sein soll

bringen mich irgendwie erst auf  die Idee, Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Beispiele sind schlau gewählt, so dass die Benachteiligung von Jungs und jungen Männern mehr als evident erscheint. An einigen Stellen wird jedoch deutlich, wie selektiv die Darstellung ist. Ich frage mich z.B. was in den anderen Strophen des zitierten Gedichts so passiert. Da es sich um die Arbeit einer Studentin handelt, ist das aber praktischerweise nicht rauszubekommen. Außerdem ist er an einer Stelle transphob – ich zitier das jetzt nicht. Will Männlichkeitsforscher sein und ist zu einem respektvollen Umgang mit anderen Lebenskonzepten nicht in der Lage? Da war es für mich dann echt vorbei.

Mal ganz abgesehen davon, dass die ‚Krise der Männlichkeit‘ auch schon um 1900 weit um sich griff und ich diesen Kampfbegriff deshalb sehr zweifelhaft finde. Außerdem reproduziert er ganz fein traditionelle Geschlechterstereotype und Vorstellungen von ‚Männerbünden‘, die sind mir aus einem gar nicht so tollen Seminar noch gut in Erinnerung. Damit kann ich gar nicht um.

Hey Alice, der Zweck heiligt noch lange nicht die Mittel

Und dann war da noch dieser kleine Aufreger gestern: Alice Schwarzer antwortet Bushido. Nach der Lektüre des taz-Artikels dachte ich noch: gut! Muss ja mal jemand sagen, was das für ein Sexist ist. Aber dann war ich doch zu neugierig, was die Alice denn nun wirklich selber schreibt – und bin in meiner Meinung über sie leider bestätigt worden.

Polemik – ok. Aber die Art hat mir Bauchschmerzen gemacht, ohne dass ich so richtig artikulieren konnte, wieso. Deshalb dickes Danke an Magda von der Mädchenmannschaft, die sich die Arbeit gemacht hat, den Brief durchzugehen und die entsprechenden Stellen zu kommentieren. Es geht dabei keinesfalls darum, Bushido zu verteidigen, sondern die Missstände in Alices Argumentation aufzuzeigen. Und das muss einfach erlaubt sein, denn noch immer ist AS in der deutschen Öffentlichkeit die Feministin schlechthin. Ich bin zwar auch Feministin, aber so würde ich einfach nicht um mich prügeln. Mir ist auch egal, wie angegriffen AS sich gefühlt haben mag, sie ist Profi und es wäre schön, wenn das ihren Auslassungen auch anzumerken wäre. Die Idee den Stil zu kopieren finde ich super, aber wäre das nicht vielleicht auch ohne Sexismen und Rassismen möglich gewesen?

Schaut mal … im Januar

Auch wenn der Monat nun schon ganz schön vorbei ist, ein paar Sachen sind mir ganz schön aufgestoßen. Bei der Wahl zur US-Sportlerin des Jahres hat es eine Stute auf den zweiten Platz geschafft. Wie blöde die werten Journalist_innen sind, die das verzapft haben, kann sich eine jede selbst denken. Die Süddeutsche titelt passend: ‚Diese Frau ist ein Pferd‚. Ich frage mich nicht, was die Geschlechterforschung davon hält, sondern was das über die Wahrnehmung und Konstruktion von Weiblichkeit aussagt. Stelle mir auch gerade vor, wie ein Windhund Sportler des Jahres wird. Ah nee, da machen wir lieber eine neue Kategorie auf, wie wär’s mit Sporthund des Jahres?

Das Moskauer Tagebuch von Peter Voßwinkel аеродром.ная hat dicht gemacht. Ich werde die aktuellen Bilder aus dieser Stadt, die mein Herz immer noch fesselt, vermissen. In letzter Zeit mochte ich vor allem diese Eisskulptur und den etwas anderen Blick in den Untergrund. Zum nostalgischen Reinschauen reicht es noch, aber es kommt nichts neues mehr dazu. Schade.

Frauen und Männer sind ja so unterschiedlich

Ich kann diese Leier nicht mehr hören. Und vor allem will ich nicht damit konfrontiert werden, wenn ich gerade auf einer ganz anderen Baustelle bin. Ich bin auf interessante Projekte im Bereich Coworking aufmerksam geworden und höre gerade den Küchenradio-podcast zum Thema. Also eigentlich geht es um kollaborative Formen des Arbeitens – spannend. Und  im Studio 70 in Berlin, wo das Küchenradio zu Besuch ist, wird außerdem gebaustelt.

Und schwupsi da haben wir den Salat. Irgendwann kommt die Sprache auf Altersdurchschnitt und Geschlecht der Aktiven. Am Tag der Aufnahme sind keine Frauen anwesend, aber Philip, der gerade interviewt wird, will die Werkstatt als offenen Raum verstanden wissen. Er spricht sich offen gegen Geschlechterstereotype aus und berichtet von einem unsäglichen Interview bei Fritz. Ich bin echt enttäuscht von der Art, wie dort Geschlechterstereotype nicht nur reproduziert, sondern auch forciert werden. Philips Kommentar dazu stimmt aber optimistisch, denn am wichtigsten ist es ja, dass die Leute, die es machen, kapieren, wo das Problem liegt:

Wer meint, es sei progressiv zu fragen „Ist das auch was für Mädchen?“, agiert aus einer konservativen Sicht, finde ich.

Konservativ finde ich ja noch milde ausgedrückt. Aber es sind genau solche Fragen, die erst die Vorstellung erwachsen lassen, Technik oder Basteln habe was mit Geschlecht zu tun. Und da komme ich dann zurück zum Küchenradio, dessen werter Vertreter nichts besseres zu tun hat, als genau die alten Stereotype hervorzuholen und noch mal hinauszuposaunen: Mädchen bzw. Frauen spielen eben nicht zwecklos rum, so wie Jungs bzw. Männer das mögen. Das sei seine Überzeugung.

Und Philip kann ihm zumindest in diesem Punkt nicht widersprechen. Ich aber schon. Und frage mich: Ist das alles so zweckfrei, was die Jungs da machen? Es ist idealistisch, Kunst und Experiment – aber Spielen stelle ich mir anders vor. Es geht ja gerade darum, dass hinten auch was raus kommt und das hat stets auch was mit dem ‚echten‘ Leben der Leute zu tun.

Ich habe den podcast zu Ende gehört und bin jetzt wenigstens wieder ein bisschen versöhnt, denn aus dem Hintergrund kommt dann doch Widerspruch. Schon die Kommunikation und die sozialen Räume seien männlich geprägt und insofern eher geeignet, Frauen auszuschließen. Es geht aber eben nicht nur um Frauen, sondern insgesamt darum, offen für Menschen zu sein, die keine Technik-Freaks sind. Diesen Eindruck habe ich vom Studio 70 und  wenn ich mal bausteln statt surfen oder putzen will, weiß ich jetzt, wo ich hingehe.

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