Was ist Glück?

Leider kommt jetzt kein hochphilosophischer Beitrag, der versucht eine annähernd differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Wäre vielleicht wirklich mal nötig, da in den Kommentaren zum letzten Post klar geworden ist, dass Glück eine sehr individuelle Sache ist, die nicht mit einfachen Parametern gemessen werden kann. Aber ist es Glück, nicht vergewaltigt zu werden, wenn eine in letzter Minute einen Rückzieher macht? Diese Frage stellt Leonie sich im Mädchenblog zu Recht.

Im ersten Moment habe auch ich genau das gedacht: wow, das hätte schief gehen können. Und das zeigt, ich bin mitten drin in einer rape culture. Solche Situationen können sehr gewaltsam ausgehen – aber ‚Glück gehabt‘ impliziert, dass es nicht normal ist, dass ein solcher Rückzieher akzeptiert wird, sondern eher eine Ausnahme. Eine solche Reaktion, ob gedacht oder gesagt, lässt auf kein schönes Männerbild schließen. Als sei es ein Wunder, wenn eine Frau in ihrem Leben von  sexuellen Übergriffen verschont geblieben ist.

Aber das sollte es nicht sein. Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung sollten die default-Positionen sein, nicht die beständige Bedrohung. Genau das ist der Punkt: wann erfahren wir von einem solchen ‚Normalfall‘? Sehr selten. Welche Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, ruft schon jeden Morgen ihre Familie und Freund_innen an und meldet: „Alles gut, ich habe wieder eine Nacht ohne Vergewaltigung überstanden.“ Wohl kaum eine und das ist auch gut so. Denn diese Unversehrtheit ist die Normalität, die wir alle verdienen.

Ein ‚Glück gehabt‘ setzt jedoch die Vergewaltigung als (relativ) normale Folge einer unerwarteten Verweigerung. Wir dürfen das nicht als normal denken, weil es Männern pauschal eine Menge Mist unterstellt und die eigene Entscheidungsfähigkeit mindert. Ich stelle mir gerade junge Frauen vor, die es ’normal‘ fänden, wenn er in einer solchen Situation zur Gewalt greift, und deshalb keine Grenze ziehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr wollen. Rape culture ist insofern etwas, das nicht nur real passiert (siehe die Reaktionen auf Verhaftungen von Polanski und Kachelmann), sondern auch in unseren Köpfen herumspukt und einem gleichberechtigtes Miteinander entgegensteht.

Ausstellung, die zweite

In der Zeit zwischen Abgabe der Magistraarbeit und den Prüfungen bin ich noch ein zweites Mal ganz kulturell gewesen: kurz bevor die Wanderausstellung 100000 Jahre Sex Heilbronn verlassen hat, habe ich sie mir an einem Freitag im Juni angesehen. Sie ist größer als Bunte Götter, aber da ich bei diesem Thema besser bewandert bin, habe ich diesmal inhaltliche Kritik.

Der Rundgang beginnt mit einer rekonstruierten Darstellung von nackten ‚Urzeitmenschen‘ oder ‚Neandertalern‘ (wie kann ich die eigentlich korrekt benennen?) in Lebensgröße. Daneben ein kurzer erklärender Text, mit diesen bahnbrechenden Informationen: „Kleidung spielt in der Sexualität nämlich eine viel größere Rolle, als oft vermutet wird. Das Bedecken der Geschlechtsteile ist ein Ausdruck von Schamgefühlen vor dem anderen Geschlecht.“ Die Möglichkeit, dass Kleidung vor allem dem Schutz vor widrigen Umweltbedingungen gedient haben könnte, wird zwar davor benannt, aber auf diese Weise deutlich an den Rand gedrängt. Es geht schließlich immer um Sex, genauer gesagt um Sex zwischen Männern und Frauen. Er erscheint nicht nur hier als Triebfeder aller menschlichen Entwicklung, diese Art der Darstellung wird durch die gesamte Ausstellung hindurch aufrecht erhalten. Wären nicht Griechenland (ganz kurz) und Rom, in denen homoerotische Praktiken Bestandteil vieler Diskurse sind, könnten Abweichungen von der normalisierten Heterosexualität komplett ausgeblendet werden.

Ein weiteres Lieblingsthema kann auch hier nicht ausgelassen werden: Fruchtbarkeit.  Ich muss leider nochmal auf eine Archäologenbinsenweisheit hinweisen: Wenn die Funktion eines Artefakts unklar ist, bezieht es sich entweder auf Fruchtbarkeit oder dient astronomischen Zwecken. Denn im nächsten Raum der Ausstellung folgen ‚Venusfiguren’, die zum Glück „Frauenfiguren“ genannt worden sind. Aber bei einigen ist da für die ‚Frau’ schon ziemlich viel interpretiert worden. Die sahen so ähnlich aus wie diese – vielleicht sind es sogar die selben, denn sie waren auch aus Nebra. Am besten hat mir aber der „prähistorische Minirock“ gefallen, der von den Archäologen als Bekleidung einer Tänzerin bei einem Fruchtbarkeitskult interpretiert wird. In der Medienecke gab es ein Video mit Rekonstruktionen, u.a. tanzt eine junge Frau in einer Nachbildung dieses Kleidungsstücks. Das „Röckchen von Egtved“ ist ein kurzer, durchscheinender Rock und steht wohlmöglich in kultischem Zusammenhang. Ok. Aber warum Fruchtbarkeit und woher kommt die Assoziation des Tanzens? Eine solche Interpretation ist möglich, sollte aber als das dargestellt werden, was sie ist, und nicht als wissenschaftliche Wahrheit daherkommen, wie die Formulierungen in der Ausstellung suggerieren.

Bei dieser prallen Weiblichkeit kann es natürlich nicht bleiben, schon einige zehntausend Jahre später treten Phalloi auf den Plan. In allen Formen dominieren sie die Ausstellung ab diesem Punkt bis hinein ins antike Rom. Einige sind als Anhänger gefasst und erinnern mich stark an ein Posthorn. Die Verschiebung der Konzentration auf den Phallos spiegelt sich auch in der Darstellung der Sexualität in Rom: „In der Familie stellten dazu nicht selten Sklavinnen Überdruckventile für sexuelle Triebe dar.“ Wieder heteronormativ gedacht und allein auf Männer als sexuell Aktive ausgerichtet, reproduziert diese Formulierung vor allem moderne Vorstellungen von Sexualität. Männer wollen und können immer, dadurch entsteht ihnen Druck, der abgelassen werden muss. Da schaudert’s mich nur noch.

Der Übergang zum Mittelalter ist echt gut gemacht. In einem leeren Raum befindet sich ein auf den Boden geklebtes Spiel: in 30 Fragen zum Sex nach den Regeln der frühmittelalterlichen Bußbücher. Ich habe eine ähnliche Aufstellung* bei den Recherchen für eine Hausarbeit gefunden. Da bin ich (gerade) noch nicht verheiratet gewesen und bin deshalb schon nach der ersten Frage ausgeschieden: Sind Sie verheiratet? – Nein.  → Stopp, Sünde! Und so geht es lustig weiter: Sex nur mit der eigenen Ehefrau oder dem eigenen Ehemann, nicht während der Fastenzeit, nicht an bestimmten Wochentagen usw. usw. Aber das wichtigste kommt zum Schluss: natürlich nur zum Zweck der Fortpflanzung und möglichst ohne Spaß dabei zu haben. Diese Bußbücher, die christliche Mönche ab dem 5. Jahrhundert n.Chr. verfasst haben, sind wirklich eine Fundgrube. Wer sich an diese Regeln hält, hat eine der besten Verhütungsmethoden überhaupt zur Hand: Enthaltsamkeit. Soll ja in den USA bestens funktionieren.

In der Ausstellung wird im Anschluss leider der Eindruck erweckt, diese normativen Texte seien direkte Zeugnisse über sexuelles Verhalten ‚im Mittelalter’. Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Im Anschluss ist die Rede von einer Lockerung der Sitten, bis im 19. Jahrhundert mit Bürgertum, Biedermeier und Queen Victoria die Unterdrückung der Sexualität Einzug halte, die seit den 1960ern und 1970ern aufgehoben sei. Da hatte ich den Eindruck, Foucault, seine französischen Kollegen und alle, die ihm in ihren Forschungen folgen, wären an den Macher_innen der Ausstellung spurlos vorüber gegangen. Schade.

Den Rest der Ausstellung habe ich als lustiges Potpourri wahrgenommen, aber inwieweit da alles so wirklich hinkommt, wage ich zu bezweifeln. Gut gefallen hat mir die Aufnahme von Sheela-na-gigs, Darstellungen von geöffneten Vaginen, die in mittelalterlichen irischen und schottischen Kirchenportalen zu finden sind. Sie sind, entgegen früherer Vermutungen, keine Überreste heidnischer Kulte, die unbeabsichtigt oder als subversive Unterwanderung des Christentums eingebaut worden sind, sondern extra für die neu erbauten Kirchen und ihre Portale angefertigt worden.

Ein Ärgernis bleibt aber die Fotoausstellung, die als Beitrag von 2008 angekündigt gewesen ist. Es handelt sich um weibliche Akte, sie sind zum Teil gefesselt und / oder in eine undurchsichtige Flüssigkeit getaucht. Die Fotos sind meiner Ansicht nach hochwertig und für sich betrachtet sicherlich Kunst, aber zur Illustration von Sex im Jahre 2008 doch irgendwie ungeeignet. Auf diese Weise wird Sexualität als auf Frauen gerichtet dargestellt. Die Körper der Frauen sind nackt, während der Betrachter im Museum angezogen bleibt. Diese nackten Körper werden von den Macher_innen der Ausstellung wohl mit Sexualität assoziiert. Im Kaleidoskop der verschiedenen dargestellten Umgangsweisen mit Sexualität erscheint das ‚heute’ auf diese Weise merkwürdig eindimensional, heteronormativ und sexistisch.

*hier: Brundage, James A.: Law, Sex, and Christian Society in Medieval Europe, Chicago – London 1987, S. 162

Sheela-na-gigs