Danke extra3!


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Stuttgart – das größte Dorf Deutschlands

Diese Charakterisierung trifft wohl offensichtlich zu. Wie in einem Dorf, das noch nie eine Demo gesehen hat, ist im letzten Monat auf den Protest gegen Stuttgart 21 reagiert worden. Zunächst von den Medien: Live-Berichterstattung vom Stau. Ok, er wurde nicht gezeigt, aber in den Landesnachrichten ausführlich thematisiert. Da fragt sich die Demo-erprobte Berlinerin mit Potsdam-Hintergrund, wann es in Stuttgart wohl die letzte große Demonstration gegeben hat, wenn so unbekannt ist, welche Folgen das für den Straßenverkehr hat. Aber gegen die Ereignisse der vorletzten Woche, in der die Polizei mit voller Gewalt durchgegriffen hat, ist das harmlos. Ich bin zutiefst schockiert, in was für einem Bundesland ich seit zwei Jahren lebe und deshalb kommt dieser Beitrag vielleicht ein bisschen verspätet, aber besser spät als nie.

  • Da ist zunächst die Ignoranz, mit der auf Proteste aus der Bevölkerung reagiert wird. Wir haben das beschlossen, ihr habt uns doch eure Stimme gegeben, ihr könnt sie gar nicht mehr erheben. So viel Arroganz hat sich in Deutschland zuletzt die vorletzte DDR-Regierung geleistet. Und das betrifft leider nicht nur Stuttgart 21, sondern auch die Entscheidungen auf Bundesebene: Atomeinstieg, Gesundheitsreform usw.
  • Und dann kommt noch die Gewalt dazu, die ich sonst von Berichten über Demonstrationen der Opposition und / oder Homosexueller in Russland, Belarus, Iran etc. kenne. Solche Gewaltausübung wird regelmäßig auch von der deutschen Politik verurteilt und als Zeichen mangelnder Demokratie gewertet. Ich höre schon Lukaschenko, wie er demnächst eigene gewalttätige Aktionen gegen Demonstrant_innen rechtfertigt, indem er auf Protestierende in Deutschland verweist, die ebenso behandelt worden seien. Das ist im übrigen der Punkt, an dem bei den Montags-Demonstrationen in der DDR etwas anderes passiert ist. Unfähigkeit und Unentschlossenheit der Staatsgewalt haben eine Eskalation der Gewalt in Leipzig Anfang Oktober 1989 verhindert. Hat die baden-württembergische Landesregierung wohlmöglich Angst, ein ähnliches Verhalten könne sie am Ende die Macht kosten? Aber glauben die Herren im Umkehrschluss ernsthaft, eine Eskalation der Gewalt hätte die DDR länger am Leben gehalten?
  • Und wieder ist es die Legitimierung und Rechtfertigung des brutalen Vorgehens der Polizei, die mich so richtig schockiert. Wer eigene Fehler nicht anerkennt und die eigene Position als einzig wahre wahrnimmt ist m.E. politikunfähig. Also unfähig zu einer Politik, die danach strebt, das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verbessern, nicht von einer, die auf kurzfristige eigene Vorteile bedacht ist.

Sind das also die Sitten und Bräuche meiner neuen Heimat?

Was ist Glück?

Leider kommt jetzt kein hochphilosophischer Beitrag, der versucht eine annähernd differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Wäre vielleicht wirklich mal nötig, da in den Kommentaren zum letzten Post klar geworden ist, dass Glück eine sehr individuelle Sache ist, die nicht mit einfachen Parametern gemessen werden kann. Aber ist es Glück, nicht vergewaltigt zu werden, wenn eine in letzter Minute einen Rückzieher macht? Diese Frage stellt Leonie sich im Mädchenblog zu Recht.

Im ersten Moment habe auch ich genau das gedacht: wow, das hätte schief gehen können. Und das zeigt, ich bin mitten drin in einer rape culture. Solche Situationen können sehr gewaltsam ausgehen – aber ‚Glück gehabt‘ impliziert, dass es nicht normal ist, dass ein solcher Rückzieher akzeptiert wird, sondern eher eine Ausnahme. Eine solche Reaktion, ob gedacht oder gesagt, lässt auf kein schönes Männerbild schließen. Als sei es ein Wunder, wenn eine Frau in ihrem Leben von  sexuellen Übergriffen verschont geblieben ist.

Aber das sollte es nicht sein. Körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung sollten die default-Positionen sein, nicht die beständige Bedrohung. Genau das ist der Punkt: wann erfahren wir von einem solchen ‚Normalfall‘? Sehr selten. Welche Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, ruft schon jeden Morgen ihre Familie und Freund_innen an und meldet: „Alles gut, ich habe wieder eine Nacht ohne Vergewaltigung überstanden.“ Wohl kaum eine und das ist auch gut so. Denn diese Unversehrtheit ist die Normalität, die wir alle verdienen.

Ein ‚Glück gehabt‘ setzt jedoch die Vergewaltigung als (relativ) normale Folge einer unerwarteten Verweigerung. Wir dürfen das nicht als normal denken, weil es Männern pauschal eine Menge Mist unterstellt und die eigene Entscheidungsfähigkeit mindert. Ich stelle mir gerade junge Frauen vor, die es ’normal‘ fänden, wenn er in einer solchen Situation zur Gewalt greift, und deshalb keine Grenze ziehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr wollen. Rape culture ist insofern etwas, das nicht nur real passiert (siehe die Reaktionen auf Verhaftungen von Polanski und Kachelmann), sondern auch in unseren Köpfen herumspukt und einem gleichberechtigtes Miteinander entgegensteht.

Überraschung!

Tolle Agenturmeldung: Ehen sind glücklicher, wenn der Mann sich an der Hausarbeit beteiligt. Ich bin wirklich überrascht, auf die Idee wäre ich von allein nie gekommen. Ok. Ironie aus. Ein Blick in die Kommentare bei diestandard zeigt aber, dass es wohl doch nötig ist, so was durch Studien zu belegen. Schlimm genug, dass bisher nur die Aktivitäten von Frauen im Zentrum standen, wenn Ursachen von Ehe(un)glück untersucht worden sind. Das Schöne ist doch, dass es nicht auf eine allein ankommt, sondern  wir unser Glück gemeinsam schaffen.

Von Ekel und Eros

Auch kürzere Fahrten können mich zu interessanten Ausstellungen führen.  So geschehen am letzten Freitag, da habe ich in Tübingen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Ausstellung KörperWissen – Erkenntnis zwischen Eros und Ekel im MUT besucht und den wirklich sehenswerten Weihnachtsmarkt erkundet.

Die archäologischen Sammlungen des Museums der Universität Tübingen befinden sich im Schloss Hohentübingen. Vor den geistigen Höhen habe ich also im Dauernieselregen zunächst einen ganz irdischen Berg erklommen und mir dann die Fundstücke der prähistorischen und klassischen Archäologie zu Gemüte geführt.

Erst in der Abgusssammlung geht es dann wirklich um Körper. Neben den Abgüssen berühmter Kunstwerke der griechisch-römischen Antike, die sich auch sonst in diesem Saal finden, stehen noch bis Ende Januar Exponate aus anderen Zeiten und Räumen, die sich mit dem Wissen über den Körper beschäftigen.

Ich finde, dies ist eine sehr gelungene Kombination, die die Körperzentriertheit verschiedener Kulturen aufzeigt und so auf die Vielfalt möglicher Körperverhältnisse verweist. Es ist keine große Schau und im Vergleich mit dem Hygiene-Museum in Dresden gibt es auch wenige ’neue‘ Erkenntnisse für mich.

Aber gerade in der Kürze und Überschaubarkeit liegt eine Stärke der Präsentation. Den einzelnen Gruppen von Exponaten ist eine kleine Tafel beigesellt, in der die einzelnen Aspekte kurz vorgestellt werden. Trotz der Kürze und des populären Umfeldes sind sie (fast) alle extrem gut gelungen und reflektieren wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher und prägnanter Sprache. Eine Ausstellung, in der ich mich nicht ärgern musste und einige mythische Inspirationen entdecken konnte.

Im Anschluss bin ich noch kurz in die völkerkundliche Abteilung rübergehuscht. Auch sie ist klein, aber fein. Die Konzentration auf nicht-europäische Kulturen ist mir weniger negativ aufgestoßen als im Ethnologischen Museum in Dahlem, das mehr Platz hat und so den verschiedensten Kulturen breiten Raum bietet. Die ständige Ausstellung in Tübingen präsentiert nur einige sehr begrenzte Schlaglichter und keine umfassende ‚Weltreise‘. Besonders interessant fand ich den Raum zu den Shipibo, die Frauen sind wahre Künstlerinnen und die Lebensweise sehr interessant.

Überall diese Haare I

Eigentlich sollte ich inzwischen ja mit dem Thema abgeschlossen haben, aber sie verfolgen mich weiter, diese Haare. Heute morgen höre ich nichtsahnend Radio eins und werde Zeugin einer interessanten Unterhaltung der Moderatoren des Schönen Morgens über ihre Brustbehaarung:

Den Herren Rupp und Azone war heiß, so heiß, dass sie sich entkleidet haben (eine Kollegin hat über Nacht die Heizung hochgedreht, die sich nun nicht mehr runterregeln lässt) und nun die Brustbehaarung des anderen begutachten können. Dabei fällt auf: der eine (Azone?) hat gar keine und ist damit zufriedne. Der andere (Rupp?) hat nur ein bisschen, das auch schon ein wenig ergraut ist, und findet das gar nicht gut.

„Entweder Dschungel oder Wüste, aber nicht Klimawandel.“

lautet der Kommentar zu diesem Missstand. Der Unbehaarte beobachtet aber ein einzelnes Haar zwischen seinen Schulterblättern und plant einen Rasta, falls sich dort jemals drei Haare einfinden sollten.

Das ist ein wahnsinnig spannender Dialog, den ich leider nur aus dem Gedächtnis zitieren kann. Brustbehaarung wird mit Männlichkeit assoziiert. Die graue Haarfarbe gilt als Alterskennzeichen und nicht so wirklich schick. Körperbehaarung ist zugleich sehr intim (sie ist sonst nicht zu sehen) und Ziel von Spott. Außerdem wird sie an einen aktuellen Diskurs (Klimawandel) angeknüpft und so die Relevanz beider Themen betont. Der Klimawandel ist diskursiv allgegenwärtig und dient hier als willkommene Metapher. Die Körperbehaarung kann eben auch an einen solchen aktuellen Diskurs angeknüpft werden und erlangt so Relevanz.

Lange Tage der Frauen

Gestern Abend sind meine ausgedehnten Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Frauentages zu Ende gegangen und ich bin ein wenig melancholisch. Neben interessanter Lektüre haben mir diese tollen Tage zwei Filme und einen Frauentag beschert. Schon am Donnerstag, also drei Tage zu früh, hat alles angefangen. Ich habe mit einer Freundin den Dokumentarfilm Das Burlebübele mag i net – bewegte lesben in ost und west berlin angesehen und das hat sich richtig gelohnt. Die Filmemacher_innen haben 2 Lesben interviewt und wunderbare Berlinbilder gemacht. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die die Geschichte der Lesbenbewegung in Ost- und Westberlin unterhaltsam beleuchtet und die verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Sprache bringt, ohne die Gemeinsamkeiten beider Entwicklungen zu vernachlässigen. Mein persönliches Fazit: die Repression sucht sich in beiden Stadtteilen verschiedene Mittel, die Frauen agieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten ähnlich offensiv und können so ein Vorbild für feministisches Engagement sein.

Am Sonntag ist der geplante Spaziergang rund um den Richardplatz leider ins Wasser gefallen, aber ein entspannter Frauen-Brunch und Küchengespräche sind ein adäquater Ersatz und eine wunderbare Art, den Frauentag zu feiern. Gestern Abend dann noch mal Kino: die Brigitte-Preview von Hilde am Potsdamer Platz. Ein Film über eine faszinierende Frau, deren Entscheidungen und Verhalten allein aus ihrer Perspektive dargestellt sind. Heike Makatsch sieht ihr an einigen Stellen beunruhigend ähnlich, singt selbst und ich überlege, ob nicht auch an mir eine Sängerin ohne Stimme verloren gegangen ist.

Im Anschluss haben wir in Erinnerungen an den „besten Frauentag ever“ 2007 in Moskau geschwelgt: wie wir im Sonnenschein die Straßen erobert, im Dunkeln Souvenirs ergattert, nachts getanzt und am nächsten Morgen zu dritt in einem Bett erwacht sind. Am besten bleibt mir aber das opulente Frühstück in Erinnerung, dass ein Mann für uns gezaubert hat – ein würdiger Ausklang dieses einzigartigen Tages. Deshalb ist ganz klar: der Internationale Frauentag muss gesetzlicher Feiertag werden!

Studis mit kirchlichem Segen

Ich bin immer wieder fasziniert, dass es in Russland für wirklich fast jede Berufsgruppe einen Feiertag gibt. Am letzten Wochenende sind die Studierenden dran gewesen. Am 25. Januar ist traditionell Татьянин день – der Tag der Schutzheiligen der Studierenden und PädagogInnen Tatjana. Ich bin sehr beruhigt, dass wir unsere eigene Heilige haben. Vor 254 Jahren hat Ekaterina II. an diesem Tag das Dekret über die Gründung der Moskauer Universität unterschrieben. In diesem Jahr ist er wegen der Überschneidung mit einem Kirchentermin einen Tag vorverlegt worden, so dass die Studierenden sowohl am Samstag als auch am Sonntag gefeiert haben: einmal offiziell und einmal der Tradition entsprechend. Bei svobodanews.ru gibt es eine interessante Reportage, in der nicht nur die Feierlichkeiten, sondern auch die wirtschaftliche Lage der Studierenden diskutiert wird. Die Wirtschaftskrise hat Russland besonders im Griff und auch in Moskau ist das wohl auch zu spüren: viele Studierde müssen arbeiten und es wird immer schwerer, Stellen zu finden, die sich mit einem Studium vereinbaren lassen. Das erinnert mich an die vielen Studentinnen, die in der ‚Nachmittags-Schicht‘ studieren und tagsüber einen normalen Job haben. Liebe Grüße an Katja!

Schaut mal … die Schwaben

Sie können alles, außer hochdeutsch, unsere Schwaben. Wie charmant so ein Dialekt sein kann, hat der SWR letzte Woche gezeigt. Für alle, die diese Sternstunde der Fernsehkunst verpasst haben, gibt es die Sendung dankenswerterweise in vier Teilen bei youtube zum Nachgucken. Darauf gestoßen bin ich durch einen Link zu Obama als Schwabe. Der kann eben alles, der Obama, auch schwäbisch. Und er wohnt auch ganz in der Nähe, hat nur die falsche Hausnummer.

Sauberes Schwabenland

In der Vorweihnachtszeit ist die Sauberkeit ein großes Thema gewesen. Auf dem Weihnachtsmarkt sind Sauberkeitskontrollen angekündigt gewesen, über deren Erfolg die Heilbronner Stimme nun berichtet hat. Beim Spaziergang über den Weihnachtsmarkt haben natürlich auch wir auf die Einhaltung der Sauberkeit geachtet. Einen Unterschied zu Berlin habe ich dabei nicht wirklich entdecken können, Kippen etc. hier wie dort. Aber die Hinweise auf die Sanktionen in der Lokalpresse sind schon speziell, und typisch. Dies zeigt sich auch an Alfons, der sich in der letzten Woche bei PuschelTV der schwäbischen Reinlichkeit gewidmet hat: köstlich anzusehen.

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