Ein Feminist berichtet

Frank A. Schneiders Vortrag Die Diktatur des man in der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen ist wirklich hörenswert. Im ersten Teil positioniert er sich ausführlich selbst und beschreibt ausführlich, wie er sich vom Sexisten zum Feministen entwickelt hat, interessant ist auch die Phase als Sympathisant, die zwischen beiden Extremen liegt und die Rolle persönlicher Beziehungen in diesem Zusammenhang. Seine Freundin, die Feministin ist, hat ihm ohne belehrenden Zeigefinger immer wieder in konkreten Situationen gezeigt, inwiefern sein Verhalten nicht in Ordnung ist und wie es auch anders geht. Später hat er selbst bemerkt, dass sein Versuch, geschlechtergerechte und nicht-diskriminierende Sprache auch mündlich zu verwenden, sich im direkten Kontakt auswirkt: in seiner Gegenwart wird diese Redeweise nach einer Weile übernommen. Leider ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt, es bedarf beständigen Kontakts mit diesen Redeweisen, um den Effekt aufrecht zu erhalten. Dieser Bericht ist für mich sehr motivierend, denn so muss ich mir die Wirkungen in meinem Nahumfeld nicht mehr nur einbilden, sondern kann mehr darauf hoffen, dass der Kontakt mit mir und meinem kritischen Wesen, mein Umfeld positiv beeinflusst.

Spannend ist der Umgang Schneiders mit geschlechtergerechter Sprache und der Selbstbezeichnung Feminist. Er setzt sie zunächst aus einer ‚Punkhaltung’ heraus als Provokation ein. Seine Texte scheinen voller Binnen-Is zu stecken und er setzt sie bewusst als Störung des Textflusses ein. Dabei steht weniger die Lesbarkeit im Vordergrund als die auch sprachliche und ästhetische Markierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bei der Formulierung von Texten ist die Lesbarkeit für mich zentraler, ich finde Binnen-Is auch nicht schön (wie er), deshalb setze ich andere Strategien ein, die vielleicht subtiler wirken, jedoch die Sichtbarkeit aller Geschlechter stärken und mir dabei helfen, präziser auszudrücken, um wen es gerade geht. Aber der provokative Einsatz der Selbstbezeichnung Feminist ist mir sehr sympathisch. Das zeigt nochmals das Potential, Widerspruch zu generieren und auf diese Weise zu produktiven Auseinandersetzungen zu kommen.

Wirklich entmutigend sind leider seine Berichte über die Möglichkeiten einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch auch in den Medien zu positionieren. Selbst in linken Buch- und Zeitschriftenverlagen bereitet das massive Probleme, von den etablierten Verlagen mal ganz zu schweigen. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist offensichtlich, wie selten von solchen Schreibweisen Gebrauch gemacht wird, aber es liegt nicht nur an den Autor_innen: auch wer eigentlich gerne würde, wird häufig ausgebremst. Schade.

Sammlung Bachorsky

Was ist eigentlich Feminismus?

Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer könnten keine Feministen sein:

Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung.

Eine interessante Argumentation, der ich dennoch widersprechen möchte. Feminismus ist historisch zunächst eine Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung, die das Ziel der Emanzipation der Frauen verfolgt. So weit, so richtig. Ich würde mich auch nicht an irgendwelchen Etymologien aufhalten. Der Schluss ist mE dennoch falsch bzw. nicht zwingend.

Ein Mann kann sich in dieser Terminologie nicht von der Frauenrolle emanzipieren. Richtig. Es könnte aber emanzipierte Männer geben, die sich von der traditionellen Männerrolle emanzipieren. Eine Emanzipation der Männer ist also durchaus vorstellbar. Das führt direkt zu der Frage, über die wir die ganze Zeit diskutieren: ist der Feminismus in der Lage, den theoretischen Überbau für diese Bewegung zu liefern?

Bevor ich darauf antworte, noch mal zurück zur Argumentation gegen ‚Feministen’. Ich halte es für vermessen, die Erweiterung der Frauen- auf die Geschlechterforschung allein Judith Butler zuzuschreiben und sie zugleich von der feministischen Theorie abzukoppeln. Butler ist mE zentraler Bestandteil feministischer Theorie: die soziale und biologische Konstruktion von Geschlecht ist Basis eines differenzierten und interdependenten gender-Begriffs, der es ermöglicht auch Differenzen jenseits der Geschlechtergrenzen einzubeziehen. Ich habe das Gefühl auf ein neues Wespennest gestoßen zu sein, wenn ich versuche, das Verhältnis von Feminismus, gender und queer zu definieren. Ich möchte an dieser Stelle keine Hierarchien aufmachen. Beide Begriffe basieren auf der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und für mich war bisher immer klar, dass sie dazu gehören. Aber es ist vielleicht auch möglich, dass anders zu sehen.

Wenn, so wie ich es voraussetze, gender Teil feministischer Theorie ist und einen geeigneten Zugang darstellt, um traditionelle Konzepte von Geschlecht zu hinterfragen und zu durchbrechen, dann sind feministische Theorie und Feminismus ein sehr geeigneter Überbau für eine ‚Emanzipation des Mannes’. Ich bin mir bewusst, dass ich für diesen Schluss eine Menge Vorannahmen treffe, aber ich bin froh, sie einmal ausformuliert zu haben, denn für mich gehört das alles letztlich zusammen. Mein Feminismus ist durch die gender-Theorie geprägt und insofern ist mir nun klarer, warum ich nicht verstehen konnte, wieso einige es ablehnen, sich Feminist zu nennen, obwohl sie es für mich offensichtlich sind.

Letztlich gehe ich also von einer Weiterentwicklung des Feminismus aus, der mal als Theorie der Emanzipation ‚der Frau‘ begonnen hat, inzwischen aber sehr viel mehr umfasst. Als Historikerin finde ich eher solche Entwicklungen spannend, als Vergangenes zu benennen und zu katalogisieren, um es vom Heute zu unterscheiden. Begriffe und Theorien entwickeln sich weiter, ohne dass sie beständig umfirmieren müssen. Das hat auch strategische Vorteile, denn Feminismus ist als Begriff wunderbar politisiert, so dass die Bezeichnung als Feminist_in eine politische Praxis und ein kulturell verständliches Zeichen ist.

Feministen – geht das überhaupt?

Mein Schnellschuss zum Grünen Männermanifest ist nicht unbeantwortet geblieben und ich habe gemerkt, dass ich da wohl noch mal nachdenken muss. Ich bin anderer Meinung als Ben und glaube, das hat entscheidend mit den Perspektiven zu tun, die unsere Argumentation bestimmen. Lieber Ben, ich hoffe, ich trete dir im Folgenden nicht zu nahe mit meinen Spekulationen. Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise agitieren, aber ich frage mich wirklich, wie wir uns gut bezeichnen können, so dass wir einander verstehen und Gleichgesinnten Allianzen ermöglichen.

Als Feministin sehe ich andere Menschen, die ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen wie ich, und nehme diese gemeinsamen Interessen zum Anlass, sie in ein feministisches ‚Wir‘ zu integrieren. Immer wenn protestiert wird, der Begriff ‚Feminismus‘ trage zu viele negative Konnotationen, wehre ich mich dagegen, ihn deshalb aus meinem Wortschatz zu streichen. Nur weil jemand bzw. eine Gruppe von Menschen, ein Wort auf eine bestimmte Weise verwendet und bestimmte Assoziationen damit verknüpft werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wort auf eben diese Bedeutung festgelegt ist und entsprechend bewertet werden muss. Das ist der Spielraum, den Sprache eröffnet: durch die eigene Verwendung der verschiedenen Mittel Bedeutungen zu schaffen und  Aussagen zu treffen, die (vielleicht) die Welt verändern. Diese Macht der Sprache will ich um nichts in der Welt missen und eine andere Perspektive, die die populären Aneignungen in den Vordergrund stellt, muss sich in letzter Konsequenz wohlmöglich damit auseinander setzen, dass es reicht, wenn irgendwelche Idioten einen Begriff missbrauchen, um ihn in seiner Verwendung einzuschränken.

Deshalb habe ich mich so gefreut, dass die Grünen Männer in ihrem Manifest dazu stehen, dass sie Feministen sind (aus meiner Perspektive). Ich frage mich aber, warum diese Selbstbezeichnung dennoch nicht als Titel taugt. An diesem Punkt kommen wahrscheinlich Bens Argumente ins Spiel: eine so prominente Positionierung des ‚bösen‘ Wortes hätte noch krassere Reaktionen in konservativen Medien ausgelöst, als ohnehin schon. Viele Männer, die sich dezidiert nicht als Feministen verstehen, hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Ziel eines solches Manifests ist es aber, möglichst viele anzusprechen und weitere Mitstreiter zu gewinnen. Auch wenn ich es schade finde, ist das wohl der Lauf der Dinge.

Aber Bens Kommentar geht noch weiter. Er geht davon aus, dass Feminismus vor allem etwas mit Frauen zu tun hat, wahrscheinlich wegen des Wortbestandteils ‚femin‘. Diese Assoziation ist zunächst verständlich, aber die Veränderung der Lebensverhältnisse, des Rechtsstatus usw.  von Frauen ist in unserer zweigeschlechtlichen Welt aufs Engste mit Veränderungen für das ‚andere‘ Geschlecht verknüpft. Wenn das bisher (vor allem von Nicht-Feminist_innen) wenig reflektiert worden ist, ist das kein Grund, zu behaupten, Feminismus habe erst in zweiter Instanz etwas mit Männern zu tun.

Auch die anderen Begriffe, die Ben vorschlägt, wollen mir nicht so recht gefallen. ‚Post‘ hat immer etwas von: ‚das haben wir hinter uns‘. Patriarchat und Feminismus sind höchst diskussionswürdige Begriffe und ich glaube nicht, dass wir darüber schon hinaus sind, so dass ein ‚post‘ meines Erachtens nur vereinfacht und wegschiebt, ohne den Konflikten zu begegnen (vgl. post-gender in der Piratenpartei).

Dass das Grüne Männermanifest sich explizit in einen feministischen Kontext einordnet, ist für mich sehr wichtig. Aber Ben widerstrebt es als Mann (?) ‚Feminist‘ genannt zu werden. Ein solches Ringen um Personenbezeichnungen kenne ich aus anderer Perspektive sehr gut. Feministische Linguistik ist eines meiner Steckenpferde. Deshalb widerstehe ich dem Impuls zu fordern, ‚die Männer‘ sollten sich einfach damit abfinden, wenn es auch mal eine Bezeichnung gibt, die ihnen selbst nicht so zusagt, schließlich sind Frauen noch immer in den meisten Fällen ‚mitgemeint‘, werden aber nicht explizit benannt. Ich möchte dieses Unbehagen, unpassend benannt zu werden, stattdessen ernst nehmen, und frage mich nun noch ratloser: Was tun?

  • Wegen des Unbehagens auf einen machtvollen Begriff verzichten? Mir erscheint das nicht praktikabel, denn es birgt die Gefahr der Sprachlosigkeit, weil kein entsprechender Begriff vorhanden ist, der adäquat verstanden wird.
  • Aus strategischen Gründen, aber ohne Überzeugung, trotz des Unbehagens an bekannte Diskurse anknüpfen? Das wiederum erscheint opportunistisch und ich frage mich, ob politisches Engagement funktionieren kann ohne Authentizität und ein Herz, das sich mit der Sache (und den Begriffen) identifiziert.

Es gibt keinen leichten Ausweg, aber mich interessiert, warum ‚Feminist‘ (nicht nur von Ben) als unpassend empfunden wird. Denn ich weiß, dass die Reflexion und strategische Aneignung von Personenbezeichnungen dazu geeignet sind, das eigene Verhältnis und das der eigenen Umwelt zu beeinflussen. Als ich noch nicht wusste, was eine Feministin ist und dass ich eine bin, bin ich mal beleidigt worden, indem ich ‚Feministin‘ genannt worden bin. Das war in der Schulzeit und ich habe mich ganz schnell schlau gemacht. Wer mich seitdem ‚Feministin‘ nennt, will vielleicht beleidigen, aber es klappt nicht, denn ich bin stolz auf diese Positionierung. Und zwar auch wegen der Geschichte, die an dem Begriff hängt. Er löst bei den meisten Gesprächspartner_innen etwas aus, regt zur Diskussion an und kann nicht ignoriert werden. Das sind meine pro’s.

Ich bin ja mal gespannt, wie sie das schaffen will

Hach, die Alice. Sie kann es einfach nicht lassen und sie weiß: sie muss nur genug provozieren, dann ist ihr Aufmerksamkeit sicher. Aber was sie da vorschlägt, halte ich doch für sehr verwegen. Sie will den 8. März abschaffen. Demnächst geht es dann also in diesem einen Monat direkt vom 7. zum 9. weiter. Das finden Geburtstagskinder und andere, denen der Tag was bedeutet, dann bestimmt total Spitze. Sie können dann nicht wie die, die den 29. Februar getroffen haben, wenigstens alle vier Jahre feiern, sondern sind einfach ganz taglos.

Ok, das reicht mit der Ironie. Aber Schwarzer ist sich in ihrer Polemik zu schade, den Tag auch nur einmal zu benennen.  Aber wenn sie schriebe, sie wolle den Internationalen Frauentag abschaffen, dann würde noch deutlicher, dass sie dazu einfach nicht die Macht hat und dafür eine einsame Entscheidung  nicht ausreicht. Aber diese Nicht-Benennung bzw. Umbenennung findet sich auch in anderen Beiträgen, wie Carsten in einem Kommentar bei der Mädchenmannschaft angemerkt hat:

Da in der westlichen Welt Internationaler Frauentag offensichtlich immernoch schwer über die Zunge geht, spricht man auch vom Weltfrauentag.

Ich ärgere mich schon eine ganze Weile: erst über die Ankündigungen von Veranstaltungen zum ‚Weltfrauentag‘, dann Berichte über die Feierlichkeiten und nun über Bestrebungen ihn abzuschaffen. Ich kann mich mit diesem Begriff einfach nicht anfreunden. ‚Welt‘ hat etwas von: wird überall gefeiert, aber alle schön für sich. ‚International‘ verweist für mich darauf, dass es der Vernetzung und Solidarität bedarf. Und wem das zu lang ist: ich kenne ihn schnöde als ‚Frauentag‘, da wissen auch alle, was gemeint ist.

Aber noch mal zur Argumentation Schwarzers: ihrer Behauptung, der Frauentag sei ein verkappter Muttertag gewesen, kann ich nur widersprechen. Ich finde den im Mai immer noch suspekt und kenne ihn nun schon 20 Jahre. Das ist ja gerade das tolle am Frauentag: er ist für alle Frauen da, ob sie ihre ‚reproduktive Funktion‘ schon erfüllt haben oder noch nicht. Das ist in meinem Denken so gesetzt, dass ich es als Kind nicht fassen konnte, dass Männer an diesem Tag Geburtstag haben können.

Am armseeligsten an der ganzen Nummer finde ich aber die Forderung, auf eine Sache zu verzichten, weil sie (angeblich) von der ‚falschen Seite‘ instrumentalisiert worden ist. Wenn wir das zulassen, fehlen uns bald die Worte und Mittel, irgendetwas zu kritisieren oder zu verändern. Es ist wichtig, die Herkunft und Tradition bestimmter Begriffe und Praktiken zu reflektieren, aber das Handlungspotential, dass sie und mögliche Umdeutungen schaffen, will ich mir nicht nehmen lassen.

Einfach mal ein Beispiel: Ich feiere Weihnachten, obwohl ich nicht christlich bin: es hat in meiner Familie Tradition, die christliche Tradition lässt sich auf ältere Praktiken zurückführen, ich mag einen besinnlichen Jahresausgang. Ich weiß, was ich tue und ich verfolge damit ein eigenes Ziel. Und ich glaube nicht, dass ich damit  ungewollt den Katholizismus in Deutschland stärke.

Angie ist keine Feministin, wie gemein!

Anlässlich 90 Jahren Frauenwahlrecht ist in der taz und anderswo mal dem frauenpolitischen Engagement unserer Kanzlerin auf den Zahn gefühlt worden. Und welch Überraschung: da tut sie sich nicht besonders hervor. Dafür trägt sie rosa  – oder doch fliederfarben? – das sagt uns ja auch schon viel. Ein Interview mit Jana Hensel bei der Zeit zeigt sehr deutlich, dass die Kanzlerin keine Feministin ist, aber das habe ich auch nicht erwartet. Ihre anderen Aussagen sind aber durchaus lesenswert, gut zu wissen, wie sie so tickt. Deshalb verstehe ich nicht so ganz, warum das ganze in Bausch und Bogen verrissen werden muss. Aber das ist nur ein Beispiel für eine doch recht merkwürdige Art der Berichterstattung anlässlich des Jubiläums.

Frauenwahlrecht ist eine wichtige Sache und ich finde es gut, dass darüber geredet wird, ich hatte schon befürchtet, dass es in diesem Jahr der Jubiläen unter den Tisch fällt. Gleichzeitig wird meiner Meinung nach die Leistung der Weimarer Verfassung von Heide Oestreich unzulässig vernachlässigt. Die Gleichberechtigung wird dort  „grundsätzlich“ gewährt, immerhin, besser als nichts. Außerdem sind erstmals alle Bürger_innen über 18 zu freien und gleichen Wahlen aufgerufen. Da geht es um mehr als Frauenrechte und darüber sollte auch mal geredet werden. Und was die Frauenrechte betrifft, ist die Verfassung zeitgenössisch sehr fortschrittlich. Das zu verschleiern, indem mit heutigen Maßstäben gemessen wird, finde ich fahrlässig.

Außerdem wird Merkel im gleichen Artikel als „Aushängeschild der deutschen Emanzipationsgeschichte“, als  „Meilenstein, wie damals das Frauenwahlrecht“ bezeichnet. Ein anderer taz-Artikel vergleicht ihre Positionierung mit der Obamas. Der Unterschied ist doch aber offensichtlich. Merkel war eine Verlegenheitslösung und ist gewählt worden, obwohl sie eine Frau war, während Obama sich gegen wirkliche Konkurrenz durchgesetzt hat und von vielen gewählt wurde, weil er schwarz ist. Ich will den Erfolg Merkels nicht schmälern, am Ende zählt, wer die Regierung führt und nicht warum. Aber für den Umgang mit der Herkunft und dem Geschlecht in der Politik ist es dann schon wichtig, ob es im Wahlkampf als Pluspunkt oder nachteilig wirkt. Merkel hat sich 2005 weder als Frau noch als Ostdeutsche inszeniert, es ist ihre hohe Kunst, keine Angriffsfläche zu bieten und sie ist damals gut damit gefahren. Jetzt ist die Situation eine andere. Sie hat bewiesen, dass eine Frau aus dem Osten diesen Posten ausfüllen kann und kann sich heute auch ganz anders präsentieren.

Aber sie ist kein Aushängeschild des Feminismus und auch nicht sein Ergebnis. Deshalb finde ich es ein bisschen viel verlangt, dass sie, weil sie an der Macht ist, feministische Forderungen durchsetzen soll. Nicht jede Frau ist eine Feministin, auch wenn viele es nur nicht zugeben wollen. Nicht jede Frau möchte mit diesem Stempel herumlaufen, vor allem, wenn sie ihren erfolgreichen Weg fortsetzen will. Das ist opportunistisch, aber wer ist das in dieser Welt nicht? Sie hat im Gegensatz zu Obama auch nichts in diese Richtung versprochen, wenigstens einmal kein ‚Wortbruch‘ (für mich das Unwort des letzten Jahres).

Und genau deshalb steht in der Öffentlichkeit nicht sie für die Familienpolitik, sondern Uschele, die Mutter der Nation. Deren Maßnahmen sind kein Feminismus, könnten aber  von Konservativen so gedeutet werden. Heide Oestreich impliziert, Elterngeld und Kinderbetreuung seien ‚Frauenpolitik‘, das finde ich fatal. Und die Abschaffung des Ehegattensplitting, die die FDP fordere, ist pauschal eine Ohrfeige für Familien. Nur wenn das eingesparte Geld direkt dahin fließt, wo Kinder sind, ist es vielleicht eine frauenpolitische Maßnahme. Aber das ist wohl kaum die Intention der FDP. Die Familienpolitik der Bundesregierung ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wie von der Leyen dafür medial abgestraft wird – meiner Seelen, das tut sich die Kanzlerin natürlich nicht freiwillig an, sie ist ja nicht dumm.

Was erleben wir also anlässlich 90 Jahren Frauenwahlrecht bzw. allgemeines, gleiches, freies Wahlrecht? Der aktuellen Kanzlerin wird vorgeworfen, sie sei nicht wie Obama. Nicht für die Ossis, aber vor allem nicht für die Frauen. Wie gemein. Anstatt zu feiern und das seitdem Erreichte zu würdigen, wird Merkel als unzulängliche Vertreterin zweier Minderheiten in der deutschen politischen Landschaft bloßgestellt. Was hat das mit dem Jubiläum zu tun?

Schaut mal … die Schwaben

Sie können alles, außer hochdeutsch, unsere Schwaben. Wie charmant so ein Dialekt sein kann, hat der SWR letzte Woche gezeigt. Für alle, die diese Sternstunde der Fernsehkunst verpasst haben, gibt es die Sendung dankenswerterweise in vier Teilen bei youtube zum Nachgucken. Darauf gestoßen bin ich durch einen Link zu Obama als Schwabe. Der kann eben alles, der Obama, auch schwäbisch. Und er wohnt auch ganz in der Nähe, hat nur die falsche Hausnummer.

Schaut mal … Obamas Blog

Da war ich letzte Woche ganz aufgeregt, wie fortschrittlich Medvedev ist. Aber Everybody’s Darling Obama ist auch da natürlich viel besser aufgestellt. Er hat einen professionell betreuten Blog und will jede Woche eine Videobotschaft veröffentlichen. Wenn ich mich nur an die Präsidenten halte, wird mein Englisch wohl doch noch besser als mein Russisch, zumindest was das Verstehen angeht.

Ein Blick in Obamas Kabinett hat aber doch einen kleinen Schatten auf ihn fallen lassen. Die Bildergalerie der taz zeigt nur zwei Frauen, das finde ich dann doch ein bisschen mau. Qualifizierte Kandidatinnen hat es sicher auch für andere Positionen gegeben. Aber es ist besser, ich erkenne es gleich: niemand ist perfekt, auch nicht der neue, strahlende Präsident der USA.

Schwimmen für alle

Gestern hat mich ein Artikel in der taz nachdenklich gestimmt. In Berlin sind jetzt Burkinis in den Schwimmbädern erlaubt. Das sind Ganzkörperbadeanzüge für Frauen,  die in arabischen Staaten breite Verwendung finden. Schon die Bezeichnung finde ich problematisch. Es ist eine Verschmelzung von Burka und Bikini. Es handelt sich aber keinesfalls um ein burkaähnliches Gewand und mit einem Bikini hat es auch wenig gemein. Ich nehme das -ini als verniedlichende und verkleinernde Endung wahr, die zur Verharmlosung der Burka beitragen kann. Meiner Meinung nach eine gefährliche Tendenz.

Und noch etwas anderes macht mich stutzig: die Testphase in zwei Berliner Hallenbädern ist auf das Frauenschwimmen begrenzt. Wozu in aller Welt ist eine solche Verhüllung des Körpers in einer reinen Frauenumgebung nützlich? Falls es um die männlichen Angestellten geht, wäre es sowieso meine Vorstellung von Frauenschwimmen, dass da gar keine Männer, also auch keine Bademeister, rumspringen. Wenn das nicht der Fall ist, wäre mal darüber nachzudenken, diese Praxis zu ändern, dann muss keine das eklige Gefühl nassen Stoffes am ganzen Körper ertragen und auch alle anderen würden sich noch wohler fühlen.

Ich kann mir überhaupt nicht verstehen, warum jemand freiwillig den ganzen Körper zum Baden einpacken wollen sollte. Ich bade ja am liebsten nackt und so empfinde ich schon Bikini oder Badeanzug, die nass am Körper kleben eklig. Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass auch noch die Arme und Beine so bedeckt sind, läuft mir ein Schauer den Rücken herunter. Deshalb kann ich  mir auf den ersten Blick keine befreiende Wirkung einer solchen Bekleidung denken.

Aber es geht natürlich nicht um Frauen wie mich. Andere gehen so vielleicht endlich überhaupt öffentlich baden. Das wäre gut, wenn aber wieder andere nun gezwungen sind, sich mehr zu verhüllen als bisher, finden sie das mit Sicherheit ähnlich eklig wie ich. Es fällt mir schwer, die Begründung für die Notwendigkeit der Bedeckung nachzuvollziehen, deshalb finde ich diese neue ‚Freiheit‘ eher  befremdlich und bin auf Analysen, wie es sich auf das Badeverhalten der Zielgruppe auswirkt, gespannt, um mir dann mit mehr Kontextwissen eine fundiertere Meinung zu bilden.

Sagt mal … verschwestern?

So viele seid ihr ja nicht, aber trotzdem: ich werde in nächster Zeit wohl immer mal wieder Formulierungshilfe brauchen. Wer eine gute Idee hat, kann dann gerne antworten. Gerade bin ich bei Lysistrate und will die Zusammenarbeit der Frauen beschreiben. Ich finde ja, die verschwestern sich. Also wie Verbrüderung, nur für Frauen. Der Duden kennt das aber nicht. Will lieber: verschwistern. Das klingt aber nach Geschwistern, also geschlechtsneutral. In einem entsprechenden Kontext kann ich mir das gut vorstellen. Aber hier? Männer sind nun mal nicht dabei.

Ich habe auch schon gegoogelt. So oft gibt es verschwestern jetzt nicht (ca. 800 Treffer). Aber auch verschwistern ist nicht so der Überflieger (ca. 2000 Treffer). Kennt und benutzt wahrscheinlich keine. Im Dezember berichtet Focus-online von den Bestrebungen der französischen Gemeinde Carlat sich mit dem italienischen Bergdorf Bruni zu verschwestern, um der Präsidentengattin die Ehre zu erweisen. Da befürchte ich jetzt irgendwie einen typischen Übersetzungsfehler aus dem Französischen. Über dreihundert meiner Google-Treffer gehen auf das Konto dieser Meldung. Die anderen fünfhundert machen wohl ein Wortspiel? Aber ich finde trotzdem, verschwestern klingt normal und gut. Was sagt ihr?

Jeder das ihre

Die taz berichtet heute vom etwas merkwürdigen Umgang mit Zitaten in Werbekampagnen. Konkret geht es um den Ausspruch ‚Jedem das Seine‘, der am Eingang des KZ Buchenwald zu lesen ist. Seine Verwendung in einer Kaffeewerbung wird zurecht kritisiert, denn die zynische Verwendung durch die Nazis hat es aus der Menge von Zitaten antiker Autoren, die zum humanistischen Bildungsgut gehören, herausgehoben. Es ist nicht ‚unschuldig‘ und sollte deshalb nicht unbedacht verwendet werden.

Die Aufzählung am Ende des taz-Artikels macht deutlich, dass genau dies vor allem in der Werbung immer wieder geschieht. Werbung arbeitet mit Assoziationen und solange Menschen der NS-Greuel gedenken (was hoffentlich noch lange der Fall sein wird), sollte die Mottos der KZs für kommerzielle Nutzung Tabu sein. Und zwar schon aus Eigeninteresse der Werbenden. Wer will schon ein Produkt mit den KZs in Zusammenhang bringen?

Entgegen den Vorwürfen in den Kommentaren zum taz-Artikel kann es meiner Meinung nach nicht um eine Sprachregelung für alle und jeden Kontext gehen, sondern um die unreflektierte Verwendung bekannter Floskeln, die einen Wiedererkennungswert haben und so geeignet sind, Gewinn zu erzielen. Und mit etwas Geld zu machen, das Menschen hat leiden lassen, ist einfach nur pervers. Dass der Ausspruch auf die Antike zurückgeht (Cicero und Platon) und ein klassischer Rechtsgrundsatz ist, befreit ihn nicht vom Erbe des 20. Jahrhunderts.

Ich bin gegen absolute Tabus. Die deutsche Sprache zu beschneiden, nur weil die Nazis Worte benutzt haben, finde ich übertrieben. Autobahn und Kindergeld dürfen wir nicht nur sagen, sondern auch befahren und erhalten. Dennoch ist es wichtig, an geeigneter Stelle zu reflektieren, woher etwas kommt und welche zusätzlichen Bedeutungen bei bestimmten Wörtern mitschwingen. Ein bewusster Umgang mit Sprache bedeutet einerseits, Leid nicht kommerziell auszuschlachten, egal wie gut es klingen mag. Andererseits kann ein freier Umgang mit den Möglichkeiten, die die Sprache bietet, nicht verwehrt werden, wenn diese Gesellschaft offen und frei sein soll. Ohne Wortspiele wie der Titel dieses Beitrags wären Texte öd und leer. Sie regen zum Nach-Denken an. Und das haben wir alle dringend nötig.

* Die Infos über den Spruch habe ich von wikipedia und der dort verlinkten  Kurzdokumentation zur Formel »Jedem das Seine«.

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