Was wundere ich mich eigentlich noch?

Nachdem ich letztens noch verzweifelt war ob der politischen Kultur im Ländle, kann ich mich heute nur bestätigt fühlen: Die spinnen die Schwaben. Allen voran Thomas Strobl, der nicht nur Generalsekretär der baden-würrtembergischen CDU, sondern auch das direkt gewählte Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Heilbronn ist. Ich hätte ihn also wählen können. Warum nur bin ich jetzt sehr froh, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, mein Kreuzchen bei seinem Namen zu machen? NS-Vergleiche sind ja immer schick. Wenn eine Partei in einer Diskussion (z.B. über ein Bauprojekt, das eine ganze Innenstadt verändern soll) keine Argumente mehr hat, kommt diese Keule oder eben ein Wasserwerfer.

Dumm nur, wenn der Herr Ministerpräsident wohl doch davon wusste. Und ein Rausreden à la ‚Das ist Sache der P0lizei.‘ ist nicht nur billig, sondern den Einsatzkräften gegenüber extrem illoyal. Ich gehe nicht davon aus, dass alle aus Lust am Prügeln dabei waren.

Über das unsägliche T-Shirt und die peinlichen Verwicklungen würde ich am liebsten gar kein Wort mehr fallen lassen. Aber auch diese Episode illustriert, wie hier Politik gemacht wird: auf dem Rücken der Schwächeren und mit unglaublicher Arroganz.

Aber das war’s noch nicht. Hier in Heilbronn gibt es nämlich auch ein (S-)Bahnprojekt. Das ist jetzt durchgewunken worden, trotz Vorbehalten gegen die Streckenführung. Denn wenn jetzt nicht schnell Entscheidungen treffen, dann sind die Nachbargemeinden wohlmöglich beleidigt und noch viel schlimmer: Fördermittel würden mit dem Jahresende flöten gehen. Diese Aspekte sollten schon Beachtung finden, aber wenn die Entscheidung ansonsten sachlich nicht zu vertreten ist, mangelt es mir auch hier an der Verhältnismäßigkeit.

Also wieder mal: Politische Kultur – 6 – Setzen! Von wegen ‚Wir können alles.‘ Auf das Hochdeutsch kann ich gern verzichten, wenn andere Sachen wenigstens halbwegs funktionieren würden.

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Blumengruß zum Internationalen Frauentag 2010

Blumengruß

Und ein paar Links für den heutigen Tag:

Bei ‚Schulwissen‘ sind maskulistische Positionen überholt, aber im Bereich ‚Wissenschaft‘ hoffähig. Da bleibt mir ein ungutes Gefühl im Magen. Aber nicht heute! Da werden taz und Missy gekauft, das ist die angemessene Lektüre für eine lange Zugfahrt.

… oder vielleicht doch nicht? II

Da die Situation in Deutschland nun mal ist, wie sie ist, muss Kritik wohl von außen kommen. Zum Glück haben wir die EU und in Viviane Reding eine Kommissarin, die mal sagt, was Sache ist. Ihr Bereich – die Grundrechte – sind in diesem Fall nämlich tatsächlich betroffen. Auch wenn die Lohnungleichheit wiedermal als Hauptinteresse herhalten muss, ist mir das allemal lieber als die Familienidylle der Kristina Schröder. Nicht nur rechtliche, sondern tatsächliche Gleichstellung ist ein Grundrecht, das es zu erarbeiten gilt.

Aber der Blick zu diestandard.at zeigt auch, dass ich mir meinen Österreich-Neid getrost wieder abschminken kann. Das die Lohnschere dort noch größer ist, wusste ich auch schon vorher, aber das zeigt eben auch deutlich: auch wenn die entsprechenden Ministerinnen präsent sind und das Aufgabenfeld ‚Frauen‘ nicht als Anhängsel zur ‚Familie‘ verstehen, entsteht ein Gleichstellungsparadies noch lange nicht von selbst. Es bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, damit Denken und vor allem Handeln verändert werden. Und da haben wir in Österreich wie in Deutschland noch einiges vor uns.

Der Feminismus ist tot – jetzt aber wirklich

Dieses Gefühl habe ich dieser Tage, da der Internationale Frauentag kurz bevor steht und offenbar aller Orten heiß herbeigesehnt wird. Denn die Aufmerksamkeit wird nicht nur genutzt, um die bekannten Missstände noch mal zu benennen, sie fordert offensichtlich lauten Widerspruch hervor. Allen voran natürlich von unserer werten Frauenministerin. Was für ein Armutszeugnis, wie anders sieht das doch in Österreich aus, das ich letztens schon beneidet habe. Aber unsere Ministerin macht in ihrer Bundestagsrede, wie die taz berichtet, deutlich, wo für sie der Schwerpunkt ihres Ministeriums liegt: bei der Familie. Und auch wenn es dann mal konkret um Frauen und Gleichstellung gehen soll, ist das natürlich (schon wieder!) ausschließlich ein Familienthema, als ob es dabei um nichts anderes gehen könnte. Ich habe langsam den Eindruck, die gute Frau weiß nicht, welchen Kämpfen sie ihre heutige Position (auch) zu verdanken hat. Und sie ahnt wohl noch nicht mal, welche Hindernisse sich ihr noch in den Weg stellen werden.

Aber nicht nur aus dieser Ecke kommt Gegenwind. Auch in der aktuellen Zeit-Campus wird unter der Überschrift Wir gleichberechtigt sind wir? heiß diskutiert. Es wird aber gar nicht diese Frage gestellt, sondern lieber gerätselt, was Frauen und Männer ‚wollen‘. Justus Bender meint, wer ‚gleich‘ sein wolle (wer will das bitte?), müsse sich auch entsprechend verhalten. Frauen seien selbst schuld, dass sie keine Karriere machen, sie studieren eben die falschen Fächer. Weil wir ja auch alle – mal ganz unabhängig vom Geschlecht – Karriere machen wollen. Aber was sind diese ‚falschen‘ Fächer? Neben den üblichen Verdächtigen (MINT und so), die  nebenbei bemerkt auch keine Garantie für makellose Karrieren sind, nennt er auch die Wirtschaftswissenschaften. Soweit ich mich erinnere ein Fach, das etwa gleich viele Männer und Frauen studieren. Hhm, da fällt mir nichts mehr zu ein.

Und im gleichen Tenor geht es weiter: in den Parteien seien zu wenige weibliche Mitglieder, woher solle der Nachwuchs denn kommen? Und in unseren Partnerschaften seien wir nicht gleichberechtigt, weil wir uns in der Mehrzahl ‚überlegenere‘ Partner‘ suchten. Also ganz klar: selber schuld, dass wir nicht ‚gleich‘ sind. Aber was ich mich wirklich frage, woher wissen wir von den nur 9% Ehen, in denen die Frau einen höheren Bildungsabschluss hat als der Mann? Ich vermute mal aus den Angaben bei der Eheschließung. Wenn das so ist, habe ich auch ’nach oben‘ geheiratet. Dumm, dass ich jünger bin als mein Mann und das kommt laut Statistik nun wahrlich häufig genug vor, ist aber kein ’nach oben‘ in diesem Sinne. Da ich bei der Hochzeit noch nicht fertig war mit dem Studium, bleibt das wohl so, denn bisher hat sich noch niemand gemeldet, um die Daten nach meinem Studienabschluss zu aktualisieren. Und mal rein hypothetisch: wenn die ehemalige Studentin irgendwann promoviert ist, haben sich die Verhältnisse zwar umgedreht, aber wer sollte diese Statistik schon erheben? Aber klar: die mangelnde Gleichstellung ist allein einem Fehlverhalten von weiblicher Seite anzulasten. Ich dachte wirklich, wir seien darüber hinaus.

Die Angriffe auf Frauenräume kommen selbst hier im Ländle an. Die Veranstaltungen zum Frauentag werden in den örtlichen Medien ordentlich beworben. Ich freue mich schon auf die Ausstellung Frauen_leben in Heilbronn, die pünktlich nächsten Montag eröffnet wird. Aber für ein anderes Blättchen, dessen Inhalte nicht online sind, war es wohl ganz entscheidend diesen Satz am Ende der Ankündigungen einzufügen:

Übrigens: Auch interessierte Männer sind zu den Veranstaltungen herzlich willkommen.

Nicht, dass ich Männer ausschließen wollte. Denn keine einzige der Veranstaltungen klingt, als sei sie auf Frauen als Publikum beschränkt. Bis auf die Filmvorführung von „Die Frauen von der Alb“ ist keiner der Veranstaltungsräume als Frauenraum erkennbar (Stadt, Rathaus, Gewerkschaftshaus, Museen usw.). Ich frage mich also: wieso bedarf es dieser direkten Aufforderung an die Männer? Sie erweckt den Eindruck, als seien sie ausgeschlossen, nur weil es sich einmal nicht um sie dreht und sie (vielleicht) nicht die Hauptzielgruppe eines Angebots sind. Ich finde es besonders schade, weil der Frauentag eine so schöne Gelegenheit ist, Frauen zu feiern. Wir sollten an diesem Tag im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche (wahrscheinlich nur eingebildete) verletzte Egos. Und auch wenn das vielleicht nur nett gemeint ist und ermuntern soll, frage ich mich: warum ausgerechnet zu diesem Anlass?

Wie immer kurz vor diesem Tag muss ich an meinen wunderbaren März in Moskau denken. Der 8. März war nicht nur Feiertag, es war auch der erste Tag mit Sonne und endlich fingen der Frühling und das Leben an. Ich habe diesen Tag mit wunderbaren Frauen verbracht und abends mit ihnen gefeiert. Für die Blumen und die Party haben die Männer gesorgt. Nicht, dass das immer so sein muss, aber ich wünsche mir auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für diesen Tag – von Frauen und Männern.

Solange ich an meine beliebigen Beispiele aus der aktuellen Presse denke, ist das Fazit klar: der Feminismus ist tot und so nützlich wie ein Kropf. Aber dann höre ich in mich hinein und es erschallt zur Antwort: es lebe der Feminismus!

Bundesministerinnen-Bashing

Hier in Berlin bin ich zwar die ganze Zeit am Wirbeln, aber für ein paar politische Gedanken reicht es dann doch. Kaum hat das Kabinett ein wenig angefangen zu arbeiten, muss der Erste schon den erlauchten Kreis verlassen. Irgendwie peinlich. Aber daran hält sich kaum jemand auf. Es ist ja auch viel spannender zu schauen, wer auf welche Positionen rückt und zu bewerten, wie kompetent die Erwählten sind.

Mein erster Gedanke zu Kristina Köhler: blond und 32 – da fällt mir noch jemand anders ein,  der für den Job qualifiziert ist. Böse, böse. Aber es spiegelt die Enttäuschung, dass es zwar eine weitere Frau ins Kabinett schafft, aber warum? Weil ein Mann ‚versagt‘ hat und deshalb eine andere in ‚wichtigere‘ Bereiche aufrücken darf. Für Familie usw. kommt dann nur noch eine junge und möglichst attraktive Frau in Frage.

Das wäre nicht ganz so schlimm, wenn sie denn das richtige täte. Aber die Ankündigungen im zdf-Interview am Tag der Verkündigung haben mich einfach nur niedergeschmettert. Es klang ein bisschen nach: ‚Wer es sich leisten kann, dass eine Person die Kinder zu Hause betreut, sollte in diesem Lebensmodell unterstützt werden. Aber Familien, denen sowieso schon das Nötigste fehlt, sollten durchaus weiter stigmatisiert werden.‘ Was für eine perfide Doppelbödigkeit.

Aber das ist noch nicht alles. Eine der ’neuen‘ Ministerinnen ist eine ‚alte‘, die schon mal zurückgetreten ist: Sabine Leutheuser-Schnarrenberger. Im taz-Interview vom 22. November 2009 wird sie mehrfach auf diesen Umstand angesprochen. Auch noch mal ganz am Ende:

Werden Sie wieder zurücktreten, wenn Sie sich inhaltlich nicht durchsetzen können?

Ich bin jetzt gerade drei Wochen im Amt. Machen Sie sich mal keine Sorgen um meine Durchsetzungsfähigkeit.

Ich finde es toll, wie sie sich gegen diese impertinente Frage und die implizite Zuschreibung von Unfähigkeit,  die mit ihr einhergeht, zu Wehr setzt. Ich verstehe nicht, wieso immer wieder auf diese Vergangenheit (immerhin 13 Jahre her) verwiesen werden muss. Schließlich geht es um die Zukunft.

Und dann gibt es da noch die ‚Hohe Vertreterin für die Außen- und Sicherheitspolitik‘ Catherine Ashton, die seit heute im Amt ist. Das Bild zum taz-Artikel ist wahrlich herausgepickt, aber interessant, da hier beide Teile der neuen EU-Führung speziell daherkommen. Auf der Seite des Auswärtigen Amtes findet sich hingegen eine Aufnahme, die vor allem die Lady speziell in Szene setzt.

Gibt es keine vernünftigen Bilder von den beiden? Und auch von ihr? Durch diese Art der Präsentation werden neuen Ämter beschädigt und ins Lächerliche gezogen. Ich verstehe nicht so ganz, warum. Außerdem wird insgesamt deutlich, wie leicht es (auch für mich) ist, über Politikerinnen herzufallen, anstatt die Leute einfach ihre Arbeit machen zu lassen und diese dann zu kritisieren. Das ist wahrlich wichtiger als die Haarfarbe, olle Kamellen oder ein Lachen.

Schaut mal .. Frauentags-NachLese

Passend zum großen Feiertag habe ich in den letzten zwei Wochen ein bisschen gelesen. Die zweite Missy liegt ausgelesen in Berlin und ich kann nur sagen: endlich eine ‚Frauenzeitschrift‘, die mich anspricht und ermuntert. Weiter so ihr Lieben! Sonja Eismann, Mitherausgeberin dieser fantastischen neuen Zeitschrift schreibt in der taz über den ‚freien Zwang zur Sexyness’ und natürlich kommen da auch die Haare zur Sprache – also darf ich ihn ganz offiziell lesen, gehört ja zum Thema! Er ist Teil der taz-Sonderausgabe Der neue Sexismus zum Internationalen Frauentag, die ich natürlich käuflich erworben habe, wie jedes Jahr. Einfach mal 12 Seiten am Stück, die Fragen behandeln, die mir wirklich wichtig sind. Immer wieder schön und ich merke, das könnte ich öfter gebrauchen.

Letzten Montag bei Hilde gab es nicht nur einen tollen Film, sondern auch eine Brigitte umsonst. Die habe ich mir natürlich auch ein bisschen zu Gemüte geführt – sie liegt halb gelesen in Berlin. Neben einigen interessanten Beiträgen sind gruselige Werbung und Schrott versammelt, z.B. ein Dossier über ’schöne‘ Männer, in dem die Redaktion ‚Schönheit‘ als objektive Kategorie setzt. Ich will mich gar nicht länger auslassen, und vielleicht ist es sogar eine der besseren Zeitschriften in ihrem Segment – aber ehrlich: nein danke! Ich bin so froh, dass es die Missy gibt, denn sie zeigt, dass es auch anders geht.

Zuletzt noch ein paar Links zu diestandard.at, ein österreichisches Projekt, dass wir eigentlich selbst brauchen. Sie berichten von einer interessanten Spielwiese in Wien, so ein Klappbuch macht bestimmt viel Spaß! In letzter Zeit problematisieren sie in mehreren Artikeln die Einkommensschere und konzentrieren sich dabei weniger auf die ‚Schuld’ der Frauen (wie Mona Lisa) und mehr auf Handlungsspielräume und strukturelle Verbesserungspotentiale – in Österreich natürlich, nicht bei uns.  Die österreichische Frauenministerin spricht sich für transparente Gehälter aus, Prammer erwartet „politische Kraftanstrengung“, Frauen fallen weiter zurück.

Passend zu meinen Frauentagserinnerungen an Moskau gibt es einen Beitrag zum Frauentag in Russland, der es ziemlich genau trifft und die Probleme aufzeigt. Aber bei аеродром.ная hat es mir dann doch einen Schlag versetzt. Die Bilder vom Fotowettbewerb Miss Atom in Russland finde ich richtig schlimm. Auch die taz berichtet darüber unter dem bezeichnenden Titel Störfall Frau.

Schaut mal … Medienkritik zur rechten Zeit

Zwei haben es in dieser Woche auf den Punkt gebracht, ohne ahnen zu können, dass ihre Kritik genau zur rechten Zeit kommt: Friedrich Küppersbusch und Arno Frank. Sie kritisieren die oberflächliche Skandalmache in den Medien und das Prinzip, jede Woche eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. Vor allem Küppersbuschs Montags-Kommentar bei radio eins hat mir zutiefst aus der Seele gesprochen. Der Eindruck, es gebe nur noch eine Nachricht, wird in dieser Woche besonders gekonnt erweckt, ganz zu schweigen von all den Säuen, die daran angeknüpft durchs Dorf getrieben werden.

Nachtrag, Samstag 15 Uhr

Gerade habe ich zwei Artikel von Luise F. Pusch und Alice Schwarzer über den medialen Umgang mit den Opfern des Amoklaufs gelesen, die mich nachdenklich machen. Ihre Kritik beginnt auf sprachlichem Niveau: es ist von toten Schülern die Rede, dabei wird unsichtbar, dass es 8 Mädchen und ein Junge sind. Diese Diskrepanz und Ungenauigkeit ist mir auch aufgefallen. Beide knüpfen jedoch an die Zahlenverhältnisse die These vom Frauenmord an und schaffen so eine weitere ‚Sau‘ für’s Dorf. Einerseits finde ich es erschreckend, dass diese spezifische Gruppenzugehörigkeit so wenig thematisiert wird, andererseits halte ich monokausale Ansätze zur Erklärung irgendwelcher Zusammenhänge für falsch. Schwarzers Forderungen am Ende des Artikels sind prinzipiell auf das Bildungssystem ausgerichtet und deshalb richtig und gut, dafür sollte es aber nicht eines solchen Massakers bedürfen.

Gestern ist der Medienrummel auch in der taz kritisiert worden. Dabei sind auch zwei Jungen aus einer der 10. Klassen zu Wort gekommen. Die Tür zum Klassenraum befinde sich hinten, alle in der letzten Reihe Sitzenden seien erschossen worden. In ihrer Klasse haben nur Mädchen dort – am nächsten zur Tür – gesessen. Warum auch immer so viele Frauen unter den Opfern sind, dass es in der Berichterstattung unsichtbar gemacht wird, bleibt erschreckend.

Angie ist keine Feministin, wie gemein!

Anlässlich 90 Jahren Frauenwahlrecht ist in der taz und anderswo mal dem frauenpolitischen Engagement unserer Kanzlerin auf den Zahn gefühlt worden. Und welch Überraschung: da tut sie sich nicht besonders hervor. Dafür trägt sie rosa  – oder doch fliederfarben? – das sagt uns ja auch schon viel. Ein Interview mit Jana Hensel bei der Zeit zeigt sehr deutlich, dass die Kanzlerin keine Feministin ist, aber das habe ich auch nicht erwartet. Ihre anderen Aussagen sind aber durchaus lesenswert, gut zu wissen, wie sie so tickt. Deshalb verstehe ich nicht so ganz, warum das ganze in Bausch und Bogen verrissen werden muss. Aber das ist nur ein Beispiel für eine doch recht merkwürdige Art der Berichterstattung anlässlich des Jubiläums.

Frauenwahlrecht ist eine wichtige Sache und ich finde es gut, dass darüber geredet wird, ich hatte schon befürchtet, dass es in diesem Jahr der Jubiläen unter den Tisch fällt. Gleichzeitig wird meiner Meinung nach die Leistung der Weimarer Verfassung von Heide Oestreich unzulässig vernachlässigt. Die Gleichberechtigung wird dort  „grundsätzlich“ gewährt, immerhin, besser als nichts. Außerdem sind erstmals alle Bürger_innen über 18 zu freien und gleichen Wahlen aufgerufen. Da geht es um mehr als Frauenrechte und darüber sollte auch mal geredet werden. Und was die Frauenrechte betrifft, ist die Verfassung zeitgenössisch sehr fortschrittlich. Das zu verschleiern, indem mit heutigen Maßstäben gemessen wird, finde ich fahrlässig.

Außerdem wird Merkel im gleichen Artikel als „Aushängeschild der deutschen Emanzipationsgeschichte“, als  „Meilenstein, wie damals das Frauenwahlrecht“ bezeichnet. Ein anderer taz-Artikel vergleicht ihre Positionierung mit der Obamas. Der Unterschied ist doch aber offensichtlich. Merkel war eine Verlegenheitslösung und ist gewählt worden, obwohl sie eine Frau war, während Obama sich gegen wirkliche Konkurrenz durchgesetzt hat und von vielen gewählt wurde, weil er schwarz ist. Ich will den Erfolg Merkels nicht schmälern, am Ende zählt, wer die Regierung führt und nicht warum. Aber für den Umgang mit der Herkunft und dem Geschlecht in der Politik ist es dann schon wichtig, ob es im Wahlkampf als Pluspunkt oder nachteilig wirkt. Merkel hat sich 2005 weder als Frau noch als Ostdeutsche inszeniert, es ist ihre hohe Kunst, keine Angriffsfläche zu bieten und sie ist damals gut damit gefahren. Jetzt ist die Situation eine andere. Sie hat bewiesen, dass eine Frau aus dem Osten diesen Posten ausfüllen kann und kann sich heute auch ganz anders präsentieren.

Aber sie ist kein Aushängeschild des Feminismus und auch nicht sein Ergebnis. Deshalb finde ich es ein bisschen viel verlangt, dass sie, weil sie an der Macht ist, feministische Forderungen durchsetzen soll. Nicht jede Frau ist eine Feministin, auch wenn viele es nur nicht zugeben wollen. Nicht jede Frau möchte mit diesem Stempel herumlaufen, vor allem, wenn sie ihren erfolgreichen Weg fortsetzen will. Das ist opportunistisch, aber wer ist das in dieser Welt nicht? Sie hat im Gegensatz zu Obama auch nichts in diese Richtung versprochen, wenigstens einmal kein ‚Wortbruch‘ (für mich das Unwort des letzten Jahres).

Und genau deshalb steht in der Öffentlichkeit nicht sie für die Familienpolitik, sondern Uschele, die Mutter der Nation. Deren Maßnahmen sind kein Feminismus, könnten aber  von Konservativen so gedeutet werden. Heide Oestreich impliziert, Elterngeld und Kinderbetreuung seien ‚Frauenpolitik‘, das finde ich fatal. Und die Abschaffung des Ehegattensplitting, die die FDP fordere, ist pauschal eine Ohrfeige für Familien. Nur wenn das eingesparte Geld direkt dahin fließt, wo Kinder sind, ist es vielleicht eine frauenpolitische Maßnahme. Aber das ist wohl kaum die Intention der FDP. Die Familienpolitik der Bundesregierung ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wie von der Leyen dafür medial abgestraft wird – meiner Seelen, das tut sich die Kanzlerin natürlich nicht freiwillig an, sie ist ja nicht dumm.

Was erleben wir also anlässlich 90 Jahren Frauenwahlrecht bzw. allgemeines, gleiches, freies Wahlrecht? Der aktuellen Kanzlerin wird vorgeworfen, sie sei nicht wie Obama. Nicht für die Ossis, aber vor allem nicht für die Frauen. Wie gemein. Anstatt zu feiern und das seitdem Erreichte zu würdigen, wird Merkel als unzulängliche Vertreterin zweier Minderheiten in der deutschen politischen Landschaft bloßgestellt. Was hat das mit dem Jubiläum zu tun?

Schaut mal … der SWR als Sittenwächter

Im Südwesten herrscht noch Moral und damit auch der Rest des Landes was davon hat, gibt es den SWR-Rundfunkrat. Die taz berichtet von den entrüsteten Reaktionen auf Olli Pochers Stauffenberg-Auftritt und fasst einmal kurz zusammen unter welch hochwertigem Programm wir hier leiden. Ein altbackenes Drittes ist schon schlimm genug, aber wenn die katholische Kirche eine eigene Vertreterin in diesen Rundfunkrat  entsendet, wundert mich nichts mehr. Bleibt nur zu hoffen, dass die Südwestlobby in der ARD keine Mitstreiterinnen findet. Dabei geht es weniger um eine Verteidigung Olli Pochers, als vielmehr um die Entblödung des SWR, die einfach nur zum Lachen ist. Danke, taz!

Jeder das ihre

Die taz berichtet heute vom etwas merkwürdigen Umgang mit Zitaten in Werbekampagnen. Konkret geht es um den Ausspruch ‚Jedem das Seine‘, der am Eingang des KZ Buchenwald zu lesen ist. Seine Verwendung in einer Kaffeewerbung wird zurecht kritisiert, denn die zynische Verwendung durch die Nazis hat es aus der Menge von Zitaten antiker Autoren, die zum humanistischen Bildungsgut gehören, herausgehoben. Es ist nicht ‚unschuldig‘ und sollte deshalb nicht unbedacht verwendet werden.

Die Aufzählung am Ende des taz-Artikels macht deutlich, dass genau dies vor allem in der Werbung immer wieder geschieht. Werbung arbeitet mit Assoziationen und solange Menschen der NS-Greuel gedenken (was hoffentlich noch lange der Fall sein wird), sollte die Mottos der KZs für kommerzielle Nutzung Tabu sein. Und zwar schon aus Eigeninteresse der Werbenden. Wer will schon ein Produkt mit den KZs in Zusammenhang bringen?

Entgegen den Vorwürfen in den Kommentaren zum taz-Artikel kann es meiner Meinung nach nicht um eine Sprachregelung für alle und jeden Kontext gehen, sondern um die unreflektierte Verwendung bekannter Floskeln, die einen Wiedererkennungswert haben und so geeignet sind, Gewinn zu erzielen. Und mit etwas Geld zu machen, das Menschen hat leiden lassen, ist einfach nur pervers. Dass der Ausspruch auf die Antike zurückgeht (Cicero und Platon) und ein klassischer Rechtsgrundsatz ist, befreit ihn nicht vom Erbe des 20. Jahrhunderts.

Ich bin gegen absolute Tabus. Die deutsche Sprache zu beschneiden, nur weil die Nazis Worte benutzt haben, finde ich übertrieben. Autobahn und Kindergeld dürfen wir nicht nur sagen, sondern auch befahren und erhalten. Dennoch ist es wichtig, an geeigneter Stelle zu reflektieren, woher etwas kommt und welche zusätzlichen Bedeutungen bei bestimmten Wörtern mitschwingen. Ein bewusster Umgang mit Sprache bedeutet einerseits, Leid nicht kommerziell auszuschlachten, egal wie gut es klingen mag. Andererseits kann ein freier Umgang mit den Möglichkeiten, die die Sprache bietet, nicht verwehrt werden, wenn diese Gesellschaft offen und frei sein soll. Ohne Wortspiele wie der Titel dieses Beitrags wären Texte öd und leer. Sie regen zum Nach-Denken an. Und das haben wir alle dringend nötig.

* Die Infos über den Spruch habe ich von wikipedia und der dort verlinkten  Kurzdokumentation zur Formel »Jedem das Seine«.

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