Schaut mal … Krisendemos

Meine Berliner Aktivitäten werden mich am Samstag auch zur Krisendemo treiben: Unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ ruft ein breites Bündnis aber nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Stuttgart. Und das wird sogar in der Stimme berichtet, ich bin verblüfft. Dort ist es natürlich ein Aufruf des DGB – die anderen außerparlamentarischen und parteipolitischen Bündnispartner_innen sind wohl nicht der Rede wert. Ich hoffe die Sparvorschläge dieser Woche haben wenigstens ein Gutes und mobilisieren, so dass der notwendige Widerstand auf der Straße sichtbar wird.

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Schaut mal …. Gehaltsanalysen

Bei der Mädchenmannschaft gibt es eine Reihe roter Taschen zu bewundern, die ihre Besitzerinnen heute mit zur Arbeit nehmen, um zu zeigen:  wir wollen gerechte Bezahlung! Ich weiß noch nicht so recht, wo ich meinen roten Rucksack hintragen werde, die schöne Tasche ist leider in Berlin. Passend zum Anlass schreibt Heide Östreich in der taz über eine tolle Software, die errechnet, wer wie ungerecht bezahlt wird. Aber im Gegensatz zur Schweiz, soll das hier natürlich alles freiwillig eingesetzt werden! Da bin ich ja mal gespannt.

Studis mit kirchlichem Segen

Ich bin immer wieder fasziniert, dass es in Russland für wirklich fast jede Berufsgruppe einen Feiertag gibt. Am letzten Wochenende sind die Studierenden dran gewesen. Am 25. Januar ist traditionell Татьянин день – der Tag der Schutzheiligen der Studierenden und PädagogInnen Tatjana. Ich bin sehr beruhigt, dass wir unsere eigene Heilige haben. Vor 254 Jahren hat Ekaterina II. an diesem Tag das Dekret über die Gründung der Moskauer Universität unterschrieben. In diesem Jahr ist er wegen der Überschneidung mit einem Kirchentermin einen Tag vorverlegt worden, so dass die Studierenden sowohl am Samstag als auch am Sonntag gefeiert haben: einmal offiziell und einmal der Tradition entsprechend. Bei svobodanews.ru gibt es eine interessante Reportage, in der nicht nur die Feierlichkeiten, sondern auch die wirtschaftliche Lage der Studierenden diskutiert wird. Die Wirtschaftskrise hat Russland besonders im Griff und auch in Moskau ist das wohl auch zu spüren: viele Studierde müssen arbeiten und es wird immer schwerer, Stellen zu finden, die sich mit einem Studium vereinbaren lassen. Das erinnert mich an die vielen Studentinnen, die in der ‚Nachmittags-Schicht‘ studieren und tagsüber einen normalen Job haben. Liebe Grüße an Katja!

Puscheln, was das Zeug hält

Heute gibt es einen echten Kracher, endlich ein Format im Fernsehen, mit einem Titel schöner wie geht. Gäb’s das nicht schon, müsste ich es erfinden. Heute 23:35 Uhr im SWR und SR: die erste Folge von Puschel TV, der Sendung mit Alfons und dem Puschel. Ich bin schon ganz puschelig!

Kulturelles Großereignis in Mannheim

Auf meiner Reise habe ich die Gelegenheit genutzt, nicht nur in Mannheim umzusteigen, sondern den Bahnhof zu verlassen und zu schauen, was die Stadt so zu bieten hat. Die Sonderausstellung Homer – Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst läuft in Mannheim noch bis 18. Januar 2009. Kurz vor Toresschluss sozusagen habe ich diese interessante und gut aufbereitete Schau angesehen. Etwas substantiell neues habe ich nicht erfahren, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Es sind einige interessante Exponate zusammengestellt worden, die ein rundes Bild der Zeit, der Überlieferung und der Epen zeichnen. An manchen Stellen war mir einiges zu stark vereinfacht, vor allem in den Führungen, die nicht zu überhören waren. Ein besonderer Höhepunkt waren  für mich Auszüge aus der Ilias, die Joachim Latacz griechisch / deutsch vorträgt.

Im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen gibt es weitere Schausammlungen. Das Forum Internationale Photographie zeigt zeitgenössische und historische Fotografien, das war ein guter Kontrast zu den Exponaten der Homer-Ausstellung. Im Untergeschoss gibt es eine kleine Antikensammlung der etwas anderen Art. Sie ist wunderbar didaktisch aufbereitet und bietet ‚Antike zum Anfassen‘, aber ohne unzulässig zu vereinfachen. Die Einbeziehung von alltagsrelevanten und kulturgeschichtlichen Themen finde ich sehr erfrischend.

Der schon erwähnte Joachim Latacz ist der ‚Papst‘ der philologischen Homerforschung und ich konnte  gestern Abend seinen interessanten Vortrag in Mannheim hören. Im Rahmenprogramm zur Ausstellung bildete er den Abschluss und wurde extra in einen Raum verlegt, in den 400 Leute passen. Das reichte aber nicht aus. Statt getragener Stimmung ging es eher zu wie in der Uni: wer zu spät kam, saß auf der Treppe. Ich kam gerade noch rechtzeitig und war einfach nur baff, wie viele Menschen zu diesem Vortrag zusammengekommen sind. Und nicht nur Studenten, das hätte ich ja verstanden. In Mannheim (und  noch mehr wohl in Heidelberg)  scheint es ein viel regeres Interesse an altertumswissenschaftlichen Veranstaltungen zu geben als in Berlin. Ich war aber nicht die einzige, die der Rahmen der Veranstaltung überrascht hat. Hier kommen wohl Ort, Person und die Anbindung an die Ausstellung zusammen. Allein schon dieses Erleben eines vollen Saales, in dem sich alle wirklich für Homer interessieren, war den Zwischenstopp wert.

Latacz hat Grundlagen und aktuelle Entwicklungen der Homer- und Trojaforschung vorgestellt. Es ging um die Frage des historischen Gehalts der Epen und seiner nichtschriftlichen Überlieferung bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. Mykenische,  hethitische und ägyptische  Schriftquellen legen eine Datierung der Geschehnisse, die den Ramen der Homerischen Epen bilden, ins 14.-12. Jahrhundert v. Chr. nahe. Die mündliche Improvisationsdichtung in Hexametern habe als Medium der jahrhundertelangen Tradierung grundlegender Elemente dieser historischer Geschehnisse gedient.

Diese Thesen sind nicht wirklich neu, gewinnen jedoch durch neueste Forschungsergebnisse erheblich an Überzeugungskraft und sind  mit Wortwitz  und Charme vorgetragen worden. Der Veranstalter nannte Latacz am Ende der Veranstaltung einen „großen Gelehrten des alten Europa und der Altertumswissenschaften“. Als solcher hat er sich das Recht herausgenommen, sein Publikum mit der Dauer des Vortrags (zwei Stunden) zu belasten. Ich sehe es ihm gerne nach, denn auch zum Schluss und am Ende eines langen Tages, blieb es interessant ihm zuzuhören. Für die Auflockerung durch Anekdoten und Seitenhiebe (Schrott-These) war ich sehr empfänglich und es gelang Latacz stets, zum roten Faden zurückzukehren und ihn sichtbar zu machen. Der Vortrag war ein würdiger Abschluss für meinen ersten Ausflug nach Mannheim.

Die Frage nach dem historischen Gehalt hat mich vor allem insofern interessiert, als dass ich ein ähnliches Problem bei den Komödien habe. Sie sind Literatur und kein Abbild athenischer Realität, ebenso wie die Epen kein ‚Tatsachenbericht‘ von den Kämpfen um Troja sind. Latacz löst das Problem, indem er nicht die Vordergrundhandlung in den Fokus nimmt, die ist zweifelsohne Fiktion, sondern auf den Hintergrund abhebt, vor dem sie stattfindet. Dieses Vorgehen nannte er ‚Gegen-den-Strich-Lesen‘, dabei scheint mir aber keine Methode im Spiel zu sein, sondern vor allem die subjektive Entscheidung des Forschers, was Rahmen und was Fiktion ist. Auf Aristophanes bezogen hieße das, nicht die Handlung der Komödien zu verfolgen, sondern die mitgelieferten Bezüge zur ‚Realität‘. Diese Vorgehensweise ist weit verbreitet, vor allem zur Rekonstruktion der politischen Ereignisgeschichte des klassischen Athens. Genau das habe ich auch vor, aber mein Problem geht weiter. Wie erkenne ich auf der Mikroebene, was Fiktion / Witz ist, und was Rückschlüsse auf die außerliterarische ‚Realität‘ erlaubt? Vielleicht küsst mich ja bald die Muse, so dass ich es einfach weiß. Lieber würde ich aber methodisch vorgehen und nachvollziehbar argumentieren. Aber wie?

Schaut mal … das Phantom

Pünktlich zur Ausstrahlung einer Reportage über das ‚Heilbronner Phantom‘ in der ARD (heute 21:00) gibt es auch in der Lokalpresse eine wichtige Nachricht: die ausgesetzte Belohnung für erfolgreiche Hinweise zur Festnahme des ‚Phantoms‘ soll erhöht werden. Die Frau ist nur durch DNS-Spuren bekannt. Gegen sie wird im Heilbronner Polizistenmordfall und europaweit im Zusammenhang mit einer Vielzahl anderer Verbrechen ermittelt. Außerdem sind, wie stimme.de berichtet, zwei Männer, die die Frau kennen sollen, wieder auf freiem Fuß, ohne Angaben über ihre Identität gemacht zu haben.

Aus einer wissenschaftskritischen Perspektive ist dieser Fall besonders interessant, weil hier sichtbar wird, wie mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsrechnung und genetischen Verfahren Identität erzeugt wird. Außerdem ist auf die Bedeutung zu verweisen, die dem  der Person zugewiesenen Geschlecht beigemessen wird.

Nachtrag: Jetzt habe ich es gesehen – wirklich sehr mysteriös das Ganze. Und doch habe ich das Gefühl, dass die Ermittlungen gerade durch die angenommene Eindeutigkeit der DNS-Analyse behindert werden. Alle haben den Eindruck, die Person beschreiben zu können. Haben Zeugen einen Mann gesehen, kann es nicht das ‚Phantom‘ gewesen sein. Die Uneindeutigkeit chromosomaler Zuordnungen von Geschlecht wird nicht einmal in Betracht gezogen. Genauso wie die Möglichkeit, dass mehrere Personen die gleiche DNS haben könnten.

Ich habe auch den Eindruck, dass die Brutalität der Verbrechen besonders betont wird, weil es sich um eine TäterIN handeln soll. Das Verhalten des ‚Phantoms‘ passt so gar nicht zu unseren schönen Geschlechterstereotypen. Aber vielleicht ist genau das der Schlüssel? Ich will nicht behaupten, dass es so ist, aber ich finde es fahrlässig, dass diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen wird. Zumindest nicht öffentlich – könnte natürlich auch eine Ermittlungsstrategie sein…

Feministische Politik|Wissenschaft 1968-2008

Bevor es nach dem Wochenende wieder nach Berlin geht, will ich hier noch, wie versprochen meine Eindrücke von der Tagung niederschreiben, die nun auch schon zwei Wochen her ist. Am OSI ist ja immer so einiges los, gerade aber nicht so Gutes: die feminstische Politikwissenschaften – in den 1990ern ein Aushängeschild des Instituts – sind dort quasi am Aussterben. Mit dem Ausscheiden Brigitte Rauschenbergs fiel eine in den 1980ern hart erkämpfte Professur, die durch Gehaltsverzichte anderer Professoren am OSI finanziert wurde, weg. Engagierte Studierende und einige Wissenschaftler_innen haben deshalb diese Tagung organisiert, die am 31. Oktober stattgefunden hat.

Morgens hielt Brigitte Rauschenberg, die bis letztes Jahr die sogenannte ‚Gender-Professur‘ am OSI innehatte, einen wirklich lohnenden Vortrag. Unter dem Titel Gleichheit, Differenz, Freiheit? gab sie einen Überblick über die Entwicklung feministischer Theorie im 20. Jahrhundert. Die Konzepte Gleichheit, Differenz und Freiheit sind in der Diskussion miteinander und in Abgrenzung voneinander an bestimmte Generationen und die politischen Umstände gebunden. Heute brauchen wir ein Verknüpfung der drei und Räume für Träume, um mehr Feminismus zu wagen.

Im Anschluss an diese inspirierende Vision holte Bozena Choluj mich auf den Boden der (polnischen) Tatsachen zurück. Sie sprach über Die Resistenz der polnischen Geschlechterpolitik nach 1989, hat mich aber zum Glück am Ende mit einigen Beispielen politischer Aktivitäten von Frauen in Polen wieder aufgemuntert.

Den letzten Vortrag des Tages hielt Petra Rostock über Familie – Arbeit – Migration. Bezahlte Hausarbeit als (post)modernes Abhängigkeitsverhältnis. Sie hat die Ergebnisse ihrer qualitativen Studie über Haushaltshilfen in Akademikerhaushalten vorgestellt und zunächst mit einem Podium, später mit dem Publikum diskutiert.

Diese Diskussion fand ich recht einseitig. Da saßen einige Akademikerinnen, die ihr (schlechtes) Gewissen beruhigen wollten und haben diese wissenschaftliche Frage auf einem rein persönlichen und moralischen Niveau diskutiert. Dabei ist die Frage ‚Darf ich eine Polin bei mir putzen lassen?‘ eben keine wissenschaftliche. Es geht auch nicht darum, Hausarbeit mal allgemein zu beforschen (wäre sicher interessant), sondern um die sozialen und politischen Implikationen solcher Praktiken. Letztes Wochenende habe ich dann eine Reportage über Osteuropäerinnen gesehen, die  nach Deutschland kommen, um hier Pflegebedürftige zu Hause zu betreuen. Angesichts solcher Beschäftigungsverhältnisse erscheint mir die Diskussion bei der Tagung noch einseitiger. Migrantinnen putzen nicht nur für Akademikerinnen, sondern  pflegen auch unsere alten und / oder kranken Familienmitglieder. Hausarbeit und Pflege sind Reproduktionsarbeit, aber das eine ist schon richtig teuer, während das andere noch immer häufig unbezahlt bleibt. Wäre es nicht wichtig, diese beiden Sphären als verknüpft zu betrachten und dennoch differenziert zu analysieren und zu gewichten? Das (selbst)kritische Potential einer solchen Perspektive ist bei der Diskussion an der FU nicht zum Tragen gekommen.

Abends wurde in einer abgewandelten Podiumsdiskussion über die aktuelle Situation am OSI und Veränderungsmöglichkeiten diskutiert. Leider kann ich nicht wirklich eine positive Bilanz ziehen, es war – wie so oft – wichtiger, auf Erreichtes und alte Kämpfe zu verweisen und Begriffe zu diskutieren, als neue Strategien zu entwickeln und kritische Inhalte zu fördern. Dass die feministische Politikwissenschaft am OSI schlecht dasteht, wusste ich vor der Tagung, aber Impulse, was dagegen getan werden kann, die ich mir erhofft hatte, haben sich leider nicht ergeben. Ich hoffe, dass das für die Leute, die dort arbeiten und studieren, anders ist und sie es schaffen, etwas an der unbefriedigenden Situation zu ändern.

Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht

Am letzten Freitag bin ich bei einem sehr interessanten Filmabend gewesen. Unter dem Titel Schönes Geschlecht – Starkes Geschlecht. Russische Akademikerinnen im Spannungsverhältnis zwischen Arbeit und Familie. Ein Generationenvergleich haben 15 St.-Petersburgerinnen in sechs kurzen Filmen Fragen einer Gruppe Studierender des Osteuropa-Instituts der FU Berlin beantwortet. Sie erzählen in ihren Wohnzimmern oder vor sonniger Petersburger Kulisse über das Frau-Sein, Emanzipation, privilegierte Männer, das Kinderkriegen, Selbstverwirklichung und den Vergleich der Bedingungen heute mit denen in der Sowjetunion. Es ist natürlich nur ein Ausschnitt aus möglichen Diskursen über Geschlecht, aber ein sehr spannender und menschlicher. Dass die Interviewer_innen herzlich aufgenommen und bewirtet worden sind, glaube ich auf’s Wort. Die kleinen Geschichten und Anekdoten und die jeweils persönliche Perspektive der einzelnen Frauen kommen sehr gut heraus und deshalb ist der Film mehr als eine Dokumentation der Meinungen einiger St.-Petersburgerinnen, er gibt einen Einblick in die Welt dieser Frauen.

Bei der öffentlichen Präsentation am 1. November habe ich zusammen mit  Sonja Margolina und Daria Nifontova an einer Expertinnenrunde teilgenommen, die die einzelnen Teile des Films kommentiert hat. Einige meiner Gedanken und interessante Aspekte unserer Diskussion fasse ich hier noch mal kurz zusammen. Viele Aussagen der Interviewpartnerinnen strotzen nur so vor traditionellen Geschlechterstereotypen und Biologismen, die mich an die Diskussion um das Frauenstudium in Deutschland um 1900 erinnern. Das ist mir bei der Festveranstaltung im Roten Rathaus in Berlin klar geworden. Die Geschlechterdifferenz, deren naturwissenschaftliche Begründung nicht nur damals einen Aufschwung erlebt hat, wird als gegeben hingenommen und Frauen werden in Abgrenzung zu Männern definiert. Die genaue Qualität dieser Differenz bleibt jedoch im Dunkeln, denn Männlichkeit ist in den Aussagen immer nur die unbenannte Norm, dem ganzen Film fehlt eine Perspektive auf Männlichkeit.

In den Augen der St.-Petersburgerinnen ist Reproduktionsarbeit Frauenarbeit. Dass auch sie ein Ort der Veränderung von Geschlechterrollen sein könnte, ist nicht einmal im Ansatz spürbar. Die Wahrnehmung von ‚Emanzipation‘ und Alternativen zur Mutterschaft sind stets auf das Erwerbsleben bezogen, wie auch die Diskussion über die Privilegierung von Männern. Alle sind sich einig, dass die Entlastung von der Reproduktionsarbeit ihnen größere Erfolge ermöglicht. Sie seien klüger und talentierter, sagen einige der Befragten. Diese Einhelligkeit in Bezug auf die Wahrnehmung von Privilegierung und ihre Begründung und Rechtfertigung hat mich schockiert.

Daria, eine der Interviewpartnerin und Teilnehmerin der Diskussion,  hat einen interessanten Erklärungsansatz dafür vorgeschlagen.  Weil die Männer von der Reproduktionsarbeit entlastet sind, können sie sich beruflich mehr engagieren, sind erfolgreicher und sichtbarer. Dies fördert den Eindruck, dass sie objektiv besser befähigt wären und erhöht ihre Chancen auch weiterhin erfolgreicher zu sein. Die Wirkmächtigkeit solcher sozialen Prozesse erschließt sich mir sofort, verblüfft bin ich, wenn sie mit sozio- bzw. evolitionsbiologischen Erklärungsmustern verknüpft werden. Beide Argumentationen schließen sich für mich gegenseitig aus. Wenn moderne soziale Praktiken unser geschlechtsspezifisches Verhalten prägen, haben wir eine Möglichkeit der Veränderung, die es sich lohnt zu ergreifen. Wenn es aber evolutionär in den letzten 100.000 Jahren geprägt worden ist, kann ich kaum hoffen, in wenigen Generationen Veränderungen herbeizuführen. Darias Argumentation, die beide Erklärungsmuster verknüpft, hält diese Widersprüche und Ambivalenzen aus,  vielleicht sogar ohne sie zu bemerken. Wie immer bin ich davon fasziniert, dass das geht, weil es eine Möglichkeit ist, nicht zerrissen zu werden und Anforderungen verschiedener Umgebungen gerecht zu werden.

Vor allem die jüngeren Frauen sprechen in den Interviews von ihrer Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, während einige ältere Frauen sich der Benachteiligung  bewusst sind und sie kritisieren. Ich würde sie Feministinnen nennen, sie selbst würden das aber wahrscheinlich weit von sich weisen. Die Erkenntnis der Ungerechtigkeit ist meiner Meinung nach DIE Vorbedingung für die Entwicklung eines feministischen Bewusstseins. Es gibt also noch Hoffnung, auch wenn sich die Bezeichnung ‚Feminstin‘ in Russland wohl nicht durchsetzen wird. Der Generationenunterschied ist eindeutig erfahrungsbedingt, diese Tendenz habe ich auch schon in Deutschland beobachtet. Viele glauben so lange an die verwirklichte Gleichberechtigung bis sie am eigenen Leib erfahren, dass es wohl doch noch nicht ganz geschafft ist. In den Interviews ist stets von Emanzipation die Rede, denn danach ist auch gefragt worden. Ich bevorzuge  in diesem Zusammenhang den Begriff Feminismus. Wie in der Diskussion klar wurde, sind beide für die russischsprachige Diskussion gleichbedeutend und deshalb werde ich sie im folgenden synonym verwenden.

Die Ablehnung der Emanzipation führe ich auf die sowjetische Propaganda zurück. Einerseits ist behauptet  worden, die Gleichberechtigung sei erreicht. Dabei wird Gleichberechtigung mit Teilhabe am Arbeitsmarkt gleichgesetzt, die für die Frauen aber vor allem eine Doppelbelastung zur Folge hat. Ich bezweifele, dass das Gefühl, sich selbst verwirklichen zu können, so gestärkt wird. Dennoch führt dies bei den interviewten Frauen nicht zu einer Ablehnung des sowjetische Narrativs der verwirklichten Gleichberechtigung, sondern sie verinnerlichen die Doppelbelastung bis heute. Andererseits (oder in engem Zusammenhang damit) sind die westliche ‚Emanzipation‘ und der Feminismus als dekadent und für die sowjetische Frau unnötig diffamiert worden, so dass die Interviewten sich auch heute nicht positiv zu den Forderungen des Feminismus bekennen können.

Außerdem beruht die Ablehnung der ‚Emanzipation‘ auch auf einer Diskussion innerhalb des Feminismus. Die interviewten Akademikerinnen betonen die DIFFERENZ der Geschlechter und setzen das Projekt ‚Emanzipation‘ mit GLEICHHEIT gleich. Diese Positionen sind im westlichen Feminismus vor einigen Jahrzehnten heiß diskutiert worden, aber inzwischen nicht mehr Zentrum der theoretischen Debatten.* Auch deshalb fällt es mir wohl so schwer, die Ansichten vieler Russinnen über den Feminismus zu verstehen. Unsere Positionen unterscheiden sich fundamental.  Ihr Bild von der ‚Emanzipation‘ widerspricht einer ihrer Überzeugungen und das ist vielleicht der größte Hinderungsgrund, Feminismus als wichtiges und sinnvolles Projekt wahrzunehmen.

*Mehr über diese Entwicklung, die Brigitte Rauschenberg bei der Tagung Feministische Politik|Wissenschaft an der FU am 31. Oktober nachgezeichnet hat, schreibe ich hier.

100 Jahre mittendrin statt nur dabei

Das ist nicht das Motto für neue sportlichen Ambitionen, sondern in diesem Herbst und Winter eine Veranstaltungsreihe in Berlin. Vor hundert Jahren durften Frauen sich erstmals offiziell an preußischen Universitäten immatrikulieren. Auftakt der Reihe war eine Festveranstaltung am 24. Oktober im Roten Rathaus. Bei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion ging es um die Anfänge des Frauenstudiums und die Entwicklung in den letzten hundert Jahren. Je nach Perspektive kann eine positive oder negative Bilanz gezogen werden. Frauen haben Bereiche erobert, für die das vor 150 Jahren kaum vorstellbar gewesen ist und die Wissenschaften auch inhaltlich nachhaltig verändert. Andererseits zeigen Statistiken über die Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses, dass Chancengleichheit doch irgendwie anders ist. Selbst in Fächern mit Frauenanteilen von bis zu 70 Prozent (z.B. Literaturwissenschaften) sind 70 Prozent der Professuren von Männern besetzt. Felder, in denen der Frauenanteil steigt, gelten als feminisiert, d.h. weniger prestigereich und einträglich.

Vor allem der letzte Punkt fordert meinen Protest heraus. Ich frage mich: Muss das so sein? Und: Wie können wir das verändern? Denn auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sind es stets die ‚weiblichen’ Felder, die weniger anerkannt und honoriert werden. Ist es möglich, ‚das Weibliche’ aufzuwerten ohne es zu idealisieren, und ist das ein guter Weg? Oder kann es eine Entgeschlechtlichung dieser Prozesse geben? Denn ich will nicht nur dagegen sein, sondern hoffe auf Alternativen, die uns eine Emanzipation von Stereotypen und normierten Wahrnehmungsmustern ermöglichen.

Das Thema Frauenstudium wird an der HU unter dem Titel „Das Geschlecht der Bildung“ mit einer Filmreihe und einem wissenschaftlichen Colloquium weiter verfolgt. Am 29. Oktober sind zwei Dokumentarfilme über den Zugang von Frauen zum Studium gezeigt und diskutiert worden. In Baden durften Frauen sich bereits ab 1899 offiziell immatrikulieren, während Preußen, der größte Staat des Deutschen Kaiserreiches, 1908 der vorletzte war, der Frauen zum Studium zuließ. Nur in Mecklenburg-Schwerin (Universität Rostock) mussten die Frauen noch länger warten. Im Anschluss an die Dokumentationen wurde über die historische Verortung der beiden Filme diskutiert und die Abwertung weiblich konnotierter Fächer hinterfragt.