Jeder das ihre

Die taz berichtet heute vom etwas merkwürdigen Umgang mit Zitaten in Werbekampagnen. Konkret geht es um den Ausspruch ‚Jedem das Seine‘, der am Eingang des KZ Buchenwald zu lesen ist. Seine Verwendung in einer Kaffeewerbung wird zurecht kritisiert, denn die zynische Verwendung durch die Nazis hat es aus der Menge von Zitaten antiker Autoren, die zum humanistischen Bildungsgut gehören, herausgehoben. Es ist nicht ‚unschuldig‘ und sollte deshalb nicht unbedacht verwendet werden.

Die Aufzählung am Ende des taz-Artikels macht deutlich, dass genau dies vor allem in der Werbung immer wieder geschieht. Werbung arbeitet mit Assoziationen und solange Menschen der NS-Greuel gedenken (was hoffentlich noch lange der Fall sein wird), sollte die Mottos der KZs für kommerzielle Nutzung Tabu sein. Und zwar schon aus Eigeninteresse der Werbenden. Wer will schon ein Produkt mit den KZs in Zusammenhang bringen?

Entgegen den Vorwürfen in den Kommentaren zum taz-Artikel kann es meiner Meinung nach nicht um eine Sprachregelung für alle und jeden Kontext gehen, sondern um die unreflektierte Verwendung bekannter Floskeln, die einen Wiedererkennungswert haben und so geeignet sind, Gewinn zu erzielen. Und mit etwas Geld zu machen, das Menschen hat leiden lassen, ist einfach nur pervers. Dass der Ausspruch auf die Antike zurückgeht (Cicero und Platon) und ein klassischer Rechtsgrundsatz ist, befreit ihn nicht vom Erbe des 20. Jahrhunderts.

Ich bin gegen absolute Tabus. Die deutsche Sprache zu beschneiden, nur weil die Nazis Worte benutzt haben, finde ich übertrieben. Autobahn und Kindergeld dürfen wir nicht nur sagen, sondern auch befahren und erhalten. Dennoch ist es wichtig, an geeigneter Stelle zu reflektieren, woher etwas kommt und welche zusätzlichen Bedeutungen bei bestimmten Wörtern mitschwingen. Ein bewusster Umgang mit Sprache bedeutet einerseits, Leid nicht kommerziell auszuschlachten, egal wie gut es klingen mag. Andererseits kann ein freier Umgang mit den Möglichkeiten, die die Sprache bietet, nicht verwehrt werden, wenn diese Gesellschaft offen und frei sein soll. Ohne Wortspiele wie der Titel dieses Beitrags wären Texte öd und leer. Sie regen zum Nach-Denken an. Und das haben wir alle dringend nötig.

* Die Infos über den Spruch habe ich von wikipedia und der dort verlinkten  Kurzdokumentation zur Formel »Jedem das Seine«.

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