Hippokrates‘ Weisheiten

Die Luft bewirkt das Denken. (Hippokr. morb. sacr. 16,2)

Wenn das keine Aufforderung ist, vor die Tür zu gehen, sich zu bewegen und die Frühlingsluft aufzusaugen, um dann luft-gestärkt in die Studierstube zurückzukehren und fein weiter zu denken. Heute gelesen, wird morgen gemacht!

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Lise war schon immer meine Favoritin

Der heutige Comic von xkcd ist einfach zu wahr und wunderbar motivierend. Neben Lise Meitner, Emmi Noether und Marie Curie gibt es zum Glück noch ein paar mehr Vorbilder, an die eine junge Wissenschaftlerin sich halten kann… Und nie vergessen: es zählt leider nicht nur die Leistung, die eine erbracht hat.

Provinz-Aufruhr

Wenn ich länger am Stück hier in der Provinz bin, sammeln sich Kuriositäten und Mist an, die ich irgendwie loswerden muss. Ganz aufregend war ein Plakat von Kirchengegnern, das in der letzten Woche auch in unserem schönen Städtchen gesichtet worden ist. Das ist schon einen kleinen Bericht wert, schließlich kann das nicht so einfach stehen gelassen werden. Und siehe da: schon am Tag nach der Meldung war das Plakat überklebt: mit Werbung für die Diakonie. Eine Schelmin, die dabei böses denkt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich skandalöser finde: eine Sekte (wenn es denn stimmt), die die aktuelle Debatte, die nicht nur die katholische Kirche betrifft, so für die eigenen Interessen missbraucht, oder eine Öffentlichkeit, die eine solche Aufforderung nicht ertragen kann.

Ein Aufreger – aber mehr für mich- war das Echo-Lot in der Wochenzeitung Echo am letzten Mittwoch. Da wird in einer Stadt, die fussballerisch nüscht zu bieten hat, nach dem Abstieg von Hertha BSC ein neuer Spruch für die Hauptstadtvermarktung vorgeschlagen:

Wir können alles. Außer sparen und Fußball spielen.

Das mit dem Fußball kratzt mich weniger, aber in Berlin gibt es immerhin auch einen Aufsteiger – Union -, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Aber das mit dem Sparen wird hier im Ländle auf sehr merkwürdige Weise verstanden. Ich lebe in einer Stadt,

  • deren öffentliche Stadtbibliothek bestenfalls doppelt so groß ist wie Stadtteilbibliotheken in Potsdam, das größenmäßig durchaus vergleichbar ist.
  • in der überlegt wird, die Außenstellen in den Stadtteilen über den Sommer zu schließen, da das Geld für den einen Öffnungstag, den es sonst in der Woche gibt, eingespart werden muss. Zum Vergleich: In Potsdam sind sie an 5 Tagen in der Woche geöffnet.
  • in der das nur abgewendet werden kann, indem die Hauptstelle samstags früher schließen wird.
  • in der die Bibliothek der Hochschule Heilbronn Technik – Wirtschaft – Informatik bei der Literaturbeschaffung und -pflege neben dem Erwerbungsprofil, das auf die vertretenen Fachbereiche begrenzt ist, folgende Regeln zu beachten hat
    • es sollen keine Archive angelegt werden (nur Literatur für die aktuelle Lehre),
    • die Literatur muss aktuell sein, veraltete Sachen werden weggeworfen.

Diese drei beliebigen Beispiele aus dem gleichen Sektor – Bildung und Literatur – zeigen, was hier sparen heißt: Schmalspur reicht. Nicht nur in der öffentlichen Bibliothek, die eine breite Bildung vor allem auch für jene bietet, die gerade keine Hochschule von innen sehen. Sondern auch bei der Ausbildung des Wirtschafts- und Techniknachwuchses: es erscheint wichtig, die Scheuklappen früh anzulegen, damit nichts die Ausrichtung auf Verwertbarkeit bedroht.

Eine Stadt wie Heilbronn ist nicht mit Berlin zu vergleichen, aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung statt solcher unsachlicher und billiger Ausbrüche mehr als angebracht. Vor allem auch, weil gern verkannt wird, wo auch in Berlin gespart wird und wer diese Last letztlich schultert: die Berliner_innen, allen voran die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die ja auch Teil der Bevölkerung sind. Von weitem mit Dreck auf die Hauptstadt zu werfen, fühlt sich vielleicht am provinziellen Stammtisch gut an, aber in einer Zeitung hat  das nichts zu suchen.

Und dann noch ein ganz komisches Erlebnis: aus der provinziellen Perspektive erscheint die Hauptstadt manchmal auch wie ein Ideal, das sie lange nicht ist. Ich war mal über die frühen Schließzeiten des Weihnachtsmarktes hier schockiert, etwas ähnliches ist mir im April in Berlin passiert. Am Donnerstag nach der Zeitumstellung beim Bummeln auf dem Kuhdamm: es war gerade noch hell, das Zeitgefühl spielt noch nicht so recht mit und auf einmal ist es acht. Und wer jetzt glaubt, die Geschäfte hätten dort doch sicher länger auf, täuscht sich gewaltig. Ich fühlte mich wie in der Provinz und konnte es kaum fassen. Es ist interessant, wie unsere Wünsche über die Entfernung stärker projiziert werden, und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen mit der ‚Realität‘ abzugleichen.

Was ist eigentlich Feminismus?

Als Antwort auf meine Frage Feministen – geht das überhaupt? berichtet Ben von einer Diskussion mit einer befreundeten Feministin, die der Meinung ist, Männer könnten keine Feministen sein:

Sie vertrat die Ansicht, der Feminismus sei der theoretische Überbau der Emanzipationsbewegung der Frauen (in ideologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht). Emanzipation sei aber nur selbst möglich, nicht durch jemanden, der zu den „Unterdrückern“ gehört. (Ich gebe zu, das so hingenommen und die Etymologie des Wortes nicht mehr nachgeschaut zu haben.) Deshalb könne es aber schon Begrifflich keine „Feministen“ geben. Die ganze Geschlechterdiskussion sei dagegen nicht eigentlich Teil des Feminismus, sondern der Queer-Theorie, wie sie Judith Butler begründet habe. Diese Argumentation fand ich nachvollziehbar und seitdem suche ich – bei aller Sympathie für den Feminismus – nach der passenden Bezeichnung für meine Haltung.

Eine interessante Argumentation, der ich dennoch widersprechen möchte. Feminismus ist historisch zunächst eine Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung, die das Ziel der Emanzipation der Frauen verfolgt. So weit, so richtig. Ich würde mich auch nicht an irgendwelchen Etymologien aufhalten. Der Schluss ist mE dennoch falsch bzw. nicht zwingend.

Ein Mann kann sich in dieser Terminologie nicht von der Frauenrolle emanzipieren. Richtig. Es könnte aber emanzipierte Männer geben, die sich von der traditionellen Männerrolle emanzipieren. Eine Emanzipation der Männer ist also durchaus vorstellbar. Das führt direkt zu der Frage, über die wir die ganze Zeit diskutieren: ist der Feminismus in der Lage, den theoretischen Überbau für diese Bewegung zu liefern?

Bevor ich darauf antworte, noch mal zurück zur Argumentation gegen ‚Feministen’. Ich halte es für vermessen, die Erweiterung der Frauen- auf die Geschlechterforschung allein Judith Butler zuzuschreiben und sie zugleich von der feministischen Theorie abzukoppeln. Butler ist mE zentraler Bestandteil feministischer Theorie: die soziale und biologische Konstruktion von Geschlecht ist Basis eines differenzierten und interdependenten gender-Begriffs, der es ermöglicht auch Differenzen jenseits der Geschlechtergrenzen einzubeziehen. Ich habe das Gefühl auf ein neues Wespennest gestoßen zu sein, wenn ich versuche, das Verhältnis von Feminismus, gender und queer zu definieren. Ich möchte an dieser Stelle keine Hierarchien aufmachen. Beide Begriffe basieren auf der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und für mich war bisher immer klar, dass sie dazu gehören. Aber es ist vielleicht auch möglich, dass anders zu sehen.

Wenn, so wie ich es voraussetze, gender Teil feministischer Theorie ist und einen geeigneten Zugang darstellt, um traditionelle Konzepte von Geschlecht zu hinterfragen und zu durchbrechen, dann sind feministische Theorie und Feminismus ein sehr geeigneter Überbau für eine ‚Emanzipation des Mannes’. Ich bin mir bewusst, dass ich für diesen Schluss eine Menge Vorannahmen treffe, aber ich bin froh, sie einmal ausformuliert zu haben, denn für mich gehört das alles letztlich zusammen. Mein Feminismus ist durch die gender-Theorie geprägt und insofern ist mir nun klarer, warum ich nicht verstehen konnte, wieso einige es ablehnen, sich Feminist zu nennen, obwohl sie es für mich offensichtlich sind.

Letztlich gehe ich also von einer Weiterentwicklung des Feminismus aus, der mal als Theorie der Emanzipation ‚der Frau‘ begonnen hat, inzwischen aber sehr viel mehr umfasst. Als Historikerin finde ich eher solche Entwicklungen spannend, als Vergangenes zu benennen und zu katalogisieren, um es vom Heute zu unterscheiden. Begriffe und Theorien entwickeln sich weiter, ohne dass sie beständig umfirmieren müssen. Das hat auch strategische Vorteile, denn Feminismus ist als Begriff wunderbar politisiert, so dass die Bezeichnung als Feminist_in eine politische Praxis und ein kulturell verständliches Zeichen ist.

Mit wem will ich hier eigentlich diskutieren?

Das frage ich mich schon länger, immer dann, wenn hier komische Kommentare eintrudeln, die ich nicht so richtig einordnen kann, weil sie rumpöbeln, nicht konstruktiv sind oder darauf angelegt, andere Bloggerinnen zu diffamieren. Auch wenn hier nicht so viel Verkehr ist und ich deshalb froh bin, wenn jemand antwortet, will ich mich nicht mit jedem Erguss auseinandersetzen müssen. Das ist mein Blog – mein Wohnzimmer und da lasse ich niemanden rein, der mir auf die Couch kackt. Auch bei Hunden bin ich da gnadenlos. (Nur falls jemand fälschlicherweise glaubt, ich könnte Tierfreundin sein und deshalb mit zweierlei Maß messen.)

Aber manche Argumentationen beschäftigen mich dann doch, weil sie einfach zu hohl sind. Es ist spannend, dass aus maskulistischer Ecke letztlich immer die ewig gleichen ‚Argumente‘ kommen:

  • Zwangsdienste
    Ich bin Pazifistin, Zwangsdienste find ich echt blöd, aber dagegen sollte kämpfen, wer davon betroffen ist.
  • Tod: früh, im Krieg, beim Unfall, durch die eigene Hand
    Das hat was mit der Lebensweise zu tun (Klosterstudie!), ich habe nichts dagegen, wenn die geändert wird und strukturelle Ursachen bekämpft werden. Aber ein ‚Frauen jetzt sterbt doch auch endlich früher!‘ wird wohl kaum die Lösung sein. Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?
  • Sorgerecht und Unterhaltsregelungen nach einer Scheidung oder bei unverheirateten Eltern
    Sind ein echtes Problem, weil leider viel zu oft nicht das Kindeswohl im Zentrum steht, weder vor Gericht noch bei der individuellen Positionierung der Eltern. Weniger Klischee und mehr Einzelfallbetrachtung helfen hoffentlich.
  • Bildungsmisere: die armen Jungen
    Es läuft grundsätzlich was schief im Bildungssystem. Das sehen wir auch daran, dass Jungs dort z.T. benachteiligt werden. Aber es läuft auch grundsätzlich was schief in der Berufswelt, dass sehen wir daran, dass Mädchen trotz besserer Leistungen in der Schule danach nicht aufholen. Das Verhältnis von Schule, Beruf und Gesellschaft ist ganz und gar nicht in Ordnung. Darunter leiden alle, nicht nur Jungs.

Heute hab ich mal was neues gelesen:

  • kein aktives und passives Wahlrecht bei der Wahl von Gleichstellungsbeauftragten
    In Berlin heißen die ja Frauenbeauftragte. Wenn das mal kein Grund ist. Aber wo ist da jetzt der Skandal? Das ist vor allem zusätzliche Arbeit und aus meiner Erfahrung hält sich die Macht auf dieser Position auch in Grenzen.
  • Ausschluss von den Fördermillionen in Frauentöpfen
    Da kann ich nur polemisch werden: solange die ‚allgemeinen‘ Töpfe immer noch als Ressource behandelt werden, die hauptsächlich unter Männern aufgeteilt wird, bleibt da wohl nichts anderes übrig. Das habe ich an der Uni einfach zu oft gesehen: ’normale‘ Stellen werden mit Männern besetzt, und die eine Frau, die es über die begrenzten (!) Mittel der Frauenförderung schafft, wird dann auch noch als Quotenfrau abgestempelt. Nein, danke.
    Ich glaube kaum, dass das Institut, an dem ich studiert habe, eine Ausnahme ist. Vor 6 Jahren gab es bei 14 Professuren eine einzige Juniorprofessorin. Seitdem sind 7 Professuren neu besetzt worden. Sage und schreibe zwei Frauen sind unter den Berufenen. Zwei von drei dieser Stellen sind durch Mittel der Frauenförderung finanziert. Und das bei einem Studentinnenanteil von 50 Prozent. Diese Übermacht an Vorbildern motiviert ungemein. Das ist für angehende Wissenschaftler unten den Studenten natürlich toll.

Also, liebe Herren, wie ich schon in einem Kommentar schrieb: den Blick auf eigene Privilegien zu lenken und einzugestehen, dass sie anderen Nachteile bereiten, tut weh. Fasst euch ruhig mal an der eigenen Nase, bevor ihr auf andere einprügelt. Denn ich werfe das nicht den Männern vor, die die Stellen bekommen haben. Die sind hochqualifiziert und haben es alle verdient, aber ich frage mich doch, ob tatsächlich keine Frau genauso oder besser für den Job geeignet gewesen wäre. Und wer das entscheidet, also welche Maßstäbe an Exzellenz angelegt werden. Jetzt bin ich gleich drin in der Bildungsdebatte, das hat hier aber nix zu suchen.

Es ist wichtig, diskriminierende Strukturen und Praktiken aufzudecken, die dazu führen, dass ich mich immer wieder frage: in welcher Welt möchte ich eigentlich leben? Interessenpolitik für einzelne Gruppen ist unerlässlich, aber am Ende bleibt nur ein Aufeinanderzugehen, um einen gerechten Interessensausgleich zu schaffen. Dabei maße ich mir nicht an, für andere und ihre Interessen zu sprechen, denn das entmüdigt diejenigen, denen ich unterstelle, dass ihre Situation verändert werden müsse.

PS: Eh jemand auf die Idee kommt, die

  • ‚ungerechte‘ Geschlechterverteilung auf dem Arbeitsmarkt (à la Männer schuften, Frauen wollen Rosinen picken) anzubringen:
    Nee, meine Lieben. Was Krankenschwestern den ganzen Tag und nachts heben und bewegen, dass ist ein echter Knochenjob, deshalb sind Krankenpfleger auch so gern gesehen. Bei der Müllabfuhr ist es sicher nicht weniger anstrengend und es stinkt auch, aber die Entschädigung (sprich: Bezahlung) ist deutlich höher.

PPS: Das wollte ich schon lange mal loswerden. Sich gegenseitig mit Vorwürfen zu bewerfen und mit ‚Argumenten‘ zu bombardieren ist keine Kommunikation. Und das ist es, was ich mir vorstelle: Kommunikation, respektvoll und mit Interesse für den Standpunkt der anderen Seite. Für alles andere stehe ich nicht zur Verfügung, da bleibe ich lieber alleine in meinem Wohnzimmer und mache es mir bei Tee und Kerzenschein gemütlich, in meiner Ecke des Internetzes.

Blumengruß zum Internationalen Frauentag 2010

Blumengruß

Und ein paar Links für den heutigen Tag:

Bei ‚Schulwissen‘ sind maskulistische Positionen überholt, aber im Bereich ‚Wissenschaft‘ hoffähig. Da bleibt mir ein ungutes Gefühl im Magen. Aber nicht heute! Da werden taz und Missy gekauft, das ist die angemessene Lektüre für eine lange Zugfahrt.

Holla die Waldfee

Männlichkeit war ja nie so mein Ding. Jedenfalls nicht als Selbstzweck. Deshalb war ich mir lange nicht sicher, was ich von diesem Walter Hollstein halten soll. Bei der Mädchenmannschaft wird in Kommentaren und manchmal auch in Beiträgen gern auf ihn verwiesen, wenn es mal wieder um die ‚Krise der Männlichkeit‘ geht. Katrin von der Mädchenmannschaft hat ihn in ihrer Rezension seines Buches so charakterisiert:

In Männerfragen ist er eine Koryphäe, vor allem, wenn es zur Abwechslung mal wissenschaftlich unterlegt und differenziert sein soll.

Das habe ich ihr erstmal geglaubt und auch nicht weiter nachgeforscht – ist eben nicht mein Thema. Aber jetzt muss ich dann doch mal meinen Senf dazugeben. Wie auch immer reflektiert das Buch ist, auf einer m.E. ganz grausigen Seite habe ich die schriftliche Version eines Vortrags, den er im Juni 2009 gehalten hat, entdeckt. Einiges ist sicher nicht falsch, aber Einschübe wie

ohne das dies jetzt mit Schuldzuweisungen verbunden sein soll

bringen mich irgendwie erst auf  die Idee, Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Beispiele sind schlau gewählt, so dass die Benachteiligung von Jungs und jungen Männern mehr als evident erscheint. An einigen Stellen wird jedoch deutlich, wie selektiv die Darstellung ist. Ich frage mich z.B. was in den anderen Strophen des zitierten Gedichts so passiert. Da es sich um die Arbeit einer Studentin handelt, ist das aber praktischerweise nicht rauszubekommen. Außerdem ist er an einer Stelle transphob – ich zitier das jetzt nicht. Will Männlichkeitsforscher sein und ist zu einem respektvollen Umgang mit anderen Lebenskonzepten nicht in der Lage? Da war es für mich dann echt vorbei.

Mal ganz abgesehen davon, dass die ‚Krise der Männlichkeit‘ auch schon um 1900 weit um sich griff und ich diesen Kampfbegriff deshalb sehr zweifelhaft finde. Außerdem reproduziert er ganz fein traditionelle Geschlechterstereotype und Vorstellungen von ‚Männerbünden‘, die sind mir aus einem gar nicht so tollen Seminar noch gut in Erinnerung. Damit kann ich gar nicht um.

Ein wahrlich Großer

Meine letzte lange Zugfahrt habe ich nachmittags in Mannheim unterbrochen, um mir die Alexander-der-Große-Ausstellung im REM zu Gemüte zu führen. Weil ich bei Homer an einem Gewinnspiel teilgenommen habe, bin ich postalisch über diese neue Ausstellung informiert worden und hatte es mir entsprechend schon länger vorgenommen, mal wieder in Mannheim ein Päuschen einzulegen.

Und sie hat mir richtig gut gefallen. Eine gelungene Mischung von Bildzeugnissen, Texten und anderen Formen der Illustration – Multimedia im Wortsinne. Immer wieder gibt es Animationen, die den Verlauf des Eroberungszuges oder die Gestalt Babylons oder das Aussehen eines Tempels rekonstruieren und durch die bewegten Bilder eine klarere Vorstellung davon schaffen, worum es eigentlich geht, als das Statuen und Vasen allein vermögen. Aber auch solch echte Objekte und einige Nachbildungen zum Anfassen fehlen nicht, so dass eine gewisse Authentizität erreicht wird.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie weit Alexanders Heer tatsächlich gekommen ist und wie die traditionellen Kulturen damit umgegangen sind. Es ist wichtig, die zeitgenössischen, griechischen Vorstellungen, was ein Perser ist, zu reflektieren.

Und schließlich ist es faszinierend, das auch bei dieser Figur die Haare eine entscheidende Rolle spielen: die Löwenmähne wird heute wie damals als Zeichen von Mut und Männlichkeit interpretiert und mit dem bartlosen Kinn kontrastiert, dass die Jugend des Feldherrn unterstreiche.

Ausstellung, die zweite

In der Zeit zwischen Abgabe der Magistraarbeit und den Prüfungen bin ich noch ein zweites Mal ganz kulturell gewesen: kurz bevor die Wanderausstellung 100000 Jahre Sex Heilbronn verlassen hat, habe ich sie mir an einem Freitag im Juni angesehen. Sie ist größer als Bunte Götter, aber da ich bei diesem Thema besser bewandert bin, habe ich diesmal inhaltliche Kritik.

Der Rundgang beginnt mit einer rekonstruierten Darstellung von nackten ‚Urzeitmenschen‘ oder ‚Neandertalern‘ (wie kann ich die eigentlich korrekt benennen?) in Lebensgröße. Daneben ein kurzer erklärender Text, mit diesen bahnbrechenden Informationen: „Kleidung spielt in der Sexualität nämlich eine viel größere Rolle, als oft vermutet wird. Das Bedecken der Geschlechtsteile ist ein Ausdruck von Schamgefühlen vor dem anderen Geschlecht.“ Die Möglichkeit, dass Kleidung vor allem dem Schutz vor widrigen Umweltbedingungen gedient haben könnte, wird zwar davor benannt, aber auf diese Weise deutlich an den Rand gedrängt. Es geht schließlich immer um Sex, genauer gesagt um Sex zwischen Männern und Frauen. Er erscheint nicht nur hier als Triebfeder aller menschlichen Entwicklung, diese Art der Darstellung wird durch die gesamte Ausstellung hindurch aufrecht erhalten. Wären nicht Griechenland (ganz kurz) und Rom, in denen homoerotische Praktiken Bestandteil vieler Diskurse sind, könnten Abweichungen von der normalisierten Heterosexualität komplett ausgeblendet werden.

Ein weiteres Lieblingsthema kann auch hier nicht ausgelassen werden: Fruchtbarkeit.  Ich muss leider nochmal auf eine Archäologenbinsenweisheit hinweisen: Wenn die Funktion eines Artefakts unklar ist, bezieht es sich entweder auf Fruchtbarkeit oder dient astronomischen Zwecken. Denn im nächsten Raum der Ausstellung folgen ‚Venusfiguren’, die zum Glück „Frauenfiguren“ genannt worden sind. Aber bei einigen ist da für die ‚Frau’ schon ziemlich viel interpretiert worden. Die sahen so ähnlich aus wie diese – vielleicht sind es sogar die selben, denn sie waren auch aus Nebra. Am besten hat mir aber der „prähistorische Minirock“ gefallen, der von den Archäologen als Bekleidung einer Tänzerin bei einem Fruchtbarkeitskult interpretiert wird. In der Medienecke gab es ein Video mit Rekonstruktionen, u.a. tanzt eine junge Frau in einer Nachbildung dieses Kleidungsstücks. Das „Röckchen von Egtved“ ist ein kurzer, durchscheinender Rock und steht wohlmöglich in kultischem Zusammenhang. Ok. Aber warum Fruchtbarkeit und woher kommt die Assoziation des Tanzens? Eine solche Interpretation ist möglich, sollte aber als das dargestellt werden, was sie ist, und nicht als wissenschaftliche Wahrheit daherkommen, wie die Formulierungen in der Ausstellung suggerieren.

Bei dieser prallen Weiblichkeit kann es natürlich nicht bleiben, schon einige zehntausend Jahre später treten Phalloi auf den Plan. In allen Formen dominieren sie die Ausstellung ab diesem Punkt bis hinein ins antike Rom. Einige sind als Anhänger gefasst und erinnern mich stark an ein Posthorn. Die Verschiebung der Konzentration auf den Phallos spiegelt sich auch in der Darstellung der Sexualität in Rom: „In der Familie stellten dazu nicht selten Sklavinnen Überdruckventile für sexuelle Triebe dar.“ Wieder heteronormativ gedacht und allein auf Männer als sexuell Aktive ausgerichtet, reproduziert diese Formulierung vor allem moderne Vorstellungen von Sexualität. Männer wollen und können immer, dadurch entsteht ihnen Druck, der abgelassen werden muss. Da schaudert’s mich nur noch.

Der Übergang zum Mittelalter ist echt gut gemacht. In einem leeren Raum befindet sich ein auf den Boden geklebtes Spiel: in 30 Fragen zum Sex nach den Regeln der frühmittelalterlichen Bußbücher. Ich habe eine ähnliche Aufstellung* bei den Recherchen für eine Hausarbeit gefunden. Da bin ich (gerade) noch nicht verheiratet gewesen und bin deshalb schon nach der ersten Frage ausgeschieden: Sind Sie verheiratet? – Nein.  → Stopp, Sünde! Und so geht es lustig weiter: Sex nur mit der eigenen Ehefrau oder dem eigenen Ehemann, nicht während der Fastenzeit, nicht an bestimmten Wochentagen usw. usw. Aber das wichtigste kommt zum Schluss: natürlich nur zum Zweck der Fortpflanzung und möglichst ohne Spaß dabei zu haben. Diese Bußbücher, die christliche Mönche ab dem 5. Jahrhundert n.Chr. verfasst haben, sind wirklich eine Fundgrube. Wer sich an diese Regeln hält, hat eine der besten Verhütungsmethoden überhaupt zur Hand: Enthaltsamkeit. Soll ja in den USA bestens funktionieren.

In der Ausstellung wird im Anschluss leider der Eindruck erweckt, diese normativen Texte seien direkte Zeugnisse über sexuelles Verhalten ‚im Mittelalter’. Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Im Anschluss ist die Rede von einer Lockerung der Sitten, bis im 19. Jahrhundert mit Bürgertum, Biedermeier und Queen Victoria die Unterdrückung der Sexualität Einzug halte, die seit den 1960ern und 1970ern aufgehoben sei. Da hatte ich den Eindruck, Foucault, seine französischen Kollegen und alle, die ihm in ihren Forschungen folgen, wären an den Macher_innen der Ausstellung spurlos vorüber gegangen. Schade.

Den Rest der Ausstellung habe ich als lustiges Potpourri wahrgenommen, aber inwieweit da alles so wirklich hinkommt, wage ich zu bezweifeln. Gut gefallen hat mir die Aufnahme von Sheela-na-gigs, Darstellungen von geöffneten Vaginen, die in mittelalterlichen irischen und schottischen Kirchenportalen zu finden sind. Sie sind, entgegen früherer Vermutungen, keine Überreste heidnischer Kulte, die unbeabsichtigt oder als subversive Unterwanderung des Christentums eingebaut worden sind, sondern extra für die neu erbauten Kirchen und ihre Portale angefertigt worden.

Ein Ärgernis bleibt aber die Fotoausstellung, die als Beitrag von 2008 angekündigt gewesen ist. Es handelt sich um weibliche Akte, sie sind zum Teil gefesselt und / oder in eine undurchsichtige Flüssigkeit getaucht. Die Fotos sind meiner Ansicht nach hochwertig und für sich betrachtet sicherlich Kunst, aber zur Illustration von Sex im Jahre 2008 doch irgendwie ungeeignet. Auf diese Weise wird Sexualität als auf Frauen gerichtet dargestellt. Die Körper der Frauen sind nackt, während der Betrachter im Museum angezogen bleibt. Diese nackten Körper werden von den Macher_innen der Ausstellung wohl mit Sexualität assoziiert. Im Kaleidoskop der verschiedenen dargestellten Umgangsweisen mit Sexualität erscheint das ‚heute’ auf diese Weise merkwürdig eindimensional, heteronormativ und sexistisch.

*hier: Brundage, James A.: Law, Sex, and Christian Society in Medieval Europe, Chicago – London 1987, S. 162

Sheela-na-gigs

Bunte Götter in Kassel

Es ist zwar schon eine ganze Weile her und die Ausstellung hat ihre Pforten schon lange endgültig geschlossen, aber ich möchte nun doch noch einer Fahrt von Berlin nach Heilbronn berichten, bei der ich in Kassel ausgestiegen bin, um die Ausstellung Bunte Götter anzusehen, die von März bis Anfang Juni im Kasseler Schloss Wilhelmshöh zu sehen gewesen ist. Eigentlich hatte ich das Ende bereits verpasst und mich damit abgefunden, erst mal keinen Anlass zu haben, in Kassel auszusteigen und mir die Stadt einmal anzusehen. Zugleich hat es mich aber gewurmt, denn es sollte eine Belohnung für die Abgabe der Magistraarbeit sein (ja, damals!). Also habe ich noch mal ins Netz geschaut und siehe da, die Ausstellung war um ein paar Tage verlängert worden, so dass ich doch noch die Chance hatte.

Also bin ich Freitag früh losgefahren und in Kassel aus dem ICE ausgestiegen. Wie der Bahnhof schon versprach, keine besonders anheimelnde Stadt. Ich fühlte ich ein wenig an Heilbronn erinnert – eine alte Kirche und ansonsten mehr oder weniger hübsche Neubauten. In der Information am Bahnhof war mir das auch so angekündigt worden, so dass ich mich ganz auf den Aufstieg zur Wilhelmshöh und den Museumsbesuch konzentriert habe.

Steil bergan geht es zum Schloss und noch weiter durch einen wunderbaren Park bis zur Herkulesstatue auf einem Oktagon. Bis zum Herkules habe ich es nicht geschafft, aber einer der Säle des Museums ist der Gestaltung des Parks und seiner Geschichte gewidmet. Ansonsten hänge da noch die Alten Meister. Der Rembrandt-Saal hat mir wider Erwarten gut gefallen und ein Stillleben hat mich so fasziniert, dass ich einen Ausschnitt als Postkarte erworben habe.

Ich schreibe so viel über das Rundherum, weil die Ausstellung Bunte Götter zwar interessant, aber alles in allem doch weniger ausführlich und spektakulär war, als ich erwartet hatte. Die antiken Statuen, die wir vor allem als Gipsabgüsse kennen und deshalb mit weißer Farbe assoziieren, sind bunt bemalt gewesen. Hautfarbe, Haare, Kleidung sind aufwendig dargestellt worden. Die Gegenüberstellung von weißem Gipsabguss und bunter Rekonstruktion einzelner Statuen hat mir den großen Einfluss, den Farbigkeit auf die Wahrnehmung der Skulpturen hat, deutlich vor Augen geführt. Die Rekonstruktionen basieren auf physikalischen Untersuchungen der Originale, die Farben und Muster erkennen helfen. Jede stellt aber dennoch eine Interpretation dar, wie sich auch in der Reihung verschiedener möglicher Rekonstruktionen der gleichen Statue zeigt. Eine wissenschaftlich exakte und eindeutige Rekonstruktion ist wohl nicht möglich, es erscheint mir aber für die Lai_in weniger relevant, wie die Skulpturen genau aussahen. Die Tatsache ihrer Farbigkeit und die Musterung sind belegt, der Rest liegt und lag im Ermessen der Künstler_innen.

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