Hippokrates‘ Weisheiten

Die Luft bewirkt das Denken. (Hippokr. morb. sacr. 16,2)

Wenn das keine Aufforderung ist, vor die Tür zu gehen, sich zu bewegen und die Frühlingsluft aufzusaugen, um dann luft-gestärkt in die Studierstube zurückzukehren und fein weiter zu denken. Heute gelesen, wird morgen gemacht!

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Lise war schon immer meine Favoritin

Der heutige Comic von xkcd ist einfach zu wahr und wunderbar motivierend. Neben Lise Meitner, Emmi Noether und Marie Curie gibt es zum Glück noch ein paar mehr Vorbilder, an die eine junge Wissenschaftlerin sich halten kann… Und nie vergessen: es zählt leider nicht nur die Leistung, die eine erbracht hat.

Was wundere ich mich eigentlich noch?

Nachdem ich letztens noch verzweifelt war ob der politischen Kultur im Ländle, kann ich mich heute nur bestätigt fühlen: Die spinnen die Schwaben. Allen voran Thomas Strobl, der nicht nur Generalsekretär der baden-würrtembergischen CDU, sondern auch das direkt gewählte Bundestagsmitglied für den Wahlkreis Heilbronn ist. Ich hätte ihn also wählen können. Warum nur bin ich jetzt sehr froh, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, mein Kreuzchen bei seinem Namen zu machen? NS-Vergleiche sind ja immer schick. Wenn eine Partei in einer Diskussion (z.B. über ein Bauprojekt, das eine ganze Innenstadt verändern soll) keine Argumente mehr hat, kommt diese Keule oder eben ein Wasserwerfer.

Dumm nur, wenn der Herr Ministerpräsident wohl doch davon wusste. Und ein Rausreden à la ‚Das ist Sache der P0lizei.‘ ist nicht nur billig, sondern den Einsatzkräften gegenüber extrem illoyal. Ich gehe nicht davon aus, dass alle aus Lust am Prügeln dabei waren.

Über das unsägliche T-Shirt und die peinlichen Verwicklungen würde ich am liebsten gar kein Wort mehr fallen lassen. Aber auch diese Episode illustriert, wie hier Politik gemacht wird: auf dem Rücken der Schwächeren und mit unglaublicher Arroganz.

Aber das war’s noch nicht. Hier in Heilbronn gibt es nämlich auch ein (S-)Bahnprojekt. Das ist jetzt durchgewunken worden, trotz Vorbehalten gegen die Streckenführung. Denn wenn jetzt nicht schnell Entscheidungen treffen, dann sind die Nachbargemeinden wohlmöglich beleidigt und noch viel schlimmer: Fördermittel würden mit dem Jahresende flöten gehen. Diese Aspekte sollten schon Beachtung finden, aber wenn die Entscheidung ansonsten sachlich nicht zu vertreten ist, mangelt es mir auch hier an der Verhältnismäßigkeit.

Also wieder mal: Politische Kultur – 6 – Setzen! Von wegen ‚Wir können alles.‘ Auf das Hochdeutsch kann ich gern verzichten, wenn andere Sachen wenigstens halbwegs funktionieren würden.

Danke Missy!

Diese Woche habe ich die dradio Wissen Redaktionskonferenz vom 24.9.2010 mit Chris Köver von Missy als podcast gehört. Da hat sie viel erzählt, was für mich als treue Leserin wenig überraschend oder neu war. Aber geschenkt, denn ein Leseerlebnis der letzten Tage hat mir wieder deutlich vor Augen geführt, wie nötig ein solches Magazin noch immer ist und wie froh ich sein kann, solchen Schund einfach links liegen lassen zu können. Bezahlt habe ich für die zwei Ausgaben von life&style weekly nicht, die ich in der letzten Woche gelesen habe, denn sie waren in so Umsonst-Tütchen drin, die zum Semesterstart gern in Mensen verteilt werden. Neben Red Bull und Kopiergutscheinen also auch bisschen leichte Lektüre für die schlauen Köpfe. Sehr clever. Ich habe sie also mitgenommen, um mich mal so richtig schön aufzuregen. Habe ich auch getan und will jetzt nicht groß analysieren, sondern nur notieren, was mir als rosa Elefanten ins Auge gesprungen ist.

Das Heft besteht zum Großteil aus privaten Berichten über ‚unsere‘ Stars (meist Weiße aus den USA), auf einer unangenehm persönlichen und vertrauten Ebene. Für mich sind das Fremde, so viel wollte ich gar nicht wissen. Aber am schärfsten: sie enthalten etliche  gruselige Botschaften und Erwartungen, wie die Leserinnen (diese Zielgruppe wird spätestens im Horoskop ganz deutlich) und damit Frauen sind bzw. sein sollten:

  • Schlanksein als Lebensziel.
  • Deshalb ist Sport ein Muss, aber die Klamotten, die eine dabei trägt, sind hässlich.
  • Drogen machen kaputt, Mütter, die rauchen gehören an den Pranger.
    Da ist schon was dran, aber hier werden Drogen als Probleme der Frauen dargestellt und Väter, die rauchen, nicht denunziert. Außerdem wird pauschal behauptet, dass die Mütter es auf eine Weise tun, die ihre Kinder schädigt.
  • Gepflegt sein, sonst rennt der Partner davon.
  • ‚Irgendwie merken sie (die Partnerin und die Kinder), dass etwas nicht stimmt‘, wenn der Partner Krebs hat.
    Krasser könnten Frau und Kinder nicht infantilisiert werden. Keine_r von ihnen wird es nur ‚irgendwie‘ merken, dass der Vater und Ehemann eine wirklich gefährliche Krankheit hat. (Es wird darauf verwiesen, dass er stark geraucht hat. Aber eine Gefahr stellt das wohl nur für ihn selbst dar…).
  • Stets witzig, natürlich und eine aufopfernde Mutter sein, sonst ist der Ehemann enttäuscht.
  • Das größte Problem ist aber wohl Sex. Welch ein Skandal, wenn sie ihren Partner mit einer Frau betrügt oder auf SM steht oder er sie bei der Selbstbefriedigung erwischt.

Willkommen in einer wunderbar heteronormativen Welt, in der alles seinen Platz hat, oder ihn zugewiesen bekommt. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Eines leistet mein Ausflug in die untersten Etagen der Unterhaltung hervorragend: einmal alle potentiellen Defizite, die ich oder die Menschen in meiner Umgebung haben könnten, aufreihen und so richtig schön den Tag versauen.

Diese Blättchen fliegen in hohem Bogen in den Müll und ich freue mich wie wild auf die neue Missy (kommt am 15. November raus). Denn sie liefert schon auf der ersten Seite mehr Input und ich werde sie ganz bestimmt mit dem guten Gefühl schließen, wie toll ich doch bin. Außerdem werde ich von fantastische andere Menschen erfahren haben, die ich noch gar nicht kannte, und mich im Zug bei der Lektüre unglaublich wohl fühlen. Deshalb Danke Missy!

Danke extra3!

Stuttgart – das größte Dorf Deutschlands

Diese Charakterisierung trifft wohl offensichtlich zu. Wie in einem Dorf, das noch nie eine Demo gesehen hat, ist im letzten Monat auf den Protest gegen Stuttgart 21 reagiert worden. Zunächst von den Medien: Live-Berichterstattung vom Stau. Ok, er wurde nicht gezeigt, aber in den Landesnachrichten ausführlich thematisiert. Da fragt sich die Demo-erprobte Berlinerin mit Potsdam-Hintergrund, wann es in Stuttgart wohl die letzte große Demonstration gegeben hat, wenn so unbekannt ist, welche Folgen das für den Straßenverkehr hat. Aber gegen die Ereignisse der vorletzten Woche, in der die Polizei mit voller Gewalt durchgegriffen hat, ist das harmlos. Ich bin zutiefst schockiert, in was für einem Bundesland ich seit zwei Jahren lebe und deshalb kommt dieser Beitrag vielleicht ein bisschen verspätet, aber besser spät als nie.

  • Da ist zunächst die Ignoranz, mit der auf Proteste aus der Bevölkerung reagiert wird. Wir haben das beschlossen, ihr habt uns doch eure Stimme gegeben, ihr könnt sie gar nicht mehr erheben. So viel Arroganz hat sich in Deutschland zuletzt die vorletzte DDR-Regierung geleistet. Und das betrifft leider nicht nur Stuttgart 21, sondern auch die Entscheidungen auf Bundesebene: Atomeinstieg, Gesundheitsreform usw.
  • Und dann kommt noch die Gewalt dazu, die ich sonst von Berichten über Demonstrationen der Opposition und / oder Homosexueller in Russland, Belarus, Iran etc. kenne. Solche Gewaltausübung wird regelmäßig auch von der deutschen Politik verurteilt und als Zeichen mangelnder Demokratie gewertet. Ich höre schon Lukaschenko, wie er demnächst eigene gewalttätige Aktionen gegen Demonstrant_innen rechtfertigt, indem er auf Protestierende in Deutschland verweist, die ebenso behandelt worden seien. Das ist im übrigen der Punkt, an dem bei den Montags-Demonstrationen in der DDR etwas anderes passiert ist. Unfähigkeit und Unentschlossenheit der Staatsgewalt haben eine Eskalation der Gewalt in Leipzig Anfang Oktober 1989 verhindert. Hat die baden-württembergische Landesregierung wohlmöglich Angst, ein ähnliches Verhalten könne sie am Ende die Macht kosten? Aber glauben die Herren im Umkehrschluss ernsthaft, eine Eskalation der Gewalt hätte die DDR länger am Leben gehalten?
  • Und wieder ist es die Legitimierung und Rechtfertigung des brutalen Vorgehens der Polizei, die mich so richtig schockiert. Wer eigene Fehler nicht anerkennt und die eigene Position als einzig wahre wahrnimmt ist m.E. politikunfähig. Also unfähig zu einer Politik, die danach strebt, das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verbessern, nicht von einer, die auf kurzfristige eigene Vorteile bedacht ist.

Sind das also die Sitten und Bräuche meiner neuen Heimat?

Was Väter wollen

Antje Schrupp analysiert das Problem, das sich aus weiblicher Perspektive angesichts der Forderung nach automatischem Sorgerecht lediger Väter stellt, sehr treffend und umfassend. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass der Umgang mit den Rechten und Pflichten von Vätern inzwischen reziprok zu sein scheint:

  • Sind sie gefragt, Verantwortung zu übernehmen, werden Regelungen, die vormals für uneheliche Kinder gegolten haben, auf eheliche übertragen (Unterhaltsrecht).
  • Wollen sie Rechte über das Kind erlangen, sollen Regelungen, die vormals nur für eheliche Kinder gegolten haben, auch auf uneheliche übertragen werden (Sorgerecht).

Auf diese Weise werden zwar die rechtlichen Bedingungen angeglichen, aber ist das wirklich im Interesse der Kinder? Und wo bleiben die Interessen der Mütter? Die sollten zumindest ebenso hoch eingeschätzt werden, wie die der Väter.

Schaut mal … Entdecke den Osten

Das aktuelle sz-Magazin hat einen Ossi-Schwerpunkt. Der Beitrag ‚Mein erster Ossi‘ war ja noch ganz amüsant und aufmunternd, aber gleichzeitig auch entlarvend: da hat wohl einer weit mehr erreicht, als von einem ‚Ossi‘ zu erwarten war. Entmutigend ist hingegen die ‚Geschlossene Gesellschaft‘ die Deutschland als Westdeutschland für ehemalige DDR-Bürger_innen und ihren Nachwuchs wohl immer noch ist. Wen’s nicht betrifft, macht es vielleicht nicht ganz so betroffen, aber ich bin eben ‚eine von denen‘. So eine Reaktion eines Hamburgers auf meine Herkunftsangabe deutlich mehr als 10 Jahre nach der Wende.

Mir wird gerade mal wieder klar, dass ich einfach nicht dazu lerne: Ich will immer wieder mit dem Kopf durch die Wand. Weiblich, ohne akademischen Familienhintergrund und aus dem Osten – aber klar, ich schaff es locker bis in die  universitäre Elite, die sich am liebsten selbst reproduziert und sich mehrheitlich aus westdeutschen männlichen Vertreteren des Bildungsbürgertums zusammensetzt. Ich erinnere mich gut daran, wie wohl ich mich vor einer Weile in der Sprechstunde einer ostdeutschen Professorin gefühlt habe – woran das wohl lag? Zu allem Überfluss habe ich auch gerade an anderer Stelle, wie besonders normativ die Disziplin aufgestellt ist, für die ich mich entschieden habe. Zumindest in den USA wird da nicht-heteronormativ Lebenden ganz deutlich gesagt, was sie besser tun und lassen sollten, wenn sie tatsächlich eine Festanstellung an der Uni wollen. Mich schaudert’s. Aber noch bin ich nicht bereit, klein beizugeben.

Zum Glück war das nicht alles aus dem sz-magazin. Ich habe entdeckt, dass ich doch zu zumindest einem sehr exklusiven Kreis gehöre, der nicht als Diskriminierungsmerkmal taugen sollte: verheiratet mit einem Wessi. Nur 4% der Eheschließenden sind so mutig und wagen es, den interkulturellen Austausch so zu verbriefen. Das geht sicher auch alles ohne zu heiraten, aber diese vier Prozent lassen doch darauf schließen, dass nur wenige es überhaupt versuchen – ob mit oder ohne Trauschein. Die Begründungsversuche der Autorin überzeugen mich nicht so ganz, sie ist aber die zehn Jahre älter als ich, die hier wohl einen entscheidenden Unterschied machen. Ansonsten musste ich feststellen, mein Wessi ist wohl nur ein halber, denn als Westberliner gehören Pittiplatsch und Schnatterinchen zu seiner Kindheit, die Mauer kennt er auch und er ist kein bisschen überheblich oder oberflächlich. Er und die Bekanntschaft mit seiner ‚ganz normalen‘ Familie haben meine Stereotypen über Wessis deutlich ins Wanken gebracht. Da er auch der erste Wessi ist, den ich wirklich kennen gelernt habe, sind wir wieder bei der ersten Story und dabei, wie wichtig es offensichtlich ist, das Andere und Fremde nah genug an sich herankommen zu lassen, um zu erfahren, wie es wirklich ist. Und an diesem Punkt kommt noch ein weiterer sz-Artikel ins Spiel, in dem ein paar Wessis von Trips in den Osten berichten und wie toll es dort ist. Wenn das nicht Exotismus ist, weiß ich auch nicht.

Brosamen für die Hebammen

Die Online-Petition war ein voller Erfolg, nach Ende der Zeichnungsfrist gibt es über 100.000 elektronische und mehr als 80.000 schriftliche Mitzeichnungen. Laut wikipedia ist sie damit die bisher erfolgreichste E-Petition beim Deutschen Bundestag. Doch was hilft es, wenn im Petitionsausschuss dann zwar alle Fraktionen die hohe Bedeutung der Arbeit der Hebammen betonen, das Gesundheitsministerium jedoch dennoch keinen Handlungsbedarf sieht. Was dabei rauskommt kann heute als freudige Botschaft in den Nachrichten bewundert werden: eine Schiedsstelle entscheidet über völlig unzureichende Erhöhungen der Vergütung einzelner Dienstleistungen. Das ist weder eine Lösung, die direkt auf das eigentliche Problem – die hohe Berufshaftpflichtversicherung – gerichtet ist, noch sind die Mittel auch nur annähernd ausreichend, um wenigstens die Symptome zu behandeln. Der Hebammenverband beklagt dieses Ergebnis offen. Aber wen interessiert das schon im Fußballtaumel, der sogar eine kritische Perspektive auf die Gesundheits-Re-reform verstellt?

Schaut mal … fromme Wünsche

Unter diesem Motto und mit einigen kritischen Kommentaren postet die denkwerkstatt einen leider sehr treffenden Comic zur Chancengleichheit von Männern und Frauen. Auch wenn das ganze zweigeschlechtlich aufgemacht ist, funktioniert der sicher auch mit allen anderen Abweichungen vom weißen, gesunden Mittelschichtsmann.

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